|
Die versunkene Krone
Da droben auf dem Hügel, Da steht ein kleines Haus, Man sieht von seiner Schwelle Ins schöne Land hinaus; Dort sitzt ein freier Bauer Am Abend auf der Bank, Er dengelt seine Sense Und singt dem Himmel Dank.
Da drunten in dem Grunde, Da dämmert längst der Teich, Es liegt in ihm versunken Eine Krone, stolz und reich, Sie läßt zu Nacht wohl spielen Karfunkel und Saphir; Sie liegt seit grauen Jahren, Und niemand sucht nach ihr.
Tells Tod
Grün wird die Alpe werden, Stürzt die Lawin einmal; Zu Berge ziehn die Herden, Fuhr erst der Schnee zu Tal. Euch stellt, ihr Alpensöhne, Mit jedem neuen Jahr Des Eises Bruch vom Föhne Den Kampf der Freiheit dar.
Da braust der wilde Schächen Hervor aus seiner Schlucht, Und Fels und Tanne brechen Vor seiner jähen Flucht. Er hat den Steg begraben, Der ob der Stäube hing, Hat weggespült den Knaben, Der auf dem Stege ging.
Und eben schritt ein andrer Zur Brücke, da sie brach; Nicht stutzt der greise Wandrer, Wirft sich dem Knaben nach, Faßt ihn mit Adlerschnelle, Trägt ihn zum sichern Ort; Das Kind entspringt der Welle, Den Alten reißt sie fort.
Doch als nun ausgestoßen Die Flut den toten Leib, Da stehn um ihn, ergossen In Jammer, Mann und Weib; Als kracht' in seinem Grunde Des Rotstocks Felsgestell, Erschallt's aus einem Munde: Der Tell ist tot, der Tell!
Wär ich ein Sohn der Berge, Ein Hirt am ew'gen Schnee, Wär ich ein kecker Ferge Aus Uris grünem See Und trät in meinem Harme Zum Tell, wo er verschied, Des Toten Haupt im Arme, Spräch ich mein Klagelied:
"Da liegst du, eine Leiche, Der aller Leben war; Dir trieft noch um das bleiche Gesicht dein greises Haar. Hier steht, den du gerettet, Ein Kind wie Milch und Blut; Das Land, das du entkettet, Steht rings in Alpenglut.
Die Kraft derselben Liebe, Die du dem Knaben trugst, Ward einst in dir zum Triebe, Daß du den Zwingherrn schlugst. Nie schlummernd, nie erschrocken, War Retten stets dein Brauch, Wie in den braunen Locken, So in den grauen auch.
Wärst du noch jung gewesen, Als du den Knaben fingst, Und wärst du dann genesen, Wie du nun untergingst, Wir hätten draus geschlossen Auf künft'ger Taten Ruhm: Doch schön ist nach dem großen Das schlichte Heldentum.
Dir hat dein Ohr geklungen Vom Lob, das man dir bot, Doch ist zu ihm gedrungen Ein schwacher Ruf der Not. Der ist ein Held der Freien, Der, wann der Sieg ihn kränzt, Noch glüht, sich dem zu weihen, Was frommet und nicht glänzt.
Gesund bist du gekommen Vom Werk des Zorns zurück, Im hülfereichen, frommen Verließ dich erst dein Glück. Der Himmel hat dein Leben Nicht für ein Volk begehrt, Für dieses Kind gegeben, War ihm dein Opfer wert.
Wo du den Vogt getroffen Mit deinem sichern Strahl, Dort steht ein Bethaus offen, Dem Strafgericht ein Mal; Doch hier, wo du gestorben, Dem Kind ein Heil zu sein, Hast du dir nur erworben Ein schmucklos Kreuz von Stein.
Weithin wird lobgesungen, Wie du dein Land befreit, Von großer Dichter Zungen Vernimmt's noch späte Zeit; Doch steigt am Schächen nieder Ein Hirt im Abendrot, Dann hallt im Felstal wider Das Lied von deinem Tod."
Die Glockenhöhle
Ich weiß mir eine Grotte, Gewölbt mit Bergkristalle, Die ist von einem Gotte Begabt mit seltnem Halle: Was jemand sprach, was jemand sang, Das wird in ihr zu Glockenklang.
Dort tauschen zwei Beglückte, Bewegt von gleichem Triebe, Was längst die Herzen drückte, Das erste Ja der Liebe; Ein leises Glöcklein stimmt so rein Zu einem lautern, vollern ein.
Dort lassen lust'ge Zecher Sich auf der Felsbank nieder, Sie schwingen volle Becher Und singen trunkne Lieder; Nie klang die Grotte so wie heut Von Feuerlärm und Sturmgeläut.
Zween Männer, ernst und sinnig, Vereint durch heil'ge Bande, Sie reden dort so innig Vom deutschen Vaterlande; Da tönt die tiefste Kluft entlang Ein dumpfer Grabesglockenklang.
Die verlorene Kirche
Man höret oft im fernen Wald Von obenher ein dumpfes Läuten, Doch niemand weiß, von wann es hallt, Und kaum die Sage kann es deuten. Von der verlornen Kirche soll Der Klang ertönen mit den Winden; Einst war der Pfad von Wallern voll, Nun weiß ihn keiner mehr zu finden.
Jüngst ging ich in dem Walde weit, Wo kein betretner Steig sich dehnet, Aus der Verderbnis dieser Zeit Hatt ich zu Gott mich hingesehnet. Wo in der Wildnis alles schwieg, Vernahm ich das Geläute wieder, Je höher meine Sehnsucht stieg, Je näher, voller klang es nieder.
Mein Geist war so in sich gekehrt, Mein Sinn vom Klange hingenommen, Daß mir es immer unerklärt, Wie ich so hoch hinaufgekommen. Mir schien es mehr denn hundert Jahr, Daß ich so hingeträumet hätte, Als über Nebeln, sonneklar, Sich öffnet' eine freie Stätte.
Der Himmel war so dunkelblau, Die Sonne war so voll und glühend, Und eines Münsters stolzer Bau Stand in dem goldnen Lichte blühend. Mir dünkten helle Wolken ihn, Gleich Fittigen, emporzuheben, Und seines Turmes Spitze schien Im sel'gen Himmel zu verschweben.
Der Glocke wonnevoller Klang Ertönte schütternd in dem Turme, Doch zog nicht Menschenhand den Strang, Sie ward bewegt von heil'gem Sturme. Mir war's, derselbe Sturm und Strom Hätt an mein klopfend Herz geschlagen; So trat ich in den hohen Dom Mit schwankem Schritt und freud'gem Zagen.
Wie mir in jenen Hallen war, Das kann ich nicht mit Worten schildern. Die Fenster glühten dunkelklar Mit aller Märtrer frommen Bildern; Dann sah ich, wundersam erhellt, Das Bild zum Leben sich erweitern, Ich sah hinaus in eine Welt Von heil'gen Frauen, Gottesstreitern.
Ich kniete nieder am Altar, Von Lieb und Andacht ganz durchstrahlet. Hoch oben an der Decke war Des Himmels Glorie gemalet; Doch als ich wieder sah empor, Da war gesprengt der Kuppel Bogen, Geöffnet war des Himmels Tor Und jede Hülle weggezogen.
Was ich für Herrlichkeit geschaut Mit still anbetendem Erstaunen, Was ich gehört für sel'gen Laut Als Orgel mehr und als Posaunen, Das steht nicht in der Worte Macht, Doch wer darnach sich treulich sehnet, Der nehme des Geläutes acht, Das in dem Walde dumpf ertönet!
Das versunkene Kloster
Ein Kloster ist versunken Tief in den wilden See, Die Nonnen sind ertrunken Zusamt dem Pater, weh! Der Nixen muntre Scharen, Sie schwimmen stracks herbei, Nun einmal zu erfahren, Was in den Mauern sei.
Das plätschert und das rauschet In Kreuzgang und Dorment! Am Lokutorium lauschet Der schäkernde Konvent; Man hört Gesang im Chore Und lustig Orgelspiel; Das Glöcklein ruft zur Hore, Wann's ihnen just gefiel.
Bei heitrem Vollmondglanze Lockt sie der grüne Strand Zu einem Ringeltanze In geistlichem Gewand; Die weißen Schleier flattern, Die schwarzen Stolen wehn, Die Kerzenflämmchen knattern, Wie sie im Sprung sich drehn.
Der Kobold dort im Schutte Der hohlen Felsenwand, Er nimmt des Paters Kutte, Die er am Ufer fand; Die Tänzerinnen schreckend, Kommt er zur Mummerei, Sie aber tauchen neckend Hinab in die Abtei.
Märchen
Ihr habt gehört die Kunde Vom Fräulein, welches tief In eines Waldes Grunde Manch hundert Jahre schlief. Den Namen der Wunderbaren Vernahmt ihr aber nie, Ich hab ihn jüngst erfahren: Die deutsche Poesie.
Zwo mächt'ge Feen nahten Dem schönen Fürstenkind, An seine Wiege traten Sie mit dem Angebind. Die erste sprach behende: "Ja, lächle nur auf mich! Ich gebe dir frühes Ende Von einer Spindel Stich."
Die andre sprach dagegen: "Ja, lächle nur auf mich! Ich gebe dir meinen Segen, Der heilt den Todesstich; Der wird dich so bewahren, Daß süßer Schlaf dich deckt, Bis nach vierhundert Jahren Ein Königssohn dich weckt."
Da ward ins Reich erlassen Ein feierlich Gebot, Verkündet in allen Straßen, Der Tod darauf gedroht: Wo jemand Spindeln hätte, Die sollte man liefern ein Und sie an offner Stätte Verbrennen insgemein.
Nicht nach gewohnter Sitte Erzog man dieses Kind In dumpfer Kammern Mitte Noch sonst, wo Spindeln sind; Nein! in den Rosengärten, In Wäldern, frisch und kühl, Mit lustigen Gefährten Bei freiem, kühnem Spiel.
Und als es kam zu Jahren, Ward es die schönste Frau, Mit langen, goldnen Haaren, Mit Augen dunkelblau, In Gang, Gebärde züchtig, In Reden treu und schlicht, In aller Arbeit tüchtig, Nur mit der Spindel nicht.
Viel stolze Ritter gingen Der Holden Dienste nach, Heinrich von Ofterdingen, Wolfram von Eschenbach. Sie gingen in Stahl und Eisen, Goldharfen in der Hand; Die Fürstin war zu preisen, Die solche Diener fand.
Mit Degen und mit Speere Waren sie stets bereit, Den Frauen gaben sie Ehre Und sangen widerstreit. Sie sangen von Gottesminne, Von kühner Helden Mut, Von lindem Liebessinne, Von süßer Maienblut.
Von alter Städte Mauern Der Widerhall erklang, Die Bürger und die Bauern Erhuben frischen Sang. Der Senne hat gesungen, Der über den Wolken wacht, Ein Lied ist aufgeklungen Tief aus des Bergmanns Schacht.
In einer Mainacht blinkten Die Sterne wunderschön, Der Fürstin war, als winkten Sie ihr zu Turmes Höhn; Sie stieg hinauf zum Dache, Die Zarte ganz allein, Da fiel aus einem Gemache Ein trüber Lampenschein.
Ein Weiblein, grau von Haaren, Dort an dem Rocken spann, Sie hatte wohl nichts erfahren Vom strengen Spindelbann. Die Fürstin, die noch nimmer Gesehen solche Kunst, Sie trat in Weibleins Zimmer: "Wer bist du, mit Vergunst?"
"Man nennt mich, schönes Liebchen! Die Stubenpoesie; Denn aus dem trauten Stübchen Verirrt ich mich noch nie. Ich sitz am lieben Platze Beim Rocken, wandellos, Meine alte, blinde Katze Die spinnt auf meinem Schoß.
Lange, lange Lehrgedichte, Die spinn ich recht mit Fleiß, Flächsene Heldengedichte, Die haspl ich schnellerweis. Mein Kater maut Tragödie, Mein Rad hat lyrischen Schwung, Meine Spindel spielt Komödie Mit Tanzbelustigung."
Die Fürstin tät erbleichen, Als man von Spindeln sprach, Sie wollte flugs entweichen, Die Spindel sprang ihr nach; Und an der morschen Schwelle, Da fiel das Fräulein jach, Die Spindel auf der Stelle Sie in die Ferse stach.
Was war das für ein Schrecken, Als man sie morgens traf! Sie war nicht mehr zu wecken, Sie schlief den Zauberschlaf. Ein Lager ward bereitet Im hohen Rittersaal, Goldstoffe drauf gebreitet Und Rosen ohne Zahl.
So schlief sie in der Halle, Die Fürstin, reich geschmückt. Bald hatte die andern alle Der gleiche Schlaf berückt. Die Sänger, schon in Träumen, Rührten die Saiten bang, Bis in des Schlosses Räumen Der letzte Laut verklang.
Die Alte spann noch immer Im stillen Kämmerlein, Es woben in jedem Zimmer Die Spinnen, groß und klein. Die Hecken und Ranken woben Sich um den Fürstenbau, Und um den Himmel oben, Da spann sich Nebelgrau. -
Wohl nach vierhundert Jahren, Da ritt des Königs Sohn Mit seinen Jägerscharen Ins Waldgebirg davon: "Was ragen doch da innen Ob all dem hohen Wald Für graue Türm und Zinnen Von seltsamer Gestalt?"
Am Wege stund gerade Ein alter Spindelmann: "Erlauchter Prinz, um Gnade! Hört meine Warnung an! Romantische Menschenfresser Hausen auf jenem Schloß, Die mit barbarischem Messer Abschlachten klein und groß."
Der Königssohn verwegen Tät mit drei Jägern ziehn, Sie hieben mit den Degen Sich Bahn zum Schlosse hin. Gesenket war die Brücke, Geöffnet war das Tor, Daraus im Augenblicke Ein Hirschlein sprang hervor.
Denn in des Hofes Räumen, Da war es wieder Wald, Da sangen in den Bäumen Die Vögel mannigfalt. Die Jäger ohn Verweilen, Sie drangen mutig hin, Wo eine Tür mit Säulen Aus dem Gebüsch erschien.
Zween Riesen schlafend lagen Wohl vor dem Säulentor, Sie hielten, ins Kreuz geschlagen, Die Hellebarden vor, Darüber rüstig schritten Die Jäger allzumal, Sie gingen mit kecken Tritten Zu einem großen Saal.
Da lehnten in hohen Nischen Geschmückter Frauen viel, Gewappnete Ritter dazwischen Mit goldnem Saitenspiel. Hohmächtige Gestalten, Geschloßnen Auges, stumm, Grabbildern gleich zu halten Aus grauem Altertum.
Und mitten ward erblicket Ein Lager, reich von Gold, Da ruhte, wohlgeschmücket, Eine Jungfrau wunderhold. Die Süße war umfangen Mit frischen Rosen dicht, Und auch von Mund und Wangen Schien zartes Rosenlicht.
Der Königssohn, zu wissen, Ob Leben in dem Bild, Tät seine Lippen schließen An ihren Mund so mild. Er hat es bald empfunden Am Odem, süß und warm, Und als sie ihn umwunden, Noch schlummernd, mit dem Arm.
Sie streifte die goldnen Locken Aus ihrem Angesicht, Sie hob, so süß erschrocken, Ihr blaues Augenlicht. Und in den Nischen allen Erwachen Ritter und Frau, Die alten Lieder hallen Im weiten Fürstenbau.
Ein Morgen, rot und golden, Hat uns den Mai gebracht; Da trat mit seiner Holden Der Prinz aus Waldesnacht. Es schreiten die alten Meister In hehrem, stolzem Gang Wie riesenhafte Geister Mit fremdem Wundersang.
Die Täler, schlummertrunken, Weckt der Gesänge Lust; Wer einen Jugendfunken Noch hegt in seiner Brust, Der jubelt, tief gerühret: "Dank dieser goldnen Früh, Die uns zurückgeführet Dich, deutsche Poesie!"
Die Alte sitzt noch immer In ihrem Kämmerlein; Das Dach zerfiel in Trümmer, Der Regen drang herein. Sie zieht noch kaum den Faden, Gelähmt hat sie der Schlag; Gott schenk ihr Ruh in Gnaden Bis über den jüngsten Tag!
G. Altfranzösische Gedichte
Die Königstochter
Des Königs von Spanien Tochter Ein Gewerb zu lernen begann. Sie wollte wohl lernen nähen, Waschen und nähn fortan.
Und bei dem ersten Hemde, Das sie sollte gewaschen han, Den Ring von ihrer weißen Hand Hat ins Meer sie fallen lan.
Sie war ein zartes Fräulein, Zu weinen sie begann. Da zog des Wegs vorüber Ein Ritter lobesan.
"Wenn ich ihn wiederbringe, Was gibt die Schöne dann?" - "Einen Kuß von meinem Munde Ich nicht versagen kann."
Der Ritter sich entkleidet, Er taucht ins Meer wohlan, Und bei dem ersten Tauchen Er nichts entdecken kann.
Und bei dem zweiten Tauchen Da blinkt der Ring heran, Und bei dem dritten Tauchen Ist ertrunken der Rittersmann.
Sie war ein zartes Fräulein, Zu weinen sie begann. Sie ging zu ihrem Vater: "Will kein Gewerb fortan!"
Graf Richard Ohnefurcht
1.
Graf Richard von der Normandie Erschrak in seinem Leben nie. Er schweifte Nacht wie Tag umher, Manchem Gespenst begegnet' er, Doch hat ihm nie was Graun gemacht Bei Tage noch um Mitternacht. Weil er so viel bei Nacht tät reiten, So ging die Sage bei den Leuten: Er seh in tiefer Nacht so licht Als mancher wohl am Tage nicht. Er pflegte, wann er schweift' im Land, So oft er wo ein Münster fand, Wenn's offen war, hineinzutreten, Wo nicht, doch außerhalb zu beten. So traf er in der Nacht einmal Ein Münster an im öden Tal; Da ging er fern von seinen Leuten, Nachdenklich, ließ sie fürbaß reiten, Sein Pferd er an die Pforte band, Im Innern einen Leichnam fand. Er ging vorbei hart an der Bahre Und kniete nieder am Altare, Warf auf 'nen Stuhl die Handschuh eilig, Den Boden küßt' er, der ihm heilig. Noch hatt er nicht gebetet lange, Da rührte hinter ihm im Gange Der Leichnam sich auf dem Gestelle; Der Graf sah um und rief: "Geselle! Du seist ein Guter oder Schlimmer, Leg dich aufs Ohr und rühr dich nimmer!" Dann erst er sein Gebet beschloß, Weiß nicht, ob's klein war oder groß. Sprach dann, sich segnend: "Herr! mein Seel Zu deinen Handen ich empfehl." Sein Schwert er faßt' und wollte gehen, Da sah er das Gespenst aufstehen, Sich drohend ihm entgegenrecken, Die Arme in die Weite strecken, Als wollt es mit Gewalt ihn fassen Und nicht mehr aus der Kirche lassen. Richard besann sich kurze Weile, Er schlug das Haupt ihm in zwei Teile; Ich weiß nicht, ob es wehgeschrien, Doch mußt's den Grafen lassen ziehn. Er fand sein Pferd am rechten Orte; Schon ist er aus des Kirchhofs Pforte, Als er der Handschuh erst gedenkt. Er läßt sie nicht, zurück er lenkt, Hat sie vom Stuhle weggenommen; Wohl mancher wär nicht wiederkommen.
2.
In der Abtei von Sankt Ouen War dazumal ein Sakristan; Er war als frommer Mönch genannt, Ihm gutes Zeugnis zuerkannt. Allein je mehr die Seele wert, Je mehr der Teufel ihr begehrt. Einst ging der Mönch, von dem ich sprach, Im Münster seinem Amte nach, Da mußt er eine Dame sehen, Er liebt sie, kann nicht widerstehen, Er stirbt, wird sie ihm Gunst versagen, Er will an sie sein Alles wagen. Wie er nun bat, wie er verhieß, Die Dame sich bereden ließ, Sie zeigte Zeit und Ort ihm an, Wo er zu Nacht sie treffen kann. Als nun die Nacht gedunkelt tief Und alles in dem Kloster schlief, Begann der Bruder seinen Gang, Er suchte nicht Gesellschaft lang. Zum Haus der Dame war kein Weg Als über einen schmalen Steg, Darüber wollt er eilig gehen; Nun weiß ich nicht, wie ihm geschehen, Ob er sich stieß, sich übertrat, Ob einen falschen Tritt er tat: Er fiel ins Wasser und versank, Ohn alle Rettung er ertrank. Ein Teufel gleich die Seele nahm, So warm sie aus dem Leibe kam; Er wollte sie zur Hölle ziehn, Da trat ein Engel vor ihn hin. Sie täten um die Seele streiten, Mit Gründen wechselnd sich bedeuten. Der Teufel sprach: "Es ziemt dir schlecht, Zu greifen in mein bestes Recht. Du weißt, die Seel ist mir gebunden, Die ich ob bösen Werken funden. Ich traf den Mönch ob bösen Werken, Wie an dem Wege leicht zu merken, Der Weg hat ihm den Stab gebrochen. Du weißt, es hat der Herr gesprochen: Wo ich dich find, will ich dich richten." Der Engel sprach darauf: "Mit nichten! Der Bruder lebte wandelfrei, Solang er war in der Abtei. Nun hat die Schrift uns klar bedeutet: Dem Guten ist sein Lohn bereitet. Dem Unsern muß der Lohn nun werden Des Guten, das er tat auf Erden. Die Sünde war noch nicht erfüllt, Darum du schon ihn richten willt. Er ist aus der Abtei getreten, Er hat die Planke zwar betreten, Allein er konnte noch zurücke, Wär er gestürzt nicht von der Brücke. Des Bösen, das er nicht getan, Darf er die Strafe nicht empfahn, Und um ein wenig Wollen, nein! Kann er nicht ein Verdammter sein. Doch klage keiner übern andern, Laß uns zum Grafen Richard wandern! Von ihm sei unser Span geschlichtet! Er hat noch immer gut gerichtet." Der Teufel sprach: "Ich bin's zufrieden, Von ihm sei zwischen uns entschieden!" Sie eilten ins Gemach des Grafen, Er lag im Bett und hatt geschlafen, Doch war er jetzo eben wach Und dachte manchen Dingen nach. Sie meldeten ihm alles klar, Wie's mit der Seel ergangen war. Sie bäten ihn nun zu entscheiden, Wem sie gehören sollt von beiden. Herr Richard hielt nicht lange Rat, Er kürzlich diesen Ausspruch tat: "Die Seele gebt dem Leib zurücke Und stellt das Pfäfflein auf die Brücke Dahin gerade, wo es fiel! Dann mische keiner sich ins Spiel! Und rennt es in gestrecktem Lauf Voran und schaut nicht um noch auf, So fall es in des Bösen Schlinge Ohn Widerspruch und lang Gedinge! Doch wenn es anders sich entschieden Und sich zurückzieht, hab es Frieden!" Der Rechtsspruch, den der Graf getan, Stund einem wie dem andern an, Die Seele sie dem Leib einbliesen, Dem Mönch die alte Stelle wiesen. Als sich der Bruder wiederfand Und frisch auf beiden Beinen stand, Zog schneller er zurück den Schritt, Als wer auf eine Schlange tritt. Kaum hatten sie ihn losgelassen, Tät er mit Abschied kurz sich fassen, Er floh in größter Hast nach Haus, Verkroch sich, wand die Kleider aus. Noch immer er zu sterben bebte, Er war im Zweifel, ob er lebte. Als nun der Morgen brach heran, Da ging der Graf nach Sankt Ouen, Berief die Brüderschaft zuhand, Den Mönch in nassen Kleidern fand. Richard ihn zu sich kommen ließ Und vor den Abt ihn treten hieß: "Herr Bruder! wie ist's Euch ergangen, Was habt Ihr Schlimmes angefangen? Ein andermal habt besser acht Beim Plankengehen in der Nacht! Erzählt dem Abte frei und offen, Was Euch in dieser Nacht betroffen!" Der Bruder schämte sich zu Tod, Er ward bis über die Ohren rot, Vor Abt und Grafen so zu stehen, Doch tät er alles frei gestehen. Der Graf bestärkte den Bericht, So kam die Wahrheit an das Licht, Und in der Normandie noch lange War dieses Stichelwort im Schwange: "Mein frommer Bruder, wandelt sacht Und nehmt auf Stegen Euch in acht!"
Legende
Es ist 'ne Kirche wohlbekannt, Sankt Michael vom Berg genannt; Am Ende vom Normannenlande Auf eines hohen Felsen Rande, Umschlossen überall vom Meer, Nur daß von einer Seite her, Sowie die Flut zurücketrat, Sich öffnet ein gebahnter Pfad. Es kommt die Flut zweimal im Tage Mit schnell- und starkem Wellenschlage, Daß mancher zu derselben Frist Mit großer Not entronnen ist. Viel Waller zu der Kirche kommen Zu ihres ew'gen Erbes Frommen. Einmal an einem hohen Feste Beeilten sich die frommen Gäste, Zur heil'gen Messe hinzuwallen; Doch hat die Flut sie überfallen. Sie flohen auf des Pfades Enge Mit Hast und mächtigem Gedränge. Nur einer armen Schwangern war Die Kraft geschwunden ganz und gar, Gehemmt ihr Lauf von herben Schmerzen, Die sich ihr regten unterm Herzen. Sie ward gestoßen von der Menge Und fiel zu Boden im Gedränge. So blieb sie liegen, unbeachtet, Weil jeder sich zu retten trachtet. Die andern waren all entronnen Und hatten schon den Berg gewonnen, Doch wie sie nach der Frau hinsahen, So tät sich schon die Flut ihr nahen; Wohl jede Hülfe war zu spät, Drum wandten sie sich zum Gebet. Auch jene, die, dem Tode nah, Nicht Menschenhülfe möglich sah, Sie hat zu Jesus und Marien Und zum Erzengel laut geschrieen. Die Pilger haben's nicht vernommen, Zum Himmel ist der Ruf gekommen. Die süße Gottesmutter oben Hat sich von ihrem Thron erhoben. Die heil'ge Herrin voll Erbarmen Wirft einen Schleier hin der Armen, Die unter solcher Decke Schutz Bewahrt ist vor der Wellen Trutz; Denn mitten in der Wasser Braus Ist ihr gebaut ein trocknes Haus. Die Ebbezeit nicht ferne war, Nun stund am Strand die ganze Schar. Die Frau man längst verloren gab; Da wich die Flut vom Land hinab, Und trat aus all der Wellen Grund Die Frau, ganz freudig und gesund, Und in den Armen hielt sie lind Ein lieblich neugeboren Kind. Da täten Geistliche und Laien Des schönen Wunders hoch sich freuen, Mit Staunen auf die Frau sie wiesen, Den Herrn und seine Mutter priesen.
Roland und Alda
Aus einem Heldengedichte
Schon kehren die Vianer in die Stadt, Gehoben wird die Brück, das Tor verwahrt. Als Kaiser Karl es sieht, sein Blut aufwallt, Lautauf er schreit, von wildem Zorn entbrannt: "Wohlan zum Sturme, wackre Ritterschaft! Wer jetzt mir fehlt, was er zu Lehen hat, Hab er in Frankreich Bergschloß oder Stadt, Turm oder Veste, Flecken oder Mark, Es wird ihm all dem Boden gleichgemacht." Auf solche Worte kommen all heran, Die Schildner dringen auf die Mauern dar, Mit Hammer schlagend und gestähltem Schaft. Die von Viane steigen maueran, Da werfen Stein' und Scheiter sie herab, Und mehr als sechzig werden da gemalmt Der Jünglinge vom schönen Frankenland. "Herr Kaiser!" spricht der Herzog Naims im Bart, "Wollt Ihr die Stadt gewinnen mit Gewalt, Die hohen Mauern mit den Zinnen stark, Die festen Türme, manch Jahrhundert alt, So Heiden einst erbaut mit großer Kraft: In Eurem Leben wird es nicht vollbracht. Drum sendet eh zurück nach Frankenland, Daß Zimmerleute werden hergeschafft! Und sind sie angekommen vor der Stadt, So laßt sie bauen Rüstzeug mancher Art, Davon die Mauern stürzen!"
Der Kaiser hört es, mächtig er ergrimmet. "Monjoie!" ruft er aus mit lauter Stimme, "Was zögert ihr, ihr meine kühnen Ritter!" Von neuem da der wilde Sturm beginnet, Sie werfen, schleudern in gewalt'gem Grimme. Und sieh! schön Alda dort, die Minnigliche! Mit reichem Mantel war sie wohl gezieret, Der mit Goldfaden meisterlich gesticket; Die Augen blau und blühend das Gesichte. Sie trat auf der gewalt'gen Veste Zinnen. Als sie den Sturm, das wilde Toben siehet, Da bückt sie sich, 'nen Stein hat sie ergriffen, Auf eines Gascons Helm wirft sie ihn nieder, Daß sie den ganzen Zirkel ihm zerspittert, Es fehlte wenig, wär er tot geblieben. Roland ersah es mit dem kühnen Blicke, Der edle Graf, er rief mit lauter Stimme: "Von dieser Seite, bei dem Sohn Mariens! Wird man die Veste nimmermehr gewinnen, Denn gegen Damen stürm ich nun und nimmer." Er ließ nicht länger, daß er nicht ihr riefe: "Wer seid Ihr doch, o Jungfrau, Minnigliche? Wenn ich Euch frage, nehmt's in gutem Sinne! Ich frag es nicht um irgend Unglimpfs willen." "Herr!" sagte sie, "es bleib Euch unverschwiegen! Die mich erzogen, Alda sie mich hießen, Die Tochter Rainers, welchem Genua pflichtet, Die Schwester Olivers mit kühnem Blicke, Gerhards, des mächtigen Gebieters, Nichte; Mein Stamm, er ist erlaucht und hochgebietend. Bis heute bin ich ohne Herrn geblieben Und werd es bleiben, bei dem Sohn Mariens! Es wäre denn mit Herzog Gerhards Willen Und Olivers, den Rittertugend zieret." Da sprach Roland für sich mit leiser Stimme: "Es tut mir leid, beim ew'gen Sohn Mariens! Daß Ihr Euch nicht in meiner Haft befindet. Doch soll es noch geschehn nach Gottes Willen Durch jenen Kampf, zu welchem mich beschieden Oliver, der Genueser."
So sprach schön Alda, die Verständige: "Herr Ritter! nun ich hab Euch nicht verhehlt, Was Ihr von mir erforschet und begehrt, Nun sagt hinwider mir, so Euch gefällt, Von wann Ihr seid und welches Eur Geschlecht! Es steht Euch wohl der Schild, mit Banden fest, Und jenes Schwert, das Euch zur Seite hängt, Und jene Lanze, dran das Fähnlein weht, Und unter Euch das apfelgraue Pferd, Das schnell wie ein beschwingter Pfeil hinrennt. Ihr drängtet heute mächtig unser Heer, Vor allen andern scheinet Ihr ein Held. Nun glaub ich wohl, wie mir's in Sinnen steht, Daß Eure Freundin hohe Schönheit trägt." Roland vernahm es, und er lachte hell. "Ja, Dame!" sprach er, "wahr ist, was Ihr sprecht, In Christenlanden keine Gleiche lebt Noch sonsten, daß ich wüßte."
Als Roland höret, daß sie also spricht, Entdeckt er ihr sein ganzes Herze nicht, Doch allerwegen gut er sie beschied: "Jungfrau! nach Wahrheit geb ich Euch Bericht: Roland benennen meine Freunde mich." Schön Alda hört' es, wohl ihr das gefiel: "Seid Ihr der Roland, welcher, wie man spricht, Mit meinem Bruder sich zum Kampf beschied, Noch wißt Ihr wenig, wie so kühn er ist. Und habt Ihr Kampf beschlossen gegen ihn, Auf Treue sag ich Euch, es kränket mich, Weil man für meinen Freund Euch halten will, Wie mir zu Ohren kam von dort und hie. Bei jener Treu, womit Ihr Karlen dient! Wär ich nicht gestern Eurer Haft entwischt, Erbarmen nicht, noch Gnade hättet Ihr, Daß zu den Meinen Ihr mich wieder ließt." Roland vernahm es wohl, antwortet' ihr: "Ich bitt in Liebe, spottet meiner nicht!" - Der Kaiser rief den Grafen von Berri: "Herr Lambert! gebt mir redlichen Bericht: Wer ist die Dam' auf jener alten Zinn, Die mit dem Roland spricht und er mit ihr?" "Bei meiner Treue!" Lambert ihn beschied, "Schön Alda ist's, das edle Frauenbild, Rainers von Genua, des Tapfern, Kind. Der Lombard soll sie führen nach Roin." "Das wird er nicht", versetzt der Kaiser ihm, "Roland hat selbst auf sie gestellt den Sinn. Eh stürben hundert Mann, in Stahl gestrickt, Bevor der Lombard Alden führte hin." So sprach der Kaiser, Roland aber schied Von Alden, die auf hoher Mauer blieb. Der König sieht ihn, neckt ein wenig ihn: "Traut Neffe!" spricht er, "was ist Euer Sinn Gegen die Maid, mit der Ihr sprachet hie? Wenn irgend Zorn Ihr heget gegen sie: In Liebe bitt ich Euch, verzeihet ihr!" Roland vernahm's, sein Blut empörte sich Aus Scham vor seinem Öhme.
"Traut Neffe mein!" sprach Karl, der starke Held, "Ob jener Maid, mit welcher Ihr gered't, Habt Ihr zu lang verweilet an der Stell. Denn aus der Stadt brach Oliver indes, Und mit ihm hundert Ritter, wohl bewehrt; Sie haben überfallen Euer Heer, Der Unsern zwanzigen das Haupt gespellt Und ihrer viel gefangen weggeschleppt. Die Jungfrau Alda wußt es wohl vorher, Sie hat Euch nur gehöhnet und geneckt." Roland vernahm's, schier kam von Sinnen er, Von wildem Grimm das Angesicht ihm brennt. Als nun der Kaiser Rolands Zorn ersehn, Da tät er gütlich ihn beschwichtigen: "Traut Neffe!" sprach er, "zürnet nicht so sehr Ob jener Maid, mit welcher Ihr gered't, Ziehn wir zurück zu Hütten und Gezelt, Und ihr zuliebe nimmt der Sturm ein End." Roland versetzte: "So wie Ihr befehlt!" Ein Horn erscholl, es wandte sich das Heer Zurück zu den Gezelten.
|