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XIX. In Genua
Ach, wer wiese zurück, wie entwöhnt die Brust auch Sei durch ewigen Gram und der Welt Enttäuschung, Wer allmächtige Sehnsucht, Süße Begierde zurück?
Wenn voll magischer Kraft, in dem Land der Schönheit, Unausweichlicher Schmerz dem Gefühl sich aufdringt, Ach, wer wiese die Liebe, Hielte die Klage zurück?
Doch kein Bleiben vergönnt des Geschicks Beschluß mir: Zwar freiwillig und doch ein Gezwungener muß ich, Muß dich wieder verlassen, Genua, blühende Stadt!
Dich, dein rauschendes Meer und den schönen Strandweg, Ja, was reizender ist! Ich erblickte kaum noch Je mich selbst in geliebtern Augen und liebenderen.
Doch wer Liebe versteht, er bekennt, wie sehr auch Freudvoll sei der Besitz, es gewährt Besitz uns Nie dich, sanftere Wehmut, Selige Träne der Huld!
XX. Die Wiege des Königs von Rom
(In Parma)
Reichen Hausrats goldener Prunk erzähle Jenes Manns glorreichsten Moment der Nachwelt, Jenes Manns, der kaum in der Gruft, und doch schon Lange dahin scheint.
Denk ich sein jetzt, dessen ich kaum gedachte, Als ich jüngst, bloß wenige Tage sind es, Schaute, durch Herbstnebel hindurch, Marengos Düsteres Blachfeld?
Ach, es stand damals in der Jahre schönstem Mai der Held! Mißtrauischer Sorge fremd noch, Frug er noch, was rühmlicher sei, die Krone, Oder der Lorbeer?
Beide flocht tollkühn er in eins! Emporschlug Seines Glücks aufsteigender Dampf, wie Abels: Siege, Herrschaft über die Erde, höchstes Friedliches Bündnis!
Große Nacht, doch schwanger an jedem Unheil, Als des Ruhms Brautbette bestieg die blonde Tochter Habsburgs; aber mit ihr des Schicksals Mächtiger Neuling!
Horch! Die sonst mordsprühenden Feuerschlünde Künden jetzt bloß zärtlichen Vaterjubel, Und das Volk weiht freudeberauscht die goldne Wiege der Fürstin.
Aber ach! Kein Wiegengesang der Liebe, Waffenlärm schlug hart an das Ohr des Säuglings: Eine Welt, schon lagert sie sich um seine Tragische Kindheit.
Todesbleich steht zwischen Gemahl und Vater, Bietend stets, den keiner ergreift, den Ölzweig, Noch im Flor zartblühender Jugend, hülflos, Flehend und hülflos
Sie, die Zier weitherrschenden Throns, von dem nun Steigt herab ihr zagender Fuß bescheiden: Wer verlor je stolzere Güter? Wer hat Mehr zu verlieren?
Weib des stets Siegreichen, so vieler Cäsarn, Welche Karls Reichsapfel und Zepter trugen, Enkelin, (weh, Alles umsonst!) so vieler Könige Schwägrin!
Mag verklärt nun oder umwölkt die Sonne Leuchten, mag was immer geschehn, es füllt ja Nie ein Herz mehr, dem so gering die Welt scheint, Alles so tief liegt!
XXI. Morgenklage
Von bebender Wimper tropft der Nacht Zähre mir, Indes den ersehnten Tag verheißt Hahnenruf: Wach auf, o betrübte Seele, Schließ einen Bund mit Gott!
Ich schwöre den schönen Schwur, getreu stets zu sein Dem hohen Gesetz und will, in Andacht vertieft, Voll Priestergefühl verwalten Dein groß Prophetenamt.
Du aber, ein einzigmal vom Geist nimm die Last! Von Liebe wie außer mir, an gleichwarmer Brust, Laß fröhlich und selbstvergessen Mich fühlen, Mensch zu sein!
Vergebens! Die Hand erstarrt, da voll stolzen Frosts Nach irdischer Frucht sie greift! Es seufzt unter dir, Schwermütige Wucht, Gedanke, Mein Nacken tiefgebeugt!
Umnebelt den Blick die Welt, so laß, keusches Licht, In reinere Lüfte mich emporschwebend gehn! Wer aber hienieden setzte Auf Wolken je den Fuß?
O seliger Mann, wofern gelebt Einer, der In Ruhe die Nacht verbringt, und jedweden Tag, Dem Rose genügt und Frühling, Dem Liebe labt das Herz!
XXII. Aschermittwoch
Wirf den Schmuck, schönbusiges Weib, zur Seite, Schlaf und Andacht teilen den Rest der Nacht nun; Laß den Arm, der noch die Geliebte festhält, Sinken, o Jüngling!
Nicht vermummt mehr schleiche die Liebe, nicht mehr Tret im Takt ihr schwebender Fuß den Reigen, Nicht verziehn mehr werde des leisen Wortes Üppige Keckheit!
Mitternacht ankünden die Glocken, ziehn euch Rasch vom Mund weg Küsse zugleich und Weinglas: Spiel und Ernst trennt stets ein gewagter, kurzer, Fester Entschluß nur.
XXIII. An Marco Saracini
Sympathie zwar einiget uns und läßt uns Hand in Hand gehn; aber es zweit der Pfad sich; Denn zu sehr durch eigene Lose schied uns Beide das Schicksal.
Dir verlieh's jedweden Besitz des Reichtums: Stets für dich streun Säer die Saat, den Wein dir Keltern rings, auspressen die Frucht des Ölbaums Sorgliche Pächter.
Manches Landhaus bietet im Lenz Genuß dir, Dir im Herbst Jagdübungen manches Bergschloß, Wo sich schroff absenken des Apennins Höhn Gegen das Meer zu.
Stolz im Schmuck hochzinnigen Daches nimmt dich Dein Palast auf, während des heißen Sommers: Alter Kunst Denkmale verschließen hundert Luftige Säle.
Nichts besitzt dein Freund, o geliebter Jüngling! Ja, er wünscht auch keinen Besitz, als den er Leicht mit sich trägt. Irdische Habe wäre Drückende Last mir!
Selten ruht mein pilgernder Stab, ich setz ihn Sanft nur auf, nicht Wurzel und Zweige schlägt er; Auf das Grab einst lege mir ihn der Fremdling, Freunden ein Erbteil!
XXIV. An die Gräfin Pieri in Siena
Schönheit fielen und Reiz wenigen Fraun anheim, Auch Reichtümer verschenkt selten ein günstig Los; Doch viel seltener gibt es Ein teilnehmendes, großes Herz,
Dem Schönheit es und auch Gaben des Glücks gesellt: Also seh ich vereint würdigem Gatten dich, Rastlos tätigem Dasein Prunk nicht, aber Gehalt verleihn.
Dichtkunst hebt und Musik, wahre Geselligkeit Hebt dein Leben empor (wie es der Deutschen ziemt) Aus einförmigem Kreislauf, Den schlaftrunken Italien träumt.
Gastfreundschaftlichen Sinns nahmst du den Dichter auf, Dankbar bietet er dir liebenden Scheidegruß, Weil aufs neue der Frühling Ihn zum flüchtigen Wandrer macht.
Schön ist's, häuslichen Kreis sammeln umher, wiewohl Schön nicht minder, sich selbst lebend und frei von Zwang Anschaun Städte der Menschen, Stehn auf hohem Verdeck zu Schiff.
XXV. Brunelleschi
Ehrwürdig dünkt euch gotische Kunst mit Recht: Ich selbst, Bewundrung hab ich im reichen Maß Orvietos, Mailands Dom und deiner Hohen Kartause gezollt, Pavia!
Doch schätz ich mehr Einfaches, dem ersten Blick Nicht gleich enthüllbar; aber getreu dem Geist: Durch Reiz der Neuheit lockt Erhabnes, Aber das Auge zuletzt ermüdet's.
Still ist der Schönheit Zauber, unwandelbar, Und stets bedeutsam. Ewiges Lebehoch Sei, Brunelleschi, dir gebracht beim Feste der Wiedergeburt des Schönen!
Roms alten Schutt durchschrittst du gedankenvoll, Der unbekannt noch oder verachtet lag, Grubst Säulen aus und mächtig wuchs dir, Während du schaufeltest, Geist und Kühnheit.
Schatzgräber schalt Roms höhnischer Pöbel dich, Dich samt Donato, deinem erprobten Freund, Des Kunst zuerst formlosem Steine Männlichen Seelencharakter eingrub.
Und Schätze dankt euch euer Florenz, wiewohl Ihr arm an Gold wart; herrlicher prangt es nun Als Zier der Nachwelt. Bloß Venedig Kämpfe mit ihm um den Rang der Schönheit.
XXVI. An August Kopisch
Wenn zwei Lose vor uns legt ein Beschluß der Zeit, Schwer ist's, wirklichem Ruf folgen und falschen fliehn: Fürs Leben hinaus entscheidet Der entschiedene kurze Schritt.
Ehmals dämmerten uns mutige Hoffnungen, Ja, wir wollten Genuß aus Arethusas Quell Einschlürfen; der kühnre Wunsch war Aganippische Flut zu schaun!
Doch dich lockten indes heimische Triebe bald Fernhin (wo in des Nords Winter ein edler Fürst Aussät ein Athen des Geistes) An die skythische, kalte Spree.
Mir auch schien' es vielleicht rühmlicher, hinzuziehn, Wo hinweist der Magnet; aber dem trägen Fuß Sind Brenner zugleich und Gotthard Unersteigliche Berge längst.
Rückwärts liegen so weit frühere Tage mir, Als frohsinnig und nicht ohne befeuernden Beifall in der Freunde Kreis ich Die Gesänge der Jugend las.
Hier nun sing ich allein, freundliches Lob verhallt Fernab, selten gehört; aber es schweigen auch Lautgellende Pöbelstimmen, Und der kleinere Schrei des Neids.
XXVII. Der bessere Teil
Jung und harmlos ist die Natur, der Mensch nur Altert, Schuld aufhäufend umher und Elend; Drum verhieß ihm auch die gerechte Vorsicht Tod und Erlösung.
Stets von heut auf morgen vertagt die Hoffnung Ihr Phantom. Auswandert der Mensch in fremden Himmelsstrich; doch tauscht er indes die Not nur Gegen die Not aus!
Stets um Freiheit buhlt das Gemüt, um Kenntnis; Doch um uns liegt rings, wie ein Reif, Beschränkung: Keine Kraft, selbst Tugend vermag der Zeit nicht Immer zu trotzen.
Manchen Flug wagt menschliches Wissen, das doch Kaum ein Blatt aufschlägt in dem Buch des Weltalls: Bist du je, Milchstraßen entlang, gewandelt Nach dem Orion?
Nein - und deshalb lehrte der Mann der Weisheit, Den die Welt dankbar den Erlöser nannte, Zuversicht auf höheren Waltens Allmacht, Lehrte den Glauben.
Tätigkeit löst Rätsel und baut der Menschheit Schönstes Werk; doch schmähe sie drum ein stilles, Sanftes Herz nicht, weil es erwählt den bessern Teil, wie Maria!
XXVIII. An Karl den Zehnten
Aus deiner Ahnherrn blühendem Reiche zogst Umblickend oft auf lässigem Zelter du, O zehnter Karl, von deiner Söhne Frauen umjammert, der letzte Ritter!
Nicht lehrte Weisheit dich das erblichne Haar! Nicht sendet nach weichherzige Seufzer dir Frankreich, es weint dir nicht des Mitleids Gastliche Träne der stolze Brite.
Dein eignes Volk mißkennend, und was die Zeit Umstürzte, kalt aufnötigend, hieltest du's Barbaren gleich, die fern im Südost Keuchen am Joch und das Joch beklatschen?
Nicht fleußt in Frankreichs Adern Kroatenblut! Freudvoll begrüßt dreifarbige Wimpel schon Europa, männlich aufgerichtet, Ja, bis in Afrika jauchzt das Echo!
Längst sind der Zeit blutdürstige Greul gesühnt: Blut floß von jeher, wann die verjüngte Welt Neukräftig aufwuchs, blutig siegte Christus und blutig erkämpfte Luther
Wahrheiten. Nicht mehr rufe die Manen an Des Bruders, der klagwürdig und edel fiel, Nicht aber schuldlos, seine Schwachheit Trägt des Geschehenen schwerste Hälfte.
Uralte Blutschuld lastete lange schon Auf Capets Haus, seitdem den erlauchten Sproß Ruhmvoller Kaiser einst der schnöde Bruder des heiligen Ludwigs abhieb.
Lern aus der Welt Jahrbüchern Gerechtigkeit, Und stirb versöhnt! Dein sonstiges Volk, es sei Bollwerk der Freiheit künftighin uns, Glänzendes Edelgestein Europas!
Nie reiz es mehr blindwütender Frevel auf, Und König Philipp herrsche gerecht und gut! Viel hangt an ihm! Nie war so heilig Irgend ein fürstliches Haupt, wie seins ist.
XXIX. Der Vesuv im Dezember 1830
Schön und glanzreich ist des bewegten Meeres Wellenschlag, wann tobenden Lärms es anbraust; Doch dem Feur ist kein Element vergleichbar Weder an Allmacht,
Noch an Reiz fürs Auge. Bezeug es Jeder, Der zum Rand abschüssiger Kratertiefe, Während Nacht einhüllt die Natur, mit Vorwitz Staunend emporklimmt,
Wo im Sturmschritt rollender Donner machtvoll Aus dem anwuchsdrohenden, steilen Kegel Fort und fort auffahren in goldner Unzahl Flammige Steine,
Deren Wucht, durch Gluten und Dampf geschleudert, Bald umher auf aschige Höhn Rubine Reichlich sät, bald auch von des Kraters schroffen Wänden hinabrollt:
Während still, aus nächtlichem Grund, die Lava Quillt. - Des Rauchs tiefschattige Wolk umdüstert, Holder Mond, dein ruhiges, friedenreiches Silbernes Antlitz.
XXX. Los des Lyrikers
Stets am Stoff klebt unsere Seele, Handlung Ist der Welt allmächtiger Puls, und deshalb Flötet oftmals tauberem Ohr der hohe Lyrische Dichter.
Gerne zeigt Jedwedem bequem Homer sich, Breitet aus buntfarbigen Fabelteppich; Leicht das Volk hinreißend erhöht des Dramas Schöpfer den Schauplatz:
Aber Pindars Flug und die Kunst des Flaccus, Aber dein schwerwiegendes Wort, Petrarca, Prägt sich uns langsamer ins Herz, der Menge Bleibt's ein Geheimnis.
Jenen ward bloß geistiger Reiz, des Liedchens Leichter Takt nicht, der den umschwärmten Putztisch Ziert. Es dringt kein flüchtiger Blick in ihre Mächtige Seele.
Ewig bleibt ihr Name genannt und tönt im Ohr der Menschheit; doch es gesellt sich ihnen Selten freundschaftsvoll ein Gemüt und huldigt Körnigem Tiefsinn.
XXXI. Herrscher und Volk
Nie sehnt ein willkürübender Herrscher sich Nach Dichterweihrauch, dessen er nicht bedarf: Er legt ans Schwert kraftvoll die Faust und Wen er zum Opfer sich wählt und wer ihm
Mißfällt und wer Freiheit zu verkünden wagt, Den trifft der Tod, den decken Sibiriens Schneefelder zu, der wird geschmiedet, Tief in der Grotte des Felseneilands,
Titanenhaft auf eisernen Rost, zu dem Das Meer emporschlägt. Aber das Volk bedarf, Ohnmächtig schmerzvoll, eines Mannes, Welcher im Lied es empfiehlt der Nachwelt
Als Stoff des Mitleids, welcher erzählt, wie schnell Zusagen wehn aus fürstlichem Mund, und ach! Gleichschnell verweht sind, wie man Schwüre Bricht in der Nähe des Pols und südwärts!
Sind Schwüre nicht (leicht löst sie der Papst) ein Spiel Herzloser Bourbons? Nichtigem, falschem Eid, Ach, lauschte Frankreich; lauschte Spanien, Lauschte das Land um Messinas Pharus,
Diesseits und jenseits! Einen erblickten wir, Der seines Zwingherrn blutige Hand geküßt, Nachdem umsonst sein Volk des Wagens Stricke zerhaun, den geliebten König
Nicht lassen wollend. Jener entwich, da focht's Sechs Jahr um ihn, sechs Jahre, befreit zuletzt Ihn aus der Haft. Er kommt und liefert Seine Befreier dem Blutgerüst aus.
War solches Undanks fähig ein Nero selbst? Dem, der für ihn sich opferte, mindestens Dem Strang des Henkers ihn entrückend, Hätt er ein rühmliches Grab gegönnt ihm!
Ihr fürchtet nichts, Tyrannen, allein den Tod Doch fürchtet ihr, der kein Diadem verschont: So möge denn ums Sterbelager Drängen sich euch der verhaßte Chorus
All derer, die dumpfbrütende Kerkerluft Frühzeitig wegrafft, all der Gequälten Geist, Die auf Galeeren euch, mit Mördern Eng aneinander gekoppelt, fluchen,
All derer, die, weit über die Welt zerstreut, Vom Bild der Heimat ihre Gemüter voll, An fremder Tür ihr Brot erbetteln, Ja, zu Barbaren verbannt, des Moslems
Mildtätigkeit anflehen! Um euer Bett Wird manch Gespenst mit drohendem Finger stehn, Durch Kettenlärm euch weckend, oder Priester und Priestergebet verscheuchend.
XXXII. Aus einem Chor des Sophokles
Nicht gezeugt sein, wäre das beste Schicksal, Oder doch früh sterben in zarter Kindheit: Wächst zum Jüngling einer empor, verfolgt ihn Üppige Torheit,
Während Mißgunst, Streit und Gefahr und Haß ihm Quälend nahn; reift vollends hinan zum Greis er, Jede Schmach muß dulden er dann, vereinzelt Stehend und kraftlos.
Stets umdroht uns Flutengedräng und schleudert Hart an steilabfallenden Klippenstrand uns, Mag der Süd nun peitschen die Woge, mag sie Schwellen der Nordsturm.
XXXIII. An Franz den Zweiten
Ohnmacht, Zerstücklung, jegliche herbe Schmach War unser Los, seitdem du Germaniens Reichsapfel nicht mehr wiegst in deiner Rechten, o Herr, und von uns verlassen,
Uns alle preisgabst schimpflichem Untergang! Wohl tat Erneurung unserem Reiche not, Doch nicht Zerstörung; tief im Busen Trug es den edelsten Keim der Freiheit.
Du zeihst des Abfalls uns, des Verrats mit Recht; Wir zeihen dich, daß über die Alpen stets Dein Aug gekehrt war, daß du Völker, Deinem Germanien fremd, beherrschtest!
Einst griff sogar nach spanischem Ehering Habgierig Östreich; doch es erwarb sich nur Deutschlands Verlust. Sein fünfter Karl war Unser Verderben und ganz Europas!
Jedwedes Unheil, welches die Welt betraf, Floß aus der Brust ehrsüchtiger Könige, Die unbefriedigt durch das Erbteil Ihres Geschlechts in die Fremde schweiften.
Vergebens hoffst du, daß der Lombarde je Dich lieben lernt, daß je es der Pole lernt! Wohl schleifte Mailand Barbarossa, Aber es blutete Konradin auch.
Gieb deinem Deutschland wieder ein deutsches Herz! Dann wird, fürwahr, frohlockenden Jubelrufs Dein wahres Volk aufnehmen seinen Alten und kummergebeugten Kaiser!
Wer Sklave Moskaus wünschte zu sein, er bleib's! Wir möchten frei sein, einig und groß; zu uns, Die dein in Sehnsucht täglich warten, Kehre zurück, o geliebter König!
Baschkireneinfall halte von uns entfernt; Dann beut in Freundschaft deinem erneuten Volk Das neue Frankreich auch den Handschlag Über dem heiligen Sarg in Aachen.
XXXIV. Der künftige Held
Rückwärts gewandt blickt oft in der Fabel Nacht Der Dichter, späht Heroen sich aus, und forscht Durch manches Zeitlaufs Tatenwirrwarr, Liederbegierigen Sinns, nach Helden:
Ich wähle den mir, welcher dereinst erscheint Und will vom Tod nicht wecken Gemoderte: Den Mann der Zukunft preisend, wandelt Vor dem Erwarteten mein Gesang her!
Er komme bald uns, welchem des Ewigen Ratschluß verliehn ruhmwürdiges Rächeramt Gehäufter Untat, aus den Zähnen Reiß er dem Wolfe das Lamm, er komme
Dem Stamm verderblich jener Semiramis Mit ihrem zahllos wimmelnden Buhlerheer, Die schon der Vorzeit graues Wort uns Als babylonische Metze weissagt!
Er komme, der mit strafendem Geißelhieb Nach Asien heim stumpfnüstrige Sklaven peitscht, Sie selbst und ihre längst entnervten, Weibisch entgürteten Dschingiskhane,
Die nur des Mords noch pflegen, und nicht der Schlacht, Des Völkermords! Dir, Siegender, möge dann Mongolenblut aus jeder Locke Über den faltigen Mantel triefen!
XXXV. Kassandra
Deinem Los sein Klagen geweiht, Europa! Aus dem Unheil schleudert in neues Schrecknis Dich ein Gott stets; ewig umsonst erflehst du Frieden und Freiheit!
Kaum versank allmählich, im trägen Zeitlauf, Jener Zwingburg südlicher Bau zu Trümmern, Wo des Weltherrn Zepter dem Inquisitor Schürte den Holzstoß:
Sieh, da keimt schon, unter dem Hauch des Nordpols, Frischen Unheils wuchernder Same leis auf: Hoch als Giftbaum ragt in die Luft bereits dies Riesige Scheusal!
Selbst dem Beil fruchtloser Begeisterung trotzt Dieser Stamm, der Alles erdrückt, und keiner Wolke, weh uns, rettender Blitz zerschmettert Wipfel und Ast ihm!
Ketten dräun, wie nie sie geklirrt, der Menschheit Bangen Hals zuschnürend, und parrizidisch Reiht im Wettlauf mächtiger Ungeheur sich Frevler an Frevler!
Noch einmal, wie's kündet die alte Fabel, Überm Haus blutgieriger Tantaliden Sein Gespann rückwärts mit Entsetzen lenkend, Schaudert Apollo!
Zwar der Hahn kräht; aber er weckt die Welt nicht! Selbst des Einhorns Stachel vielleicht zersplittert: Adler Deutschlands, doppelter, kreise wachsam, Schärfe die Klaun dir!
XXXVI. An Wilhelm Genth
Dein Lied erweckt mir langeverwehte Zeit, Als Heidelbergs pfalzgräfliche Burg (Es hat Ein fremder Bluthund einst zerstört sie) Uns in verwilderte Schatten einlud.
Du rufst in Heimatsgegenden mich zurück, Wo ach! Verwirrung brütet, und innerhalb Der Mauern Ilions und auswärts Sündiget blinde Begier. Du rufst mich
An Goethes Grab. Gern werf ich den schönsten Zweig Auf seine Ruhstatt! Sanfterer Tage Sohn, Und selbst als Greis noch liebetändelnd, Wußt er die mächtige Brust zu zähmen,
Eintauschend Weisheit für die Begeisterung: Nicht dies gelingt mir! Jeglicher Puls in mir Wallt feurig auf; nicht bloße Töne, Funken entsprühn der bewegten Leier!
Nicht kann ich harmlos mich in die Pflanzenwelt Einspinnen, anschaun kantigen Bergkristall Sorgfältig, Freund! Zu tief ergreift mich Menschlichen Wechselgeschicks Entfaltung.
Längst ist der Brust ehrgeiziger Trieb entflohn, Der Jugend Erbteil; aber wofern mir soll Annahn der Ruhm, mag Hand in Hand er Gehn mit dem prüfenden Todesengel!
Von dieser Zeit Parteiungen hoff ich nichts; Doch wann ich darf ausruhen, wie Goethe ruht, Dann sein mir auch spätreife Kränze Auf den versinkenden Sarg geworfen.
Ich lebe ganz bei Künftigen, halb nur jetzt: Nicht bloß ein Zierat müßigem Zeitvertreib Sei meine Dichtkunst, nein - sie gieße Tauigen Glanz in die welke Blume!
XXXVII.
Parthenope ragt so schön am Seestrand empor, Umspannt den berauschten Sinn mit stahlfestem Netz, Läßt fließen des Lebens Bäche Aus ihrem goldnen Quell.
Wo aber erscheint Genuß von Schmerz unvergällt? Es lauert des Scheidens Qual, und träuft Bitterkeit Neidvoll in den Wein der Liebe, Den unsre Seele schlürft.
Doch ziehe, wohin du willst, im Geist folgen dir Beflügelte Lieder nach! Es ist, reich begabt, Dein schönes Gesicht Bezaubrung, Dein Auge Süßigkeit!
XXXVIII. Trinklied
Wohl bietet der irdische Tag qualvolle Sekunden genug. Wenn tief du gedenkend erwägst, was je du verlorst, o Gemüt! Feuchteren Auges erblickst du Rings dann die verschleierte Welt.
Weil süßes Vergessen allein aufwägt den unendlichen Schmerz, Schlürft, Freunde, das goldene Naß, hier wo sich ein Zaubergefild Breitet um uns und um Bajäs Rückstrahlende, wonnige Bucht!
Kommt unter des Tempelgewölbs halbdrohenden Rest! (Es vernahm Hier Cypria Wunsch und Gebet) Ruht hier! In den hellen Pokal Träufe der süße Falerner, Jahrtausende schon so berühmt!
Aus purpurnen Wogen empor ragt manches antike Gestein, Das Römer voreinst in die Flut, Prachtsäulen zu tragen, gesenkt: Laßt die Verblichenen leben, Die mächtige Taten getan!
Anspannend die Kraft des Gemüts, wirkt Gutes und Schönes erschafft, Auf daß in der werdenden Zeit bei Künftigen töne das Wort: Selig der Tag und die Räume, Wo solch ein Berühmter gelebt!
Wann, Freunde, wir steigen hinab, wo dort sich ein mythisches Volk Weissagende Grotte gebohrt, unweit der zertrümmerten Stadt, Mag die Sibylle von Kumä Uns Segen und Ruhm prophezein!
Dort drüben, die Höhlen entlang, liegt jenes elysische Feld, Wo Geister im Felsengebüsch hinwandeln am Ufer des Meers: Glückliche, die mit Heroen Hinwandeln am Ufer des Meers!
Wohl ziemt es dem Folgegeschlecht, wo immer ein heiteres Mahl Gastfreunde vereine, mir auch volltriefende Schale zu weihn, Der ich erfand in der Seele Manch liebebeflügeltes Lied.
G. Hymnen
Dem Kronprinzen von Bayern
Es schlummert längst mir im Heiligtum bildender Kraft An dich, o Fürst, ein Gesang, Dem vaterländischer Zukunft Bürgschaft verliehn das Geschick, Der du selbst in der Brust die Glut melodischer Dichtung Hegst, dem Vater gleich, und der Kunst tiefsinnige Meister liebst, Die mit holdem Zepter das Volk, den Herrschenden ähnlich, Lenken; aber Verständnis folgt Oft erst dem beschwingten Klang zu Fuß nach.
Vor Allen foderte mich zu Liedspendungen auf Das Wort des würdigen Freunds, Der mir von frühester Kindheit stets hieß der treuste Genoß, Aber nun an der Seite dir mit freundlichem Rat steht. - Offen liegt ein mächtiges Feld vielkundigem Dichter, der Deines Hauses Glanz und den tausendjährigen Ruhm wälzt; Denn bereits Diademe trug Dein Stamm in der sagendunklen Urzeit:
Als König waltete Garibald, hohen Geschlechts, Im reichen Bojergefild Weitherrschend einst, wo der Inn stolz hinwallt mit reißendem Zug, Dem zuletzt in der Schlucht sich mischt der stilleren Donau Ebner Flur entsprudelter Strom. Aufnährte das schönste Pfand Garibald, der lieblichen Tochter bräutliche Schönheit: Theudelinden umwarb indes Hochsinniger Fürstensöhne Schwarm rings.
Es wirbt der fränkische Childebert. Autharis auch, Der longobardische Fürst, Hoch ragt er unter der Mehrzahl siegskühner Freier empor Der das wehende Banner aufgepflanzt an der Spitze Rhegiums, (getrennt von der fruchtbarn Wurzel des Ätnabergs Durch der Skylla Hundegebell und kochenden Meerschwall). Doch Pavia verläßt der Fürst, Nordwärts, an der Etsch, den Strom hinauf zieht
Er wohlgemut, in der Brust den sehnsüchtigen Wunsch. Verkappt in Botengestalt Sieht Bojoarien ihn. Schon tritt aus dem Frauengemach Theudelinde, geführt von Garibald, und dem Fremdling Beut sie gar, der Sitte gemäß, Willkomm in dem Festpokal: Als das Glas empfing der vermummte Fürst von der Jungfrau, Ihr die Hand mit gelindem Druck Rührt sanft er und seufzt: O Theudelinda!
Geringer scheint die verschwiegne Schmach, Allen entrückt: Die kluge Schöne verbirgt, Blaß zwar vor Schrecken, des Gastfreunds Wagstück ins tiefe Gemüt. König Autharis freit, in Königs Autharis Namen, Jene nun, und gerne gewährt, huldreich, die erwählte Braut Garibald. Es giebt das Geleit dem werbenden Fremdling Schlanke, boische Heldenschar Durchs Alpengebürg ins süße Welschland,
Wo Phöbus früher die Traube reift, Jünglingen auch Die Schläfe männlicher bräunt. Als auf der steinigen Grenzmark abschiedlich boten den Gruß Wechselseits der Geführte selbst und Die, so geführt ihn, Schwang das Beil der reisige Held kraftvoll in behender Faust; Tief im Stamme wurzelt es fest des mächtigen Ahorns: Solche Streiche, wie der, vermag Bloß Autharis auszuteilen, rief er,
Und kenntlich Allen entschwand der gelblockige Fürst. Es reichte darauf dem Gemahl Bald Theudelinde den Brautring. Stets trügt jedoch des Geschicks Gunst die Sterblichen, sein sie niedrig oder an Macht groß: Authars Blume welkte dahin frühzeitig an schnödem Gift, Das der Nebenbuhler, ein Sohn der tückischen Brunhild Jenem sendete, Childebert; Doch pflegte des Reichs die Bojoarin.
Sie trug den seltenen Schatz der Weisheit im Gemüt, Es dient' Italien ihr. Oftmals begründeten Fraun manch herrschaftsgewaltiges Reich, Weil dem Männergeschlecht an klugem Sinn sie voranstehn: (Wohl bezeugt's der späteren Zeit England und Elisabeth, Kämpfe nahm die Tochter des sechsten Karls mit der Welt auf, Moskowitische Geißel schwang Siegreich die entmenschte Messalina.)
Die longobardische Königin teilte dem Volk Gerechte Satzungen aus, (Heilvoll ergänzt des Naturtriebs Wildheit das weise Gesetz, Das der Blüte des Menschengeistes herbere Frucht ist) Während rings der Menge sie kundtun ließ des Erlösers Wort: Endlich schickt Gregorius ihr, der heilige Welthirt, Jene Krone von Eisen zu, Nachwachsender Helden höchstes Kleinod.
Es fliehn in rascher Geburt die Weltlose dahin, Es wechselt Leben und Grab. Uns nächste Zeiten, o Herr, sahn nochmals ein blühendes Weib, Deines Stamms in dem Fürstenstuhl der mächtigen Ahnfrau: Theudelinden glich sie an Form, reizvoll wie ein Strahl des Lichts, Nicht an Glück. Es fallen des übermütigen Schicksals Würfel tückisch und ungestüm, Umwälzenden Tagen stürmt Gefahr nach;
Und wird zum Schwerte der Pflug, so bricht Königen selbst Entzwei der güldene Reif. Graunvoll zerstört der Gewalt Bergsturz rings die Fülle des Tals: Wohl erfuhr's die erhabene Frau, des fränkischen Ehbunds Opfer, ja, die Tochter sogar, jenseitig des Ozeans Eines Kaisers Braut an der palmenschattigen Meerbucht. Doch im Munde des Dichters lebt Gleichreizend und ewig Heil und Unheil.
Abschied von Rom
1827
Wer vorbeiziehn darf an dem Appischen Weg, südwärts gewandt, Wem aus des Sumpflands Wiese der magischen Göttin Vorgebürg ragt, (welche dereinst dem Odysseus reichte den Becher, indem sie Süßen Gesang an dem Webstuhl sanft erhob) Nenne beglückt sich, er hat Die umwölkt schwermütige Fieberluft Roms hinter sich!
Frommt der Sehnsucht langeverschollener Tat lebloser Hauch? Frommt jenes urzeitkundigen Mannes Bericht uns, Der erzählt, hier wurde geraubt ein Gespann Pflugstiere dem Sohne des Zeus, dort Legte den ewigen Grundstein Romulus, Hier am Egerischen Quell, Wo ein Hain sonst rauschte, trank Numa Weisheit, frommt es uns?
Wüstenein bloß blieben und Trümmer. Erspähn mag, zeigen mag Neugier den Unheilsort, wo der blutende Cäsar Lag, des Orts Bildsäule sogar, wo er fiel, Bildsäule des göttlichen Feldherrn, Der, in Pharsalus entmannt, durch Tempes Tal Floh, das elysische Tal, Wo des Stromgotts Urne längs Grüner Aun Goldfluten gießt.
Doch ein Fahrzeug segelte bald in des Mordstrands Hafen ihn: Nicht ohne Gram, nicht ohne die Träne der Wehmut, Sah des Todfeinds Leiche der Sieger, gedenk ehmaliger Tage der Freundschaft, Oder beweinend im Geist Roms Los, er selbst Römer, der Frevelnde, der Es gestürzt. Zeitläufte flohn, Aber Rom sank, sank und sinkt.
Zwar es fällt langsam, wie das Dauernde fällt, großartigem Mannsinne gleich, der Sphärengesänge des Wohllauts Jener Welt - zuführt dem ermüdenden Werktagsleben und Schwärmer gehöhnt wird, Während allein er das All klardenkend wägt; Doch der Beladene beugt In den Staub allmählich sein Sinnend Haupt leidvoll hinab.
Also Rom. Nichts frommte der üppige Prunk blutgieriger Selbstherrscher ihm. Neusprossende Palme des Glaubens, Die du bloß tiefsinnige Schatten umherwarfst über die Male der Vorzeit, Retteten Glanz und des Pomps Scheinkünste dich? Möge die Schulter des Volks Den Juwelstuhl tragen, der Deines Gotts Statthalter trägt!
Aus dem Prachtschutt Roms den korinthischen Knauf, ja, Säulenreihn Wegführend stützt, Raubsucht zu verewigen, sinnlos Dein Levit Bethäuser in düsterer Form, Unschönes und Schönes in Einklang Zwingend umsonst. Es erhebt Sankt Peter sein Kuppelerhabenes Dach: Den Titansbau stört indes Wittenbergs stahlharter Mönch.
Nun verlor dein Schlüssel, Apostelgewaltherrschaft, die Gunst, Er, der der Weltstadt Segen erteilt und dem Weltkreis: Nur Erinnrung blieb. Sie entriß die Heroen altheidnischer Sage dem Erdschutt: Blutend verhaucht der Athlet siegswerte Kraft, Pfeile versendet der Gott Des Gesangs, Wehmut erweckt Hadrians bildschöner Freund. -
Als an Josephs Brust das Sirenengeschoß abprallen sah Dein Kirchenhaupt, andächtiges Rom, und der sechste Pius demutsreich von dem Kaiserbesuch heimzog, der erhabene Pilgrim, Während entschlüpfte der Obmacht Zepter ihm, Schuf er die neue Gewalt, Und es ward dein Zauberstab Ihm ein Feldherrnstab, o Kunst!
Steigen läßt sein Wort Obelisken empor, Golddecken wölbt, Prunkwände zieht, ausbreitet das schöne Musivwerk Sein Geheiß, euch würdige Sitze zu weihn, Denkmäler! (O hätt er gefunden Mildere Schickungen! Frankreichs Kerkerluft Atmete sterbend er aus: Es verließ gramschwer der Greis Deinen Festraum, Vatikan!)
Doch den Anblick trübt des verschwendeten Bildwerks Übermaß, Unruhe schwankt zaghaft, wie die Seele der Jungfrau Aus der Schar anmutiger Freier den anmutsvollsten zu wählen umherschwankt: Übergenüssen erliegt oftmals der Geist. Nicht das Vergangene frommt, Da der Bildkraft Schüler selbst Nicht die Kunst lernt durch die Kunst.
Hörst du gern Rat an, so beginne zuerst Einfaches bloß: Vollkommenheit treibt Früchte hervor an erprobten Stämmen, Freund! Nicht wolle zu frühe der Griechheit huldigen! Wächserne Federn Klebt an den Nacken des Flugs Nachahmer bloß; Aber es blühn in des Lichts Region Sternbilder Ihm, Den die Schwungkraft oben hält.
Manchen Geist zwar schafft die beseelte Natur, der Griechenlands Bloß noch dem Stumpfsinn hieroglyphische Schönheit Kennt und hold ausbildet unsterbliche Form. Aufweckt an dem rosenumhauchten Silbergeplätscher des Bergquells wieder er Alten, olympischen Tanz: So erschuf Thorwaldsen aus Götterdämmrung Tageslicht.
Aber dies Lied gleicht dem verirrenden Weidmann; Nachtigall- Ton lockt hinweg sein Herz von des Wildes Verfolgung: Ohne Pfad schweift rings in Gebüsch, in Gefild, Laubwälder und Felsen entlang er; Endlich verscheucht der Gebirgsschlucht Wasserfall Jeden Gesang und den Traum Des Gemüts ihm. Wieder sucht Seinen Jagdweg Jener auf.
Selig, wem Tatkraft und behaglichen Sinn leiht Gegenwart, Wer neu sich selbst fühlt, Neues zu bilden bedacht ist, Wem das Dasein ewig erscheint, und der Tod selbst eine Despotenerfindung, Deren Gedanke des Glücks Pulsschläge hemmt: Gerne verläßt er und froh, Kapitol, dein Schattenreich, Eure Pracht, Kirchhöfe Roms!
Lenz des Erdballs! Parthenopäische Flur! Stets neue Stadt! Aufnimm den Freund, geuß rauschende Buchten umher ihm, Denen einst (urweltliche Fabel erzählt's) wollüstig entstiegen die Schönheit, Myrten der Küste, des Flutschaums Blum im Haar; Aber es reichte, sobald Sie ans Land stieg, Bacchus auch Seines Weinlaubs Thyrsus ihr!
Mir zum Beistand naht des quirinischen Weltruhms Dichter selbst: Aus Griechenland heimkehrend ereilte der Tod ihn; Doch es deckt kein römischer Hügel des Frühwegsterbenden Staub in der Urne: Meinen Gebeinen, befahl sein letzter Wunsch, Werde Neapel Asyl, Wo in Fruchthainlauben ich Hirten, Feldbau, Helden sang.
An die Brüder Frizzoni in Bergamo
1831
Manchen Vorwurf mußt ich ertragen von euch, Weil so lang Pausilipos Ufer den Freund festhalten, indes Zwischen Alpen und Po sich ausdehnt, welche Flur! Weinbekränzt, voll klarer Seen, volkreich und geschmückt Durch der ehmals mächtigen Städte Gemeinsinn, Der herbeirief edle Kunst, Anschauliche Form zu verleihn bildloser Wahrheit schöpferisch.
Nicht verschmäht mein festlicher Sang, in des Lobs Süßen Born eintauchend der Fittige weithinschattiges Paar, Euch lombardischer Heimatflur Preislied zu weihn. Als in dämmrungsgrauer Vorzeit Alboin einst Aus dem Nord herführte gepanzerte Heerschar, Sah der Fürst, der auf des Bergs Schneegipfel erobernden Blick ließ schweifen, solch fruchtreich Gefild Hocherstaunt, klomm fröhlich herab und erwarb's.
Widerstand nicht hätte vermocht zu entziehn ihm größeres Ziel, Wär's das leuchtende Rom sogar; bald stört jedoch Seines Muts siegswerten Plan ihm häusliches Weh, Welches ihm Roßmunda bereitete, die ihm Durch Gewalt ward anvermählt, Unwilligen Sinns, im Gemüt ausbrütend Rachsucht grenzenlos!
Denn es fiel ihr Vater voreinst in dem Kampf Durch den Beilschlag dessen, an den in des Ehbunds schnöde Gewalt Nun das Los sie geknüpft. Der Sieg zeugt Übermut: Durch die Burg scholl Jubel, laut auftobte das Fest, Als Pokal rings kreiste der Schädel des Feindes; Diesen hob Fürst Alboin Trotzvoll, in berauschter Betörtheit, auf und sprach: Roßmunda, trink!
Jene trank; Stolz hemmte den Zährenerguß, Als sie wog schmerzvoll in der Hand des geliebt ehrwürdigen Haupts Teure Last, und Vergeltung schwur stillschweigend ihr Blick, und tief trübt ihn der Ohnmacht Jammergefühl. Gegen Kraft hilft List nur allein und des Goldes Allgewalt; Schönheit erreicht Durch üppige Künste so manch Wunschziel und durch Liebkosungen.
Alboins Freund fiel in die Netze des Weibs, Helmiches; Schmach sinnt er dem Könige, sinnt Blutdürstigeres. Nacht umhüllte Veronas Burg, kampfmüder Schlaf: Sieh, da schlich, Mordlust im Sinn, Roßmunda gemach, Wo der Held ausatmete ruhigen Schlummer; Aber daß wehrlos er sei, Trägt weit von dem Lager sie weg Streitaxt und Schwert, Welschlands Ruin;
Dann die Mordschar winkt sie heran. Es versucht Alboin fruchtlos mit dem Schemel den scharf eindringenden Stahl Abzuwehren, und bald entseelt trieft blutig sein Nackter Leib. Nicht fühle Neid, wer fern von des Ruhms Glatter Bahn aufwärts zu der Könige Thron blickt: Ihr Geschick ist faltenreich, Aufwickelnd enthüllt es Gefahr oftmals, und weissagt jähen Sturz.
Aber Untat reiht an den Frevel sich an: Jenes Paar einsammelte blutiger Aussaat Erntegebühr. Stets umsonst um die Königin warb Helmiches: Andres Ehbunds lüstern, den darbot der Exarch, Der der Herrschaft pflog in dem alten Ravenna, Haßt des Mords Mithelfer sie, Wirft ihm in des schäumigen Weins Kelchglas ein markaufzehrend Gift.
Als jedoch halb kaum er getrunken, erkennt Helmiches wutvoll den Verrat; er entblößt zweischneidigen Dolch, Drohend, bis sie des Bechers Rest selbst ausgeschlürft. - Voll von Unheil, groß jedoch tönt sonstiger Zeit Sage, gern flicht seinem Gesang sie der Dichter Ein, und führt klangreich vorbei Prachtströmige Wogen des Lieds, urdeutscher Vorwelt gern gedenk.
Doch er weilt stets lieber im Rosengebüsch, Das der leisauftretende Friede gewölbt dicht über den Quell, Wo Genuß in dem Schoß der Freundschaft selig ruht: Mög um euch sanft schimmern leichthinwallenden Tags Mildes Licht! Nie möge der Krieg und die Seuche, Deren Wut jetzt füllt die Welt, Einziehn in die Täler, in die harmlos herabschaut Bergamo!
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