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Das Feuerzeichen
Hier, wo zwischen Meeren die Insel wuchs, ein Opferstein jäh hinaufgethürmt, hier zündet sich unter schwarzem Himmel Zarathustra seine Höhenfeuer an, Feuerzeichen für verschlagne Schiffer, Fragezeichen für Solche, die Antwort haben...
Die Flamme mit weissgrauem Bauche - in kalte Fernen züngelt ihre Gier, nach immer reineren Höhn biegt sie den Hals - eine Schlange gerad aufgerichtet vor Ungeduld: dieses Zeichen stellte ich vor mich hin.
Meine Seele selber ist diese Flamme, unersättlich nach neuen Fernen loder aufwärts, aufwärts ihre stille Gluth. Was floh Zarathustra vor Thier und Menschen? Was entlief er jäh allem festen Lande? Sechs Einsamkeiten kennt er schon -, aber das Meer selbst war nicht genug ihm einsam, die Insel liess ihn steigen, auf dem Berg wurde er zur Flamme, nach einer siebenten Einsamkeit wirft er suchend jetzt die Angel über sein Haupt.
Verschlagne Schiffer! Trümmer alter Sterne! Ihr Meere der Zukunft! Unausgeforschte Himmel! nach allem Einsamen werfe ich jetzt die Angel: gebt Antwort auf die Ungeduld der Flamme, fangt mir, dem Fischer auf hohen Bergen, meine siebente letzte Einsamkeit! - -
Die Sonne sinkt
1.
Nicht lange durstest du noch, verbranntes Herz! Verheissung ist in der Luft, aus unbekannten Mündern bläst mich's an - die grosse Kühle kommt...
Meine Sonne stand heiss über mir im Mittage: seid mir gegrüsst, dass ihr kommt ihr plötzlichen Winde ihr kühlen Geister des Nachmittags! Die Luft geht fremd und rein. Schielt nicht mit schiefem Verführerblick die Nacht mich an?... Bleib stark, mein tapfres Herz! Frag nicht: warum? -
2.
Tag meines Lebens! gen Abend gehts! Schon glüht dein Auge halbgebrochen, schon quillt deines Thaus Thränengeträufel, schon läuft still über weisse Meere deiner Liebe Purpur, deine letzte zögernde Seligkeit...
3.
Heiterkeit, güldene, komm! du des Todes heimlichster süssester Vorgenuss! - Lief ich zu rasch meines Wegs? Jetzt erst, wo der Fuss müde ward, holt dein Blick mich noch ein, holt dein Glück mich noch ein.
Rings nur Welle und Spiel. Was je schwer war, sank in blaue Vergessenheit, müssig steht nun mein Kahn. Sturm und Fahrt - wie verlernt er das! Wunsch und Hoffen ertrank, glatt liegt Seele und Meer.
Siebente Einsamkeit! Nie empfand ich näher mir süsse Sicherheit, wärmer der Sonne Blick. - Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch? Silbern, leicht, ein Fisch Schwimmt nun mein Nachen hinaus...
Klage der Ariadne
Wer wärmt mich, wer liebt mich noch? Gebt heisse Hände! gebt Herzens-Kohlenbecken! Hingestreckt, schaudernd, Halbtodtem gleich, dem man die Füsse wärmt, geschüttelt ach! von unbekannten Fiebern, zitternd vor spitzen eisigen Frostpfeilen, von dir gejagt, Gedanke! Unnennbarer! Verhüllter! Entsetzlicher! Du Jäger hinter Wolken! Darnieder geblitzt von dir, du höhnisch Auge, das mich aus Dunklem anblickt! So liege ich, biege mich, winde mich, gequält von allen ewigen Martern, getroffen von dir, grausamster Jäger, du unbekannter - Gott...
Triff tiefer! Triff Ein Mal noch! Zerstich, zerbrich dies Herz! Was soll dies Martern mit zähnestumpfen Pfeilen? Was blickst du wieder der Menschen-Qual nicht müde, mit schadenfrohen Götter-Blitz-Augen? Nicht tödten willst du, nur martern, martern? Wozu - mich martern, du schadenfroher unbekannter Gott?
Haha! Du schleichst heran bei solcher Mitternacht?... Was willst du? Sprich! Du drängst mich, drückst mich, Ha! schon viel zu nahe! Du hörst mich athmen, du behorchst mein Herz, du Eifersüchtiger! - worauf doch eifersüchtig? Weg! Weg! wozu die Leiter? willst du hinein, ins Herz, einsteigen, in meine heimlichsten Gedanken einsteigen? Schamloser! Unbekannter! Dieb! Was willst du dir erstehlen? Was willst du dir erhorchen? was willst du dir erfoltern, du Folterer! du - Henker-Gott! Oder soll ich, dem Hunde gleich, vor dir mich wälzen? Hingebend, begeistert ausser mir dir Liebe - zuwedelnd? Umsonst! Stich weiter! Grausamster Stachel! Kein Hund - dein Wild nur bin ich, grausamster Jäger! deine stolzeste Gefangne, du Räuber hinter Wolken... Sprich endlich! Du Blitz-Verhüllter! Unbekannter! sprich! Was willst du, Wegelagerer, von - mir?...
Wie? Lösegeld? Was willst du Lösegelds? Verlange Viel - das räth mein Stolz! und rede kurz - das räth mein andrer Stolz! Haha! Mich - willst du? mich? mich - ganz?...
Haha! Und marterst mich, Narr, der du bist, zermarterst meinen Stolz?
Gieb Liebe mir - wer wärmt mich noch? wer liebt mich noch? gieb heisse Hände, gieb Herzens-Kohlenbecken, gieb mir, der Einsamsten, dein Eis, ach! siebenfaches Eis nach Feinden selber, nach Feinden schmachten lehrt, gieb, ja ergieb grausamster Feind, mir - dich!...
Davon! Da floh er selber, mein einziger Genoss, mein grosser Feind, mein Unbekannter, mein Henker-Gott!...
Nein! komm zurück! Mit allen deinen Martern! All meine Thränen laufen zu dir den Lauf und meine letzte Herzensflamme dir glüht sie auf. Oh komm zurück, mein unbekannter Gott! mein Schmerz! mein letztes Glück!...
Ein Blitz. Dionysos wird in smaragdener Schönheit sichtbar.
Dionysos: Sei klug, Ariadne!... Du hast kleine Ohren, du hast meine Ohren: steck ein kluges Wort hinein! - Muss man sich nicht erst hassen, wenn man sich lieben soll?... Ich bin dein Labyrinth...
Ruhm und Ewigkeit
1.
Wie lange sitzest du schon auf deinem Missgeschick? Gieb Acht! du brütest mir noch ein Ei, ein Basilisken-Ei aus deinem langen Jammer aus.
Was schleicht Zarathustra entlang dem Berge? -
Misstrauisch, geschwürig, düster, ein langer Lauerer -, aber plötzlich, ein Blitz, hell, furchtbar, ein Schlag gen Himmel aus dem Abgrund: - dem Berge selber schüttelt sich das Eingeweide...
Wo Hass und Blitzstrahl Eins ward, ein Fluch -, auf den Bergen haust jetzt Zarathustra's Zorn, eine Wetterwolke schleicht er seines Wegs.
Verkrieche sich, wer eine letzte Decke hat! Ins Bett mit euch, ihr Zärtlinge! Nun rollen Donner über die Gewölbe, nun zittert, was Gebälk und Mauer ist, nun zucken Blitze und schwefelgelbe Wahrheiten - Zarathustra flucht...
2.
Diese Münze, mit der alle Welt bezahlt, Ruhm -, mit Handschuhen fasse ich diese Münze an, mit Ekel trete ich sie unter mich.
Wer will bezahlt sein? Die Käuflichen... Wer feil steht, greift mit fetten Händen nach diesen Allerwelts-Blechklingklang Ruhm!
- Willst du sie kaufen? sie sind Alle käuflich. Aber biete Viel! klingle mit vollem Beutel! - du stärkst sie sonst, du stärkst sonst ihre Tugend...
Sie sind Alle tugendhaft. Ruhm und Tugend - das reimt sich. So lange die Welt lebt, zahlt sie Tugend-Geplapper mit Ruhm-Geklapper -, die Welt lebt von diesem Lärm...
Vor allen Tugendhaften will ich schuldig sein, schuldig heissen mit jeder grossen Schuld! Vor allen Ruhms-Schalltrichtern wird mein Ehrgeiz zum Wurm -, unter Solchen gelüstet's mich, der Niedrigste zu sein... Diese Münze, mit der alle Welt bezahlt, Ruhm -, mit Handschuhen fasse ich diese Münze an, mit Ekel trete ich sie unter mich.
3.
Still! - Von grossen Dingen - ich sehe Grosses! - soll man schweigen oder gross reden: rede gross, meine entzückte Weisheit!
Ich sehe hinauf - dort rollen Lichtmeere: - oh Nacht, oh Schweigen, oh todtenstiller Lärm!...
Ich sehe ein Zeichen -, aus fernsten Fernen sinkt langsam funkelnd ein Sternbild gegen mich...
4.
Höchstes Gestirn des Seins! Ewiger Bildwerke Tafel! Du kommst zu mir? - Was Keiner erschaut hat, deine stumme Schönheit, - wie? sie flieht vor meinen Blicken nicht?
Schild der Nothwendigkeit! Ewiger Bildwerke Tafel! - aber du weisst es ja: was Alle hassen, was allein ich liebe, dass du ewig bist! dass du nothwendig bist! Meine Liebe entzündet sich ewig nur an der Nothwendigkeit.
Schild der Nothwendigkeit! Höchstes Gestirn des Seins! - das kein Wunsch erreicht, das kein Nein befleckt, ewiges Ja des Sein's, ewig bin ich dein Ja: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit! - -
Von der Armut des Reichsten
Zehn Jahre dahin -, kein Tropfen erreichte mich, kein feuchter Wind, kein Thau der Liebe - ein regenloses Land... Nun bitte ich meine Weisheit, nicht geizig zu werden in dieser Dürre: ströme selber über, träufle selber Thau sei selber Regen der vergilbten Wildniss!
Einst hiess ich die Wolken fortgehn von meinen Bergen, - einst sprach ich "mehr Licht, ihr Dunklen!". Heut locke ich sie, dass sie kommen: macht dunkel um mich mit euren Eutern! - ich will euch melken, ihr Kühe der Höhe! Milchwarme Weisheit, süssen Thau der Liebe ströme ich über das Land.
Fort, fort, ihr Wahrheiten, die ihr düster blickt! Nicht will ich auf meinen Bergen herbe ungeduldige Wahrheiten sehn. Vom Lächseln vergüldet nahe mir heut die Wahrheit, von der Sonne gesüsst, von der Liebe gebräunt, - eine reife Wahrheit breche ich allein vom Baum.
Heut strecke ich die Hand aus nach den Locken des Zufalls, klug genug, den Zufall einem Kinde gleich zu führen, zu überlisten. Heut will ich gastfreundlich sein gegen Unwillkommnes, gegen das Schicksal selbst will ich nicht stachlicht sein - Zarathustra ist kein Igel.
Meine Seele, unersättlich mit ihrer Zunge, an alle guten und schlimmen Dinge hat sie schon geleckt, in jede Tiefe tauchte sie hinab. Aber immer gleich dem Korke, immer schwimmt sie wieder obenauf, sie gaukelt wie Öl über braune Meere: dieser Seele halber heisst man mich den Glücklichen.
Wer sind mir Vater und Mutter? Ich nicht mir Vater Prinz Überfluss und Mutter das stille Lachen? Erzeugte nicht dieser Beiden Ehebund mich Räthselthier, mich Lichtunhold, mich Verschwender aller Weisheit Zarathustra? Krank heute vor Zärtlichkeit, ein Thauwind, sitzt Zarathustra wartend, wartend auf seinen Bergen, - im eignen Safte süss geworden und gekocht, unterhalb seines Gipfels, unterhalb seines Eises, müde und selig, ein Schaffender an seinem siebenten Tag.
- Still! Eine Wahrheit wandelt über mir einer Wolke gleich, - mit unsichtbaren Blitzen trifft sie mich. Auf breiten langsamen Treppen steigt ihr Glück zu mir: komm, komm, geliebte Wahrheit!
- Still! Meine Wahrheit ists! Aus zögernden Augen, aus sammtenen Schaudern trifft mich ihr Blick, lieblich, bös, ein Mädchenblick... Sie errieth meines Glückes Grund, sie errieth mich - ha! was sinnt sie aus? - Purpurn lauert ein Drache im Abgrunde ihres Mädchenblicks.
- Still! Meine Wahrheit redet! - Wehe dir, Zarathustra! Du siehst aus, wie Einer, der Gold verschluckt hat: man wird dir noch den Bauch aufschlitzen!...
Zu reich bist du, du Verderber Vieler! Zu Viele machst du neidisch, zu Viele machst du arm... Mir selber wirft dein Licht Schatten - es fröstelt mich: geh weg, du Reicher, geh, Zarathustra, weg aus deiner Sonne!...
Du möchtest schenken, wegschenken deinen Überfluss, aber du selber bist der Überflüssigste! Sei klug, du Reicher! Verschenke dich selber erst, oh Zarathustra!
Zehn Jahre dahin -, und kein Tropfen erreichte dich? Kein feuchter Wind? kein Thau der Liebe? Aber wer sollte dich auch lieben, du Überreicher? Dein Glück macht rings trocken, macht arm an Liebe - ein regenloses Land...
Niemand dankt dir mehr, du aber dankst Jedem, der von dir nimmt: daran erkenne ich dich, du Überreicher, du Ärmster aller Reichen!
Du opferst dich, dich quält dein Reichthum -, du giebst dich ab, du schonst dich nicht, du liebst dich nicht: die grosse Qual zwingt dich allezeit, die Qual übervoller Scheuern, übervollen Herzens - aber Niemand dankt dir mehr...
Du musst ärmer werden, weiser Unweiser! willst du geliebt sein. Man liebt nur die Leidenden, man giebt Liebe nur dem Hungernden: verschenke dich selber erst, oh Zarathustra!
- Ich bin deine Wahrheit...
Ecce homo
Ja! Ich weiß, woher ich stamme! Ungesättigt gleich der Flamme glühe und verzehr' ich mich. Licht wird alles, was ich fasse, Kohle alles, was ich lasse: Flamme bin ich sicherlich!
Gebet in die „Morgenröte“
Ach, so gebt doch Wahnsinn, ihr Himmlischen, Wahnsinn, dass ich endlich an mich selber glaube! Gebt Delirien und Zuckungen, plötzliche Lichter und Finsternisse, schreckt mich mit Frost und Glut, wie sie kein Sterblicher noch empfand, mit Getöse und umgebenden Gestalten, lasst mich heulen und winseln und wie ein Tier kriechen: nur dass ich bei mir selber Glauben finde!
Gruß
Ihr Vöglein in den Lüften, Schwingt mit Gesang euch fort Und grüßet mir den teuren, Den lieben Heimatsort!
Ihr Lerchen, nehmt die Blüten, Die zarten mit hinaus! Ich schmückte sie zur Zierde Für's teure Vaterhaus.
Du Nachtigall, o schwinge Dich doch zu mir herab Und nimm die Rosenknospe Auf meines Vaters Grab!
Heimkehr
Das war ein Tag der Schmerzen, Als ich einst Abschied nahm; Noch bänger war's dem Herzen, Als ich nun wieder kam.
Der ganzen Wandrung Hoffen Vernichtet mit einem Schlag! O, unglücksel'ge Stunde! O, unheilvoller Tag!
Ich habe viel geweinet Auf meines Vaters Grab, Und manche bittre Träne Fiel auf die Gruft herab.
Mir ward so öd' und traurig Im teuren Vaterhaus, So daß ich oft bin gangen Zum düstern Wald hinaus.
In seinen Schattenräumen Vergaß ich allen Schmerz; Es kam in stillen Träumen Der Friede in mein Herz. Der Jugend Blütenwonne, Rosen und Lerchenschlag Erschien mir, wenn ich schlummernd Im Schatten der Eichen lag.
Heimweh
Das milde Abendläuten Hallet über das Feld. Das will mir recht bedeuten, Daß doch auf dieser Welt Heimat und Heimatsglück Wohl keiner je gefunden: Der Erde kaum entwunden, Kehr'n wir zur Erde zurück.
Wenn so die Glokken hallen, Geht es mir durch den Sinn, Daß wir noch Alle wallen Zur ew'gen Heimat hin. Glücklich, wer allezeit Der Erde sich entringet Und Heimatslieder singet Von jener Seligkeit.
Im deutschen November
Dies ist der Herbst: der - bricht dir noch das Herz! Fliege fort! fliege fort! - Die Sonne schleicht zum Berg Und steigt und steigt und ruht bei jedem Schritt.
Was ward die Welt so welk! Auf müd gespannten Fäden spielt Der Wind sein Lied. Die Hoffnung floh - Er klagt ihr nach.
Dies ist der Herbst: der - bricht dir noch das Herz. Fliege fort! fliege fort! Oh Frucht des Baums, Du zitterst, fällst? Welch ein Geheimnis lehrte dich Die Nacht, Daß eis'ger Schauder deine Wange, Die purpur-Wange deckt? -
Du schweigst, antwortest nicht? Wer redet noch? - -
Dies ist der Herbst: der - bricht dir noch das Herz. Fliege fort! fliege fort! - "Ich bin nicht schön - so spricht die Sternenblume - Doch Menschen lieb' ich Und Menschen tröst' ich - sie sollen jetzt noch Blumen sehn, nach mir sich bücken ach! und mich brechen - in ihrem Auge glänzet dann Erinnerung auf, Erinnerung an Schöneres als ich: - - ich seh's, ich seh's - und sterbe so. -
Dies ist der Herbst: der - bricht dir noch das Herz! Fliege fort! fliege fort!
Mädchen-Lied
Gestern, Mädchen, ward ich weise, gestern ward ich siebzehn Jahr:- und dem gräulichsten der Greise gleich' ich nun - doch nicht auf's Haar!
Gestern kam mir ein Gedanke, - ein Gedanke? Spott und Hohn! Kam euch jemals ein Gedanke? Ein Gefühlchen eher schon!
Selten, daß ein Weib zu denken wagt, denn alte Weisheit spricht: „Folgen soll das Weib, nicht lenken; denkt sie, nun, dann folgt sie nicht.“
Was sie noch sagt, glaubt' ich nimmer; wie ein Floh, so springt's, so sticht's! „Selten denkt das Frauenzimmer, denkt es aber, taugt es nichts!“
Alter hergebrachter Weisheit meine schönste Reverenz! Hört jetzt meiner neuen Weisheit allerneuste Quintessenz!
Gestern sprach's in mir, wie's immer in mir sprach - nun hört mich an: Schöner ist das Frauenzimmer, interessanter ist - der Mann!“
Mein Herz ist wie ein See so weit …
Mein Herz ist wie ein See so weit, Drin lacht dein Antlitz sonnenlicht In tiefer süßer Einsamkeit, Wo leise Well an Well sich bricht.
Ist's Nacht, ist's Tag? Ich weiß es nicht, Lacht doch auf mich so lieb und lind Dein sonnenlichtes Angesicht Und selig bin ich wie ein Kind.
Schopenhauer
Was er lehrte, ist abgetan; Was er lebte, wird bleiben stahn; Seht ihn nur an - Niemandem war er untertan!
Venedig
An der Brücke stand jüngst ich in brauner Nacht. Fernher kam Gesang: goldener Tropfen quoll's über die zitternde Fläche weg. Gondeln, Lichter, Musik - trunken schwamm's in die Dämmrung hinaus ... Meine Seele, ein Saitenspiel, sang sich, unsichtbar berührt, heimlich ein Gondellied dazu, zitternd vor bunter Seligkeit. - Hörte jemand ihr zu? ...
Verzweiflung
Von Ferne tönt der Glokkenschlag, Die Nacht, sie rauscht so dumpf daher. Ich weiß nicht, was ich tuen mag; Mein Freud' ist aus, mein Herz ist schwer.
Die Stunden fliehn gespenstisch still, Fern tönt der Welt Gewühl, Gebraus. Ich weiß nicht, was ich tuen will: Mein Herz ist schwer, mein' Freud' ist aus.
So dumpf die Nacht, so schauervoll Des Mondes bleiches Leichenlicht. Ich weiß nicht, was ich tuen soll... Wild rast der Sturm, ich hör' ihn nicht.
Ich hab' nicht Rast, ich hab' nicht Ruh, Ich wandle stumm zum Strand hinaus, Den Wogen zu, dem Grabe zu... Mein Herz ist schwer, mein Freud' ist aus.
Allen Schaffenden geweiht
Welt-Unabtrennliche Laßt uns sein! Das Ewig-Männliche Zieht uns hinein.
Am Gletscher
Um Mittag, wenn zuerst Der Sommer in's Gebrige steigt, Der Knabe mit den müden, heißen Augen: Da spricht er auch, Doch sehen wir sein Sprechen nur. Sein Athem quillt wie eines Kranken Athem quillt In Fieber-Nacht. Es geben Eisgebirg und Tann' und Quell Ihm Antwort auch, Doch sehen wir die Antwort nur. Denn schneller springt vom Fels herab Der Sturzbach wie zum Gruß Und steht, als weiße Säule zitternd, Sehnsüchtig da. Und dunkler noch und treuer blickt die Tanne, Als sonst sie blickt Und zwischen Eis todtem Graugestein Bricht plötzlich Leuchten aus -- -- Solch Leuchten sah ich schon: das deutet mir's. --
Auch todten Mannes Auge Wird wohl noch Ein Mal licht, Wenn harmvoll ihn sein Kind Umschlingt und hält und küßt: Noch Ein Mal quillt da wohl zurück Des Lichtes Flamme, glühend spricht Das todte Auge: 'Kind! Ach Kind, du weißt, ich liebe dich!' -- Und glühend redet Alles--Eisgebirg Und Bach und Tann -- Mit Blicken hier das selbe Wort: 'Wir lieben dich! Ach Kind, du weißt, wir lieben, lieben dich!'
Und er, Ker Knabe mit den müden heißen Augen, Er küßt sie harmvoll, Inbrünst'ger stets, Und will nicht gehn; Er bläst sein Wor wie Schleier nur Von seinem Mund, Sein schlimmes Wort 'mein Gruß ist Abschied, mein Kommen Gehen, ich sterbe jung.'
Da horcht es rings Und athmet kaum: Kein Vogel singt. Da überläuft Es schaudernd, wie Ein Glitzern, das Gebirg. Da denkt es rings -- Und schweigt -- -- Um Mittag war's, Um Mittag, wenn zuerst Der Sommer ins Gebirge steigt, Der knabe mit den müden heißen Augen.
An die deutschen Esel
Dieser braven Engeländer Mittelmäßige Verständer Nehmt ihr als 'Philosophie'? Darwin neben Goethe setzen Heißt: die Majestät verletzen -- majestatem Genii!
Aller mittelmäßigen Geister Erster-das sei ein Meister, Und vor ihm auf die Knie! Höher ihn herauf zu setzen Heißt - - -
An Hafis
Frage eines Wassertrinkers Die Schenke, die du dir gebaut, ist größer als jed Haus, Die Tränke, die du drin gebraut, die trinkt die Welt nicht aus. Der Vogel, der einst Phönix war, der wohnt bei dir zu Gast, Die Maus, die einen Berg gebar, die-bist du selber fast! Bist Alles und Keins, bist Schenke und Wein, Bist Phönix, Berg und Maus, Fällst ewiglich in dich hinein, Fliegst ewig aus dir hinaus -- Bist aller Höhen Versunkenheit, Bist aller Tiefen Schein, Bist aller Trunkenen Trunkenheit -- wozu, wozu dir-Wein?
An Richard Wagner
Der du an jeder Fessel krandst, Friedloser, freiheit-dürst'ger Geist, Siegreicher stets und doch gebundener, Verekelt mehr und mehr, zerschundener, Bis du aus jedem Balsam Gift dir trankst -- Weh! Daß auch du am Kreuze niedersankst, Auch du! Auch du--ein Überwundener!
Vor diesem Schauspiel steh' ich lang Gefängniß athmend, Gram und Groll und Gruft, Dazwischen Weihrauch-Wolken, Kirchen-Huren-Duft Hier wird mir bang: Dir Narrenkappe werf' ich tanzend in die Luft! Denn ich entsprand - -
Baum im Herbste
Was habt ihr plumpen Tölpel mich gerüttelt Als ich in seliger Blindheit stand: Nie hat ein Schreck grausamer mich geschüttelt -- Mein Traum, mein goldner Traum entschwand!
Nashörner ihr mit Elephanten-Rüsseln Macht man nicht höflich erst: Klopf! Klopf? Vor Schrecken warf ich euch die Schüsseln Goldreifer Früchte -- an den Kopf.
Beim Anblick eines Schlafrocks
Kam, trotz schlumpichtem Gewande, Einst der Deutsche zu Verstande, Weh', wie hat sich Das gewandt! Eingeknöpft in strenge Kleider Überließ er seinem Schneider, Seinem Bismarck--den Verstand!
Das Honig-Opfer
Bringt Honig mir, eis-frischen Waben-Goldhonig! Mit Honig opfr' ich Allem, was da schenkt, Was gönnt, was gütig ist--: erhebt die Herzen!
Das neue Testament
Dies das heiligste Gebet- Wohl- und Wehe-Buch? -- Doch an seiner Pforte steht Gottes Ehebruch!
Der 'ächte Deutsche'
'Ô peuple des meilleurs Tartuffes, Ich bleibe dir treu, gewiß!' -- Sprach's, und mit dem schnellsten Schiffe Fuhr er nach Cosmopolis.
Der Einsame
Verhaßt ist mir das Folgen und das Führen. Gehorchen? Nein! Und aber nein - Regieren! Wer sich nicht schrecklich ist, macht niemand Schrecken: Und nur wer Schrecken macht, kann andre führen. Verhaßt ist mirs schon, selber mich zu führen! Ich liebe es, gleich Wald- und Meerestieren, mich für ein gutes Weilchen zu verlieren, in holder Irrnis grüblerisch zu hocken, von ferne her mich endlich heimzulocken, mich selber zu mir selber - zu verführen.
Der Einsiedler spricht
Gedanken haben? Gut!-- so sind sie mein Besitz. Doch sich Gedanken machen, --das verlernt' ich gern! Wer sich Gedanken macht--der ist besessen und dienen will ich nimmer und nie.
Die Bösen liebend
Ihr fürchtet mich? Ihr fürchtet den gespannten Bogen? Wehe, es könnte Einer seinen Pfeil darauf legen! Ach, meine Freunde? Wohin ist, was man gut hieß! Wohin sind alle 'Guten'! Wohin, wohin ist die Unschuld aller dieser Lügen!
Die einst den Menschen schauten so sehr Gott als Bock
Der Dichter, der lügen kann wissentlich, willentlich Der kann allein Wahrheit reden
'Der Mensch ist böse' so sprachen noch alle Weisesten — mir zum Troste.
sündlich-gesund und schön gleich buntgefleckten Raubthieren
wer gleich Katzen und Räubern in der Wildniß heimisch ist, und durch Fenster springt
was still starr kalt glatt macht, was zum Bilde und zur Säule macht, was man vor Tempeln aufstellt, zur Schau aufstellt - Tugend -?
steht er röther schlechter That sich schämend, - - -
Die Weltmüden
denkendere Zeiten, zerdachtere Zeiten als unser Heut und Gestern ist
ohne Weiber, schlecht genährt und ihren Nabel beschauend -- des Schmutzes Holde Übelriechende! also erfanden sie sich die Wollust Gottes
bei bedecktem Himmel wo man Pfeile und tödtende Gedanken nach seinen Feinden schießt, da verleumdeten sie die Glücklichen sie lieben ach! und werden nicht geliebt sie zerfleischen sich selber weil Niemand sie umarmen will.
ihr Verzweifelnden! wie viel Muth macht ihr denen, die euch zuschauen!
sie verlernten Fleisch essen, mit Weiblein spielen, -- sie härmten sich über die Maaßen.
wie sicher ist dem Unstäten auch ein Gefängniß! Wie ruhig schlafen die Seelen eingefangner Verbrecher! Am Gewissen leiden nur Gewissenhafte!
Entschluß
Will weise sein, weil's mir gefällt Und noch nach eignem Ruf. Ich lobe Gott, weil Gott die Welt So dumm als möglich schuf.
Und wenn ich selber meine Bahn So krumm als möglich lauf' -- Der Weiseste fieng damit an, Der Narr--hört damit auf.
Jenseits der Zeit
Diese Zeit ist wie ein krankes Weib laßt sie nur schreien, rasen, schimpfen und Tisch und Teller zerbrechen.
umhergetrieben, aufgewirbelt -- auf allen Oberflächen habt ihr schon gesessen, auf allen eiteln Spiegeln schon geschlafen -- Staub
solche macht man mit Gründen mißtrauisch mit erhabnen Gebärden überzeugt man sie
Zurück! Ihr folgt mir zu nahe auf den Füßen! Zurück, daß meine Wahrheit euch nicht den Kopf zertrete!
erreglich gleich greisen Völkern an Gehirn und Schamtheilen
außer sich, dem Hunde gleich, vor Hingebung
Lob der Armut
Den Sträflingen des Reichthums, deren Gedanken kalt wie Ketten klirren, gilt mein Lied
Schafe
Den Adler seht! sehnsüchtig starr blickt er hinab in den Abgrund, in seinen Abgrund, der sich dort in immer tiefere Tiefen ringelt! Plötzlich, geraden Flugs, scharfen Zugs stürzt er auf seine Beute. Glaubt ihr wohl, daß es Hunger ist? Eingeweiden-Armut? — Und auch Liebe ist es nicht — was ist ein Lamm einem Adler! er haßt die Schafe Also stürze ich mich abwärts, sehnsüchtig, auf diese Lämmer-Heerden zerreißend, blutträufend, Hohn gegen die Gemächlichen Wuth gegen Lämmer-Dummheit - - -
steht er röther schlechter That sich schämend, - - -
Sonnen-Bosheit
Bei abgehellter Luft, Wenn schon des Thaus Tröstung Zur Erde nieder quillt, Unsichtbar, auch ungehört — denn zartes Schuh werk trägt Der Tröster Thau, gleich allen Milden — Gedenkst du da, gedenkst du, heißes herz, Wie einst du durstetest, Nach himmlischem Thaugeträufel Versengt und müde durstetest, Dieweil auf sanften Gras-Pfaden Schweigsam abendliche Sonnenblicke Durch dunkle Bäume um dich liefen, Boshafte Sonnen-Gluthblicke, So aber fragte dich die Sonne schweigend: Was trägst du Narr Eine zerrissene Larve? Eine Götter-Larve? Wem rissest du sie vom Gesichte? Schämst du dich nicht, unter Menschen nach Göttern lüstern hinauszuschnüffeln? Wie oft schon!
Der Wahrheit Freier? also stöhnte ich — Nein! Nur ein Dichter! Nach Larven lüstern, selbst verkleidet. Zerrissene Larve selber! Götter-Larventrug!
Bei abgehellter Luft, wenn schon des Monds Sichel grün zwischen Purpurröthen und neidisch hinschleicht — mit jedem Schritte heimlich an Rosen-Hängematten hinsichelnd bis sie sinken nacht abwärts blaß versinken da wird er röther.
steht er röther schlechter That sich schämend, - - -
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