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A. Capriccio
Der Athlet
Einer ging in zerrissenen Hausschuhen Hin und her durch das kleine Zimmer, Das er bewohnte. Er sann über die Geschehnisse, Von denen in dem Abendblatt berichtet war. Und gähnte traurig, wie nur jemand gähnt, Der viel und Seltsames gelesen hat - Und der Gedanke überkam ihn plötzlich, Wie wohl den Furchtsamen die Gänsehaut Und wie das Aufstoßen den Übersättigten, Wie Mutterwehen: Das große Gähnen sei vielleicht ein Zeichen, Ein Wink des Schicksals, sich zur Ruh zu legen. Und der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Und also fing er an, sich zu entkleiden ...
Als er ganz nackt war, hantelte er etwas.
Der Lackschuh
Der Dichter dachte: Ach was, ich hab den Plunder satt! Die Dirnen, das Theater und den Stadtmond, Die Oberhemden, Straßen und Gerüche, Die Nächte und die Kutscher und die Fenster, Das Lachen, die Laternen und die Morde - Den ganzen Dreck hab ich nun wirklich satt, Beim Teufel! Mag werden, was da will ... mir ist es gleich: Der Lackschuh drückt mich. Und ich zieh ihn aus -
Die Leute mögen sich verwundert wenden. Nur schade ists um meinen seidnen Strumpf ...
Die Gummischuhe
Der Dicke dachte: Am Abend geh ich gern in Gummischuhen, Auch wenn die Straßen fromm und flecklos sind. In Gummischuhen bin ich nie ganz nüchtern ...
Ich halte in der Hand die Zigarette. Auf schmalen Rhythmen tänzelt meine Seele. Und alle Zentner meines Leibes tänzeln.
Der Rauch auf dem Felde
Lene Levi lief am Abend Trippelnd, mit gerafften Röcken, Durch die langen, leeren Straßen Einer Vorstadt.
Und sie sprach verweinte, wehe, Wirre, wunderliche Worte, Die der Wind warf, daß sie knallten Wie die Schoten,
Sich an Bäumen blutig ritzten Und verfetzt an Häusern hingen Und in diesen tauben Straßen Einsam starben.
Lene Levi lief, bis alle Dächer schiefe Mäuler zogen, Und die Fenster Fratzen schnitten Und die Schatten
Ganz betrunkne Späße machten - Bis die Häuser hilflos wurden Und die stumme Stadt vergangen War in weiten
Feldern, die der Mond beschmierte ... Lenchen nahm aus ihrer Tasche Eine Kiste mit Zigarren, Zog sich weinend
Aus und rauchte ...
Schwärmerei
Paul sagte: Ach, wer doch ewig Auto fahren könnte -
Wir bohren uns durch hochgestielte Wälder, Wir überholen Flächen, die sich endlos schienen. Wir überfahren den Wind und überfallen die Dörfer, die flinken. Aber verhaßt sind uns die Gerüche der langsamen Städte -
Hei, wie wir fliegen! Immer den Tod entlang ... Wie wir ihn höhnen und ihn verspotten, der uns am Leben sitzt! Der uns die Gräben legt und alle Straßen krümmt - ha, wir verlachen ihn Und die Wege, die überwundenen, vergehen vor uns -
So werden wir die ganze Welt durchauteln ... Bis wir einmal an einem heitern Abend An einem starken Baum ein kräftges Ende finden.
Der Traurige
Nein, dies Leben faß ich nicht mehr an. Mag man mich für närrisch halten - Heute geh ich nicht ins Gasthaus. Müde bin ich längst der Kellnerkerle, Die uns mit blasierten Fratzen, Höhnisch, schwarze Biere bringen Und uns ganz verworren machen, Daß wir nicht nach Hause finden Und die törichten Laternen Mit den schwachen Händen stützen Müssen. Heute hab ich größre Dinge vor - Ach, ich will den Sinn des Daseins suchen.
Und am Abend werd ich etwas Rollschuh laufen Oder mal in einen Judentempel gehn.
Capriccio
So will ich sterben: Dunkel ist es. Und es hat geregnet. Doch du spürst nicht mehr den Druck der Wolken, Die da hinten noch den Himmel hüllen In sanften Sammet. Alle Straßen fließen, schwarze Spiegel, An den Häuserhaufen, wo Laternen, Perlenschnüre, leuchtend hängen. Und hoch oben fliegen tausend Sterne, Silberne Insekten, um den Mond - Ich bin inmitten. Irgendwo. Und blicke Versunken und sehr ernsthaft, etwas blöde, Doch ziemlich überlegen auf die raffinierten, Himmelblauen Beine einer Dame, Während mich ein Auto so zerschneidet, Daß mein Kopf wie eine rote Murmel Ihr zu Füßen rollt ...
Sie ist erstaunt. Und schimpft dezent. Und stößt ihn Hochmütig mit dem zierlich hohen Absatz Ihres Schuhchens In den Rinnstein -
Der Türke
Ein ganz und gar perverser Türke kaufte sich Aus Trauer über den erst jüngst erfolgten Tod Der fetten Fatme, seines Lieblingsweibes, Bei seinem Mädchenhändler zwei noch ziemlich gut erhaltne - Man kann fast sagen: beinah nagelneue - Und eben frisch aus Frankreich importierte, Ehemalge Mannequins. Als er sie hatte, sang er, sich zur Feier: Setzt euch doch auf meine Schenkel. Fasset mich um meine Lenden. Streichelt mit den süßen Zungen Mir die weinerlichen Wangen. Ach, ihr habt so schön geschmückte Augen und so helle Hände, Müdeste von meinen Frauen, Und so lange, laue Beine. Morgen kauf ich sechs Paar neue Strümpfe euch aus dünnster Seide Und dazu ganz kleine schwarze Sammetschuhchen. Und am Abend sollt ihr tanzen Ganz verlogne, weiche Tänze In den kleinen Sammetschuhchen Und den neuen seidnen Strümpfen. In dem Garten. Vor der Sonne. Dicht am Wasser. Doch zur Nacht laß ich euch peitschen Von vier lächelnden Eunuchen.
Der Barbier des Hugo von Hofmannsthal
So steh ich nun die trüben Wintertage Von früh bis spät und seife Köpfe ein, Rasiere sie und pudre sie und sage Gleichgültge Worte, dumme, Spielerein. Die meisten Köpfe sind ganz zugeschlossen, Sie schlafen schlaff. Und andre lesen wieder Und blicken langsam durch die langen Lider, Als hätten sie schon alles ausgenossen. Noch andre öffnen weit die rote Ritze Des Mundes und verkünden viele Witze.
Ich aber lächle höflich. Ach, ich berge Tief unter diesem Lächeln wie in Särge Die schlimmen, überwachen, weisen Klagen, Daß wir in dieses Dasein eingepreßt, Hineingezwängt sind, unentrinnbar fest Wie in Gefängnisse, und Ketten tragen, Verworrne, harte, die wir nicht verstehen. Und daß ein jeder fern sich ist und fremd Wie einem Nachbar, den er gar nicht kennt. Und dessen Haus er immer nur gesehen hat.
Manchmal, während ich an einem Kinn rasiere, Wissend, daß ein ganzes Leben In meiner Macht ist, daß ich Herr nun bin, Ich, ein Barbier, und daß ein Schnitt daneben, Ein Schnitt zu tief, den runden frohen Kopf, Der vor mir liegt [er denkt jetzt an ein Weib, An Bücher, ans Geschäft] abreißt von seinem Leib, Als wäre er ein lockrer Westenknopf - Dann überkommts mich. Plötzlich ... Dieses Tier. Ist da. Das Tier ... Mir zittern beide Knie.
Und wie ein kleiner Knabe, der Papier Zerreißt [und weiß es nicht, warum], Und wie Studenten, die viel Gaslaternen töten, Und wie die Kinder, die so sehr erröten, Wenn sie gefangner Fliegen Flügel brechen, So möchte ich oft wie von ungefähr, Wie wenn es eine Art versehen wär, An solchem Kinn mit meinem Messer ritzen. Ich säh zu gern den roten Blutstrahl spritzen.
Frühling
Ein gewisser Rudolf rief:
Ich hab' viel zu viel gegessen. Ob's bekömmlich ist sehr fraglich. Nach so fettem Mittagessen Fühl' ich mich recht unbehaglich.
Doch ich rülpse hübsch und rauche Zigaretten hin und wieder. Liegend auf dem schweren Bauche Pieps ich lauter Frühlingslieder.
Sehnsuchtsvoll wie auf der Rampe Quietscht die Stimme aus der Kehle. Und wie eine alte Lampe Blakt der Wind die saure Seele.
Wüstes Schimpfen eines Wirtes
Es ist, um die Stühle durch die Spiegelscheiben auf die Straße zu hauen - Da sitz ich nun mit hochgezognen Augenbrauen: Alle Gasthäuser sind voll, Mein Gasthaus ist leer - Ist das nicht toll ... Ist das nicht merkwürdig ... Ist das nicht zum Kotzen ... Die dämlichen Spießer - die elenden Protzen - Bei mir geht jeder vorbei ... Verfluchte Schweinerei ... Dazu verbrenne ich Gas und elektrische Flammen - Möge mich Gott und Teufel verdammen: Donnerwetter ... Warum ist gerade mein Gasthaus leer ... Mürrische Kellner stehen vorwurfsvoll umher - Was kann ich denn dafür - Kein Aas kommt zur Tür - In engster Ecke sitz ich mit sehnsüchtgem Gesicht. Gäste kommen nicht. - - Das Essen verdirbt, der Wein und das Brot. Am liebsten machte ich die Bude zu. Und weinte mich tot ...
Ärgerliches Mädchen
Es ist schon spät. Ich muß verdienen. Aber die gehn heute alle vorbei mit blasierten Mienen. Nicht einen Glücksgroschen wolln sie mir geben. Es ist ein jämmerliches Leben. Komme ich ohne Geld nach Haus, Wirft mich die Alte hinaus. Fast kein Mensch ist auf der Straße mehr. Ich bin todmüde und friere sehr.
So elend zumute war mir noch nie. Ich laufe umher wie ein Stück Vieh. Da endlich kommt drüben einer an: Ein ganz anständig angezogener Mann - Doch auf das Äußere darf man in diesem Leben Nicht viel geben. Er ist auch schon älter. [Die haben mehr Geld, Von den Jungen wird man eher geprellt.] Er ist mir vis-à-vis. Ich heb die Kleddage bis über das Knie. Ich kann mir dies leisten. Es zieht am meisten. Die Kerle kommen wie Fliegen Ins Licht zu uns Ziegen ... Der Kavalier bleibt wirklich drüben stehen. Er glotzt. Er winkt. Ich will schon bei ihm hingehn ... Ich denke: der wird mir ein großes Goldstück schenken. Dann besauf ich mich heimlich mit teuren Getränken. Das ist noch das schönste: einmal - allein Still für sich besoffen sein -
Oder ich kann neue Schuhe kaufen ... Muß nicht mehr in gestopften Strümpfen laufen - Oder ... ich geh einmal nicht auf den Bummel hinaus. Und ruhe mich von den Kerlen aus - Oder ... ach, ich freu mich schon so ... Ich bin so froh - Da kommt die Kitti an. Und versaut den Mann.
Der Angetrunkene
Man muß sich so sehr hüten, daß man nicht Ohn jeden Anlaß aufbrüllt wie ein Tier. Daß man der ganzen Kellnerschaft Gesicht Nicht kurz und klein haut, übergießt mit Bier.
Daß man sich nicht die ekle Zeit verkürzt, Indem man sich in einen Rinnstein legt. Daß man sich nicht von einer Brücke stürzt. Daß man dem Freund nicht in die Fresse schlägt.
Daß man nicht plötzlich unter Hundswauwau Die Kleider sich vom feisten Leibe reißt. Daß man nicht irgendeiner lieben Frau Den finstern Schädel in die Schenkel schmeißt.
Ein Generalleutnant singt:
Ich bin der Herr Divisionskommandeur, Seine Exzellenz. Ich habe erreicht, was menschenmöglich ist. Ein schönes Bewußtsein. Vor mir beugen das Knie Hauptleute und Regimentschefs, Und meine Herren Generäle Horchen auf meinen Befehl. Wenn Gott will, beherrsche ich nächstens Ein ganzes Armeekorps. Frauen, Theater, Musik Interessieren mich wenig. Was ist das alles gegen Parademärsche, Gefechte. Wäre doch endlich ein Krieg Mit blutigen, brüllenden Winden. Das gewöhnliche Leben Hat für mich keine Reize.
Der Fall in den Fluß
Lene Levi lief besoffen Nächtlich in den Nebenstraßen Hin und wieder "Auto" brüllend.
Ihre Bluse war geöffnet, Daß man ihre feine, freche Unterwäsche und das Fleisch sah.
Sieben geile Männlein rannten Hinter Lene Levi her. *
Sieben geile Männlein trachten Lene Levi nach dem Leibe, Überlegend, was das kostet.
Sieben, sonst sehr ernste Männer Haben Kind und Kunst vergessen, Wissenschaft und die Fabrik.
Und sie rannten wie besessen Hinter Lene Levi her. *
Lene Levi blieb auf einer Brücke stehen, atemschöpfend, Und sie hob die wirren blauen
Säuferblicke in die weiten Süßen Dunkelheiten über Den Laternen und den Häusern.
Sieben geile Männlein aber Fielen Lenen in die Augen.
Sieben geile Männlein suchten Lene Levis Herz zu rühren. Lene Levi blieb unnahbar.
Plötzlich springt sie aufs Geländer, Dreht der Welt die letzte Nase, Jauchzend plumpst sie in den Fluß.
Sieben bleiche Männlein rannten, Was sie konnten, aus der Gegend.
Ein Armer singt:
Die waren feine Zeiten, als ich noch In seidnen Socken ging und Unterhosen hatte, Manchmal zehn Mark erübrigte, um mir Ein Weib zu mieten, tags mich langweilte Und Nacht für Nacht in Kaffeehäusern saß. Oftmals war ich so satt, daß ich Nicht wußte, was ich mir bestellen sollte.
B. Die Dämmerung
Die Dämmerung
Ein dicker Junge spielt mit einem Teich. Der Wind hat sich in einem Baum gefangen. Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich, Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.
Auf lange Krücken schief herabgebückt Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme. Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt. Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.
An einem Fenster klebt ein fetter Mann. Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen. Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an. Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.
Die Nacht
Verträumte Polizisten watscheln bei Laternen. Zerbrochne Bettler meckern, wenn sie Leute ahnen. An manchen Ecken stottern starke Straßenbahnen, Und sanfte Autodroschken fallen zu den Sternen.
Um harte Häuser humpeln Huren hin und wieder, Die melancholisch ihren reifen Hintern schwingen. Viel Himmel liegt zertrümmert auf den herben Dingen ... Wehleidge Kater schreien schmerzhaft helle Lieder.
Das Vorstadtkabarett
Verschweißte Kellnerköpfe ragen in dem Saal Wie Säulenspitzen hoch und übermächtig. Verlauste Burschen kichern niederträchtig, Und helle Mädchen blicken hübsch brutal.
Und ferne Frauen sind so sehr erregt ... Sie haben hundert rote runde Hände, Gebärdelose, große, ohne Ende Um ihren hohen bunten Bauch gelegt.
Die meisten Menschen trinken gelbes Bier. Verrauchte Krämer glotzen grau und bieder. Ein feines Fräulein singt gemeine Lieder. Ein junger Jude spielt ganz gern Klavier.
Die Fahrt nach der Irrenanstalt I
Auf lauten Linien fallen fette Bahnen Vorbei an Häusern, die wie Särge sind. An Ecken kauern Karren mit Bananen. Nur wenig Mist erfreut ein hartes Kind.
Die Menschenbiester gleiten ganz verloren Im Bild der Straße, elend grau und grell. Arbeiter fließen von verkommnen Toren. Ein müder Mensch geht still in ein Rondell.
Ein Leichenwagen kriecht, voran zwei Rappen, Weich wie ein Wurm und schwach die Straße hin. Und über allem hängt ein alter Lappen - Der Himmel ... heidenhaft und ohne Sinn.
In den Abend
Aus krummen Nebeln wachsen Köstlichkeiten. Ganz winzge Dinge wurden plötzlich wichtig. Der Himmel ist schon grün und undurchsichtig Dort hinten, wo die blinden Hügel gleiten.
Zerlumpte Bäume strolchen in die Ferne. Betrunkne Wiesen drehen sich im Kreise, Und alle Flächen werden grau und weise ... Nur Dörfer hocken leuchtend: rote Sterne -
Intérieur
Ein großer Raum - halbdunkel ... Tödlich ... Ganz verwirrt ... Aufreizend! ... Zärtlich ... Traumhaft ... Nischen, schwere Türen Und weite Schatten, die in blaue Winkel führen ... Und irgendwo ein Ton, der wie ein Sektglas klirrt.
Auf schwachem Teppich liegt ein breites Bilderbuch, Von grünem Deckenlicht verzerrt und übertrieben. Wie - weiche Kätzchen - fromm sich weiße Fräulein lieben! Vom Hintergrund ein Greis und seidnes Taschentuch.
Der Morgen
... Und alle Straßen liegen glatt und glänzend da. Nur selten hastet über sie ein fester Mann. Ein fesches Mädchen haut sich heftig mit Papa. Ein Bäcker sieht sich mal den schönen Himmel an.
Die tote Sonne hängt an Häusern, breit und dick. Vier fette Weiber quietschen spitz vor einer Bar. Ein Droschkenkutscher fällt und bricht sich das Genick. Und alles ist langweilig hell, gesund und klar.
Ein Herr mit weisen Augen schwebt verrückt, voll Nacht, Ein siecher Gott ... in diesem Bild, das er vergaß, Vielleicht nicht merkte - Murmelt manches. Stirbt. Und lacht. Träumt von Gehirnschlag, Paralyse, Knochenfraß.
Landschaft
(Zu einem Bild)
Mit allen Zweigen wirft ein schmaler Baum Um arme Kreuze Glanz der Dunkelheit. Die Erde dehnt sich schmerzlich schwarz und weit. Ein kleiner Mond rutscht langsam aus dem Raum.
Und bei ihm schweben fremd, unnahbar, groß Aeroplane himmelhin, hinauf! Sehnsüchtge Sünder glotzen gläubig auf Und reißen sich von ihren Gräbern los.
Das Konzert
Die nackten Stühle horchen sonderbar Beängstigend und still, als gäbe es Gefahr. Nur manche sind mit einem Mensch bedeckt.
Ein grünes Fräulein sieht oft in ein Buch. Und einer findet bald ein Taschentuch. Und Stiefel sind ganz gräßlich angedreckt.
Aus offnem Munde tönt ein alter Mann. Ein Jüngling blickt ein junges Mädchen an. Ein Knabe spielt an seinem Hosenknopf.
Auf einem Podium schaukelt sich behend Ein Leib bei einem ernsten Instrument. Auf einem Kragen liegt ein blanker Kopf.
Kreischt. Und zerreißt.
Der Winter
Von einer Brücke schreit vergrämt ein Hund Zum Himmel ... der wie alter grauer Stein Auf fernen Häusern steht. Und wie ein Tau Aus Teer liegt auf dem Schnee ein toter Fluß.
Drei Bäume, schwarzgefrorne Flammen, drohn Am Ende aller Erde. Stechen scharf Mit spitzen Messern in die harte Luft, In der ein Vogelfetzen einsam hängt.
Ein paar Laternen waten zu der Stadt, Erloschne Leichenkerzen. Und ein Fleck Aus Menschen schrumpft zusammen und ist bald Ertrunken in dem schmählich weißen Sumpf.
Die Operation
Im Sonnenlicht zerreißen Ärzte eine Frau. Hier klafft der offne rote Leib. Und schweres Blut Fließt, dunkler Wein, in einen weißen Napf. Recht gut Sieht man die rosarote Cyste. Bleiern grau
Hängt tief herab der schlaffe Kopf. Der hohle Mund Wirft Röcheln aus. Hoch ragt das gelblich spitze Kinn. Der Saal glänzt kühl und freundlich. Eine Pflegerin Genießt sehr innig sehr viel Wurst im Hintergrund.
Trüber Abend
Der Himmel ist verheult und melancholisch. Nur fern, wo seine faulen Dünste platzen, Gießt grüner Schein herab. Ganz diabolisch Gedunsen sind die Häuser, graue Fratzen.
Vergilbte Lichter fangen an zu glänzen. Mit Frau und Kindern döst ein feister Vater. Bemalte Weiber üben sich in Tänzen. Verzerrte Mimen schreiten zum Theater.
Spaßmacher kreischen, böse Menschenkenner: Der Tag ist tot ... Und übrig bleibt ein Name! In Mädchenaugen schimmern kräftge Männer. Zu der Geliebten sehnt sich eine Dame.
Sonntagnachmittag
Auf faulen Straßen lagern Häuserrudel, Um deren Buckel graue Sonne hellt. Ein parfümierter, halbverrückter kleiner Pudel Wirft wüste Augen in die große Welt.
In einem Fenster fängt ein Junge Fliegen. Ein arg beschmiertes Baby ärgert sich. Am Himmel fährt ein Zug, wo windge Wiesen liegen; Malt langsam einen langen dicken Strich.
Wie Schreibmaschinen klappen Droschkenhufe. Und lärmend kommt ein staubger Turnverein. Aus Kutscherkneipen stürzen sich brutale Rufe. Doch feine Glocken dringen auf sie ein.
In Rummelplätzen, wo Athleten ringen, Wird alles dunkler schon und ungenau. Ein Leierkasten heult und Küchenmädchen singen. Ein Mann zertrümmert eine morsche Frau.
Der Ausflug
(Kurt Lubasch gewidmet zum 15. 7. 1912)
Du, ich halte diese festen Stuben und die dürren Straßen Und die rote Häusersonne, Die verruchte Unlust aller Längst schon abgeblickten Bücher Nicht mehr aus.
Komm, wir müssen von der Stadt Weit hinweg. Wollen uns in eine sanfte Wiese legen. Werden drohend und so hilflos Gegen den unsinnig großen, Tödlich blauen, blanken Himmel Die entfleischten, dumpfen Augen, Die verwunschnen, Und verheulte Hände heben.
Sommerabend
Faltenlos sind alle Dinge, Wie vergessen, leicht und matt. Heilighoch spült grüner Himmel Stille Wasser an die Stadt.
Fensterschuster leuchten gläsern. Bäckerläden warten leer. Straßenmenschen schreiten staunend Hinter einem Wunder her.
... Rennt ein kupferroter Kobold Dächerwärts hinauf, hinab. Kleine Mädchen fallen schluchzend Von Laternenstöcken ab.
Die Fahrt nach der Irrenanstalt II
Ein kleines Mädchen hockt mit einem kleinen Bruder Bei einer umgestürzten Wassertonne. In Fetzen, fressend liegt ein Menschenluder Wie ein Zigarrenstummel auf der gelben Sonne.
Zwei dünne Ziegen stehn in weiten grünen Räumen An Pflöcken, deren Strick sich manchmal straffte. Unsichtbar hinter ungeheuren Bäumen Unglaublich friedlich naht das große Grauenhafte.
Ruhe
In müden Kreisen schwebt ein kranker Fisch In einem Tümpel, der auf Gräsern liegt. Beim Himmel lehnt ein Baum - verbrannt und krumm.
Ja ... die Familie sitzt um großen Tisch, Wo sie mit Gabeln aus den Tellern pickt. Allmählich wird man schläfrig, schwer und stumm.
Die Sonne leckt mit heißem, giftgem Maul Am Boden wie ein Hund - ein wüster Feind. Landstreicher fallen plötzlich spurlos um.
Ein Kutscher sieht besorgt auf einen Gaul, Der, aufgerissen, in der Gosse weint. Drei Kinder stehen still herum.
Gegen Morgen
Was kümmern mich die flinken Zeitungsjungen. Mich ängstet nicht das Nahen verspäteter Autotiere. Ich ruhe auf meinen schreitenden Beinen.
Verregnet ist mein Gesicht. Grünliche Reste der Nacht Kleben um meine Augen. So hab ich mich gern -
Wie die spitzen, heimlichen Wassertropfen auf tausend Wänden knacken. Von tausend Dächern plumpsen. Auf blinkenden Straßen hüpfen ... Und alle grämlichen Häuser Horchen auf ihren Ewigen Gesang.
Dicht hinter mir ist die brennende Nacht verdorben ... An meinem Rücken lagert ihr dunstiger Leichnam. Doch über mir fühl ich den rauschenden, Kühlen Himmel.
Siehe - ich bin vor einer Strömenden Kirche. Groß und still empfängt sie mich.
Hier will ich etwas verweilen. Versunken sein in ihre Träume. Träume aus grauer Glanzloser Seide ...
Unwetter
Erstarrter Mond steht wächsern, Weißer Schatten, Gestorbnes Gesicht, Über mir und der matten Erde. Wirft grünes Licht Wie ein Gewand, Ein faltiges, Auf bläuliches Land.
Aber vom Rand Der Stadt steigt sanft Wie fingerlose, weiche Hand Und furchtbar drohend wie Tod Dunkel, namenloses ... Wächst höher her Ohne Ton, Ein leeres, langsames Meer -
Erst war es nur wie eine müde Motte, die auf letzten Häusern kroch. Jetzt ist es schwarz blutendes Loch. Hat schon Die Stadt und den halben Himmel verschüttet.
Ach, wär ich geflohn! - Nun ist es zu spät. Mein Kopf fällt in die Trostlosen Hände Am Horizont ein Schein wie ein Schrei Kündet Entsetzen und nahes Ende.
Die Siechenden
Verschüttet ist unser Sterbegesicht Von Abend und Schmerzen und Lampenlicht.
Wir sitzen am Fenster und sinken hinaus, Fern schielt noch Tag auf ein graues Haus.
Unser Leben spüren wir kaum ... Und die Welt ist ein Morphiumtraum ...
Der Himmel senkt sich nebelblind. Der Garten erlischt im dunklen Wind -
Kommen die Wächter herein, Heben uns in die Betten hinein,
Stechen uns Gifte ein, Töten den Lampenschein.
Hängen Gardinen vor die Nacht ... Sind verschwunden sanft und sacht - - -
Manche stöhnen, doch keiner spricht, Schlaf versargt uns das Gesicht.
Nebel
Ein Nebel hat die Welt so weich zerstört. Blutlose Bäume lösen sich in Rauch. Und Schatten schweben, wo man Schreie hört. Brennende Biester schwinden hin wie Hauch.
Gefangne Fliegen sind die Gaslaternen. Und jede flackert, daß sie noch entrinne. Doch seitlich lauert glimmend hoch in Fernen Der giftge Mond, die fette Nebelspinne.
Wir aber, die, verrucht, zum Tode taugen, Zerschreiten knirschend diese wüste Pracht. Und stechen stumm die weißen Elendsaugen Wie Spieße in die aufgeschwollne Nacht.
Die Stadt
Ein weißer Vogel ist der große Himmel. Hart unter ihn geduckt stiert eine Stadt. Die Häuser sind halbtote alte Leute.
Griesgrämig glotzt ein dünner Droschkenschimmel. Und Winde, magre Hunde, rennen matt. An scharfen Ecken quietschen ihre Häute.
In einer Straße stöhnt ein Irrer: Du, ach, du - Wenn ich dich endlich, o Geliebte, fände ... Ein Haufen um ihn staunt und grinst voll Spott.
Drei kleine Menschen spielen Blindekuh - Auf alles legt die grauen Puderhände Der Nachmittag, ein sanft verweinter Gott.
Die Welt
(Einem Clown zugeeignet)
Viel Tage stampfen über Menschentiere, In weichen Meeren fliegen Hungerhaie. In Kaffeehäusern glitzern Köpfe, Biere. An einem Mann zerreißen Mädchenschreie.
Gewitter stürzen. Wälderwinde blaken. Gebete kneten Fraun in dünnen Händen: Der Herr Gott möge einen Engel senden. Ein Fetzen Mondlicht schimmert in Kloaken.
Buchleser hocken still auf ihrem Leibe. Ein Abend taucht die Welt in lila Laugen. Ein Oberkörper schwebt in einer Scheibe. Tief aus dem Hirne sinken seine Augen.
Prophezeiung
Einmal kommt - ich habe Zeichen - Sterbesturm aus fernem Norden. Überall stinkt es nach Leichen. Es beginnt das große Morden.
Finster wird der Himmelsklumpen, Sturmtod hebt die Klauentatzen: Nieder stürzen alle Lumpen, Mimen bersten. Mädchen platzen.
Polternd fallen Pferdeställe. Keine Fliege kann sich retten. Schöne homosexuelle Männer kullern aus den Betten.
Rissig werden Häuserwände. Fische faulen in dem Flusse. Alles nimmt sein ekles Ende. Krächzend kippen Omnibusse.
Straßen
Viel Himmel liegt auf allen singenden Einsamen Straßen im Laternenscheine. Ich schwing im Winde über graue Steine, Die spiegeln meinen Schritt, den klingenden.
Ich spüre an der Stirne eiligen Verhauch von gelben und von dunklen Dingen. Ich will die Nacht mit Träumerein verbringen. Ich fühl den Mond ... grüngoldnen Heiligen.
Winterabend
In gelben Fenstern trinken Schatten heißen Tee. Sehnsüchtge wiegen sich auf hartem Schimmerteiche. Arbeiter finden eine sanfte Damenleiche. Johlende Dunkle werfen glimmend blauen Schnee.
An hohen Stangen hängt, verfleht, ein Streichholzmann. Kaufläden flackern trüb durch frostbeschlagne Scheiben, Vor denen Menschenleiber wie Gespenster treiben. Studenten schneiden ein erfrornes Mädchen an.
Wie lieblich der kristallne Winterabend brennt! Schon strömt ein Platinmond durch eine Häuserlücke. Bei grünlichen Laternen unter einer Brücke Liegt ein Zigeunerweib. Und spielt ein Instrument.
Mädchen
Sie halten den Abend der Stuben nicht aus. Sie schleichen in tiefe Sternstraßen hinaus. Wie weich ist die Welt im Laternenwind! Wie seltsam summend das Leben zerrinnt..
Sie laufen an Gärten und Häusern vorbei, Als ob ganz fern ein Leuchten sei, Und sehen jeden lüsternen Mann Wie einen süßen Herrn Heiland an.
Nach dem Ball
Die Nacht kriecht in die Keller, muffig matt. Glanzkleider torkeln durch der Straßen Schutt. Gesichter sind verschimmelt und kaputt. Kühl brennt der blaue Morgen auf der Stadt.
Wie bald Musik und Tanz und Gier zerrann ... Es riecht nach Sonne. Und der Tag beginnt Mit Schienenwagen, Pferden, Schrei und Wind. Ein Mann streicht einen Herrenrumpf grau an.
Alltag und Arbeit staubt die Menschen ein. Familien fressen stumm ihr Mittagsmahl. Durch einen Schädel schwingt noch oft ein Saal, Viel dumpfe Sehnsucht und ein Seidenbein.
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