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Mischka an der Theiss
In dem Lande der Magyaren, Wo der Bodrog klare Wellen Mit der Tissa grünen, klaren, Freudig rauschend sich gesellen, Wo auf sonnenfrohen Hängen Die Tokayertraube lacht: Reiten lustig mit Gesängen Drei Husaren in der Nacht. Und der Fischer, der die leisen Netze warf im Mondenstrahl, Hört vergnügt die Heldenweisen Klingen weithin durch das Tal, Höret durch des Liedes Pausen Hellen Schlag von Rosseshufen Und des Stromes Wellen brausen Und das Echo ferne rufen. Bald entschwunden sind die Lieder Und der Waffen heller Schein, Und es hört der Fischer wieder Rauschen nur den Strom allein. "Haben doch ein schönes Leben, Diese flüchtigen Husaren! Zwischen Freuden und Gefahren Hoch zu Rosse hinzuschweben, Jubelnd in die Schlacht zu fliegen Und zu sterben oder siegen Für das Vaterland, den König! Ach, dem Fischer ziehn die Tage Mit dem dumpfen Wellenschlage Arm vorüber und eintönig!" Also denkt in stillem Sinnen Dort der Fischer trübgemut, Sieht des Stromes muntre Flut Mondbestrahlt hinunter rinnen. Wie er starret in die Wellen, Malt die Sehnsucht ihre Träume In die schwanken lichten Räume Ihrem nächtlichen Gesellen, Und er schaut im Wellentanze Kriegesszenen mancherlei, Männer ziehn im Waffenglanze, Und es rauscht die Schlacht vorbei; Und ihm deucht, ob aus den Tiefen Fernverworrne Stimmen riefen, Kampfgetös, Trommetenklänge, Feindesflucht und Siegsgesänge. - Und der Fischer träumt noch lange Sich ein froh Husarenleben, Er vergißt, das Netz zu heben Und zu sehn nach seinem Fange. - Ferne reiten schon die drei In dem Tale von Tokay. Sie verstummten allgemach, Still für sich ein jeder zieht, Lauscht den Stimmen, die das Lied Rief in seinem Herzen wach. Wie sie reiten, wie sie schweigen In dem schönen Tokaytal, Bringen Winde Mal auf Mal Klänge her von fernen Geigen. "Zimbalschlag mit Geigenklängen, Das ist Mischka, seine Bande!" Ruft der eine, und sie sprengen Schnell zur Schenk am Tissastrande, Von den Rossen abgesprungen Sind sie schnell, und klirrend ein Treten die drei Reiterjungen: "Mischka, streiche! Wirt, gib Wein!" Manche Geige mag im schönen Lande der Magyaren tönen, Doch im Land die Geige keiner Spielt wie Mischka, der Zigeuner. Wohlgefällig trifft des Alten Blick die hohen Mannsgestalten, Ihre schmucken, schimmerblanken Waffen und Husarenputz; Auf dem Haupt, voll Kraft und Trutz, Federbüsche drohend schwanken. Mischka steht von seinem Sitz, Schwingt den Wein zum Gruß empor, Aus den schwarzen Locken vor Fährt ein froher Augenblitz: "Die Husaren sollen leben!" Ruft der Geiger; "Krieg solls geben!" Rufen die drei Schwertgenossen, Eilen mit ihm anzustoßen. "Hab in meinen Jugendtagen, Denen ich nachhinke jetzt, Auch mein Reiterschwert gewetzt, Eh die Kugel mich geschlagen, Focht in euren tapfern Scharen; Mancher Franzmann mußte reisen, Dem mein scharf Husareneisen Zwischen Leib und Seel gefahren!" Also spricht der Mischka heiter An die jungen Ungarreiter; Drauf er rasch die Geige nimmt, Scharfgenau die Saiten stimmt, Gibt dem Bogen noch des Harzes, Und sein Haar, sein langes, schwarzes, Wirft er schüttelnd ins Genick, Drückt die Fiedel unters Kinn, Und sein dunkler Feuerblick Winkt der Bande zum Beginn. Mischka voll und langsam zieht Ein uraltes Schlachtenlied Das vor manchen hundert Jahren Klang versunknen Heldenscharen, Das mit seiner wilden Klage Aufgefacht den Kriegesmut, Als die Ungarn ihre Tage Tränkten noch mit Türkenblut, Als sie speisten ihre Nächte, Mit gehäuften Türkenleichen, Weil des Wahnes grimme Knechte Drohten allen Christenreichen. - Schneller brausen jetzt die Töne, Kühner Herzen wilde Söhne; Ihren ungestümen Reigen Führen die verwegnen Geigen, Mischkas Geige doch vor allen Hört man aus dem Kampfe schallen. Und des Zimbals Hämmer pochen, Bald wie Sturm hereingebrochen, Bald hinsäuselnd durch die Saiten, Hörbar kaum, wie nach der Schlacht Frühlingswinde in der Nacht Durch die Wahlstatt flüsternd gleiten, Heiße Todeswunden kühlend, Mit dem Haar der Leichen spielend. Aber langsam, ernst und trübe In der Tiefe wühlt der Baß, Ob er dort dem wilden Haß Grab an Grab im Boden grübe. - Ha! wie tanzen die Husaren, Echte Söhne der Magyaren! In der Freude Sturmeswogen Unaufhaltsam fortgezogen Von des Klanges dunkeln Mächten, Schwingen sich die Starken, Flinken, Hoch die Flasche in der Linken, Hoch den Säbel in der Rechten. Und den Reitern durch die Kehlen Strömt im Tanz das süße Feuer, Strömt der herrliche Tokayer, Wie das Lied durch ihre Seelen. Nach dem Takt der kühnen Weisen Klirrt der Sporen helles Eisen, Und im Takt des Tanzes singen Lassen sie die Säbelklingen. Wie sie jetzt die Faust empören, Im Gebrauch aus alten Tagen, Und beim Schwertzusammenschlagen Haß und Tod den Türken schwören! Wilder stets Musik erwacht; Rasen die Zigeunerleute? Werden sie der Übermacht Ihres Liedes selbst zur Beute? Horch, wie scherzend, horch, wie klagend Und das Herz von hinnen tragend, Mischkas Wundergeige waltet, Durch und durch die Seele spaltet. Diese bangen, diese süßen, Zauberhaften Töne müssen In das Land der Schatten dringen Und die Toten wiederbringen. Dieses Zittern seiner Saiten Ist das Schwanken einer Brücke, Drauf zurück zum Erdenglücke Sehnsuchtsvoll die Geister schreiten, Drauf der Helden Geister wallen, Treu der Heimat süßem Drange, Die bei dieses Liedes Klange In der Vorzeit sind gefallen; Und sie schweben und sie schwanken Um die Tänzer ungesehen, Ihnen an die Stirn zu wehen Flammenhelle Schlachtgedanken, Sie mit Träumen zu berücken, In die Vorwelt zu entzücken. Plötzlich stürzen die Husaren An den Strand hinaus mit Macht, Und sie rasen in die Nacht: "Wo? wo sind die Türkenscharen?" Hauen pfeifend in die Luft; Doch kein 'Allah!' Antwort ruft. Nur die Tissa ist noch munter, Zieht dahin mit dumpfem Brausen, Und des Ufers Büsche sausen; Friedlich strahlt der Mond herunter.
Mischka an der Marosch
1
Von der Theiß, der klaren, fischereichen, Ist der Geiger Mischka hingezogen, Wo der Marosch barsche Wogen Brausend durch beschäumte Klippen streichen.
Der Zigeuner wandert, arm und heiter, In die Ferne, Fremde, fort und weiter; Wenn er auch am Wohlgeschmack der Erde Karg und selten nur sich weidet, Ist ihm jeder Ort doch bald entleidet, Und was heimisch, wird ihm zur Beschwerde; Wenig brauchend kommt und geht Dieser fiedelnde Aszet.
Mischkas Hüttlein mit dem Halmendach Ragt empor vom Grund nur wenig Spannen, Und vorüber wild und jach Stürzt die Marosch durch die Felsen, Tannen.
Horch, wie rauschen Mischkas helle Saiten Unter diesen Halmen, die vorzeiten Bei dem Klang der Lerchenlieder Auf dem Feld sich wiegten hin und wider.
Nicht allein an Schall und süßen Weisen Ist dies niedre Hüttlein reich zu preisen; Strahlen hegt es auch in Fülle, Wie sie aus den schönsten Welten Uns herüber, flüchtig, selten, Leuchten durch die Menschenhülle.
Mischkas treues Liebchen ruht im Grabe; Doch sie ließ zur Abschiedsgabe Seines Glücks ihm einen teuren Rest, Daß sein Herz sich minder härme; Wie die holde Sommerwärme Sterbend ihre Frucht uns läßt.
Mischka geigt, und seine hellen Töne Trägt hinaus der Abendwind; Vor der Hütte steht die wunderschöne Mira, das Zigeunerkind.
Die vom Abendrot Geküßte Ist vom leichten West umflogen, Und es flattert um der Brüste Melodiegeschwellte Wogen Ihres Haars gelockte Nacht; O, wenn diese schöne Brust erwacht!
Dieses Busens keusche Wellen, Die noch Liebe nie empfanden, Selig, wem sie einst entgegenschwellen Und ans Herz im Sturm der Liebe branden! Selig, wer aus diesen schwarzen Augen Darf den ersten Blitz der Leidenschaft Und aus diesem Mund ein Flüstern saugen, Süß und wonneirr und zauberhaft, Daß der Cherub beim Gesang der Worte Sinkt in Schlummer an des Edens Pforte! Bald doch, bald die Worte unter Küssen In ein süßres Leben sterben müssen! - Also glühen die Gedanken Durch die Brust dem Liebeskranken; Einsam dort am Waldessaume, Harrt und lauscht er unterm Baume, Ob kein Rascheln aus dem Tannengrunde Ihm ein Wild verrät, zur Abendstunde Sachte auf den freien Anger schreitend, Freundlich aus dem Wald den Tag begleitend.
Und er stellt dem Liebesglück ein Zeichen: Wenn ich heut ein edles Wild noch schieße, Werd ich meinen heißen Wunsch erreichen, Daß ich sie in meine Arme schließe.
Sieh dort eine braune Wohlgestalt, Ruhig kommt ein Hirsch dort aus dem Wald, Daß der Jäger kann die Enden zählen: "Sechzehn! - sollens ihre Jahre sein? Gott der Liebe, laß mich jetzt nicht fehlen! Ha! er stürzt, halloh! nun ist sie mein!"
2
Mischka spielt zu einem Hochzeitreigen, Lustgelächter, Sporen, Gläser, Geigen Brausen wild im Edelhaus zusammen; Und die Tänzer schießen durcheinander, Um das Brautpaar, sturmgejagte Brander Auf dem Meer der Lust in hellen Flammen.
Trauben, die des Sommers Strahl und Glut Eingesogen in ihr Blut, Strömen den empfangnen Himmel wieder Den Magyaren in die Glieder. Frauen, prangend in der Jugend Glanz, Schwebend durch den Saal im raschen Tanz, Und im Fluge heller Liebesblicke Zünden sich die seligsten Geschicke.
Ha! Musik! wie waltet Mischkas Bogen! In den Rausch wird jedes Herz gezogen, Jeder Tropfen Weines scheint zu klingen, Jedes schöne Auge laut zu singen.
Ist die Braut auch schon entschleiert, Noch drei Tage, noch drei Nächte Wird die Hochzeit fortgefeiert Von dem freuderüstigen Geschlechte.
3
Während Mischka geigt im Edelhause, Schleicht ein Mann zur strohgedeckten Klause. Mira steht allein und sinnend, Ihrem Vater eine Saite spinnend, Und sie hört, schon will der Abend dämmern, An der Tür, erstaunt, ein leises Hämmern. "Ach, wer pocht?" so ruft die Maid beklommen, "Räubern kann ihr Frevel hier nichts frommen, Und der Bettler fürchtet, bei so Armen Koste ihm ein Scherflein sein Erbarmen!"
Doch sie hört um Einlaß Worte bitten Von so sicher weichem Klange, Mit so süßem Schmeichelzwange, Daß sie öffnen geht mit schnellen Schritten; Einen schönen Jüngling vor sich stehen Sieht sie, wie sie keinen noch gesehen.
Und er spricht, ihr huldigend, die Worte: "Ja, ein Bettler kam an deine Pforte, Ach, ein Bettler ist es, schmerzlich darbend, Doch nicht Geld, noch Brot, kein Labekrug, Du nur, du allein bist ihm genug; Wund ist mir das Herz und nie vernarbend.
Seit ich dich erblickt, du schönste Maid, Treibt mich rastlos irr mein Liebesleid. Wenn ich jage, gleich ich selbst dem Wild, Überall gejagt von deinem Bild. Wie das Wild, verfolgt, zum Schatten trachtet, Wie es blutend nach der Quelle schmachtet, Zieht es mich zu deinen Füßen nieder, In den Schatten deiner Augenlider, Glüht die Seele, vor dir hinzusinken Und ein holdes Wort von dir zu trinken. Peinlich scheint mir nun mein wildes Roß Unter meinen Wünschen hinzuschleichen, Wenn mein Sporn ihm stachelt in die Weichen, Daß es hinbraust wie ein Wetterstoß, Schleudernd blanken Schaum aufs Heidekraut, Und die Rossehirten jubeln laut. Wenn die Kerzen der Kapelle brennen Und der Priester opfert am Altare, Bete ich von Gott, du Wunderbare, Namen nur, die deine Reize nennen. Dein gedenk ich wachend und im Schlafe, Jeder Traum, von Liebesschmerz gebunden, Ruft nach dir und klagt dir seine Wunden, Wie nach seiner Heimat weint der Sklave!"
Mira spricht, indem sie hold errötet: "Sind, o Jüngling, deine Worte wahr, Werd ich sein glückselig immerdar; Täuschen sie, so hast du mich getötet. Eines edlen Stamms du schöner Sprosse, Nach der Niedern treibt dich ein Verlangen; Doch du mußt, hat dich mein Arm umfangen, Bleiben bis zum Grabe mein Genosse!"
Wie im Land, von wannen Mira stammt, Dort in Indien heiß die Sonne flammt, Süße Frucht mit schnellem Strahle reifend, Also urgewaltig, schnell ergreifend Ist ins Herz die Liebe ihr gedrungen, Weinend ist sie ihm ans Herz gesprungen.
Hochzeit jubelt dort im Edelhause, Offen, mit Gepränge und Gebrause; Hier im Hüttlein still und schlicht, allein, Kaum belauscht von einem Dämmerschein, Welchen durch der Scheiben trübe Blenden Sterne nach dem Erdenhimmel senden. Hochzeit feiernd, hat im Haus die Stille Mit dem Dunkel traulich sich verschwistert, Nur das Stroh des Lagers, wenn es knistert, Spielt Musik, und zirpend eine Grille. Vieles wird mit Worten süß begonnen Und vollendet in des Kusses Wonnen. Und vorüber braust an Wort und Kuß Draußen durch die Nacht der wilde Fluß. Nur zuweilen ruhn und horchen beide Nach der Marosch ungestümen Wellen, Wie einst von der Paradiesesweide Aufgelauscht das Wild den Tigrisquellen.
4
Niemand kann verlernen Harrens Schmerzen Einem sehnsuchtsvollen Frauenherzen Je vergelten, niemand ihr vergüten, Was in solchen unermeßnen Stunden Still der Wurm genagt von ihren Blüten, Der auch nicht, um den sie es empfunden. Wenn er dann auch stürzt zu ihren Füßen, Wenn er unter Tränen, tausend Küssen Leiden und versäumtes Glück beklagt; Schmerz hat weh getan, der Wurm genagt. Aber mancher kehret nie mehr wieder, Drückt er auch ein Herz zum Grabe nieder.
Mira! herrliches Zigeunerkind! Schnell hast du geliebt und welkst geschwind. Er verriet, verließ dich feigen Mutes, Weil die Liebe, die sein Herz verschönt, Ward in einer Schilderei verhöhnt Von den Adeligen seines Blutes. Eines Morgens kam in goldnem Rahmen Ihm ein Bild, und das entreißt dir ihn, Weils dich schmäht; auch hat er schon dahin Schnellgesprochner Liebe süßes Amen.
Stattlich zeigt das Bild auf breitem Raum Seinen altberühmten Wappenbaum, Wie der Stamm sich spreitet, herrlich ragend, Ruhm und Glanz auf jedem Zweige tragend. Neben solchem Baume, hehr und stolz, Steht ein schlechtes, dürres Galgenholz, Galgen hinter Galgen ist zu schauen, Nach des Bildes Tiefe immer kleiner, Gleichsam schindend in der Vorzeit Grauen, Und an jedem hangend ein Zigeuner; Und zerstreut im grausen dürren Walde Sind viel schwarze Raben als Heralde; Andre, auf dem Stammbaum, breit sich setzend, An den Wappen sich den Schnabel wetzend.
5
Mira wird mit jedem Tage blasser, In den tiefsten Wald, auf Wildesbahnen Flieht sie, wenn der Marosch laute Wasser Sie zu schmerzlich jener Nacht gemahnen.
Mischka klagt, doch fern, daß er verdamme Seines Kindes unglückselge Triebe, Weil bei ihm und seinem wilden Stamme Frei und heilig gilt des Menschen Liebe.
Weinend sinkt sie oft am stillen Teiche Vor den Göttern hin um Trost und Hilfe; Und so fand man sie, das starre, bleiche Antlitz eingedrückt dem grünen Schilfe. Und der Jüngling, der ein Herz gebrochen, Läßt ein andres schon an seinem pochen.
Mischka stiehlt sich in den Stall des Grafen Mitternachts - die müden Knechte schlafen -, Leise tastend schleicht der Pferdekenner, Prüfend Mähn und Schweif, von Roß zu Roß, Bis sein Griff erkennt den schnellsten Renner, Drauf der Graf jüngst durch die Heide schoß; Und er schneidet sacht mit scharfer Schere Haare aus dem Schweif der edlen Mähre, Zu behaaren seinen Fiedelbogen, Denn es kommt die Hochzeit angezogen; Mischka hat, bevor ers Freie sucht, Still des Rosses Hufe noch verflucht.
6
Wieder soll zu einem Hochzeitreigen Der Zigeuner frische Tänze geigen; Zimbal, klinge hell vom Hammerschlage! Klarinette, schmettre ins Gelage!
Im Husarenwams, vielfach geflickt, Mit verblichnem Golde reich gestickt Und geziert mit mottenhaftem Brame, Nähert Mischka sich dem Bräutigame. Und er spricht mit bückendem Verneigen: "Möcht es Eurer Herrlichkeit gefallen, Eh die frischen Tänze hier erschallen, Mich zu hören erst ein Solo geigen. Damit möcht ich Eure Gunst erwerben; Habs zu Eurem Ehrentag erfunden, Schön ists, Herr, so herzlich tief empfunden, Daß vor Lust der Hörer möchte sterben."
"Sei gewährt der Bitte", spricht der Graf, Den das Auge des Zigeuners traf, Hell, wie eines Seelendolches Blinken, "Spiele, sollst dafür Tokayer trinken!" -
Stille wird der Saal, wie Miras Gruft; Alles hat um Mischka sich geschart, Und er läßt den Bogen, frisch behaart, Wie versuchend, sausen durch die Luft. Plötzlich streicht er durch die Saiten alle Und durch alle Herzen, schnell bemeistert; Seine Geige in der Freudenhalle Hat zur Rachegöttin sich begeistert. Frevler! horch! in diesem süßen Liede Säuselt und verweht der Unschuld Friede; - Hörst du, wie der Blitz der Liebe zündet? Wie ihr ganzes Herz in deines mündet? - Jener Brautnacht unermeßne Wonnen, Wie sie in ein Meer von Schmerz zerronnen? - Stürmen hörst du der Verlaßnen Klagen; Hörst den Wurm an ihrer Blüte nagen; - Horch, wie sie, zum Tod schon auf der Flucht, Weinend dich durch alle Wälder sucht; Wie sie alle Götter ruft um Hilfe, Bis sie tot zusammenbricht im Schilfe. - Furchtbar läßt der Alte deinem Lauschen Durch die Saiten die Vergeltung rauschen! - Aus dem Saal ist jede Lust gewichen, Dunkles Weh durch alle Herzen schlägt; Und nicht wissend, was sie tief bewegt, Hat die Braut sich weinend fortgeschlichen.
Von der Macht gejagt des Racheschalls, Eilt der junge Bräutigam zu Rosse, Sprengt in finstrer Nacht aus seinem Schlosse, Stürzt und bricht im Graben sich den Hals.
Die Zigeuner leeren ihre Neige, "Gute Nacht!" - Früh sieht ein Hirtenknab Mischka stehn an seines Kindes Grab Und hinein verscharren seine Geige. Meisterlos zerstreut sich seine Bande, Und fortan sah niemand ihn im Lande.
Beethovens Büste
Traurig kehrt ich eines Abends In mein einsam düstres Zimmer, Überraschend drin entgegen Blinkte mir ein Freudenschimmer.
Mit dem sichern Blick der Liebe Hatt ein Freund den Spalt getroffen, Wo des Unmuts düstre Zelle Blieb dem Strahl der Freude offen.
Ha! ich fand des Mannes Büste, Den ich höchst als Meister ehre Nebst dem schroffen Urgebirge Und dem grenzenlosen Meere.
Ein Gewitter in den Alpen, Stürme auf dem Ozeane Und das große Herz Beethovens, Laut im heiligen Orkane,
Sind die Wecker mir des Mutes, Der das Schicksal wagt zu fodern, Der den letzten Baum des Edens Lächelnd sieht zu Asche lodern.
Kämpfen lern ich ohne Hassen, Glühend lieben und entsagen, Und des Todes Wonneschauer, Wenn Beethovens Lieder klagen;
Wenn sie jubeln, Leben schmetternd, Daß die tiefsten Gräber klüften Und ein dionysisch Taumeln Rauschet über allen Grüften.
Wenn sie zürnen, hör ich rasseln Menschenwillens heilge Speere, Und besiegt zum Abgrund, heulend, Flüchten die Dämonenheere. -
Sanftes Wogen, holdes Rieseln; Sind des Weltmeers kühle Wellen Süß beseelt zu Liebesstimmen? Wie sie steigen, sinken, schwellen!
Auf der glatten Muscheldiele Halten Nixen ihren Reigen, Keime künftger Nachtigallen Träumen auf Korallenzweigen.
Horch! noch leiser! dem Naturgeist Abgelauschte Lieder sind es, Die er flüstert in das erste Träumen eines schönen Kindes;
Die er spielt auf Mondstrahlsaiten, Ob dem Abgrund ausgespannten, Deren Rhythmen in der Erdnacht Starren zu Kristallenkanten;
Und nach deren Zaubertakten Rose läßt die Knospe springen, Kranich aus des Herbstes Wehmut Lüftet seine Wanderschwingen. -
Ach, Coriolan! vorüber Ist das Ringen, wilde Pochen, Plötzlich sinds die letzten Töne, Dumpf verhallend und gebrochen.
Wie der Held im schönen Frevel Überstürmte alle Schranken, Dann - der tragisch Überwundne Stehn geblieben in Gedanken.
Sinnend starrt er in den Boden, Sein Verhängnis will Genüge; Fallen muß er, stummes Leiden Zuckt um seine edlen Züge. -
Horch! im Zwiespalt dieser Töne Klingt der Zeiten Wetterscheide, Jetzo rauschen sie Versöhnung Nach der Menschheit Kampf und Leide.
In der Symphonien Rauschen, Heiligen Gewittergüssen, Seh ich Zeus auf Wolken nahn und Christi blutge Stirne küssen;
Hört das Herz die große Liebe Alles in die Arme schließen, Mit der alten Welt die neue In die ewige zerfließen.
Die Drei
Drei Reiter nach verlorner Schlacht, Wie reiten sie so sacht, so sacht!
Aus tiefen Wunden quillt das Blut, Es spürt das Roß die warme Flut.
Vom Sattel tropft das Blut, vom Zaum, Und spült hinunter Staub und Schaum.
Die Rosse schreiten sanft und weich, Sonst flöß das Blut zu rasch, zu reich.
Die Reiter reiten dicht gesellt, Und einer sich am andern hält.
Sie sehn sich traurig ins Gesicht, Und einer um den andern spricht:
"Mir blüht daheim die schönste Maid, Drum tut mein früher Tod mir leid."
"Hab Haus und Hof und grünen Wald, Und sterben muß ich hier so bald!"
"Den Blick hab ich in Gottes Welt, Sonst nichts, noch schwer mirs Sterben fällt."
Und lauernd auf den Todesritt Ziehn durch die Luft drei Geier mit.
Sie teilen kreischend unter sich: "Den speisest du, den du, den ich."
Welke Rose
In einem Buche blätternd, fand Ich eine Rose welk, zerdrückt, Und weiß auch nicht mehr, wessen Hand Sie einst für mich gepflückt.
Ach, mehr und mehr im Abendhauch Verweht Erinnrung; bald zerstiebt Mein Erdenlos, dann weiß ich auch Nicht mehr, wer mich geliebt.
Johannes Ziska
Bilder aus dem Hussitenkriege
1
Ruhig ist der Wald bei Trocznow In der abendlichen Stunde, Alle Wipfel sind so stille, Wie die Wurzeln tief im Grunde.
In Gedanken naht ein Reiter, Um den Arm den Zaum geschlungen, Schlendernd senkt den Kopf sein Rappe In Gedankendämmerungen.
Plötzlich hält der Reiter inne, Wie erwacht aus einem Traume, Schreitet ab und zieht den Degen, Spricht an einem Eichenbaume:
"Hier an dieser festen Eiche Hat in einer Wetternacht, Überrascht von scharfen Wehen, Mutter mich zur Welt gebracht.
Nur der Wald vernahm ihr Kreißen, Windsbraut war die Hebeamme, Und sie goß dem Kinde segnend Übers Haupt die Blitzesflamme.
Für Geschosse mich zu stärken Und ein hartes Heldenlos, Schlug der Hagel meiner Mutter In den schmerzgesprengten Schoß.
Donner war mein erstes Hören, Sturm mein erster Atemzug; Als ein rauher Wettersäugling Nehm ich meinen Heldenflug.
Huß! an dieser festen Eiche Schwör ich Rache deinem Tod; Huß! vom Blute deiner Schergen Wird es bald auf Erden rot.
Huß! so reich aus ihren Adern Soll das Blut zu Boden laufen, Daß es hundertmal dir könnte Löschen deinen Scheiterhaufen.
Huß! vom Brandschutt ihrer Burgen Soll die Erde schwarz sich färben; Wo ich einen Priester treffe, Soll er fallen, soll er sterben.
Rotgebeizt von Raucheswolken Soll des Himmels Aug sich trüben, Weil sie durften solchen Frevel Ihm ins Angesicht verüben.
Mir im Herzen brennt ein Funken, Huß! von deinem Todesfeuer, Unauslöschbar; wie der Frevel Sei die Rache ungeheuer.
Mann des Lichtes, Mann der Freiheit, Bester, den die Welt getragen, Schnöd verraten, hingerichtet! - Mordend will ich um dich klagen.
O wie still die Lüfte Böhmens Horchen meinem Racheschwören, Und die vaterländschen Blätter Wollen mein Gelübde hören.
Leib und Seele will ich brauchen, Schwert und Flammen und Geschoß, Bis ich sterbe - hör es, Böhmen! Stille! stampfe nicht, mein Roß!"
2
Frühling, schönster Held auf Erden! Wonniglich sind deine Kriege Gegen starre Todesmächte, Wie holdselig deine Siege!
Sieh, dort kommt ein Held, ein rauher, Deinem Walde zugeritten, Freudig tanzt der Staub zum Himmel Über seines Rosses Tritten.
Heiße festlich ihn willkommen, Lenz, in deinen grünen Hallen, Laß ihm deine reinste Quelle Huldigend zu Füßen fallen;
Sprenge Duft aus Blumenkelchen, Rühre deine süßen Flöten Und entzünde Freudenfackeln, Pappeln an den Abendröten;
Bette Moos für seine Mannen, Tränk und füttre seine Rosse; Denn der Held, den du bewirtest, Frühling, ist dein Stammgenosse. -
In die Buche holden Namen Ritzte hier verliebtes Härmen, Daß ihn Blütenhauche küssen Und die Vöglein ihn umschwärmen;
Ziska will den Namen 'Freiheit', Der sein Herz zu Taten schwellt, Tief mit seinem Heldendegen Schneiden in das Mark der Welt.
Seine Brautfahrt gilt der Freiheit, Rache ist die starre Rüstung, Die er trägt auf seinem Gange, Seine Werbung heißt Verwüstung.
Ziska bringt als Morgengabe Seinen Leichenschatz ihr dar, Hussens Schatten sei der Priester, Flammen bauen den Altar.
Frühling, sieh, von seinem Rappen Hat der Wilde sich geschwungen, Und er sucht ein kurzes Schlummern In des Waldes Dämmerungen.
Seine Krieger rings am Boden Haben sich um ihn gelagert, Gierig weiden schon die Rosse, Müd, vom Schlachtenritt gemagert.
Mahlzeit halten die Hussiten Fröhlich in der Abendkühle, Es versinken ihre Panzer In des Mooses weiche Pfühle.
Vögel singen durch die Schatten, Locken Schlummer auf die Wimpern, Und melodisch säuselnd, rauschend, Im Gezweig die Lüfte klimpern.
Ziskas Auge blicket schläfrig Durchs Entspinnen eines Traumes Nach dem abendroten Stamme Dort des alten Eichenbaumes;
Zweifelnd mischen Aug und Seele Ihren Blick in eins zusammen: Ists die Sonne? ists ein Blutstrom? Steht dort eine Burg in Flammen?
Und womit ihm Maienlüfte Überstreuen Bart und Locken, Weiß er nicht mehr im Entschlummern, Ob es Blüten, Aschenflocken?
Mann und Roß hier, schlummernd, weidend, Lenz, erquicke sie und stärke Sie zur heißen Heldenarbeit, Zu dem blutgen Frühlingswerke.
Lenz, wie dich und deine Wonnen Stürme zur Nachtgleiche melden, Hat dein Bruder Geistesfrühling Sich vorausgesandt den Helden.
Ziska ist erwacht; es duften, Klingen rings um ihn die Schatten, Gleich als wollten sie des Helden Zorn in weicher Lust bestatten;
Doch zum Aufbruch schon gerüstet, Weckt er, stoßend in sein Horn, Aus des holden Lenzes Armen Seine Krieger, seinen Zorn.
3
Wer zum heilgen Kampf berufen, Ist glückselig dann zu preisen, Wenn vor sich er seinen Feind hat, Draufzuschlagen mit dem Eisen;
Wer nicht streitet nur mit Worten, Die er zweifelnd muß vertrauen Windeslaunen, Wetterlaunen; Wer da weiß, wohin zu hauen.
Ziska, wildbeherzter Böhme! Schwinge fröhlich Lanz und Keule! Bürgen sind dir deines Wirkens Ströme Bluts und Sterbgeheule. -
Wieder hat er, Tod vergeudend, Einen Tag hindurch geschlagen, Möchte in der Nacht und Kühle Weiter fechten mit Behagen.
Vorwärts treibt er seine Scharen Auf den nachtverhüllten Pfaden, Um der Freiheit, seinem Liebchen, Aufzuspielen Serenaden
Mit der Feldschlacht, seiner Orgel, Die er weiß so stark zu greifen; Pfaffenvolk und Fürstenknechte Sind die gellen Orgelpfeifen.
Doch es dunkelt tiefer immer Ein Gewitter in die Schlucht, Nur zuweilen übers Tal weg Setzt ein Blitz in wilder Flucht.
Hemmend lagert sich das Dunkel Um die Wagenburg, die Rosse, Die Geschirr' im Winde rasseln Und die Bündel der Geschosse.
Ziska spricht: "O wie so flüchtig Dieser schöne Blitz entfährt! Könnt ich doch hier an die Tanne Nageln ihn mit meinem Schwert!
Daß ich Gottes Welt befreie, Zahle heim die Racheschuld, Brüder, könnt euch doch das Feuer Leuchten meiner Ungeduld!" -
Ha! ein Blitz, ein sonnenheller! Herrlich strahlen aus der Nacht Der Hussiten Schreckgestalten, Ziskas Herz in Freude lacht.
Donner rollen, fern verhallend, Aus des Himmels tiefster Brust, Dem Gewitter lauscht der Feldherr, Nachtgebannt, mit Neideslust:
"Könnt ich fliegen wie die Wolken, Nachts in ungehemmter Eile! Könnt ich auf verschanzte Sünder Schießen meine Todeskeile!" -
Festgekoppelt stehn die Rosse, Stampfend im Gewitterregen, Manche Streiter, schlachtermüdet, Schnarchen unter ihren Wägen;
Andre lagernd im Gebüsche Singen Taboritenchöre; Ziska harrt des Morgengrauens Unter einer alten Föhre.
4
In des Donners Klängen lauschet Ziska der verwandten Seele, Als ein Mann ihm naht behutsam, Sprechend aus gedämpfter Kehle:
"Welche Wonne muß durchs große Herz dem Donnergotte wallen, Wenn er läßt die starke Stimme Jauchzend durch die Lüfte schallen!
Welche Wonne in der Feldschlacht Glüht durchs edle Heldenmark Einem Mann wie du, o Ziska, Der so haßt und ist so stark!
Aber süßre Wonne gibt es, Als sie wird dem Helden kund, Der, wie Wetter kalte Schloßen, Leichen hagelt auf den Grund:
Süßre Wonne, Liebeswonne; Hat dein Herz ihr nie geschlagen, Als du einst am Königshofe Lebtest in beglückten Tagen?
Königin Sophia sandte Mich zu dir und deinem Grimme, Daß ich in der Brust dir wecke Eine holde Friedensstimme;
Königin Sophia sendet Einen Gruß dir und die Kunde: Isabella, die du liebtest, Trauert sich um dich zugrunde.
Als ich scheidend stieg zu Rosse, Sah ich noch die Edeldame Senkend ihr gebleichtes Antlitz, Still verzehrt von Liebesgrame.
Eilend spornt ich meinen Renner, Denn die schönste Frau indessen Welket rasch und unaufhaltsam, Stirbt, wenn du sie hast vergessen.
Kehre heim, dir ist vergeben; Laß des Glaubens wilde Streiter, Nimm der Liebe sichern Himmel, Denn dir winkt vielleicht kein zweiter."
Also flüsternd sprach der Bote, Scheu sich schmiegend an die Föhre; Ihm entgegnet Ziska leise, Daß es kein Hussite höre:
"O sie sterbe! als das reinste Opfer sei sie hingegeben Für die Freiheit, der ich opfre Jede Freude, all mein Leben.
Isabella, Stern der Liebe, Sinke! - meinem Pfade muß Leuchten nur des Zornes Fackel; - Bring ihr meinen letzten Gruß!
Doch nun raffe dich von hinnen, Eile, Bote, und entweiche, Weil du nanntest einen Namen, Der dich schützt vor meinem Streiche!"
5
Gerne sehn wir schöne Spiegel Im Gemache schöner Frauen; Möge froh ihr holdes Antlitz Ihnen draus entgegenschauen!
Hat ja selbst Natur, die ernste, Nichts so schön gemacht auf Erden, Wie den Spiegel, drin sie anschaut Ihre Züge und Gebärden.
Sie betrachtet durch des reinen Menschenauges Zauberspiegel Ihrer Züge schöne Rätsel, Wie ein lächelnd Gottessiegel.
Rings hinaus in alle Weiten Ist das Weltmeer hingegossen, Doch ein Ozean der Tiefe Ist das Auge, eng umschlossen.
Welten schwimmen auf den Fluten Dieses Meers an uns heran, In den ewgen Geist hinunter Reicht der stille Ozean.
Lieben kann ich Ungeschautes, Klang es hold mir; doch anbeten Werd ich nur, was schön und göttlich Vor das Auge mir getreten.
Schauen ist die höchste Wonne; Wehe, wer das Licht verloren! Jedes Glück ist seinem Dunkel Wie ein Grüßen vor den Toren;
Jeder Schmerz wird doppelt heftig In der Brust dem Blinden schlagen, Weil die Mächte ihm des Lebens Jeden stillen Trost versagen.
Weinen hört er die Entrückten, Lachen hört er sie beklommen, Doch der Wehmut stilles Lächeln Und ihr Trost ist ihm genommen.
Tiefer stürzt der Schmerz beim Anruf Gleich dem Hirsche, dem erschrocknen, In die Wildnis; doch das stumme Lächeln kann das Auge trocknen.
Ziska hat gen Rabys Mauern Seines Heeres Sturm gewendet, Als ein Pfeil ihm auch das zweite Auge trifft, er ist geblendet.
Tiefer wird er nun betrauern Hussens Tod, des edlen Helden, Heißer, wilder, schreckenvoller Wird sein Zorn der Welt sich melden.
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