|
Der neue Rattenfänger
Und Väterchen befiehlt den weißen Schimmel Und ruft sein Heer. Es schreiten Popen mit Gebimmel Vor seinem Heiligenbildnis her.
Es flammt sein Blick in Fieberröten Vor Furcht und Qual und Hohn. Er bläst auf zwei geborstnen Flöten Den alten Panslawistenton.
Er lockt sein Volk zum Berg der Millionen Knochen, Sein Kopf bebt wie ein Schädel aus dem Pelz. Am Boden zucken abertausend Mutterherzen gramzerbrochen, Ein Fluß von Kindertränen rauscht vom Fels.
Es schlingen dürre Arme sich wie Algen Um Nacken ihm und Rumpf, Und riesenhaft entsteigt ein Galgen Dem Sumpf.
Russische Revolution
Sind arm. Sind arm. Kommen von weit her. Aus Vologda. Aus Tomsk. Aus tausend Orten, Die keinen Namen haben. Willst du an Gott glauben? Glaube an uns! Willst du fröhlich sein? Sieh uns lächeln! Wir tragen in unseren rissigen Bauern- Arbeiterfäusten Wie eine Vase aus dem Petersburger exotischen Museum die Zukunft.
Freundchen, was soll das? Einmal müssen wir doch alle sterben. Reg dich nicht auf. Eine Kugel im Kopf ist immer noch besser Als ein Loch in der Hose. Wenn du mir hundert Kerenskirubel gibst, Laß ich deine Leiche An der Mauer für deine Braut photographieren. Was meinst du?
Rußland ist groß. Rußland ist groß. Die Sonne hängt hoch - gottverdammt - Wer hat sie so hoch gehängt? General Wrangel hat sie an den Galgen gebracht.
Jeden Morgen begegne ich dem großen General. Er steht am Newski-Prospekt Und verkauft die Prawda. So hat er einmal uns alle verkauft: An seine Auftraggeber. General, Weißbart, Weißgardist: Deine Arbeit ist keine Schande. Und du verdienst mehr, als du verdienst.
Wenn du Lenin sprichst, Blühen die Zahlen wie Blumen, Er hat eine Stierstirn, er rennt Wände ein, Solche aus Papiermaché, Solche aus Zeitungsballen, Die dicksten Lügen der Welt, Solche aus Steinquadern. Seine Stirn ist ein Hammer. Die Splitter stieben.
Manchmal in einsamen Nächten, Wenn ein Schuß tönt, Wenn der Gebärschrei einer Frau Die dunklen Straßen zerreißt: Weine ich über mich, über mein Vaterland, die Welt.
Im Anfang war das Wort, Das Wort war der Anfang. Nunmehr heißt es: fortschreiten. Weitergehen! Nicht stehen bleiben! Circulez! Wie die Clowns im Zirkus, so rufe ich euch zu: Commencez! Travaillez! In dem Willen liegt die Tat. Sie sei groß! So wird am Ende wieder das Wort sein, Das große Wort, das sie beschreibt.
Darauf kommt es an: Sich im kleinen Kreis seines Lebens so zu bewegen, Planetarisch zu bewegen, Daß man in der sphärischen Ellipse läuft, Wie die Erde um die Sonne, der Mond um die Erde. Darauf kommt es an: Daß Sinn und Sein, Wort und Werk, Tat und Traum Unauflöslich unentkettbar eins sind.
Die Karsavina vom russischen Ballett tanzt
Ach, wenn ich Engelszungen hätt'! Der Zar ist tot. Es lebe sein Ballett!
Ich gäbe meiner Jahre zehn, Hätt' ich die Pawlowa geseh'n. (Nijinski sprach ich in der Schweiz: Er war ein wenig blöd bereits Und doch von stark barockem Reiz.)
Die Karsavina tanzt den Walzer von Chopin: Glaube, liebe, hoff'! Verzweifelt hing ihr oft am Hals er, Der Partner namens Gawriloff.
Die Karsavina war wie Schwäne Auf schwarzen Weihern manchmal sind. Sie stieg wie Anadyomene Aus Schaum und Wolken, Licht und Wind.
Sie schwebte wie ein goldner Vogel Hoch über Busch und Baum und Kogel. Man sah im Himmel sie vergeh'n: So hoch, so fern, ein blasser Stern... (Auf Wiedersehn! Auf Wiedersehn!)
Ich hielt mich fest an meiner Lehne, Sie floh, um auch sich selbst zu flieh'n. Und mir ins Lid stieg eine Träne, Und die war nicht von Glycerin.
Wer irdisch nur, kann also schweben, So lächeln nur, wer viel erlitt. Komm wieder, du geliebtes Leben, Und bring' den andern Partner mit!
Lied der Zeitfreiwilligen
Ich bin ein Zeitfreiwilliger, Und stehle dem lieben Gott die Zeit. Es lebt sich billiger, Wenn man: Nieder mit den verfluchten Spartakisten schreit. Fuffzehn Märker den Tag. Daneben Allens frei. Es ist ein herrliches Leben. Juchhei.
Ich verdiente mir meine Sporen Bei Kapp. Als dessen Sache verloren, Zog ich ab. Ich gehöre wieder zu den Regierungstreu'n Und habe den Schutz der Verfassung erkoren. Ich breche alle Eide von acht bis neun, Die ich von sieben bis acht geschworen.
Neulich bei Mechterstädt: Pst... Zeigten wir's den Arbeiterlaffen. Falls es irgendwo ruhig ist, Muß man eben künstlich Unruhe schaffen. Laßt die Maschinengewehre streichen! Ins Kabuff. Immer feste druff. Unsre Anatomie braucht Leichen.
Vorfrühling 1923
Heute fing ich - Krieg ist Krieg - eine Maus in der Schlinge. Frühlingswolken flattern rosig im Winde. Emma schrieb mir von unserm gemeinsamen Kinde, Daß es schon in die Schule ginge, Daß - wie erhebend! - ein Einser Fritzchens Zensur im Rechnen ziere, Weil er patriotisch (nebenbei gesagt: als Einziger der Klasse, Der Idiot...) à la hausse der Mark spekuliere...
Heute begegnete ich den ersten Staren. Zum erstenmal bin ich auch mit der Nord-Süd-Bahn gefahren. Ich bildete mir ein, vom Nord- zum Südpol zu rasen. Am Wedding sah ich Eskimos mit Tran handeln, Pinguine durch die Chausseestraße wandeln, Und am Halleschen Tor hörte ich die Kaurineger im Jandorfkraal zum Kampfe blasen.
Nur immer Mut! Die Front an der Ruhr steht fest. Die Kohlen werden von Tag zu Tag billiger. Die Nächte kürzer. Die Gesichter länger. Die Frauen williger. Und wenn nicht Alles täuscht (es rüsten Russen und Polen, Rumänen, Ungarn, Jugoslawen und Mongolen): So wird uns spätestens mit den ersten Schoten Der unwiderruflich letzte Krieg geboten. Immer ran! Das darf Keiner versäumen! Rassenkampf! Klassenkampf! Wer geht mit? (Ich passe - Und offeriere für Kriegsberichterstatter fünftausend ungedruckte Stimmungsbilder aus dem vorletzten Weltkrieg, sofort greifbar gegen Kasse.)
Nachruf auf Cuno
Cuno steigt in die Arena. Mensch, wie er, so kann es keena. Cuno wird das Tau schon ziehn. Er drehts Ding nicht - 's Dreht ihn.
Cuno stemmt mit Pappgewichten. Cuno wird die Zwietracht schlichten. Geht die Sache noch so schief: Cuno ist und bleibt passiv.
Steigt der Dollar in die Puppen: Cuno'n kann das nicht verschnuppen. Er verschenkt zum Schleuderpreise Pfund und Dollar scheffelweise.
Cuno, das ist unser Mann. Cuno regt den Spartrieb an. Jeder Arbeit wird ihr Lohn: Eine Mark gleich 'ner Million.
Steuernstundung, Markkredite: Alles für des Volks Elite. Stinnes singt von steiler Höh' in den Alpen: Safe qui peut.
Cuno pirscht auf Nietzsches Fährte: Unterwertung aller Werte. Cuno sagt aus Karten wahr. Was er nicht zahlt, zahlt er bar.
Cuno spielt für uns Patience Mit Kanonen, Gas und Tanks. Treibts Poincaré idiotisch: Cuno schafft es mehr auf gotisch.
Cuno ist für Alles gut, Cuno hebt gesunknen Mut, Senkt die Mark von Etsch bis Belt Unter Alles in der Welt.
Steigt ins Walhall deutscher Geister Cuno jetzt, der Währungsmeister - Laßt's nicht zur Verzweiflung treiben: Helfferich, er wird uns bleiben!
Regenschirmparaden
Vor unserm Feldmarschall, dem Ruppert: Wie manches Heldenherz da puppert. Man sieht mit Schirmen und mit Stöcken Vorbeimarschier'n die alten Recken.
Mit achtzig und mit neunzig Jahren Sind sie von weitem hergefahren, Um mit den wackeligen Gliedern Den Königsgruß steif zu erwidern.
Ach, besser wär's, ihr alten Knaben, Ein Rückgrat überhaupt zu haben Im Leben und daheim im Laden Und nicht bei völkischen Paraden.
Wenn ihr im Feld spazieren tut, Zieht ihr da euren Sonntagshut Und reckt ihr euch aus den Gesträuchen Vor den (zum Beispiel) Vogelscheuchen?
Der Landwirt Würstlein von Sebelsdorf
Patriotisches Gedicht
Der Landwirt Würstlein von Sebelsdorf, Ein Mann von echtem Schrot und Schorf, Der hat den rechten Fleck auf dem Mund, Der lockt keinen Ofen vor den Hund.
Es fließt ein Bach durchs Bayernland, Der Wittelsbach wird er genannt, In seinem treuen Schoße kann Sich bergen jedweder Untertan.
Und als das siebente Knäblein kam, Er König Rupprecht zum Paten nahm, Das ist ein Brauch von altem Korn, Daran zerschellt des Feindbunds Zorn.
Trotz Gut und Blut hie schwarzweißrot, Da hat es selbander keine Not! Fest steht und treu der Rhein auf der Wacht. Durch Sieg zum Tod! Durch Licht zur Nacht!
Oberammergau in Amerika
Was unsern Christus Lang betrifft, So hatte er sich eingeschifft, Um in atlantischen Bezirken Für's heilige Christentum zu wirken.
In Boston war er hinterm Zaun Wie'n Gnu für'n Dollar anzuschau'n, Mit ihm im feschen Dirndlkleid Maria Magdala. All right.
Es wußten Mister, Miß und Missis Bisher von Christus nichts gewisses, Bis salbungsvoll und blondbehaart Er sich leibhaftig offenbart.
Er kommt aus Bayerns Urwaldwildnis, Verkauft für zwanzig Cents sein Bildnis Mit Palme, Kreuz und Ölbaumreis. (In Holz geschnitzt ein höherer Preis.)
Ach, manche Miß entbrannte schon Für ihn in großer - yes - Passion. Barnum erblaßt vor Neid und kläfft: Weiß Gott, sein Sohn versteht's Geschäft...
Gang durch den herbstlichen Wald
Es kommt der Herbst. Die Luft saust kalt. Kein lieber Gott geht durch den Wald. Ein alter Mann von siebenzig Sucht Feuerung für den Winter sich.
Auch unser Herz ist ausgeloht Und etwas Feuerung täte not. Wie runzlig blickt das ganze Land Und riecht nach Fäulnis penetrant.
Im Sand verrinnen allgemach Der Wittels- und der Fechenbach. Im Moor, dort, wo man stach den Torf, Verfällt das alte Ludendorff.
Mit Halali und mit Geheil Nimmt an der Ebertjagd man teil. Wer jetzt nicht liebt Sang, Weib und Wein - Fest steht und treu der Schacht am Rhein.
Man leert die Hosentaschen aus. Kein Rentenpfennig drin, o Graus. Versuchs und stell' dich auf den Kopf: Ach, kein Gedanke drin, du Tropf!
Verdreckt, verreckt, verhurt, verlumpt - Wer, der uns noch 'nen Taler pumpt? Es bringt der allgemeine Dalles Noch Deutschland, Deutschland unter alles.
Du kleines Köhlermädchen, sei Im Moose meine Herbstesfei. Der Regen rinnt. Es weint der Wind, Weil wir so schrecklich einsam sind.
Es kommt der Herbst. Die Luft saust kalt. Ein Schauer streicht durch Welt und Wald. Gib mir den Mund. Komm zu mir her. Umarme mich. Mich friert so sehr.
Die Ballade des Vergessens
In den Lüften schreien die Geier schon, Lüstern nach neuem Aase. Es hebt so mancher die Leier schon Beim freibiergefüllten Glase, Zu schlagen siegreich den alten bösen Feind, Tät er den Humpen pressen... Habt ihr die Tränen, die ihr geweint, Vergessen, vergessen, vergessen?
Habt ihr vergessen, was man euch tat, Des Mordes Dengeln und Mähen? Es läßt sich bei Gott der Geschichte Rad, Beim Teufel nicht rückwärts drehen. Der Feldherr, der Krieg und Nerven verlor, Er trägt noch immer die Tressen. Seine Niederlage erstrahlt in Glor Und Glanz: Ihr habt sie vergessen.
Vergaßt ihr die gute alte Zeit, Die schlechteste je im Lande? Euer Herrscher hieß Narr, seine Tochter Leid, Die Hofherren Feigheit und Schande. Er führte euch in den Untergang Mit heitern Mienen, mit kessen. Längst habt ihr's bei Wein, Weib und Gesang Vergessen, vergessen, vergessen.
Wir haben Gott und Vaterland Mit geifernden Mäulern geschändet, Wir haben mit unsrer dreckigen Hand Hemd und Meinung gewendet. Es galt kein Wort mehr ehrlich und klar, Nur Lügen unermessen... Wir hatten die Wahrheit so ganz und gar Vergessen, vergessen, vergessen.
Millionen krepierten in diesem Krieg, Den nur ein paar Dutzend gewannen. Sie schlichen nach ihrem teuflischen Sieg Mit vollen Säcken von dannen. Im Hauptquartier bei Wein und Sekt Tät mancher sein Liebchen pressen. An der Front lag der Kerl, verlaust und verdreckt Und vergessen, vergessen, vergessen.
Es blühte noch nach dem Kriege der Mord, Es war eine Lust, zu knallen. Es zeigte in diesem traurigen Sport Sich Deutschland über Allen. Ein jeder Schurke hielt Gericht, Die Erde mit Blut zu nässen. Deutschland, du sollst die Ermordeten nicht Und nicht die Mörder vergessen!
O Mutter, du opfertest deinen Sohn Armeebefehlen und Ordern. Er wird dich einst an Gottes Thron Stürmisch zur Rechenschaft fordern. Dein Sohn, der im Graben, im Grabe schrie Nach dir, von Würmern zerfressen... Mutter, Mutter, du solltest es nie Vergessen, vergessen, vergessen!
Ihr heult von Kriegs- und Friedensschuld - hei: Der Andern - Ihr wollt euch rächen: Habt ihr den frechen Mut, euch frei Von Schuld und Sühne zu sprechen? Sieh deine Fratze im Spiegel hier Von Haß und Raffgier besessen: Du hast, war je eine Seele in dir, Sie vergessen, vergessen, vergessen.
Einst war der Krieg noch ritterlich, Als Friedrich die Seinen führte, In der Faust die Fahne - nach Schweden nicht schlich Und nicht nach Holland 'chapierte. Einst galt noch im Kampfe Kopf gegen Kopf Und Mann gegen Mann - indessen Heut drückt der Chemiker auf den Knopf, Und der Held ist vergessen, vergessen.
Der neue Krieg kommt anders daher, Als ihr ihn euch geträumt noch. Er kommt nicht mit Säbel und Gewehr, Zu heldischer Geste gebäumt noch: Er kommt mit Gift und Gasen geballt, Gebraut in des Teufels Essen. Ihr werdet, ihr werdet ihn nicht so bald Vergessen, vergessen, vergessen.
Ihr Trommler, trommelt, Trompeter, blast: Keine Parteien gibts mehr, nur noch Leichen! Berlin, Paris und München vergast, Darüber die Geier streichen. Und wer die Lanze zum Himmel streckt, Sich mit wehenden Winden zu messen - Der ist in einer Sekunde verreckt Und vergessen, vergessen, vergessen.
Es fiel ein Schuß. Steif sitzen und tot Kanoniere auf der Lafette. Es liegen die Weiber im Morgenrot, Die Kinder krepiert im Bette. Am Potsdamer Platz Gesang und Applaus: Freiwillige Bayern und Hessen... Ein gelber Wind - das Lied ist aus Und auf ewige Zeiten vergessen.
Ihr kämpft mit Dämonen, die keiner sieht, Vor Bazillen gelten nicht Helden, Es wird kein Nibelungenlied Von eurem Untergang melden. Zu spät ist's dann, von der Erde zu fliehn Mit etwa himmlischen Pässen. Gott hat euch aus seinem Munde gespien Und vergessen, vergessen, vergessen.
Ihr hetzt zum Krieg, frischfröhlichen Krieg, Und treibt die Toren zu Paaren. Ihr werdet nur einen einzigen Sieg: Den Sieg des Todes gewahren. Die euch gerufen zur Vernunft, Sie schmachten in den Verlässen: Christ wird sie bei seiner Wiederkunft Nicht vergessen, vergessen, vergessen.
Gut Holz
Zum 37. Stiftungsfest des Verbandes deutscher Kegelsportvereine
Wer hat dich so hoch da droben - Das Kegelspiel ist schon seit ewigen Zeiten eine kulturelle Macht. Ursprünglich haben die Götter mit dem Mond nach den Sternen geschoben Und erst später haben sie die Erfindung der Holzkugel gemacht.
Nämlich das kam so: Mit dem Holzkopf der Gott - Wie hieß er doch gleich? jedenfalls wars kein christlicher - Der heilige Geist trieb wieder einmal mit den heiligsten Dingen seinen unwürdigen Spott, Bezweifelte sich selbst, die unbefleckte Empfängnis - kurz und gut, Der betreffende Gott war sprachlos und verlor seinen Kopf. Aus Versehen schob Zeus mit ihm, und der Holzkopf erwies sich als unverwüstlicher denn (bzw. als) der Mond. Vom Holz zum Eisen, von der Holzkugel zur Kanonenkugel ist nur ein Schritt. Und dann kam man auch von den Sternen ab und fand es netter, Von nun an auf lebende Menschen zu schieben (da, wie bekannt, die Götter den Menschen über alles lieben) - Und so war der ganze Weltkrieg nur ein Preiskegeln der Götter.
Der rumänische Räuberhauptmann Terente
Ich bin Seine Majestät der Räuberhauptmann Terente Und geruhe, im Donaudelta das Zepter eines knorrigen Eichenknüttels zu schwingen. Ich bin der Herr der hundert Teiche Und der Sklave der tausend Mädchen.
Eines Tages in Braila auf dem Markt Sah ich zwei schöne Schwestern vom Erker auf mich herniederlächeln. Eines Nachts in Braila auf dem Markt Raubte ich sie zu ihren Geschwistern, den Wildenten, in den Donausumpf.
Ich liebe die armen Teufel, die armen Engel. Ich habe zehn kriegsinvaliden Bettlern Leierkästen gekauft. Sie spielen auf den Höfen in Bukarest und Konstanza Das Lied vom Räuberhauptmann Terente.
Cojoccar und Cervusa sind Laffen gegen mich. Man wird sie mit Recht oder Unrecht hängen. Aber nicht hängen wird man mich, der ich hänge wild Am Leben.
Aeroplane, kleine Kanonenboote, Maschinengewehre, Polizisten, Matrosen, Gendarmen, Soldaten sind gegen mich aufgeboten. Ein ganzes Heer Gegen einen. Ich bin die Summe eurer Rechenkünste: Ich bin euer Gesetz, das sich gegen euch wendet. Ihr habt mich im Kriege rauben und morden gelehrt. Ich bin euer gelehrigster Schüler, ich, Seine Majestät der Räuberhauptmann Terente.
Leiferde
Wir leben ganz im Dunkeln, Uns blühen nicht Ranunkeln Und Mädchen glühn uns nicht. Wir sind von Gott verworfen Und unter Schmutz und Schorfen Ist unsre Brust mit Schwefel ausgepicht.
Der Rucksack, der ist leer, Das Hirn von Plänen schwer, Mit uns will's niemand wagen. Wir finden Stell' und Arbeit nicht, Der Hunger wie mit Messern sticht Den Magen.
Wir sind dahingezogen Durch Not und Kot und Dreck. Der Wind hat uns verbogen, Das Leben uns belogen, Die Menschheit warf uns weg.
Wir wateten im Schlamm, Wir kamen an den Damm, Ein Zug flog hell vorüber, Ach, niemand rief: Hol über! Hol über!
Es tranken Kavaliere Im Speisewagen Mumm. Wir sind nicht einmal Tiere, Uns wandern Herz und Niere Ziellos im Leib herum.
Den Klotz nun auf die Schienen, Der Qualen ists genug, Bald kommt der nächste Zug, Wir wollen was verdienen - Und sei's auch nur das Hochgericht. Wenn wir im Äther baumeln Und zu den Sternen taumeln, Sehn wir zum erstenmal das Licht - Das Licht.
Abschiedsworte an einen Nordpolarfahrer
Lebe wohl, die Träne hängt am Blicke, Welcher dich von dannen gleiten sieht. Dir erfüllt der Horizont sich zum Geschicke, Und der Möwenruf zum Lied.
Ewige Ewigkeiten bist du, Skage, Die entmenschte Menschheit los. Unser Rattennest scheint dir nur eine Sage, Und die Zeitung dient als Brennstoff bloß.
Ach, der Nordpol ist die einzige Gegend, Wo die Parze Friedensstoffe webt, Wo man sich von hier nach dort bewegend Seiner Seele schönster Regung lebt.
Weder daß man morgens zum Ersatztee Den Ersatzgeist aufgetischt bekommt - Nein, der Eiskaffee ist hier am Platze, Und die kalte Schnauze ist's, die frommt.
Denn der Eisbär ist ein edler Räuber, Und ein stummer Bruder der Pinguin. Möwen sind die leichten Zeitvertreiber, Und ein biedrer Freund der Schneekamin.
Kehrst nach manchen Jahren dann zurück du - Liegt Europa brach von Menschen leer. Bleib in deinem weißen Nordpolglück - Du findest eine goldne Welt nicht mehr.
Sonette des Spielers
Das erste Spiel
Wir liegen in der Welt. Das erste Spiel Treibt wohl die Mutter mit den Brüsten leis. Dann tritt die Amme in den krausen Kreis, Sie weiß sehr wenig und sie lehrt uns viel.
Der Bleisoldat schießt nun nach seinem Ziel. Beim Murmelschieben winkt manch schöner Preis. Mit Reifen rennen freut den Buben. Sei's für sich, sei's mit dem zärtlichen Gespiel,
Dem Mädchen, dem die erste Andacht gilt. Bald spielt sie mit dem Knaben ganz allein. Sie schtreichelt ihn. Sie schmollt. Sie lacht. Sie schilt.
Er flieht zu Würfel, Dirnenscherz und Wein. Sie wendet schaudernd sich von seinem Bild Und stößt unwissend ihn in Nacht hinein.
Die Caro-Dame
Ich bin kein Mensch, aus dem man Staaten macht, Und keiner machte jemals Staat mit mir. Ich bin von jedem Hökerweib verlacht, Und man rangiert mich unter Stein und Tier.
Ich bin mit keinem Elternpaar bedacht. Ich saufe als Assessor nicht mein Bier; Ich ruf' der Soldateska nicht: Habt Acht! Und schlafe klein im dunkelsten Revier.
Oft aber schieß' ich strahlend wie die Blüte Der Sonnenblume über Nacht ins Blau, Und Sonne steht mir himmlisch im Gemüte.
Ich schlag die Volte wie sein Rad der Pfau Und schwebe übersinnlich in die Mythe Am Arm der engelgleichen Carofrau.
Poker (Damenvierling)
Wem je die Muse sich vervierfacht bot, Der wandelt trunken über diese Auen. Was dünken ihn die Haus- und Straßenfrauen, Und was Narzissenwind im Abendrot.
Er schlägt drei Könige bedeutsam tot. Selbst eine volle Hand darf er beschauen. Er schüttet in den Abgrund jenen lauen Kübel voll Jammertum und Menschennot.
Melpomene, du mit der Maske Pik, Thalia, Sterngelächter hell im Herzen, Du Klio, trefflich, mit dem Zeichen Sieg -
Oft stand ich sumpfversunken tief in Schmerzen, Da winkte, daß die Seele mondwärts stieg, Kalliope mit goldnen Hochzeitskerzen.
Bakkarat
Mir träumte einst von einer zarten Neun. Ich hielt sie sicher gegen fünf und sieben. Millionen waren in der Bank geblieben, Nun durft' ich sie in alle Winde streu'n.
Ich schenkte einem Mädchen sie beim Heu'n. Ich ließ das Gold in goldnen Sieben sieben. Ich wagte tausend Frau'n zugleich zu lieben, Und brauchte keinen schlimmen Schutzmann scheu'n.
Ich kaufte mir die blanken Feldherrntressen, Die Horizonte, die mein Auge sah, Ließ meine Verse nur in Silber pressen.
Ich badete mich in Lawendel - ah - Und kaufte für den Rest mir das Vergessen - Doch dich vergaß ich nimmer, Bakkarat!
Das Glück im Spiel
Wenn Gold wie reifes Korn das Schicksal mäht: O selig durch die späte Nacht zu streichen Und einen Hunderter der ersten reichen, Die mir verhärmt und grau entgegenweht.
Ihr Dankesseufzer gilt mehr als Gebet. Vor meinem Glücke muß ein jeder weichen. Vor meinem Angesicht sind Menschen Leichen Um die, noch lebend, Hauch des Aases steht.
Ich stolpre funkelnd weiter auf der Wacht Zum liebsten Mädchen, das am Fenster lauscht. Ich hör' sie huschen. Eine Lippe lacht.
Ich seh' sie hinterm Vorhang, der sich bauscht, Ich steig' durchs Fenster, schüttle ihr die Pracht Des Reichtums in den Schoß, der golden rauscht.
Skat
Sie hocken, ihre Socken schweißgetränkt, Den Leib bedeckt mit braven Jägerhemden. Sie dulden keinen zugereisten Fremden, Und jeder Groschen wird verschämt gesenkt.
Der Blick am Blatt steil wie am Galgen hängt. Man teilt. Ein scheuer Jude flüstert: "Wemm denn?" Ein Turnvereinler preist den Kreuzer Emden, Indem er feurig seine Röllchen schwenkt.
Zwei Herrn erbleichen, weil sie stark verlieren (So zwei Mark achtzig, wenn ich richtig sah. Mir geht das Spiel beträchtlich an die Nieren, Beziehungsweise die es spielen...) "Tja", Strahlt der Herr Apotheker "Grand mit Vieren" Und fühlt als Sohn sich der Germania.
Der Tod im Bridge
Es spielen dreie mit verdeckten Karten. Ein dummer Vierter findet sich zumeist, Der ihre Heuchelei als Tugend preist Und den sie mit erhab'nen Reden narrten.
Dieweil er sinnend in den Höhen reist, Und seine Sinne der Erfüllung harrten, Lächeln die andern höhnisch, und sie karrten Schutt auf sein Veilchenbeet, das Wehmut heißt.
Er nennt die Wahrheit Spiegel, Spiel und Pflicht. Und offen will er seine Pfeile senden. Sein Gegenspieler ist auf Mord erpicht.
Umsonst: er kann das Schicksal nicht mehr wenden. Den andren demaskiert das Morgenlicht Und dreizehn Trümpfe hält er schwarz in Händen.
Die Farben
Ich habe, Jahr, dein Sinnbild bald erbeutet: Du Coeur bist Frühlingsblut - und Blütenfarbe. Du Caro bindest Sonnenschein zur Garbe, Du Pik bist Glocke, die zum Herbste läutet.
Wenn Hund und Mensch sich dann im Winter häutet, Und man begreift, daß man um alles darbe: Fühlt man in seiner Brust die alte Narbe Und sieht das schwarze Kreuz, das Treff bedeutet.
Ein kurzer Weg vom Herz voll Lenz und Blut Zum schwarzen Kreuze, das man ächzend schleppt. Einst war man Kind und spielte Kindheit gut.
Nun steht auf leichter Bühne man und stept In gelbem Frack und violettem Hut. Man glaubt zu neppen - und man wird geneppt.
Der Kiebitz
Es geht wohl immer einer neben dir, Er sieht dir in das aufgeschlagne Blatt, Er läuft am Wagen als das fünfte Rad, Und trinkt mit dir aus einem Glase Bier.
Er ist dein Schatten, und du bist sein Tier. Was du auch schlingst, er sagt sich niemals satt. Dein ganzes Dasein scheint ihm schal und matt Und er verlangt sein Leben, ach, von dir.
Wohin du auch die müden Schritte lenkst, Wie eine Bremse schwirrt er stets um dich. Und was du tust und was du auch bedenkst:
Er zehrt von deinem Ansehn brüderlich. Wenn du dich in des Todes Masse mengst: Er bleibt am Leben: geil und lüderlich.
Das tanzende Terrarium
Grotesque sentimentale
Ich widme diese Verse Dem großen erhabenen Salamander. Das heißt: Der zwanglosen Vereinigung Jüngerer Terrarien- und Aquarienfreunde, Deren Mitglied ich bin als Nummer 124.
Es soll mir niemand nachsagen, Daß ich undankbar oder vergeßlich bin. Ich bin imstande, für meine Freunde (Und Freundinnen) alles zu tun.
* * *
Libellula Immaculata, Über den Teichen schwebend im Juniglanze. Ich liebe dich unsäglich. Komm in mein Netz! Behutsam will ich dich fassen, Du Goldgeflügelte, Verweile einen Augenblick auf meiner Hand!
* * *
Blutrote Posthornschnecke, Nimm diesen Brief und bring' ihn meinem Mädchen! Lauf, so schnell du kannst! Nächsten Freitag (Karfreitag) veranstaltet (Druckfehler: verunstaltet) Die zwanglose Vereinigung "Groß-Berliner Aquarienfreunde" Eine Tümpeltour nach Finkenkrug. Man bewaffne sich (Nicht mit Handgranaten, sondern): Netzen, Gläsern: Das Plankton der Zeit in seine Butte zu füllen.
* * *
Mein Barsch ist immer so barsch zu mir. Mein Schlei hat sich gesteigert und wurde zum Schleier, Im Komparativ silbrig hängend um eine schöne Stirn. Der Karpfen vertauschte seinen zweiten und dritten Buchstaben Und man speiste ihn zur Fastnachtsbowle. Wohl bekomm's! (Den neunstachligen Stichling Wird man sich besser nicht in den Mund stecken.)
* * *
Der Chlysodaurus ist ein lustiger Kerl. Den ganzen Tag tanzt er hin und her. Er hat meiner Putzfrau schon Chlysodaurustrott beigebracht. Wenn Sie wollen, unterrichtet er Sie gegen mäßiges Honorar (Tausend Fliegen pro Stunde) Im indischen Dschungeltanz (neueste Figuren).
* * *
Dorippa (was für ein süßer Mädchenname) Lanata trägt Sommer und Winter denselben großen Muschelhut. Es läßt sie so kalt wie Eispolarwasser, Wenn Frau Assessor ihr begegnet, sich über die Unmodernität Ihres Kopfschmuckes chockiert, moquiert: Dorippchen, wie können Sie bloß! - Dorippchen ist das ganz egal. Bei den Krebsen wechselt die Mode bloß alle tausend Jahr.
* * *
Heute Nacht brannte es im Dorf. Die Feuerwehr wurde alarmiert. Ein Feuersalamander hatte sieben Scheunen angezündet.
* * *
Ein Tigerfisch sprang aus dem Teich Und riß ein Kalb von einer Herde, die vorüberweidete. O, wie erbleichte schier Nymphe alba, meine zarte Hirtin!
* * *
Zwei Basilisken tanzten im Abendrot. Eine Erdkröte spielte Harmonium. Ein paar Tritonenbengels lachten sich einen Ast, Auf welchem eine Nachtigall saß Und (eine Trommel) schlug.
* * *
Gordius, der gordische Knoten, zerhieb sich selbst. Zu seiner (nicht geringen) Verwunderung bemerkte er: Daß er ganz geheimnislos, unkompliziert, Daß (gleichsam) er sich sinnlos, zwecklos, selbst zerspalten.
* * *
Von nun ab verschmähten die Gordii Die rationelle Aufklärungsmethode. Sie sagten jeglicher Wissenschaft ab Und zerbrachen sich nicht den Kopf darüber, Was vorn und hinten bei ihnen, Und After und Maul, Kopf und Schwanz, Solches war ihnen alles eins.
* * *
Der Strudelwurm hat's gut. Wenn er heiraten will, heiratet er einfach: Sich. Er verliebt sich in sich, Er verlobt sich mit sich. Er geht mit sich schlafen. Wie kringelt er sich (heissa!) In der Brautnacht, der längst erwünschten! Nach neun Monaten teilt er sich einfach mittendurch und ist: Zwei. Mutter und Kind, Vater und Kind.
* * *
Wer liefert mir kleine Regen- und Sonnenwürmer? Meine Molche hungern. Ich bin ein armer terrarischer Prolet. Einen Regenwurm, meine schöne Dame, im Vorüberwandeln! Einen Sonnenwurm, mein feiner Herr, Für meine armen hungernden Molche.
* * *
Falls Sie eine Lanze haben, so bitte ich Sie, Dieselbe für die Kreuzotter zu brechen! Selbige wird noch immer sehr mißverstanden. Sie ist ein gutartiges, sanftes, zutrauliches Haustier. Frißt aus der Hand und ihre possierlichen Bocksprünge erheitern jedermann. Sie beansprucht nichts als freundliche Behandlung, Sieht mehr auf Anschluß ans Familienleben als gute Bezahlung. Und ist mit Butter zum Frühstück und einem Eierkognak Nach dem Nachtmahl durchaus zufrieden.
Das Meer
Ich schwelle in meiner Flut über die Erde. Es wirft meine wilde Welle Tang an den Strand, Muscheln, violette Quallen und kleine Seepferde.
Aber der Ekel zischt, daß ich mich gezeigt. Ich krieche in mich zurück, Und der Nordwind schweigt.
Ebbe ist... Kinder gehen, sammeln, suchen Und sehen Krabben, nasse Sterne, Erstaunlichstes Getier.
Ich aber bin längst in der Ferne wieder bei mir.
Und was ich an den Strand warf, stirbt in der Luft Oder in des Menschen Hand. - Nur die Taschenkrebse graben sich Mit ihren Scheren in den Sand. Sechs Stunden warten sie bis zur nächsten Flut. - Die Taschenkrebse kennen mich gut.
Die Mondsüchtige
Wandelnd auf des Daches First, Auf der Mauer schmalem Rande, Schreitet sie, die Hohe, Milde, In des Mondes sanftem Licht.
Wie Musik ertönt ihr Schweben, Ihre Füße gleiten gläsern. Ihre Hände klingen leise, Ihre Augen sind geschlossen.
Hinter ihr der treue Diener Achtet ihrer Schritte, daß sie Über einen Strahl nicht strauchle, Sorglich hütet sie: ihr Schatten.
Gottgeheimnis, Götzenzauber, Weiße Statue der Sehnsucht Schreitet sie: ich streck' vergeblich Meine Hände nach ihr aus.
O wie halt ich die Entschreitende, O wie bann ich die Entgleitende, Aber ruf' ich: stürzt sie nieder. Aber schrei ich: ists ihr Tod.
Und so schreitet sie vorüber, Ist auf ewig mir verloren. Eine Wolke löscht den Mond aus. Einsam stehe ich im Dunkeln.
|