|
15.
Und wieder nun lässt aus dem Dunkeln Die Weihnacht ihre Sterne funkeln! Die Engel im Himmel hört man sich küssen Und die ganze Welt riecht nach Pfeffernüssen ...
So heimlich war es die letzten Wochen, Die Häuser nach Mehl und Honig rochen, Die Dächer lagen dick verschneit Und fern, noch fern schien die schöne Zeit. Man dachte an sie kaum dann und wann. Mutter teigte die Kuchen an Und Vater, dem mehr der Lehnstuhl taugte, Sass daneben und las und rauchte. Da plötzlich, eh man sich's versah, Mit einem Mal war sie wieder da.
Mitten im Zimmer steht nun der Baum!
Man reibt sich die Augen und glaubt es kaum ... Die Ketten schaukeln, die Lichter wehn, Herrgott, was giebt's da nicht alles zu sehn! Die kleinen Kügelchen und hier Die niedlichen Krönchen aus Goldpapier! Und an all den grünen, glitzernden Schnürchen All die unzähligen, kleinen Figürchen: Mohren, Schlittschuhläufer und Schwälbchen, Elephanten und kleine Kälbchen, Schornsteinfeger und trommelnde Hasen, Dicke Kerle mit rothen Nasen, Reiche Hunde und arme Schlucker Und Alles, Alles aus purem Zucker!
Ein alter Herr mit weissen Bäffchen Hängt grade unter einem Aeffchen. Und hier gar schält sich aus seinem Ei Ein kleiner, geflügelter Nackedei. Und oben, oben erst in der Krone!! Da hängt eine wirkliche, gelbe Kanone Und ein Husarenleutnant mit silbernen Tressen - Ich glaube wahrhaftig, man kann ihn essen!
In den offenen Mäulerchen ihre Finger, Stehn um den Tisch die kleinen Dinger, Und um die Wette mit den Kerzen Puppern vor Freuden ihre Herzen. Ihre grossen, blauen Augen leuchten, Indess die unsern sich leise feuchten. Wir sind ja leider schon längst "erwachsen", Uns dreht sich die Welt um andre Achsen
Und zwar zumeist um unser Büreau. Ach, nicht wie früher mehr macht uns froh Aus Zinkblech eine Eisenbahn, Ein kleines Schweinchen aus Marzipan. Eine Blechtrompete gefiel uns einst sehr, Der Reichstag interessirt uns heut mehr; Auch sind wir verliebt in die Regeldetri Und spielen natürlich auch Lotterie. Uns quälen tausend Siebensachen. Mit einem Wort, um es kurz zu machen, Wir sind grosse, verständige, vernünftige Leute!
Nur eben heute nicht, heute, heute!
Ueber uns kommt es wie ein Traum, Ist nicht die Welt heut ein einziger Baum, An dem Millionen Kerzen schaukeln? Alte Erinnerungen gaukeln Aus fernen Zeiten an uns vorüber Und jede klagt: Hinüber, hinüber! Und ein altes Lied fällt uns wieder ein: O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!
16.
Apage, blonder Satan, lass mich los! Ich weiss, dies ist das Haus "Zu den drei Nymphen", Doch setze dich nicht gleich mir auf den Schooss Und kokettire nicht mit deinen Strümpfen!
Dein Wort ist wie ein tönendes Geschell, Du wirst dies junge Herz mir nicht beschwatzen; Du bist ja doch nur eine Biermamsell Und feil und falsch wie alle diese Katzen.
Durch dein Gelächter zischt die rothe Lust, Die Goldgier grub sich tief in deine Züge Und luftgepolstert thront auf deiner Brust Die gummifabricirte Doppellüge.
Was dir an Locken bummelt um die Stirn, Ist mühsam nur gestutzt mit Papilloten, Und dein vertrates kleines Weibsgehirn Ist bis zum Platzen vollgepfropft mit Zoten.
Du machst die Augen zu und schnalzt: Wie schön! Und nippst beim Nachbargast vom Blut der Reben Und denkst dabei nur an das Lustgestöhn, Als du dich gestern Nacht ihm preisgegeben.
Dein Element ist recht die Völlerei, Das Austernfressen und Champagnersaufen... Wie? Teufel! schlägt die Stutzuhr dort schon Zwei? Da, nimm mein Portemonnaie und - lass mich laufen!
17.
Mein Herz schlägt laut, mein Gewissen schreit. Ein blutiger Frevel ist diese Zeit! Am hölzernen Kreuz verröchelt der Gott, Kindern und Thoren ein seichter Spott; Verlöscht ist am Himmel das letzte Roth, Ueber die Welt hin schreitet der Tod, Und trunken durch die Gewitternacht klingt Das sündige Lied, das die Nachtigall singt!
Die Menschheit weint um ihr Paradies, Draus sie ihr eigener Dämon verstiess, Und heimlich zischt ihr die rothe Wuth Ihre Parole zu: Gold und Blut! Gold und Blut, Blut und Gold! Hei wie das klappert, hei wie das rollt! Und wüst dazwischen kräht der Hahn: Volksohnmacht und Cäsarenwahn!
Und immer dunkler wird die Nacht, Die Liebe schläft ein und der Hass erwacht Und immer üppiger dehnt sich die Lust Und immer angstvoller schwillt die Brust; Kein Stern, der blau durch die Wolken bricht, Kein Lied, das süss von Erlösung spricht - Mein Herz schlägt laut, mein Gewissen schreit: Ein blutiger Frevel ist diese Zeit!
18.
Vom Thurm her klangen die Osterglocken Ueber des Kirchhofs trauernde Gruft, Und gleich verwehten Blütenflocken. Verschwamm ihr Klang in der Morgenluft. Mich aber riefen sie in die Weite Und liessen mich nicht im dumpfen Haus, Und unter der Osterlieder Geleite Zog ich die Strassen zum Thore hinaus.
Weit hinter mir im Morgendämmer Sich das Gemäuer der Stadt verlor, Und selbst das Pochen der Eisenhämmer Traf nur gedämpft noch an mein Ohr. Doch dehnte sich immer weiter und weiter Vor meinen Blicken der sonnige Gau, Und jauchzend auf tönender Himmelsleiter Schwang sich die Lerche ins Aetherblau.
Da stand ich denn nun am Waldesrande Mit meinen Gedanken so ganz allein Und sah tief unter mir die Lande Liegen im flimmernden Sonnenschein. Und als dann, den letzten Zweifel zu rauben, Ein Schäfer noch blies auf seiner Schalmei, Da wollte ich es selbst nicht glauben, Dass Tod die Lösung des Räthsels sei
Da schien mir alles verweht und vergangen, Was ich betrauerte winterlang; Und alle Saiten des Herzens klangen Zusammen im Auferstehungsgesang. O, solche Seelenklänge dringen Weit höher noch in die Himmel empor, Als je auf seinen Flatterschwingen Ein Vogel sich in der Luft verlor!
Ja, Fest der Ostern, nun warst du gezogen Auch endlich in diese verödete Brust; Und dies Herz, das so oft schon das Leben betrogen, Erzitterte wieder von süsser Lust Und schlägt nun der hohen Feier entgegen, Die über die Erde zu giessen verheisst Den herrlichsten aller himmlischen Segen, Den welterlösenden, heiligen Geist.
Der heilige Geist ist die ewige Liebe, Die Gott in die Herzen der Menschen gesenkt, Und die mit jedem Ostertriebe Von neuem sich zum Lichte drängt. Sie schwebt herab vom Himmelssaale Zu Jedem, der an sie noch glaubt- O neige, neige die goldene Schaale Auch hier auf dieses Beterhaupt!
19.
Nun muss sich wieder alles wenden, Ich fühl's an meines Herzens Schlag, Und schöner wird's an allen Enden Und lieblicher mit jedem Tag.
Die Liebe schnürt ihr rothes Mieder, Der Armut schmeckt ihr trocknes Brod Und süss klingt's nächtlich aus dem Flieder: Im Frühling lächelt selbst der Tod!
20.
Noch stellt der Wald sich taub und todt, Noch blühen die Primeln nicht, Doch schlägt mein Herz schon so roth, so roth, Und meine Seele jauchzt: Licht!
Ja Licht, ja Licht, bis das Eis zerstiebt Und die Welt in Blüthen versinkt Und mein rothrothes Herzblut verliebt, verliebt Die Sonne, die Sonne trinkt!
21.
Endlich durchfährt nun mit Sang und Klang Der Frühling wieder die harrende Welt; Und wo er sich zeigt, da singt es, Und wo er nur wandert, da klingt es Jauchzend zum Himmelszelt.
Und wen nur der Frühling zum Feste sich lud, Der mag nun nimmermehr traurig sein; Doch mich hat er nicht geladen, Ich kann ja die Seele nicht baden In dem goldigen Sonnenschein!
Ich kann ja nicht steigen zu schwindelnden Höhn, Wo das Adlerweib brütet im luftigen Horst! Ich kann ja nicht liegen und lauschen, Wie die Wälder so einsam rauschen Und die Amseln pfeifen im Forst!
Vor dem schwärzlichen, städtischen Bogenthor, Da schauert der lustige Frühling zurück - Ach, zwischen den Giebeln und Mauern Muss ich nun einsam vertrauern Meinen Jugendtraum und mein Glück!
O du Stadt und du kleinliches Krämervolk, Wie bin ich doch euer so übersatt! Tagtäglich dieselbe Reise, Tagtäglich dasselbe Gleise, Tagtäglich dasselbe Rad!
Und dazu noch dies Weh, o dies innerste Weh, Das die Brust mir zerreisst und die Sinne zerwühlt! O sende nur einen Tropfen Auf dieses Herz und sein Klopfen, Der die lechzende Seele mir kühlt!- -
Wo das Meer erbraust dumpfdonnernden Schlags Und die weisslichen Möven flattern und schrein Und die dunkelnden Meereswellen Sich bäumen und fluthend schwellen Zum Leuchtthurm am Klippenstein:
Da möcht ich wohl stehn, ha du wilde Lust! Wenn die rasenden Fittige schüttelt der Sturm, Wenn die schnellenden Wogen rollen Und die gellenden Donner grollen Und das Feuer verlischt auf dem Thurm!
Und macht dann des Sturmwinds Orgelmusik Dich, du wildaufschlagendes Herz, nicht gesund: Dann kommt, o ihr Wogen, ihr kühlen, Von dem Fels mich hinunter zu spülen In den gähnenden Meeresschlund!
22.
Nun stimmt sie wieder mir den Psalter Die liedervolle Maienzeit Und gaukelnd schwebt um mich der Falter, Das Sinnbild der Unsterblichkeit.
Drum lebt mir wohl, ihr Pergamente Der winterlichen Hirntortur, Mich lockt ins Reich der Elemente Die neuerstandne Lenznatur.
Umspielt von silberbleichem Lichte, Ein Grabfeld nach verlorner Schlacht, Ein Todtentanz ist die Geschichte, Ein Todtentanz um Mitternacht.
Es bleibt der Ruhm, wie er auch glänze, Ein Blendwerk nur, ein eitler Schein; Mehr gilt als tausend welke Kränze Mir dieses Lebens goldnes Sein!
23.
Schenk ein, liebe Sonne, dein Licht, dein Licht, Ich will es trinken wie Wein, Und wenn mich mein Herz dann zu packen kriegt, Dann werden wir beide betrunken sein!
Dann dreht die Welt sich rund um uns rum Und die Nachtigall singt wie ein Buch: Wie ist doch der Hansel so dumm, so dumm, Und die Grethel so klug, so klug!
24.
Willst du denn immer noch nicht ruhn? Hast du noch immer so viel zu thun? Häng deine Harfe, mein Herz, an die Weiden, Lerne dich endlich doch, endlich bescheiden!
Immer noch fühl ich dich flammen und glühn, Wenn dich im Frühling die Rosen umblühn; Immer noch sehnst du dich, süss wie vor Jahren, Wild nach dem Glück mit den goldenen Haaren, Schmeichelst es Liebling und Lorelei, Ach, und noch immer fliegt es vorbei!
Lass doch dein Schlagen, lass doch, mein Herz, Sieh, diese Welt ist ein grausamer Scherz, Ueberall gähnt es dich an: Verzichte! Immer und immer die alte Geschichte!
25.
Still, still, Kind, still! es war ein Traum. Die Wellen grün und weiss der Schaum. Er rollt durch den Sonnenschein, blitzt und zerstiebt - Es war ein Traum, dass es Rosen giebt! Es war ein Traum, dass ein deutscher Wald Hoch über dir grün seine Wipfel geballt, Und dass dort, von Menschen wie du gesehn, Berge, Thäler und Städte stehn! Schon seit Wochen sahst du kein Streifchen Land, Hinter dir liegt, was du Welt genannt. Nun giebt's kein Leid mehr und keine Lust, Nun schlägt kein Herz mehr in deiner Brust! Das Segel blitzt, die Welle schäumt, Es war ein Traum, wie ein Kind ihn träumt; Der Schornstein raucht, die Möwe flieht, Nichts, nichts, so weit dein Auge sieht, Nur: Himmel und Wasser!
26.
Gründunkel wehn die Pinien, Von Fern her blaut die See - Schau nicht so ernst in die schöne Welt, Wie die Griechin Antigone!
Dein Goldhaar flackert wie Feuer, Micht packt ein wild Gelüst: Denk lieber, du seist Cleopatra, Die ihren Cäsar küsst!
Befiel, und der Erdball zerblättert, So wahr ich sein Herrscher bin, Und zitternd vor deine Füsse kniet Die ewige Roma hin!
Die Völker bauen dir Tempel Von Susa bis Carchedoon - Du aber, als Aphrodite, setzt Dich, lächelnd, auf meinen Thron!
27.
Wozu dies Fältchen heut, mein Süsschen, Dies Fältchen unter deinem Hut? Meinst du, das Scharren mit den Füsschen Thut deinen Stiefelsöhlchen gut?
Dein rothes Sonnenschirmchen zittert, Dein Händchen fiebert brennend heiss, Gesteh's nur ein, du bist erbittert Und denkst, sein Herz ist kalt wie Eis.
O nein! Sein Herz hat tausend Fühler Und schlägt genau so warm wie deins; Nur denkt sein Kopf ein wenig kühler Und kennt genau das Einmaleins.
Ich wollte wohl, dass ich es wüsste, Wie rosenroth dein kleiner Zeh, Wie milchweiss deine kleinen Brüste Und wie diskret dein Negligee.
Nach Indien würd ich mit dir fliehen, In Heinrich Heine'schem Geschmack, Und wenn du willst, auch vor dir knieen, Ein neuer Don Quixote im Frack.
Doch dir Bonbons und Ringe kaufen? Den Casus, Kind, nehm ich dir krumm. Das Beste, wär's, du lässt mich laufen Und siehst dich - anderweitig um!
28.
Mille de Fleurs und Bonbonnièren, Atlasschleifen und Bouquets, Jeden Tag drei Dutzend Briefe, Ungerechnet die Billets, Jeden Tag ein goldnes Armband, Ein gesticktes Etui - Für die "Wunden" unsrer "Herzen" Die vorzüglichste Charpie!
Kind, sag selbst: wozu dies Alles, Dies Geliebel per Distance? Heut, im neunzehnten Jahrhundert, Ist das längst nicht mehr Usance! Heut, im neunzehnten Jahrhundert, Kratzt der Mensch sich, wenn's ihn juckt; Werther's Leiden sind pläsirlich, Aber nur, wenn sie gedruckt.
Deine Schwüre pack in Watte Und verschliess sie in Dein Spind, Sie verwehn sonst wie die Fäden, Die der Sommerabend spinnt! Deine Thränen aber, Goldkind, Lass getrost dem Krokodil Und vor allen Dingen, bitte, Deine Mutter aus dem Spiel!
Täglich fährt sie ihre Nerven Bleich spazieren durch den Park, Und der Hut an ihrem Schleier Kostet sicher sechzig Mark. Doch die Liebe schlägt sich barfuss, Wie ein Bettler, durch die Welt, Und ich fürchte, dieser Dame Ist sie noch nicht vorgestellt!
Deine Mutter, Kindchen, kennt nur Ein Idol: die Prüderei, Und noch mehr als Dich verzieht sie Ihren grünen Papagei. Deine Mutter, Kindchen, hat mich Sozusagen auf dem Strich, Nochmal ihr die Hand zu küssen, Dafür, Herz, bedank ich mich! ...
"Reiss" auch nicht, um's mir zu "schenken", Dir das "Herz" aus Deiner "Brust", Küsse will ich, nichts als Küsse, Roth wie Rosen im August! Küsse will ich, nichts als Küsse, Alles and're gilt mir gleich - Morgen Abend, Punkt halb Sieben, Treff ich Dich am Goldfischteich!"
29.
Nein, nein! Im Ernst, mein Herz! Dein Marquis Posa Hat bitter unrecht. Dieses Leben ist Durchaus nicht schön. Denn Stunden schickt es dir auf deinen Hals, In denen du dich wüthend drüber ärgerst, Dass Con-Fu-Tse, der Bhudda der Chinesen, Kein Droschkenkutscherssohn aus Zwickau war. Auch will es dir durchaus nicht in den Kopf, Dass die Pastoren weisse Bäffchen tragen. Warum nicht pfeffer- oder ferkelfarbne? Pflanz dir dies Eine zolltief in den Schädel Und lass ihm Zeit, zu wachsen, und ich wette, Dein ganzer Kerl platzt prasselnd wie ein Frosch, Den man zum Schluss auf einem Jahrmarkt abbrennt, In fünfmalhunderttausend kleine Stücke. Dann bist du futsch, und deinem Publikum, Das sein Entree nur ungern gratis zahlt, Bleibt nichts als eine Nase voll Gestank. Zuletzt verpufft auch der, die Bande brüllt, Schimpft, pfeift, krakehlt und prügelt sich Und johlt dann schliesslich knüppeldick besoffen Durch Vollmondschein und Fliederduft nach Hause. Dort liegt das dann wie ein gestochnes Kalb Idyllisch da in seinem Himmelbett Und schnarcht gemüthlich sich die Sterne runter. Nein, nein! Es ist nur Eins: entsetzlich albern. Nichts weiter.
30.
Wohl jauchz ich, wenn der Tag sein Werk bestellt, Und helf ihm mit, die alte Zeit zerhämmern, Doch soll noch manchmal mich umdämmern Die alte, goldne Heidenwelt!
Denn stets beleidigt meine Phantasie Ein Marmorchristus mit verrenkten Knochen, Doch oft hat mir ins Herz gesprochen Ein Jupiter Otricoli!
O schöne Zeit, als am Hymettoshang Ein heilig Volk sein heilig Feuer schürte, Als Phidias seinen Meissel führte Und Pindar seine Hymnen sang!
Ihr Wallfahrtsweltort hiess Olympia Und nicht von Holz war'n ihre Rosenkränze, Wenn sie die priesterlichen Tänze Sich seelenvoll verschlingen sah!
Die Erde, nicht der Himmel, war ihr Traum, Erst später lernte sie das dumme Knieen; Sie spann nicht graue Theorieen, Ihr Leben war ein grüner Baum.
Doch das ist lange, o schon lange her, Die Opferschalen fielen und zerklirrten, Und heut tönt nur das Lied der Hirten Noch nächtlich übers Mittelmeer.
Das Volk des Perikles gab sich den Rest, Doch wächst und blüht der Stammbaum des Eumäus - Heut ist die Weltstadt am Pyräus Ein elendes Barackennest!
Zwar ist der Himmel noch wie ehmals blau, Der Urwald harft noch und das Weltmeer psaltert, Doch ach, die Menschheit hat gealtert Und pinselt nur noch grau in grau!
Der Schönheit goldner Springquell ist versiegt, Fürwahr, wir leben in der Zeit des Spottes, Da selbst die heilge Mutter Gottes Auf Pflaumenbäume kriecht!
Drum zupft den Dichter nicht an seinem Kranz Und titulirt ihn nicht gleich einen Narren, Denkt er umqualmt mal von Cigarren Der Götterwelt Altgriechenlands.
31.
Wie lang ist's her? Erst sieben Jahre! Und doch klingt's schon: Es war einmal! Der Wiege näher als der Bahre, Stieg ich tagtäglich ins Pennal.
Ich war ein träumerischer Junge, Las Cicero und Wilhelm Hauff Und trug das Herz auf meiner Zunge Und spiesste Schmetterlinge auf.
Auch lief ich, Katzengold zu suchen, Oft Tage lang im Wald umher Und schwärmte unter hohen Buchen Von einstger Nimmerwiederkehr.
Betäubend dufteten die Kressen, Grüngolden floss das Licht herein; Es war ein seliges Vergessen, Vergessen und Vergessensein!
Der Lenzwind liess die Aeste knarren, Vom Dorf herüber klang die Uhr, Ich lag begraben unter Farren Und stammelte: Natur! Natur!
In alten Büchern steht geschrieben, Du bist ein Weib, ein schönes Weib; Ich bin ein Mensch und muss dich lieben, Denn diese Erde ist dein Leib!
Weh, jenem bleichen Nazarener! Er stiess dich kalt von deinem Thron! Ich aber bin so gut wie jener Der Gottheit eingeborner Sohn!
Ich will nicht mönchisch dich zergeisseln - Her, deinen Freudenthränenwein! Ich will dein Bild in Feuer meisseln Und Vollmensch wie ein Grieche sein!
Doch du, um die in ewgem Schwunge Die Welt sich dreht, o Poesie, O, lege Gold auf meine Zunge Und in mein Herz giess Melodie!
In ewge Lieder lass mich weben, Was du so süss in mir erhellt, Und wie so köstlich doch das Leben Und wie so wunderschön die Welt!
Noch gährt's von Blinden und von Tauben Und mehr als ein Herz ward zum Sfein, Ich aber lehre sie wieder glauben, Ich will der neue Johannes sein!
In deine Wunder will ich wiegen Die Sehnsucht ihres kranken Seins, In deine Arme will ich sie schmiegen, Denn ich, du, sie ... o, wir alle sind Eins!
So lag ich träumend einst im Walde, Wenn tiefblau rings der Himmel hing, Bis draussen hinter grüner Halde Die Sonne blutroth unterging.
Dann schritt ich heimwärts, und mit Singen Begrüsst ich meines Vaters Haus Und schaute, wenn die Sterne gingen, Noch lange in die Nacht hinaus.
Und jetzt? - Die heimatlichen Thäler, Die seine Jugend grün umrauscht, Hat längst der lyrische Pennäler Für eine Weltstadt eingetauscht.
Er sieht mit Schauder, wie das Laster Sich dort juwelenfunkelnd bläht, Das Elend aber tritt das Pflaster Von Morgens früh bis Abends spät!
Er hört, wie nachts in den Fabriken Der Proletar nach Freiheit schreit, Indess ein Volk von Domestiken Dem nackten Recht ins Antlitz speit!
Er fühlt, wie wilde, wilde Flammen Ihm heiss und roth das Hirn durchlohn, Und beisst die Zähne fest zusammen Und murmelt: Hohn, Hohn, dreimal Hohn!
Er sieht, er hört, er fühlt den Jammer Und wandelt tags von Haus zu Haus Und grollt dann nachts in seiner Kammer Sein Herz in wilde Lieder aus.
Er hat es längst, schon längst vergessen, Wie wohl im Lenz die Sonne thut, Und wie's im Wald, umblüht von Kressen, Sich einst so schön, so schön geruht!
Nur manchmal, manchmal noch durchziehen Sein Herz, das nach Erlösung schreit, Die grünen Waldhornmelodieen Der längst verrauschten Kinderzeit.
Dann stöhnt er auf, und seine Hände Presst er verzweifelt vors Gesicht Und rings die weissgetünchten Wände Erzittern, wenn er schluchzend spricht:
O Poesie, du Heiligschöne, Von Thränen ist mein Herz durchnässt, Weil du den treusten deiner Söhne In Nacht und Noth verkümmern lässt.
Ich war ein Kind und sprach: O, schütte Dein Füllhorn golden in mein Lied Und lass mich knien in einer Hütte, Auf die der Stern der Liebe sieht.
Ja, lass auf einem weissen Zelter Mich fliegen in den Sonnenschein, Lass aus des Lebens Freudenkelter Mein Herzblut sprühn als Liederwein!
Du schwebtest segnend durch die Lüfte, Ich hab dir selig nachgeblickt, Und Lenzgoldlicht und Blüthendüfte Hast du mir lächelnd zugenickt.
Und doch, und doch! Du hast gelogen! Dein Lächeln war ein schönes Gift! Du hast mich um mich selbst betrogen! Dein Herz ist schwarz wie deine Schrift!
Du gabst mir einen wilden Rappen, Umschnürtest meine Brust mit Erz Und unter Thränen in mein Wappen Hast du gestickt ein blutend Herz!
32.
Nacht.
Der Ahorn vor meinem Fenster rauscht, Von seinen Blättern funkelt der Thau ins Gras Und mein Herz Schlägt.
Nacht, Nacht, Nacht.
Ein Hund bellt - - ein Zweig knickt - - still! Still!! Still!!! ............ Du? Du?? Ah, deine Hand! Wie kalt, wie kalt! Und - deine Augen: gebrochen! - - Gebrochen!! ............ Nein! Nein!! Du darfst es nicht sehn, Dass die Lippen mir zucken, Und auch die Thräne nicht, Die ich kindisch um dich vergiesse - -
Du armes Weib!
Also nachts? Nachts nur noch wagst du dich, Schüchtern, aus deinem Sarg? Aus deinem Sarg? Um dich auf Zehen zu mir zu schleichen?
Armes Weib!
Todt, todt, todt ...
Verblüht die Kränze, Die du gewunden, Verweht die Lieder, Die du gesungen, Und in deinen Haaren, Die so golden geflattert, Klebt nun die Erde!
Todt, todt, todt ...
Und deine Flügel, deine armen Flügel! Unbarmherzig heruntergeschnitten Von den schimmernden Schultern - ah, weine nicht! Weine nicht! Hier! Hier!! Zu mir sollst du dich setzen, Nächtlich, allnächtlich, Bis der Morgen graut, Bis die Sonne scheint, Und die Welt, Die kluge Welt, Wieder plump über dein Grab rollt - -
Horch!
Der Ahorn vor meinem Fenster rauscht, Der Thau tropft Und mein Herz Schlägt!
Nacht, Nacht, Nacht ...
33.
In himmelblauer Ferne, Da liegt und lacht ein Paradies, Da singen die Sirenen, Da trocknen alle Thränen, Da wohnt das Glück. In himmelblauer Ferne ....
Präludium
Kräht der Hahn auf dem Mist, Aendert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist. Alte Bauernregel
Dieses lachende Präludium, Lachend sei es dedicirt Euch, ihr wohlverbohrten Ritter Vom romantisch blauen Strumpfband Und vom klassischen Kothurn.
Euch und allen andern windgen, Hyperschlauen Kritifatzkis, Die, zum Zeichen, dass sie's lasen, In dies saubre Exemplar Eselsohren falzen werden.
Bitte sich nicht zu geniren, Dass ich dies mein kleines Epos Nicht gleich, zunft- und zopfgerecht, Philologisch präludirte: "Nenne mir den Mann, o Muse!"
Armer klassischer College!
Streu, wie unser Grossohm Hiob Asche Dir auf deine Platte, Denn die Welt hat sich gedreht Und mit Wolfgang Goethe starb Längst der Letzte der Olympier.
Andre Zeiten, andre Lieder, Andre Lieder, andre Menschen, Und von Wien bis nach Paris Fährt man heutzutag per Blitzzug Noch nicht lumpge siebzehn Stunden.
Zwar ein Dichter, der wie ich Schon von jeher kein Talent, Und, getreu der goldnen Fahne, Die mir roth zu Häupten flattert, Zukunftsroth und gleichheitspredgend, Warn ich meine Concurrenten Vor der unsoliden Firma Der Homer und Compagnie.
Ja, mein Herz, ich muss Dich seufzend, Seufzend, wenn ich daran denke, Dass auch ich ein Versfaiseur nur, Oeffentlich hier denunciren:
Dein Credit beginnt zu wanken, Deine Curse stehen schlecht, Und dein Renommee ward schartig Wie ein schäbiger Cylinder.
Ach, es ist nur gar zu wahr, Dein ambrosisch grüner Lorbeer Fing mit Harold - Byron schon Ganz bedenklich an zu welken, Und in meinen Augen bist Du Nur ein ganz profaner Mensch Und als solcher wiederum Nur der erste aller blinden Bänkelsänger Griechenlands.
Ja, mein Hirn ist ein Rebell, Und wie alle diese Leute, Die auf Thron und Altar pfeifen, Bläht es frech sich auf und pfeift auch Auf das schulstaubtrockne Dogma Klassischer Autorität
Immer noch durch unsre Köpfe Taumeln schwarz bechapeauclacquet Sich die Götter des Olymp, Und wenn Rothschild mein Cousin wär, Liessen heute noch die "Times" Einen Aufruf los zur Gründung Eines internationalen Antimuseistenclubs.
Hätte ein gewisser Herwegh, Der ein grosser Demokrat Und ein grössrer Dichter war, Ihn nicht meuchlings schon verausgabt, Hier an dieser schönen Stelle Bräch ich aus in den Naturlaut: "Raum, ihr Herrn, dem Flügelschlag Einer freien Seele!"
Poesien für Pennäler Sind bereits genug gedrechselt; Siehe hier das Gros der Werke Unsrer deutschen Dioskuren - Nomina odiosa sunt!
Aber vollends lasst mich schweigen Von den lächerlichen Grössen Ihres lächerlichen Nachtrabs!
Graf von Platen war ihr Mogul, Und die griechische Schablone Rüpelte jahrzehntelang Ihre längstversteinten Formen Ueber jeden deutschen Quark.
O, ich hasse dies Gezücht Phrasenschwammiger Banausen, Das nach jedem Wort sich einen Idealen Kloss ins Maul pfropft!
Aber ach, mein braves Deutschland War ja leider das beliebte Eldorado der Philister Schon seit anno Tacitus!
Seit der alte Herr von Hutten, Von der Meute seiner braven Zeitgenössischen Philister Wie ein Hirsch ins Holz gehetzt, Auf der Ufenau verreckt ist, Hat nur ein Mensch hier in Deutschland Tabak, Bier und Kohl verdaut, Der, bis in den Tod sich selbst treu, Ein lebendiger Protest war Gegen jedes lächerliche, Knöcherne Schablonenthum.
Fern vom Rhein, wo er sein erstes Kinderhöschenpaar zerrissen, Fern in Frankreich liegt sein Grab, Und von Immergrün umwoben Schaut es hoch her vom Montmartre Auf die Weltstadt an der Seine.
O, ich weiss, wie einst die Mitwelt Vipernzüngig ihn begeifert; Kann doch selber heutzutag noch Ihm kein Dunkelmann vergessen, Dass sein rothes Dichterherz nicht Pauvre wie ein pauvres Talglicht, Sondern gross und welterleuchtend, Golden wie die Sonne brannte.
Ach, die Lösung dieses Räthsels, Das durchaus kein Phänomen, Lässt sich leicht in Worte fassen: Heinrich Heine war kein Stockfisch, Heinrich Heine war ein Mensch!
Schellenfroh aus seinen Nestern, Drin es lichtscheu sich verkrochen, Schreckte er das nachtverliebte Fledermausgezücht der Vorzeit, Und sein blutender Messias War das dreimal heilge Recht!
Ja, Hosianna! rief er jubelnd, Seine Hymnen präludirten Den Befreiungskrieg der Menschheit, Und in seinem Herzen schliefen Schon des neuen Weltprogramms Goldne Zukunftsparagraphen.
Zwar sein armer Körper war Abgemergelt wie ein Schatten, Aber seine goldne Seele Strotzte nur so von Gesundheit.
Fern im lachenden Paris, Eingepfercht in ihre graue, Muffige Matratzengruft, Rang sie singend wie ein Schwan Jahrelang mit ihrem Tode, Denn die Weltlust war ihr Spielzeug Und ihr Liebling war das Meer.
Doch das Schwimmbassin des Nereus War von jeher schon ein äusserst Komplizirter Mechanismus.
Neben Perlen züchtet es Auch noch ganz gemeine Schlangen.
Längst versoffne Seemannsprime Wälzt es gleichfalls tief im Bauch rum, Und die Traumwelt der Atlantis Hart, bedeckt von Gold und Seetang, Ihrer künftgen Auferstehung.
Um den Wendekreis des Krebses Wälzt der Teifun vor sich her Chinas räuberische Dschunken, Und am Strand von Norderney Baden Deutschlands Aphroditen Ihre semmelblonden Glieder.
Ja, ein Künstler ist der Weltgeist Und das Meer sein Meisterwerk!
Silbergrau durch seine rothen, Brennenden Corallenwälder Tummelt sich der flinke Stör, Und versunkne Städte läuten Oft aus seinen blauen Fluthen Ihre träumerischen Glocken Märchenhaft ins Abendroth.
Doch zur Zeit der Aequinoctien Wird es hungrig wie ein Wärwolf, Und die jungen Fischerfrauen Schrein dann nächtlich oft im Traum auf.
Mit dem Herzen eines Dichters, Der sein Lebtag nicht nur Thee soff, Sondern manchmal auch frivol Veritablen Rum hineingoss, Ist es ähnlich meist bestellt.
Heine war ein solcher Dichter; Und wenn dann und wann sein Magen, Statt des oben schon erwähnten Obligaten "Thees mit Rum", "Rum mit Thee" verconsumirte: Nun, wer will ihm das verdenken?
Spucken mögen auf sein Grab Dreimal alle alten Jungfern: Heilig war ihm seine Liebe, Heilig war ihm auch sein Hass!
Sein Geschlecht war ein erlauchtes, Und die Blüthen seines Stammbaums Sind die Sterne ihre Völker.
Aristophanes, der Grieche, War sein vielgeliebter Ahnherr, Miguel de Saavedra Und der Doctor Rabelais Waren gleichfalls seine Ahnen.
Doch wozu, o Publikum, Geb ich heut, wo Dahn und Ebers Siegreich mit mir concurriren, Dir ein Privatissimum In der Kunst der Langenweile?
Ach, die Werke jener Männer Kennst Du kaum dem Namen nach, Denn ein einzger Pattitriller Gilt Dir mehr als tausend Mozarts.
Strickstrumpfflüchtig rettete Vor dem Schreckregime der Trikots Die Vernunft aus dem Theater Sich ins Land der Botokuden, Denn das neunzehnte Jahrhundert Applaudirt wie ein Cretin Nur Ballets und Operetten.
Wer wird heut auch, wo der Golddurst Wie ein Moloch sich gerirt, Hamlet oder Faust studiren?
Lieber schluckt man Casanovas Elegante Sauerein!
Ja, ein Lüstling ist der Zeitgeist, Ein gealterter Roué, Und in jedem neuen Buch, Das ihm eine Kernnatur Zornig lachend an den Kopf wirft, Wittert er versteckte Zoten.
Seine alternde Maitresse, Die Geborene von Welt, Thut es selbstverständlich dito.
Jeden kantigen Charakter, Der es lästerlich verschmäht Honig ihr ums Maul zu schmieren, Wühlt sie skeptisch um und um, Wie's mit einem Stückchen Erde Wohl nach Würmern thut ein Maulwurf.
Grosser Zeitgenosse Emile, Dich auch, Dich hat sie verlästert, Und der Shakespeare des Romans Ward zum Dichter der Kloake.
Doch was thut's? Wenn auch die alten Weiber beiderlei Geschlechts Prüde sich vor Dir bekreuzgen, Dein Genie reckt seine Glieder, Seine giftgeschwollnen Stichler Fallen von ihm wie die Fliegen Und sein Haupt ragt in die Wolken!
Zola, Jbsen, Leo Tolstoi, Eine Welt liegt in den Worten, Eine, die noch nicht verfault, Eine, die noch kerngesund ist!
Klammert euch, ihr lieben Leutchen, Klammert euch nur an die Schürze Einer längst verlotterten, Abgetakelten Aesthetik: Unsre Welt ist nicht mehr klassisch, Unsre Welt ist nicht romantisch, Unsre Welt ist nur modern!
Und der Mensch, der sie mit tausend, Abertausend Eisenarmen Erdverlangend wild umschnürt hält, Ist er gleichfalls nicht modern?
Glaubt er wirklich noch an eure Abgedroschnen Ammenmärchen Und dass schwarz soviel wie weiss Und dass zwei mal zwei gleich fünf ist?
Macht euch auf, ihr Neunmalweisen, Schleicht euch nächtlich durch die Gassen, Pilgert tags durch die Fabriken Und den Denkern schaut ins Hirn!
Thut's und wagt es dann zu läugnen, Dass der Mensch sich, den die Vorzeit Wie ein Thier ins Joch geknutet, Endlich sehnt, ein Mensch zu werden!
Ausgetreten hat der Träumer Endlich seine Kinderschuhe, Und vor seinen trunknen Blicken Wiegt sich lachend wie ein Eiland, Das das Weltmeer grün umschaukelt, Seine märchenhafte Zukunft.
Durch die Wälder Kaliforniens Schnüffelt wie ein Riesenwurm Feuerschnaubend sich sein Dampfthier, Und ums Cap der guten Hoffnung Segeln seine Panzerschiffe.
Seine Telegraphendrähte Ueberbrücken wie ein Wasser Delhi's grüne Palmenwipfel, Und durchs ewige Eis des Nordpols Blitzen weisslich die Gebeine Seiner neusten Märtyrer.
Tausend goldne Sacramente, Die Kleinodien seiner Kindheit, Sind zersprungen wie ein Glas, Und die alte, taube Nusswand Einer abgelebten Kunstform Sollte frech sie überdauern?
Deklamirt nur, ihr Poeten, Eure lyrischen Tiraden, Eure wortverbohrte Nichtswelt, Mit euch selber geht sie unter!
Doch das thut nichts. Eine neue Taucht schon lächelnd aus den Wassern, Und die Wasser gehen schwanger Noch mit hunderttausend andern.
Hätte dies mein kleines Carmen Nicht so wohlgeschliffne Krallen, Die so unbarmherzig spitz sind, Ich verbräche sans façon Folgende Apostrophe:
"Du, mein Lied, um das mein Herz "Lieblich klang wie eine Glocke, "Schwing Dich auf, mein goldner Liebling, "Schwing Dich auf wie eine Taube, "Bis die Wasser sich verlaufen!
"Melancholisch um mein Haupt "Schwingt die urweltschwangre Sintflut "Ihre dunklen Rabenflügel, "Und durchs Schleusenmeer des Himmels "Brüllt noch immer das alte Chaos!
"Ach, und doch! Durch mein Gehirn "Huscht es wie von goldnen Lichtern, "Und die eingelullte Sehnsucht "Nach den hängenden Gärten der Sonne "Wachte weinend wieder auf!
"Hat mein Herzschlag mich betrogen? "Tauchen die ersten grünen Zacken "Jener heissersehnten Neuwelt, "Tauchen sie lächelnd endlich auf?
"Eine Welt für einen Oelzweig!
"Drum, mein Lied, um das mein Herz "Lieblich klang wie eine Glocke, "Schwing Dich auf, mein goldner Liebling, "Schwing Dich auf wie eine Taube, "Bis die Wasser sich verlaufen!"
Doch dergleichen wohlfrisirte Taschenspielerstückchen sind mir Gottseidank zu abgedroschen, Und mein urwaldstruppig Lied Ist nichts wenger als ein Täubchen!
Nein! Die föhnumbrüllten Trümmer Eurer längst verkrachten Welt Liess es sonnenfeuertrunken Meertief unter sich versinken Und verlor sich in den Himmel.
Flügelstolz, ein kleiner Kondor, Schwebt's nun über seiner lieben, Jungen Sonnenaufgangswelt, Und zum Aerger aller griechisch Radebrechenden Philister Schmettert's dort wie eine Lerche Uebermütig seinen Triller:
"Zola, Jbsen, Leo Tolstoi, Eine Welt liegt in den Worten, Eine, die noch nicht verfault, Eine, die noch kerngesund ist!"
So! Bis hierher und nicht weiter!
Lachend rief ich's, und die Feder Stiess ich tief ins Tintenfass.
Fern am Biertisch harrte schon Das Trifolium meiner Freunde, Und im Duftkreis einer braunen Sobetitelten Havannah Lässt sich's ja, wie jeder selbst weiss, Ganz vortrefflich Hütten baun!
Selbstverständlich gab mein Opus, Das ich lachend ihnen vortrug, Stoff zu einer Diskussion.
Längst verrostete Gewaffen Aus dem Rüstzeug der Aesthetik Wurden wieder blank geputzt, Und die köstlichsten Sophismen Bissen wie die jungen Hechte Sich vergnügt in ihren Schwanz.
Doch was half's! Am Ende gaben Sie sich kleinlaut mir gefangen, Und die schnurgerade Klassik Fiel nicht minder glänzend durch Als die winklige Romantik.
Nur zu meiner neuen Welt, Zu dem neuen Evangelium, Das aus Frankreich her und Russland Unsrer Kunst gepredigt wird, Konnten sie sich nicht bekehren, Und das Kleeblatt opponirte Gegen die Verherrlichung Zola's, Jbsen's, Leo Tolstoi's.
"Wenn Du ihre Welt so lieb hast," Replicirten die drei Käuze, "Nun, so tritt sie doch mit Füssen!
"Aus der Vogelperspektive "Sieht ein Düngerhaufen schliesslich "Aehnlich wie ein Weizenfeld aus.
"Willst Du ihre goldnen Früchte, "Die wie Pomeranzen lachen, "Dir nicht einmal näher ansehn?
"Ach, am Ende sind sie giftig, "Giftig wie die ganze Welt, "Die sie farbig überschaukeln?
"Geh, Du bist ein Jünger Plato's, "So ein Wolkenkukuksheimer, "Und scharwenzelst um sie her, "Wie ein blöder Schmetterling, "Der um eine Rose tändelt!
"Ergel, wenn Du wirklich auf Dein "Neues Evangelium" schwörst, "Nun dann brocke Deine Verse "Nicht in seine Prosasuppe.
"Schlängle klug mit dem Notizbuch, "Wie ein jüdischer Reporter, "Dich durchs Gassenmeer der Grossstadt "Und edire Jahr für Jahr, "Ein gedruckter Photograph, "Realistische Romane.
"Reime, Rhythmen und was sonst noch "Dich an Versen so entzückt, "Jene knappe Condensiertheit, "Die in Einem goldnen Lichtblitz "Tausend bunte Farben aufsaugt, "Musst Du dann als neuer Heiland "Selbstverständlich brüsk verläugnen.
"Englands Hamlet, Deutschlands Faust "Und Altgriechenlands Prometheus - "Lächerlich, dass diese Leute "Verse, nichts als Verse schwabbeln!
"Destillire Dir doch einmal "Die famose Quintessenz "Henrik Ibsenscher Kritik, "Der im Namen Deiner Gottheit, "Als ihr wohlbestallter Priester, "Schillers Jambendramen köpfte: "Blödsinn, nichts als höhrer Blödsinn!
"Deine formverliebte Seele "Hat sich eben schon aus tausend "Goldgeformten Henkelkrügen "Gar zu heidnisch schön besoffen!
"Hungre sie asketisch aus!
"Verse thun's heut freilich nicht: "Prosa, Freundchen, platte Prosa!"
Ach, wie wohlfeil war euch Braven Dieser gutgemeinte Spott!
Harmlos wie die jungen Bären Lebt ihr euer Leben hin; Auf die Quadratur des Cirkels Habt ihr als verständge Leute Philosophisch schon verzichtet, Und ein schief getretner Stiefel Bringt euch eher aus dem Häuschen, Als das närrische Problem: Dreht die Achse dieser Welt Sich nach rechtshin oder linkshin?
Anders, wenn ein Homo sapiens Nicht, wie ihr, nur Steuern zahlt, Sondern, wie z.B. ich, Nebenbei auch noch Poet ist.
Werden doch in seiner Brust Feindlich stets zwei Seelen wohnen, Und vielleicht just, wenn die eine Strümpfe stopft und Hosen flickt, Reimt die andere ihr erstes, Tiefgefühltes Liebeslied.
Zwar mein Kopf hat sich schon längst Radikal emanzipirt; Doch in meinem Herzen blühn noch Alle Blumen der Romantik!
Kriechen soll ich, Freunde, kriechen, Kriechen wie ein fader Wurm?
Schaut nur, wie die alten Wälder Ihre grünen Häupter schütteln, Und wie über sie die Sterne Kreuzweis ihre Lichter werfen: Ach, sie intoniren alle Ein homerisches Gelächter!
Wem die Sonne dieser Gottwelt Niemals bis ins Herz geschienen, Mag sich in den Staub verlieben, Doch wer Flügel hat, der fliege!
Weiss nicht, ob ich nicht noch einmal Später, wenn ich alt und grau bin, Mich ins Prosajoch bequeme.
Ach, die Zeit ist gar zu flüchtig, Und wenn erst das Podagra Uns moquant an Arm und Bein zwickt, Macht die Jugend schmählich Pleite, Und die goldnen Ideale Drehen schnippisch uns den Rücken.
Doch einstweilen dedicir ich Dieses lachende Präludium Euch, ihr wohlverbohrten Ritter Vom romantisch blauen Strumpfband Und vom klassischen Kothurn!
|