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Ecce homo!
An das klopfende Herz ihres Volkes Legen die Dichter Ihr lauschendes Ohr Und hören sie rauschen Von Ferne Die Taufbronnen des neuen Heils, Die Jordansströme Der neuen Zeit. Nicht an die Weisen Und Schriftgelehrten, An die Männer Von Weihwasser und Weihrauch, Wendet um Rath sich Die neue Menschheit; Es lehrt als Priester Der neuen Zeit Der Sohn des Volkes Im schlichten Gewande. Alfred Meissner
Ich sah ihn Tag für Tag, Als wäre nichts geschehn, Still mit dem Glockenschlag An seine Arbeit gehn; Das Halstuch roth wie Blut, Von Locken wirr umflogen, Den Kalabreserhut Tief in die Stirn gezogen.
Ein jeder Zoll Genie, Ein Volksmann, ein Poet, Scheint er mir öfters, wie Ein biblischer Prophet. Das ganze Viertel kennt Und ehrt in ihm den Führer, Der oft im Parlament Auftrat, ein wilder Schürer.
Weh jeder Tyrannei, Wenn er bis Mitternacht Am Pult der Druckerei Geschrieben und gedacht! Wem seine Blitze sprühn, Vergisst das Athemholen, Denn seine Worte glühn Im Hirn wie rothe Kohlen.
Ein rechter Proletar! Ein wahres Zorngedicht! Wer seine Mutter war? Er weiss es selber nicht! Vielleicht ein Kind der Lust, Das, weil die Noth es taufte, Das Herz aus seiner Brust Um schnödes Gold verkaufte.
Vielleicht auch nur, ja nur, Ein Weib in Goldbrokat, Das trotz Moraldressur In eine Pfütze trat. Vielleicht liegt sie schon todt In einer eklen Gosse, Vielleicht bespritzt mit Koth Ihn ihre Staatskarosse.
Ein armes Findelkind, Im ersten Morgengrau, Umweht vom Winterwind, Fand ihn die Zeitungsfrau. Er that's ihr lächelnd an, Der rosige Rebeller, Und auf nahm ihn ihr Mann In seinen Schusterkeller.
Hier wuchs er in die Welt, Ein Bursch mit blondem Haar, Sein einzig Tummelfeld Das Grossstadt-Trottoir. Wohl schwoll der Stiefelkram, Doch auch das Taufregister, Und nach und nach bekam Er sieben Milchgeschwister.
Und knapper ward das Brot, Der Junge musste ran! Und bleich im Dienst der Noth Hub nun sein Elend an. Er stand im Setzersaal, Die Hand am Letternkasten, Und half das Volksjournal Des Nachts zusammenhasten.
Die Uhr vom Thurm her klang Wie tief in eine Gruft, Ein fetter Oelgestank Schwamm ranzig durch die Luft. Man hörte wie im Traum Die Winkelhaken klirren Und im Maschinenraum Die Lederriemen schwirren.
Um ging von Hand zu Hand Ein Bräu aus Schnaps und Bier, Als Etikett drauf stand: Gesundheit-Elixir! In schmutzgen Zoten sprach Frech das Maschinenmädel, Das Gaslicht aber stach Ihm grell auf seinen Schädel.
Er aber: Griff auf Griff That er mit düsterm Blick, Durchs offne Fenster pfiff Der Wind ihm ins Genick. Er strich um ihn herum Und blies ihm in die Ohren: "So recht! So recht! Warum Bist Du nicht "hoch" geboren?
Warum beim Stümpfchen Talg Hat Dich das Glück geheckt Und nicht als Wechselbalg In Eiderdun gesteckt? Dann stündest Du nicht hier, Behängt mit schmutzgen Lappen, Dann wärst Du auch kein Thier Und pochtest auf Dein Wappen.
Du wärst auch nicht wie nun An Leib und Seele krank, Du brauchtest nichts zu thun Und sagtest: Gottseidank! Auch hättest Du dann Geld, Wie Rothschild ganze Frachten, Und könntest diese Welt Noch mehr als jetzt verachten!"
So stand er düster da Und rang mit seinem Groll Und sein College sah, Wie ihm die Ader schwoll. Zu tief sass es, zu tief, Er grollte, sann und dachte, Bis sie, die in ihm schlief, Die Urkraft, jäh erwachte.
Und heiss ins Hirn empor Kam ihm das Blut gespritzt, Wie wenn ein Meteor Nachts durch den Himmel blitzt. Denn plötzlich riesengross Sah er ein Schreckbild thronen - Es war sein eignes Loos, Das Loos von Millionen!
Da deutlich, schwarz auf weiss, Stand's da und sah ihn an, Dass ihm das Blut wie Eis Kalt durch die Adern rann. Es war nur ein Fragment, Ein abgerissner Fetzen, Ein neustes Testament, Und er, er sollt es setzen!
"Ein armer Bettler kroch Vor seines Bruders Haus Und bat, o reich mir doch Ein Stückchen Brot heraus! Vor meinen Augen flirrt's Ich habe nichts zu essen, Der liebe Herrgott wird's Dir sicher nicht vergessen!
Sein Bruder aber schrie Und strich sein Doppelkinn: Was willst du, tolles Vieh? Scheer dich wo anders hin! Das sauft nur immer Wein Und ekelt sich vor Wasser - Da hier, friss diesen Stein ... Doch, sag 'Schöndank!' du Prasser!
Da schrie der Aermste auf, Zu teuflisch war der Hohn, Und eine Stunde drauf Lag er im Wasser schon. Derweil nach dem Diner Hielt lammfromm vor dem Städtchen Sein Bruder, Herr P.P., Sein Mittagspromenädchen!
O, nun zum ersten Mal Verstand er Wort für Wort, Fürs Volk war das Journal Und dies war ja ein Mord! Es war ein Mord und mehr, Es war die alte Fabel, Wie einst - o lang ist's her - Der Kain schlug den Abel!
Mit Augen, thränenroth, Verschlang er, was er las, Bis knöchern ihm der Tod Im weichen Herzen sass. Den Otternkranz im Haar, Umtanzten ihn die Furien, So sinnverwirrend war Kein Zerrbild aus Lemurien!
Und tage- wochenlang Lief er umher wie wild, In seine Träume schlang Sich jenes wüste Bild. Er sah es riesengross In jedem Winkel thronen, War's doch sein eignes Loos, Das Loos von Millionen!
In Stoppeln stand sein Bart, Sein Herz war wie verdorrt, Er - lachte nur und ward Ein Anderer hinfort! Sein Weichmuth bis ins Gras, Ihn kniff's wie eine Zange Und hochauf schwoll sein Hass Wie eine Tigerschlange.
Da winkte wie ein Ziel Ihm fern ein goldner Schein Und mehr als einmal fiel Ihm der Messias ein. Er grübelte und sah: Noch wird das Volk geknutet, Das Herz von Golgatha Hat sich umsonst verblutet!
Nun sprach das Ideal Ihm tief zu Herz und Hirn, Sein blutig Kainsmal Stand roth auf seiner Stirn. Er floh das Volksgewühl Und schlief nur wenig Stunden Und liess dann sein Gefühl Sich zu Gedanken runden:
"Ein Fluch auf diese Zeit! Was grad wuchs, biegt sie krumm! Mein Herzblut aber schreit: Warum, o Gott, warum? Wozu denn Herr und Knecht? Was arm, was reich auf Erden? Für das zertretne Recht Will ich der Anwalt werden!
Drum her, o her zu mir, Die ihr beladen seid! Mein Reich ist ja von hier! Mein Reich ist diese Zeit! Ihr, die hier wild in sich Den Schrei der Wuth ersticken, Kommt alle her, denn ich, Ja ich will euch erquicken!
Ich will ins Morgenroth Der nahen Zukunft sehn Und euer Schrei nach Brot Wird in Erfüllung gehn. Der Knechtschaft Dorngesträuch, Mein Schwert soll es zerkrachen, Ich will aus Sklaven euch Zu freien Menschen machen!
Ihr aber, die ihr faul Auf euerm Geldsack sitzt, Indess das Volk, der Gaul, Vor euerm Karren schwitzt: Lasst euern Wanst gedeihn, Lasst eure Hunde bellen, Ich werde "Feuer!" schrein, Bis euch die Ohren gellen!
Ich stosse von dem Thron Das Wörtchen "mein und dein", Das brave Volk wird schon Auf seinem Posten sein. Drum tanzt nur! Der Vulkan Wird bald in Feuer kreissen, Dann wird es Zahn um Zahn Und Aug um Auge heissen!"
Was er nur halb durchdacht, Er rief es wildverstört Und manche stille Nacht Hat seinen Fluch gehört. Die Furcht vor Gold und Rang Verschwur er hoch und theuer, Ein wilder Wissensdrang Rann ihm durchs Hirn wie Feuer.
Wohl stand er hart in Frohn, Ein armer Proletar, Doch blieb sein halber Lohn Beim Bücher-Antiquar. An jedem Wahltag strich Er ruhlos um die Thüren Und haschte Zettel sich, Flugblätter und Broschüren.
O, wenn er las und schrieb, Schlug ihm das Herz so warm, Und unverstanden blieb Ihm sein Collegenschwarm. Wenn der in Saus und Braus Sich Sonntags amüsirte, Dann sass er still zu Haus Am Werktisch und studirte.
Die Schusterkugel warf Aufs Buch ihr Licht herab Und seitlich hub sich scharf Sein schwarzer Schatten ab. Man sah ihn, wenn er kroch, Bis an die Decke schwanken, Doch höher reichten noch Des Schwärmers Traumgedanken.
Er träumte, seine Saat Ging auf im Zeitverlauf Und schon schloss ein Mandat Ihm auch den Reichstag auf. Sein Wort flog wie ein Ball, Er stand auf der Tribüne, Halb Rousseau, halb Lassalle, Und sprach von Schuld und Sühne.
Er sprach, und wenn er schwieg, Klang's linksher wie Hurrah, Denn hüben war's ein Sieg Und drüben ein Eclat. Und flog's dann durch das Land, Wo heisse Stirnen tropften, Dann gab man sich die Hand Und tausend Herzen klopften.
Und wieder schlug's ihm dann Vertrauter ans Gehör, Er war ein schlichter Mann, Ein Zeitungsredakteur. Er sass am Pult und schrieb, Es waren grosse Züge, Und jeder Satz ein Hieb, Ein Hieb ins Herz der Lüge.
Er schrieb, und lag das Blatt Dann auf dem Tisch der Noth, Dann war die Armuth satt Und schrie nicht mehr nach Brot. Ein Balsam war sein Wort, Es stand ein Held auf Wache Und war ein rechter Hort Für jede gute Sache.
Die Hände vorm Gesicht, So sass er träumend da, Bis bleich das Morgenlicht Durchs Kellerfenster sah. Dann, müd und überwacht, Ging's in die neue Woche - O, er war Tag und Nacht Ein Pegasus im Joche!
So rollte abgrundwärts Von dannen Jahr um Jahr Und heller ward sein Herz Und dunkler ward sein Haar. Wie Chopins Melodien, Er war nicht zu verkennen, In seinen Augen schien Ein blauer Stern zu brennen.
Er stand nicht mehr bestaubt Am Werktisch um Gewinnst, Das Glück wob ihm ums Haupt Sein lichtes Goldgespinnst. Erschallen liess er frank, Ein Herold, seine Rufe Und jubelte und schwang Von Stufe sich zu Stufe.
Er flehte: Herz, sei hart Und rühr's nicht an, das Gold! Bis er es endlich ward, Was er so heiss gewollt. O, nur ein Mann, ein Wort, Ein Volkssoldat auf Wache, Ein echter, rechter Hort Für jede gute Sache!
Sein Bild hängt nun bekränzt Die Noth an ihre Wand, Auf seinem Haupt erglänzt Des Freimuths Krondemant. Sein Wort klirrt wie von Erz Und nennst du seinen Namen, Dann schlägt dem Volk das Herz Und heimlich spricht es: Amen!
An seinen Werken schweisst Das ringende Geschlecht, Sein Wahlspruch aber heisst: Die Freiheit und das Recht! So kämpft als Paladin Der Schusterssohn von weiland Und alles schaut auf ihn, Wie auf den neuen Heiland.
Doch stösst ein Volkstribun Allorts auf einen Stein, Kein Wunder drum, wenn nun Auch viele "Kreuzigt!" schrein. Dies Wort war ja von je Ein gute Wehr und Waffen - So lehrt's das Abc Der Junker und der Pfaffen!
Das Volk, hat's ein Idol, Dann will's zum Brot auch Salz: Die Herren wissen wohl, Es geht an ihren Hals! Drum zetern sie: Er ist Ein Teufelsflammenschürer, Ein wilder Antichrist, Ein schlauer Volksverführer!
Er aber lacht sie aus, Er weiss, der Sieg ist sein; Und treiben sie's zu kraus, Dann donnert er darein: "Ja, tanzt nur! Der Vulkan Wird bald in Feuer kreissen, Dann wird es Zahn um Zahn Und Aug um Auge heissen!"
So klingt - bald Moll, bald Dur - Sein grosses Tongedicht; Ob er ein Schwärmer nur? Je nun, ich glaub es nich! Ein rechter Demokrat Grollt auch im Festungsgraben, Zu einem Manne der That Scheint er das Zeug zu haben.
Einstweilen stürzt sein Zorn Ihn noch nicht in den Streit; Er freut sich, wie das Korn, Das er gesät, gedeiht. Schon kann er's hoch und dicht Mit beiden Händen greifen, Doch noch ist's Austtag nicht, Er lässt es reifen, reifen ....
Ich seh ihn Tag für Tag, Als wäre nichts geschehn, Still mit dem Glockenschlag An seine Arbeit gehn; Das Halstuch roth wie Blut, Von Locken wirr umflogen, Den Kalabreserhut Tief in die Stirn gezogen.
Religion
O Erd', voll Licht und Finsternissen, Der Geister schönstes Mutterland! Vom Jenseits mag ich nichts mehr wissen, Seit ich das Diesseits erst erkannt.
Dein bin ich, dein, die du mit Kosen Um jedes deiner Kinder wachst Seitdem ich weiss, dass du zu Rosen Selbst das Gebein der Toten machst! Alfred Meissner
Ihr Priester, die ihr einst vor Zeiten Mit Blut geeifert wider Baal Und heut in andern Erdgebreiten Den Kampf erstickt ums Ideal: Kehrt um und wählt ein ander Zeichen, Das Feld des Zweifels steht behalmt; Das Rad der Zeit dreht seine Speichen, Und wer hineingreift, wird zermalmt!
Wohl wärmt ihr eure alten Wunder Uns immer noch von Neuem auf, Doch ward ihr Flitter längst zum Plunder Und niemand nimmt ihn mehr in Kauf. Gesprengt hat seine dumpfen Bande Der freie Geist und jauchzte: Licht! Und trägt nun jubelnd durch die Lande, Der Schöpfung grofses Weltgedicht.
Verlästert viel und viel bewundert, Strebt höher er von Jahr zu Jahr; Er ahnt das kommende Jahrhundert, Und jedes Herz wird sein Altar. Denn nicht im Staub der Pergamente Verlor sich seines Suchens Spur: Er fragte kühn die Elemente Und Antwort gab ihm die Natur.
Die Sterne, die seit Uräonen Ihr räthselhaftes Feuer sprühn, Die Thierwelt neuerschlossner Zonen, Ja, selbst die Blumen, die verblühn: Nicht stumm mehr wie vor tausend Jahren Schaut ihm ihr Sphinxbild ins Gesicht, Sie alle, alle offenbaren Das grosse Weltwort: Licht, mehr Licht!
Das Blättchen der versteinten Pflanze Singt vom verlornen Paradies, Und nur für ihn grub Schwert und Lanze Die Vorzeit in den Uferkies. Es wob der Traum vom ewigen Frieden Ums Haupt ihm seinen Glorienschein, Und bis ins Herz der Pyramiden Drang forschend seine Fackel ein.
Das Wissen, nicht der Glaube frommt ihm, Ihm schien die Sonne bis ins Mark! Ihr aber näselt nur und kommt ihm Mit euerm abgestandnen Quark! Umsonst mit euern Anathemen Habt ihr zu bannen ihn versucht - Was soll der Welt denn auch ein Schemen Von einer Liebe, die nur flucht? ...
Da liegt sie nun zerbrochnen Stempels Die Münze, die ihr falsch geprägt! Schon ist zum Bau des neuen Tempels Das grosse Fundament gelegt! Schon grüsst den kommenden Messias Das junge, werdende Geschlecht Und seine goldne Zukunftstrias Jauchzt: Wahrheit, Freiheit nur und Recht!
Und steigt der grosse Ueberwinder Erst wieder erdwärts, nackt und blos, Dann wieder birgst du deine Kinder, Natur, in deinem Mutterschooss! Der Menschheit zukunftstrunkne Seher Sind dann die Jünger, die er wirbt, Bis mit dem letzten Kantschudreher Einst auch der letzte Hundsfott stirbt!
Dann wird kein Thron mehr goldig gleissen, Vom Pfaffenhimmel überdacht, Denn jene Welt, die uns verheissen Ist lächelnd dann ins Licht erwacht. Dann hört die Hoffnung auf zu bluten, Die Liebe weint vor lauter Lust Und jauchzend sinken alle Guten Sich Bruderbrust an Bruderbrust!
Drum ihr dort, die ihr einst vor Zeiten Mit Blut geeifert wider Baal Und heut in andern Erdgebreiten Den Kampf erstickt ums Ideal: Kehrt um und wählt ein ander Zeichen, Das Feld des Zweifels steht behalmt; Das Rad der Zeit dreht seine Speichen, Und wer hineingreift, wird zermalmt!
Tagebuchblätter
In dem Traum siehst du die stillen, Fabelhaften Blumen prangen; Und mit Sehnsucht und Verlangen Ihre Düfte dich erfüllen.
Doch von diesen Blumen scheidet Dich ein Abgrund tief und schaurig, Und dein Herz wird endlich traurig, Und es blutet und es leidet. Heine
1.
Ich rauchte nicht und trank kein Bier, Ein junger Mensch von achtzehn Jahren, Und dieses Buch der Welt schien mir Wie eines Engels Memoiren. Schon sah ich mich im Frührothschein Vor lauter Glück die Hände falten, Doch heut gesteh ich's traurig ein: Mein Herz hat mir nicht Wort gehalten!
Auch schrieb ich manchen Liebesbrief Und schwärmte à la Heinrich Heine, Doch das war kindisch und naiv, Denn statt der Herzen fand ich Steine. Nun hängt am Galgen mein Humor Und macht mein warmes Blut erkalten, Denn traurig klingt es mir im Ohr: Mein Herz hat mir nicht Wort gehalten!
Zwar meiner Kunst ersehnten Kranz, Schon streift ihn hie und da mein Scheitel, Doch denk ich schon wie Meister Hans Und deklamire: Alles eitel! Mir kreist das Hirn, mir wankt das Knie, Ein Andrer mag mein Amt verwalten! Zu traurig klingt die Melodie: Mein Herz hat mir nicht Wort gehalten!
2.
Ins Meer versank des Abends letzte Röthe, Du gabst mir scheidend das Geleit, Im nahen Wald blies eine Hirtenflöte Ein altes Lied aus alter Zeit.
Nicht Küsse waren's, die wir heimlich tauschten, Es war die Zeit des Blätterfalls, Doch als am Kreuzweg die drei Linden rauschten, Fielst Du mir weinend um den Hals!
Und Deiner Liebe langverhaltnes Leiden, Aus Deinem Herzen brach's hervor, Als ahntest Du's, dass Jedes von uns Beiden Im Andern auch sich selbst verlor!
Und Worte sprachst Du, die ich nie vergessen, Doch ach, uns gönnte das Geschick Nur noch ein letztes Aneinanderpressen ... Es war ein dunkler Augenblick!
Doch nicht entweihen will ich jene Stunde, Schweig still, o still, Erinnerung! Denn nie schliesst sich ein Herz um seine Wunde, Ein echtes Leid bleibt ewig jung.
Noch immer, wenn des Abends letzte Röthe Ins Meer taucht, wird das Herz mir weit, Und mich umklingt wie eine Hirtenflöte Ein altes Lied aus alter Zeit.
3.
O, wie so oft hab ich gesessen Auf moos'ger Bank am Buchenhag Und sann beglückt und selbstvergessen Dem Räthsel Deines Wesens nach! Dann sang am waldverschwiegnen Orte Ihr hohes Lied die Maienfee, Und jedes ihrer süssen Worte Fiel mir ins Herz wie Blüthenschnee; Und jedes ihrer süssen Worte Klang mir wie Deutung Deines Seins Und golden that sich auf die Pforte Und ich und Du, wir waren Eins!
Und doch; wenn Du dann kamst und lächelnd Die Anmuth Dir zur Seite ging, Und süsser als der Maiwind fächelnd Dein weicher Odem mich umfing: Dann war dahin, was kaum gewesen Und was nur dunkel mir geschwant, In Deinen Augen konnt ich's lesen, Von Wundern, die ich nie geahnt; In Deinen Augen konnt ich's lesen, Was ich gewann, was ich verlor, Und süsserschreckt schien mir Dein Wesen Nur räthselhafter als zuvor!
4.
Mein Herz war froh, mein Leben Poesie, Draus meine Tage sich wie Knospen schälten, Da kam Dein Brief, der mir Dein Elend schrie, Und dessen Thränen mir Dein Leid erzählten.
Nur Einer weiss, wie schwer ich daran trug, Der Flieder, der nachts an mein Fenster schlug.
Derselbe Flieder, dessen Duft so lind Im Mai uns wie ein Frühlingstraum umschauert, Und der jetzt frierend im Novemberwind Sich wie ein Bettler scheu zu Boden kauert.
5.
O, wie weit, wie weit, Liegt die goldne Zeit, Wo mein Herz von tausend Liedern schwoll! Nun ist stumm mein Mund Und mein Herz so wund Ist von Thränen, nur von Thränen voll!
O was gäb ich drum, Wär ich nicht so stumm, Und die Thräne fände ihren Lauf! Aber Lied wie Schmerz, Hütet stumm das Herz, Und wer kommt und schiebt den Riegel auf?
Junger Liebe Glück, Kehrst du nie zurück? Ach, das Herz mir noch das Herz zerbricht! Wie ein Funkelstern, O so ewig fern, Glänzt die goldne Zeit im goldnen Licht!
6.
O dass doch aus dem Klanggewinde Mir Blatt auf Blatt von dannen stiebt Und ich nicht mehr die Worte finde, Wie sie das Herz dem Herzen giebt! Denn ach, die Lust singt immer leiser Und immer lauter schreit das Weh, Und längst sind alle Hoffnungsreiser Begraben unterm Winterschnee.
Ich bin so stumm und still geworden Und sing nur manchmal noch im Traum, Doch in den klagenden Akkorden Tönt meiner Schmerzen Echo kaum. Und will mir auch die Brust zerspringen, Es trägt kein Lied ihr Weh hinaus: Und so muss denn auch dies verklingen Und ist doch lange noch nicht aus!
7.
Sonnengluthen, Abendschatten Wechselten im alten Gleise, Und auch dir, dem Qualenmatten, Tönt ins Ohr die gleiche Weise: Ging das Gestern, kommt das heute Und am Ende auch das Morgen, Doch in alle drei als Beute Theilen gierig sich die Sorgen.
Sonnengluthen, Abendschatten Können nicht von selber enden, Aber dir, den Lebenssatten, Ist's vergönnt, sein Loos zu wenden. Nicht umsonst sei dir gegeben, Was Natur den andern schuldig: Drum so ende du dein Leben, Oder trag es still geduldig!
8.
Ja, ich geb's zu, und Du hast Recht, mein Freund: Der Sommer ist's, der meine Wange bräunt, Und meine Lenzsaat steht noch ungeschnitten. Und doch, der erste Frühschmelz ist dahin, Mein Herz ward dunkel, düster ward mein Sinn, Denn sieh, wer viel geliebt, hat viel gelitten!
Ich weiss, Du glaubst und hoffst noch. Nun, es sei. In mir ruft's faustisch schon: Vorbei! Vorbei! Nur wenig noch will meinem Herzen taugen: Ein Blumenduft, ein ferner Glockenklang, Ein Vogelruf, ein Sonnenuntergang Und dann und wann ein Blick in Kinderaugen.
9.
Mit den Wolken, mit den Winden, Steur' ich nach dem goldnen Vliess - Das verlorne Paradies, O, wann werd ich's wiederfinden?
Tag und Nacht, in Schlaf und Wachen, Wogt um mich die dunkle Fluth, Und die Sehnsucht, die nicht ruht, Ja, die Sehnsucht ist mein Nachen!
Und so gehn denn Mond und Sterne Immer wieder meerempor; Doch wie sie, winkt Edens Thor Mir ach, immer nur von Ferne!
Aber lass das Rad nur rollen, Wie's das schon seit je gethan, Denn auch deine irre Bahn Wird sich ja vollenden wollen.
Wind und Wellen werden schlafen Und sein Ziel erreicht dein Boot, Denn sein Steuermann heisst Tod Und der Himmel ist sein Hafen!
10.
Und immer weiter Dreht sich die Welt, Ihr Pfad wird breiter, Ihr Triebrad schnellt; Die Stunden rollen, Die Sonne scheint, Ich bin verschollen Und niemand weint! In Kraut und Kressen Auf hohem Stein Lieg ich vergessen Und ganz allein; Nur eine Linde Schwingt über mir Im Abendwinde Ihr grün Panier, Und leis nur zittert Mir ums Gesicht, Goldrothumwittert, Das Abendlicht.
Die Welt ging unter, Die Gott erschuf, Nur noch mitunter Ein Vogelruf; Nur noch zuweilen Ein irrer Schrei - Die Wolken eilen Vorbei, vorbei!
Was wie ein Stern mir Die Brust durchzieht, Singt nun von fern mir Sein Alphornlied. Erinnrung hält mich In ihrem Bann Und plötzlich fällt mich Die Sehnsucht an.
O Lust von weiland, Wie liegst du weit! O selig Eiland Der Jugendzeit! Die Blumen blühten, Die Quelle sprang, Die Sterne glühten, Die Amsel sang;
Und mir gab Küsse Zu jeder Stund, Als ob er's müsse, Ein Mädchenmund! Noch stockt der Schmerz mir In seinem Lauf - Wie ging das Herz mir In Liedern auf! Doch wer beschriebe Die goldne Zeit, Die erste Liebe, Das erste Leid? Wie dort die Sonne Versinkt in Nacht, Stirbt Weh und Wonne, Eh wir's gedacht. Schon deckt ihr Schleier Den Fluss, das Ried - Die alte Leier, Das alte Lied!
11.
Der Sonne letzter Schein Umspielt das schwanke Ried, Der Thürmer bläst sein Lied Ins Abendroth hinein.
Von fernher weht ein Duft Berauschend mir ums Haar, Ein weisses Taubenpaar Durchflattert noch die Luft.
Nun taucht mein Geist ins Bad Und stärkt sich im Gebet, Ein Engel Gottes geht Stillsegnend durch die Stadt.
Für Jeden, der ihn sieht, Hat er im Herzen Raum: Dir gab er einen Traum, Und mir gab er dies Lied.
12.
Jüngst sah ich den Wind, Das himmlische Kind, Als ich träumend im Walde gelegen, Und hinter ihm schritt Mit trippelndem Tritt Sein Bruder, der Sommerregen.
In den Wipfeln da ging's Nach rechts und nach links, Als wiegte der Wind sich im Bettchen; Und sein Brüderchen sang: Di Binke di Bank, Und schlüpfte von Blättchen zu Blättchen.
Weiss selbst nicht, wie's kam, Gar zu wundersam Es regnete, tropfte und rauschte, Dass ich selber ein Kind, Wie Regen und Wind, Das Spielen der beiden belauschte.
Dann wurde es Nacht, Und eh ich's gedacht, Waren fort, die das Märchen mir schufen, Ihr Mütterlein Hatte sie fein Hinauf in den Himmel gerufen!
13.
O du lieber, linder Sommerabend, Bist so süss wie zarte Frauenhuld, Wenn dein tiefgeheimer Zauber labend Mich in wunderholde Träume lullt. Bin ich singend über Land gezogen Wohl den ganzen Tag im Sonnenschein Und nun schreit ich durch den Thoresbogen In die altersgraue Stadt hinein.
Von den holzgeschnitzten Giebelspitzen Sich schon längst der letzte Schimmer stahl, Nur die hohen Kirchenkreuze blitzen Golden noch im späten Abendstrahl. Kinder auf den Treppensteinen hocken, Spielen Haschen oder Blindekuh, Und dazwischen läuten fromm die Glocken Von den Thürmen Feierabendruh.
Wer sich abgemüht in Tagesschwüle, Ruht im Schoosse seiner Lieben aus; Herzerquickend duftet ihm die Kühle, Wie ein frischgepflückter Blumenstrauss. Rollt kein Wagen mehr, es schlägt kein Hammer, Denn der Werkeltag ist längst verrauscht; Lämpchen knistert schon in stiller Kammer, Drin der Nestling Mutters Märchen lauscht.
Immer stiller wird es auf den Gassen, Immer heimlicher die Dämmrung winkt, Bis das Giebeldach die silberblassen, Mondgewebten Flimmerstrahlen trinkt. Wo in marktumpflanzten Lindenbäumen Funkenwürmchen hin und wieder fliegt, Wandeln Liebende in süssen Träumen, Hand in Hand und Arm in Arm geschmiegt.
Mit den alten, halbverwaschnen Runnen Und dem steingehaunen Reckenbild Steht am Rathhauseck der Rolandsbrunnen, Der aus hundert Röhren tönend quillt. Auf bemoostem Rande sitz ich nieder, Und ich schaue in die Fluthenpracht, Und ich lausche auf die Wiegenlieder, Bis mein Herz zur guten Ruh gebracht.
Und da hör ich, wie auf leisen Sohlen Blonde Engel durch die Gassen gehn, Und ich blinzle ab und zu verstohlen, Um die blonden Engel auch zu sehn. O du lieber, linder Sommerabend, Bist so süss wie zarte Frauenhuld, Wenn dein tiefgeheimer Zauber labend Mich in wunderholde Träume lullt!
14.
Nun pfeift der Herbstwind ums Gemäuer, Und grau in grau verschwimmt die Luft, Und um den Herd und um sein Feuer Webt Winterduft.
Das ist die Zeit, wo sich die Seele Stilleinsam auf sich selbst besinnt Und wie im Lenz einst Philomele Auf Lieder sinnt.
Willkommen drum zur guten Stunde, O Muse, unter meinem Dach; Ist auch dies Stübchen hier im Grunde Kein Prunkgemach!
Vier Wände nur und was darinnen, Ein Tisch, zwei Stühle und ein Schrein; So sitzen wir vergnügt und sinnen Beim Lampenschein.
Horch, draussen, welch ein grauses Wetter Durchrast gespensterhaft die Nacht? Mir däucht, so klingt das Horngeschmetter Der wilden Jagd!
Der Regen peitscht in jähem Grimme Ans Fenster, dass der Laden wankt, Und durch die Luft heult eine Stimme Und ächzt und bangt.
Ein Kreischen, wie von Wetterhähnen, Umkreist der Kirche nahen Thurm, Denn ihn bedräut mit giftgen Zähnen Der Drache Sturm.
Von Menschen scheint die Stadt verlassen, Kein Licht mehr, das nicht längst verblich, Und wer hinabblickt auf die Gassen, Bekreuzigt sich.
Fürwahr, ist da nicht unsre Zelle Ein irdisch Stücklein Seligkeit? Und predigt nicht des Lämpchens Helle Gemüthlichkeit?
Und näher rücken wir zusammen Und was ich frage, thust du kund; Dein Auge spielt in blauen Flammen, Es lacht dein Mund.
Aus Ost und Westen, Süd und Norden, Von Steinen, Blumen und Gethier, Warum und wie sie so geworden, Erzählst du mir.
Und was einst vor so manchem Jährchen Die Welt erlebt in Lust und Leid, Und wenn ich bitte, auch ein Märchen Aus alter Zeit.
Wie Siegfried einst die Maid Brunhilde Durch seinen Kuss vom Schlaf erweckt, Und wie sich hinter diesem Bilde Ein Sinn versteckt.
Wie jährlich noch die Mutter Erde Sich einspinnt in die Witternacht, Bis sie im Lenz durch Gottes Werde Aufs Neu erwacht.
Drum lass den Tod nur draussen dräuen, Wir zwei sind gegen ihn gefeit; Das Leben wird sich schon erneuen Zu seiner Zeit.
Als Lenz wird es uns Veilchen bringen, Und tändeln wird's als Blüthenfall, Und Nachts im Flieder wird es singen Als Nachtigall!
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