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Eichendorff
Mein Gott, Dir sag ich Dank, Dass Du die Jugend mir bis über alle Wipfel In Morgenroth getaucht und Klang Und auf des Lebens Gipfel Vom Herzen unbewacht Den falschen Glanz gewendet, Dass ich nicht taumle ruhmgeblendet, Da nun herein die Nacht Dunkelt in ernster Pracht. Eichendorff
Ferndrüben hinter den Bäumen Ist eben ein Glöcklein verhallt, Nun will ich hier liegen und träumen Den Mittag im stillen Wald.
Hoch über mir rauschen die Wipfel Und kühl herweht's aus der Kluft, Und fernhin verschwimmen die Gipfel Der Berge in bläulichem Duft.
Verschlafen zwitschern und nicken Die Vögel im grünen Tann, Und wie verzaubert blicken Die wilden Rosen mich an.
Nun wird mir vor Weh und vor Wonne Das Herz so weit, so weit! Und ich denk an die goldene Sonne Der schönen Jugendzeit.
Da sang ich so lustige Weisen Und ward es doch nimmer müd, Denn herrlich ist es zu reisen, Zu reisen im sonnigen Süd!
Dort raunen die Brunnen und rauschen Verschlafen die ganze Nacht, Und Marmorbilder lauschen, Wenn die Sternlein am Himmel erwacht.
Dann singen die Mandolinen Das alte Lied von den Zwei'n, Und in sinkende Tempelruinen Spinnt silbern der Mond sich ein.
Von einer Vigne zur andern, Dahin über Thäler und Höhn, Wie träumend sang ich im Wandern: O Welschland, wie bist du doch schön!
Doch, Herz, hör auf zu träumen, Denn dahin ist die alte Zeit, Und über dir rauscht in den Bäumen Die grüne Einsamkeit.
So manche seiner Flocken Blies mir der Winter aufs Haupt, Und meine braunen Locken Sind alle schon grau verstaubt.
Nur du, mein Herz, bliebst das alte Und schlägst noch so süss, so süss - O, dass dich dein Herrgott erhalte: Gott grüss dich, mein Herz, Gott grüss!
Ein Heroldsruf!
Was du ererbt von deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen! Goethe
Ich stand als Kaisers Ehrenhold Voreinst in Friedrich Rothbarts Sold Und schaute noch die Herrlichkeit Der goldnen Hohenstaufenzeit. Herr Du mein Gott! das war ein Leben, Wenn hoch ihr Schlachtpanier gerauscht Und wir den kargen Kranz der Reben Um einen Lorbeer eingetauscht! Da schien die ganze, weite Welt Nur aufs Germanenthum gestellt, Und deutsche That und deutsches Wort Gebot im Süd und galt im Nord; Gesühnt war Tribur und Kanossa, Denn unser Held hiess Barbarossa! O, wie doch dieses Namens Hauch Noch immer mir das Herz erfreut, Als ob ein blühender Rosenstrauch Mir alle seine Düfte streut! Wir dienten ihm im Heeresbann So an die hunderttausend Mann, Doch hätte Jeder wohl sein Leben Mit Freuden für ihn hingegeben! Ich bin so manches liebe Mal Ins Welschland vor ihm hergeritten, Wenn über uns ins Alpenthal Vom Felsgrat die Lawinen glitten. Der Pfad war eng, von rechts und links Umzischten uns die welschen Speere, Doch mitten durch die Feinde gings Zu seiner und zu unsrer Ehre. Dann sprengte er wohl siegbewusst Dicht neben mir auf seinem Rappen, Ich aber jauchzte auf vor Lust Und hoch hielt ich das Kaiserwappen. So kämpften wir uns wacker durch Und stürmten manche Felsenburg, Bis endlich wir in welschen Landen Die köstlichste Belohnung fanden.
Wohl sind sie schön, Germaniens Gauen Und sagenraunend rauscht der Rhein Und lieblich ist's, in ihn zu schauen Beim Sonnen- wie beim Mondenschein; Denn rückgespiegelt siehst Du blinken In ihm der Burgen schlanken Bau Und tausend goldne Sterne sinken Des Nachts in seinem Wellenthau: Doch wem des Südlands Wunderdüfte Nur einmal Haupt umspielt und Brust, Dem dünken rauh die deutschen Lüfte Und sehnend lockt ihn seine Lust, Dahin zu ziehn auf schnellen Füssen, Wo hoch der Alpen Firne glühn, Und wandernd mit Gesang zu grüssen Das Land, wo die Orangen blühn. Italiens sonnige Gefilde Sind ihm der Sel'gen sel'ges Land, Darüber sich in sanfter Milde Ein ewig blauer Himmel spannt. Vergessen mit dem deutschen Harme Hat er das Lied der Lorelei Und wirft sich jauchzend in die Arme Der sonnbeglänzten Lombardei!
So ist es Jedem noch ergangen, Der einst mit Kaiser Rothbart stritt; Auch ich hab mich nach Südlands Prangen Gesehnt, wenn ich ins Nordland ritt. Doch wenn dann nach den sieben Hügeln Sich wieder unser Tross gewandt, Dann war's, als schwebten wir auf Flügeln, So schnell durchflogen wird das Land. Venetiens schimmernde Paläste Verschwammen kaum im Morgenduft, Da grüsste schon die deutschen Gäste Der Thurm Bolognas durch die Luft.
Doch weiter ging's; und immer milder Umfloss uns Luft und Licht und Lenz, Bis wir das schönste aller Bilder Erschaut, das göttliche Florenz. Doch ach, so schnell wie es erschienen, So schnell war es auch schon versunken, Und weiter zogen schönheitstrunken Wir längs des Hangs der Apenninen. Durch alter Tempel Säulenreste Ging lachend unser Siegeslauf Und mehr als eine welsche Veste Nahm uns in ihre Mauern auf. Im Pinien- und Olivenhain, In manches Klosters stiller Zelle, Siener- und Orvietowein, Wir probten ihn an seiner Quelle. Durch Ufergrün und Blüthenschnee Ging's rund um den Bolsenersee Und weiter mit Triumphgesang Den gelben Tiberstrom entlang, Bis endlich auf den sieben Hügeln Die Stadt der Städte sich erhob, Und jauchzend, mit verhängten Zügeln, Ging's thalwärts, dass es Funken stob! O Wonne, wenn nach langem Ritt Durch Säulensturz und Tempelbogen Als Sieger wir in Schritt und Tritt Durch Roms bekränzte Gassen zogen! Quartier nahm Jeder, wo er wollte, Der Becher klang, der Würfel rollte, Und ans Gesims hing sein Gewaffen Beim Fürsten der und der beim Pfaffen. Dann ging erst unser Leben an, Trotz Weh und Ach, trotz Papst und Bann. Juchhei, das war ein flottes Schreiten, Den langen Flammberg an der Seiten, Die Strassen auf, die Strassen ab, Und oft, den Schmucksten zu belohnen, Fiel hoch von marmornen Balkonen Ein rother Rosenstrauss herab. Und überall, wohin wir schauten, Noch nie von uns erblickte Bauten; Das war ein Blinken, Glitzern, Gleissen: Statüen, Obelisken, Hermen, Theater, Circusse und Thermen Und wie die Wunder alle heissen!
Ja, es ist schön das ewge Rom Mit seinen Kirchen, Tempeln, Brücken; Ein farbenschillerndes Phantom Wird es dir Herz und Sinn berücken Doch schöner noch dünkt mich Byzanz, Die goldne Stadt am goldnen Horn; Ein nie erschöpfter Wunderborn, Strahlt sie in märchenhaftem Glanz. Denn dort, auch dorthin kamen wir Auf unsern vielverschlungnen Wegen Und trugen kühn das Kreuzpanier Dem Sultan Saladin entgegen.
Das war ein Kampf! Oft gell und schrill, Mit Durst und Hunger, Pest und Seuchen, Und oft auch wieder todtenstill, Man hörte nur die Pferde keuchen. Wir aber wankten wie im Traum, Die Zunge klebte uns am Gaum, Der Sand stieg schier bis übers Knie und seufzend klang's: Hilf, Sanct Marie! Nur Einer, Einer für uns wachte Und sprach uns Muth und Hoffnung ein, Bis wieder uns das Kriegsglück lachte Im Palmenthal beim Cyperwein, Der Rothbart war's, der greise Held, Dem silbern schon die Locke wallte, Der stets als Erster trat vors Zelt, So oft das All il Allah hallte. Und wenn das Sarazenenheer Dann rund um unser Lager sauste, Dann war es wieder er, nur er, Vor dem's den wilden Heiden grauste. Er war ein Schild uns, war der Stern, Der ins gelobte Land uns wies, Und den das Heer als seinen Herrn, Als seinen Hort und Hirten pries. Und wär zum Glück der gelben Horden Er uns nicht jäh entrissen worden, Es hätte binnen wenig Wochen, Anstatt vom Wüstenhauch umweht, Des Kaisers Pater sein Gebet Am heilgen Grabe selbst gesprochen. Doch als des Salephs falsche Wogen Ins feuchte Nixengrab ihn zogen, Da war es aus mit unserm Hoffen, Und jäh vom Todespfeil getroffen Zerfiel sein schwarzes Flügelpaar Germaniens nie bezwungner Aar.
Schwer war der Schlag und gross das Leid Und an brach eine trübe Zeit, Die Sonne stach, die Wunde rann Und hingerafft ward Mann um Mann. Und wem die Sarazenenklinge, Wem Durst und Hunger gnädig waren, Den schlug die schlimmste der Gefahren, Den fing die Pest in ihrer Schlinge. Da war's denn wohl kein grosses Wunder, Wenn Jeder, der noch aufwärts blickte, Den ganzen Sarazenenplunder Ergrimmt zu allen Teufeln schickte! Zu weit war uns der Weg, zu krumm, Und ach, noch fern lag Christi Grab; Da kehrte mehr als Einer um - Auch ich nahm mir das Kreuzlein ab! Auf einer griechischen Triere, Vorbei der Insel der Cythere, Fuhr ich meerüber nach Korinth; Ein Leben, voll von Aventiuren, Ein Wanderleben, wollt ich führen, Unstät und frei, frei wie der Wind. In Korfu, wo San Markos Fahnen Von Thürmen wehten und Altanen, Trat ich ins Heer der Republik; Ich kämpfte auf Venedigs Meeren Und purpurn schwammen die Galeeren Beim Klang der maurischen Musik. Auf dunkelblauem Meerespfade, Entlang die schimmernden Gestade, Ging pfeilschnell unser Siegeslauf; Auf Capri pflückten wir uns Myrten Und lauerten im Schutz der Syrten Den lybischen Korsaren auf. Beim Sterngeflimmer der Plejaden Durchruderten wir die Cycladen Und Gold, nur Gold war unsre Fracht; Und wieder von der Insel Paros Ging's südwärts, wo der Leuchtthurm Pharos Die Ptolemäerstadt bewacht. Das Wunderland der Pyramiden, Die Zauberwelt der Abbassiden, Selbst sie, sie schlossen sich uns auf: So, ewig wechselnd, manches Jährchen Schwamm ich, mir selbst ein buntes Märchen, Das Mittelmeer hinab, hinauf! Doch ob auch noch so blau die Wogen, Nach Deutschland fühlt ich mich gezogen, Nach Deutschland kehrt ich auch zurück: Ich fuhr den Rhein hinab bei Bingen Und tief im Herzen fühlt ich's klingen: Nur in der Heimat wohnt das Glück! Und ostwärts dann im Morgengrauen Zog ich durch Frankens goldne Auen, Vorbei an Dörfern, Weilern, Seen; Und oft sang ich auf grüner Haide, Wie Walther von der Vogelweide: Der Lande hab ich viel gesehn! Doch was gilt Frankreich mir, was Spanien, Was Gräcien gegen dich, Germanien, O du mein liebes Vaterland! Auf Jahre warst du mir verloren, Doch heut fühl ich mich neu geboren: Heil mir, dass ich dich wiederfand!
So, über Thäler, über Hügel, Ward mir gemach die Ferne nah, Und meine Sehnsucht lieh mir Flügel, Bis endlich ich die Wartburg sah. Ich sah sie hoch vom Berg mir winken, Den steilen Pfad klomm ich hinauf, Und mir im Auge fühlt ich's blinken, Und mir im Herzen klang's: Glückauf! Ja, alles war noch wie vor Zeiten, Die Brücke dort und dort der Thurm, Drin ich beim Loh'n von eichnen Scheiten So oft verträumt den Wintersturm Umkrächzt von Dohlen und von Raben, Hat er, vom nahen Wald umrauscht, Des alten Burgwarts jungen Knaben Gar oft bei seinem Spiel belauscht. In dieses Gras bin ich gesunken, Von diesem Baum sang ich mein Lied, Aus jenem Born hab ich getrunken, Vor jenem Kreuz hab ich gekniet. Ich habe mir unter dieser Rüster Die ersten Sporen umgeschnallt, Und dort steht auch noch grau und düster Die alte Steinwand aus Basalt! Ach, jene weinumrankte Mauer War oftmals meiner Sehnsucht Ziel, Wenn Nachts ein dunkler Regenschauer Lautplätschernd auf die Dächer fiel! Blauschwärzlich um die blanke Rüstung Den Reitermantel, den ich trug, Lehnt ich mich träumend an die Brüstung Und fühlte, wie das Herz mir schlug. Denn über mir schwang sich ein Gaden Phantastisch in die Wetternacht Und golden hinterm Fensterladen War noch ein Lichtlein angefacht. Dort sass sie fleissig hinterm Rocken Und spann und sang und sang und spann, Indess das Seidenweich der Locken Ihr golden um die Schläfen rann. Ich hörte, wie die Spindel surrend Sich rythmisch um sich selber schwang Und, felldurchwärmt, schlich leise schnurrend Ihr Kätzlein um die Ofenbank. O stillverschwiegne Kemenate, Noch heute schwellt sich mir die Brust, Noch heute pocht's in ihr: "Renate!" Ob sie's gewusst? Ob sie's gewusst? Ich weiss, ich hab Dich nie vergessen, Und oft hab ich an Dich gedacht, Wenn ich am Lagersaum gesessen In Syriens blauer Sommernacht; Wenn ich mich wild im Tanz geschwungen Auf Maltas braunem Felsenriff Und übers Enterbrett gesprungen Aufjauchzend ins Piratenschiff! Du bist als Traum zu mir gekommen Ums Morgen- und ums Abendroth Und schluchzend hab ich einst vernommen, Dass Du schon lange, lange todt! Dass sich im Schatten jener Linde Um Dich ein schwarzes Kreuz erhub, Aus jenem Holz, in dessen Rinde Ich einst vielleicht "Renate!" grub! ... O Gott, wie lang, wie bitterlange, Hab ich die Heimat nicht gesehn! Doch still, mein Herz, nun sei nicht bange, Nun sollst du wieder auferstehn! Zwar hegt dich keines Sängers Busen, Doch hold sind ja auch mir die Musen, Und Landgraf Hermann ist bekannt Als edler Fürst im ganzen Land! Und ein trat ich durchs Bogenthor, Ich traf ihn grad bei seiner Linde Und trug, umringt vom Burggesinde, Bescheiden meine Bitte vor. Und siehe da, er war mir hold Und nahm mich auf in seinen Sold! Und nun ging mir ein Leben an In holder Frauen holdem Bann, In edler Sänger edlem Kreis, Dass ich es kaum zu schildern weiss. Von Falknern und von Bogenspannern, Von Kranzgewinden und von Bannern War das ein farbenprächtig Wogen, Und allenthalben kam gezogen Durch Winterschnee und Sommerstaub, Durch Herbstblattfall und Frühlingslaub Ein Heer von ritterlichen Sängern, Von Fahrenden und Herzensfängern. Von Harfenklang und Speerwurf klang's Im Burgpallas tagaus, tagein Und edle Herzen werbend drang's Bis weit ins deutsche Land hinein; Denn nichts stand höher in der Gunst Des Burgherrn als die Sangeskunst. Und wahrlich, nicht vergebens hielt, Vom Hauch der Poesie umspielt, Der Landgraf Hermann für und für Den Sängern offen Thor und Thür. Denn prächtig war die Tafelrunde In seinem goldnen Prunkgemach Und wohl der Edelste im Bunde War Wolferam von Eschinbach; Auch Walther von der Vogelweide, Wer dess vergäss, der thät mir leide, Herr Hartmann von der güldnen Aue, Der Waidmann Biterolf, der Schlaue, Und auch der Schreck der alten Weiber, Heinrich, der tugendhafte Schreiber! Und wenn Turnier und Sangesfehden Den edlen Herrn Ergötzung schufen, Dann war's mein Amt, mit Heroldsreden Im Prunksaal und im grünen Gras Des Tages Sieger auszurufen, Und hei! wie gerne that ich das! Denn klingen Wort und That wie Erz, Dann freut's ein braves Reiterherz. Nur einmal schlug es Weh und Ach, Als Wolferam von Eschinbach Nach wildverzweiflungsvollem Ringen Den armen Heinz von Ofterdingen Durch seiner Lieder Kraft bezwungen Und schmählich in den Staub gerungen. Noch heute lebt im Volk die Sage Von jenem alten Sängerkrieg Und preisen wird man Wolframs Sieg Bis an das Ende aller Tage! Denn als schon grinsend Meister Hans Sein Richtschwert prüfte mit dem Finger, Nahm Wolfram seinen goldnen Kranz Und reichte ihn - dem Ofterdinger! Hei, wie da Männerherzen klopften Und blaue Frauenaugen tropften, Als nun versöhnlich die Genossen Sich stumm in ihre Arme schlössen! Dann aber bogen sie ihr Knie, Der Fürst stieg von des Thrones Stufen Und lieber hab ich wohl noch nie, Was meines Amts war, ausgerufen! Die ganze Wartburg schwamm in Jubel, Der Becher nur, kein Schwert erklang, Zum Reigentanz ward bald der Trubel, Das Leid zur Lust, die Lust Gesang.
So schwanden wechselnd mir die Tage, Ein Jahr ums andre sacht verrann, Und schon blies mich des Alters Plage, Des Alters schleichend Siechthum an. Nun ward Erinnrung mein Genosse, Erinnrung sang mir Tag und Nacht Von jener Zeit, da ich zu Rosse Dem Kaiser vorritt in die Schlacht. Doch todt der Held! Nur sein Gedächtniss Klang noch im Volke rings umher, Doch seine Krone, sein Vermächtniss, Mit jedem Tag zerfiel sie mehr. Geschändet war die deutsche Ehre Durch Fürstenmord und Pfaffentrug Und nicht wie sonst von Meer zu Meere Hielt Deutschlands Aar mehr seinen Flug. Doch sank das Reich auch ins Verderben, Noch einmal, eh ich ging zu sterben, Wollt ich mir seine sieben Gauen Im Glanz der Frühlingspracht beschauen.
Drum wieder, als der Schnee geschmolzen, Gab ich mein Amt dem Burgherrn ab Und ritt mit Armbrust, Schwert und Bolzen Getrost durchs Thor ins Thal hinab. Durch Wäldergrün um Dorf und Weiler Ritt ich fürbass beim Blättersäuseln Und oft sah ich den Rauch der Meiler Still träumend in die Luft sich kräuseln. Durch mancher Burg zerfallne Häuser Ging's weiter dann ins Land hinein Und einst kam ich im Abendschein Auch an den alten Berg Kyffhäuser. Der Herr war müd, sein Rösslein auch, Ich band es los und liess es grasen Und lagerte mich in den Rasen Tief unter einem Hollerstrauch.
Dem Schicksal Deutschlands sann ich nach, Dem Schicksal meines Vaterlands, Bis mir vom Abendsonnenglanz Das Salz durch beide Wimpern brach. Des Reiches Herrlichkeit verhandelt! Und wann, wann wird sie auferstehn? O Zeit, wie hast du dich verwandelt! O Herz, nun darfst du sterben gehn! Wie Kaiser Rothbart möcht ich nun Tief, tief im Schooss der Erde ruhn!
Und wie ich also sass und sann, Da that sich auf des Berges Thor Und schimmernd trat ein Rittersmann In goldner Rüstung draus hervor. Er war von königlicher Art, Wie Silber wallten seine Locken, Doch roth wie Feuer war sein Bart - Und nieder kniet ich froh erschrocken; Ein Zauber war's, der mich nun bannte, Denn Rothbart war's, den ich erkannte.
"Hab Dank," so hub er an zu sprechen, "Für deine Treue, Ehrenhold; Ich weiss, es will das Herz dir brechen, Weil es mit seinem Volke grollt. Doch sei getrost; denn meine Krone, Nicht spurlos soll sie untergehn; Einst wird auf neuerstandnem Throne Ein neuer Herrscher auferstehn, Ein neuer Kaiser, der gewaltig Des Reiches goldnes Scepter schwingt, Indess der Purpurmantel faltig Die eherne Gestalt umschlingt. Dann wird das deutsche Banner prächtig Gen Himmel wehn im Morgenschein Und wieder dann Alldeutschland mächtig Ein einig Volk von Brüdern sein! Indessen, bis auf deutschem Herde Die Aschenglut aufs neu erglommen, Will tief ich hier im Schooss der Erde Der Zeiten harren, die da kommen. Gewappnet und im Kreis der Ritter Will helfen ich das Reich erstreiten, Und eines Sängers goldne Zither Soll meine That im Lied begleiten. Doch dich, den treusten meiner Knappen, Dich nehm ich wiederum in Sold; Da, hier mein Schild und hier mein Wappen, Nimm's hin und sei mein Ehrenhold; Nimm's hin und halt im Bergesschacht Für unser Volk die heilge Wacht!"
Er schwieg und bot mir seine Hand Und freudebebend schlug ich ein Und dann - noch einen Blick ins Land Und dann - ging's in den Berg hinein! Ein goldig grüner Schimmer blinkte Auf uns herab aus dem Gestein Und tief im Hintergrunde winkte Uns fernher rother Ampeln Schein. Dann that, umrauscht vom Tropfenfalle, Sich prächtig eine weite Halle Vor den erstaunten Augen auf; Und horch, ein Sänger schlug die Zither Und um ihn drängten sich die Ritter, Am Gurt das Schwert, die Hand am Knauf. Die Panzer schmückten Eichenreiser Und nieder setzte sich der Kaiser An seinen Tisch von Marmelstein, Die Häupter sah man rings sich neigen, Und plötzlich dann ein grosses Schweigen Und wach blieb nur der Schlaf allein. Da stand ich mit gelähmten Händen, Das Wasser tropfte von den Wänden Und dunkel brach die Nacht herein, Und über uns auf grüner Erde Schlug wild die Zeit auf ihre Pferde, Die rollenden Jahrzehnte, ein. Die "kaiserlose" Zeit vertollte Und auf Neapels Marktplatz rollte Das blonde Haupt des Konradin; Die Hansa baute ihre Flotten, Die Frau Scholastik fing sich Motten Und Strassburgs Münster schuf Erwin. Dann aus des Mittelalters Wettern Schoss seine Blitze, seine Lettern, Der brave Hans von Guttenberg Und Dr. Martin griff zum Besen Und prügelte mit seinen Thesen Den Papst durch, Romas Riesenzwerg, Drauf Kaiser Max, "der letzte Ritter", Und weiter jenes Hochgewitter, Der wilde dreissigjährge Krieg; Zuerst ein wüstes Hälsebrechen, Dann Pudern und Französischsprechen Und endlich wieder mal ein Sieg! Der alte Fritz nahm seine Krücke Und schlug die Reichsarmee in Stücke Und straffer zog sich jedes Glied; Die Schlacht von Rossbach war geschlagen, Ein neuer Morgen schien zu tagen Und Goethe sang sein erstes Lied! Wir aber, tief im Schooss der Erde, Lauschten vergeblich auf das: "Werde!" Denn knöchern schlich um uns der Tod, Und leis nur klirrten die Schwerterspitzen: Wann wirst du endlich uns umblitzen, O Morgenroth! O Morgenroth!
Doch sprecht, was soll ich euch in Bildern Hier unsre Leidensnacht noch schildern; Ihr kennt die alten Sagen ja; Ihr wisst, wie je nach hundert Jahren Der Kaiser aus dem Schlaf gefahren Und ich die Raben fliegen sah; Bis endlich ich mit Horngeschmetter Nach sechs Jahrhunderten den Retter, Den Retter Deutschlands, froh begrüsst, Indess, den Erbfeind zu bekriegen, Sein Heer von Siegen flog zu Siegen, Bis Frankreich seine Schuld gebüsst!
Und wieder nun von Fels zu Meer Reicht Deutschlands Wacht, reicht Deutschlands Wehr, Und leuchtender als je vordem Erglänzt des Kaisers Diadem. Und fragt ein Sänger noch im Liede: "Wo wohnt auf Erden wohl der Friede?" Dann heisst's: Er wohnt auf Deutschlands Flur. Gelöst hat Rothbart seinen Schwur! Ach, heimgekehrt zu seinen Ahnen Schläft er den ewgen Schlummer nun, Indess die Völker der Germanen Im Schatten ihrer Lorbeern ruhn.
Nur ich darf nicht mein Theil ergreifen Da mich die Ewigkeit verstösst, Und durch die Lande muss ich schweifen Und suchen den, der mich erlöst. Denn wohl erstand uns jener Ritter, Der kühn des Reiches Banner schwingt, Doch fehlt der Sänger mit der Zither, Der würdig seine Thaten singt! und eh'r nicht, eh'r nicht darf ich sterben, Nicht eh'r bricht dieser Leib in Scherben, Eh ich ins Aug ihm nicht gesehn; Erst, wenn sein hohes Lied erklungen, Dann, dann erst hab ich ausgerungen, Dann, dann erst kann ich sterben gehn!
Drum hört mich ihr, ihr deutschen Sänger, Ihr Sänger süsser Harmonien, O sprecht, sprecht, soll ich denn noch länger Ruhlos das deutsche Land durchziehn? Jetzt, wo des deutschen Volks Geschichte Zum welterschütternden Gedichte Schon selbst sich aneinanderreiht, Will Keiner, Keiner denn es wagen, Sein goldnes Harfenspiel zu schlagen Zum ewgen Ruhme seiner Zeit? O denkt zurück, woher wir kamen, Denkt an die Teutoburger Schlacht, Und zählt die Thaten, zählt die Namen - Sie sind gestorben, ruft: Erwacht! Ja, denkt zurück an all die Hohen und lasst den Tand, der blinkt und gleisst: Nicht nur die griechischen Heroen Sind werth, dass sie der Dichter preist! Nicht mehr exotische Gedichte Ersinne heute das Genie, Nein, unsre herrliche Geschichte Ist auch ein gut Stück Poesie! O, ist denn deutsch zu sein so schwer? Und lebt nur einmal ein Homer?
Schaut her! die ich in Händen wiege, Die kranzverzierte Harfe hier, Wer ist so kühn und nimmt sie mir Und singt von unserm heilgen Kriege? O schaut nur, wie der Sonne Gold Ihr glitzernd durch die Saiten rollt! Sie schlug mit kunstgeübtem Finger Herr Heinrich einst, der Ofterdinger, Der schneidig uns wie Schwertesschwang Das Lied der Nibelungen sang. Glück auf! Wer will sein Epigone, Nein, wer sein Herr, sein Meister sein? Da, hier die Harfe, hier die Krone, Und meine Hand hier ... wer schlägt ein? Schon grollt's von fernen Klanggewittern, Schon durch die Saiten fühl ich's zittern Und mein Erlösungstag ist nah! O haltet eure Herzen offen Und lasst mich nicht vergeblich hoffen - Heil Dir und mir Germania!
Zum 2. September
Vieltausend Männer und Knaben, Vieltausend, Schaar bei Schaar, Begraben, begraben, begraben An Mosel, Maas und Saar! O, der Wittwen und der Waisen O, der armen Eltern nun! Und immer noch darf das Eisen Das blutige, nicht ruhn. Ferdinand Freiligrath
O Tag, an dem in leuchtender Wehr Noch immer schwarzweissroth Die deutsche Flagge von Fels zu Meer Nord-, ost- und westwärts loht: In Einigkeit verbunden Durch die heilige Schaar, die an Dir verblich, O Tag voll Blut und Wunden, Wir grüssen Dich! Wir grüssen Dich!
Denn oft noch wird Dein Morgenwind Durch die Reiser an unsern Helmen wehn Und manche Mutter mit ihrem Kind Lautweinend am Wegrand stehn. Nur Waffen hört man schmieden Vom Bodensee bis an den Belt; Den Traum vom ewigen Frieden, Lügen straft ihn die heutige Welt!
Die Zeit, die Eisen und Blut verschweisst, Wir ahnen sie längst vor den Thüren stehn: Die Trommel, die wirbelnd die Luft zerreisst, Kann schon morgen durch unsere Reihen gehn. Dann werden auf deutschem Herde Die alten Gluten noch einmal glühn Und roth auf französischer Erde Um junge Gräber Rosen blühn.
Nicht die Welt zu knechten ist unsre Begier, Brandfackeln zu werfen in fremdes Glück: Ein schwäbischer Bauer ist kein Baschkir Und ein pommerscher Landwehrmann kein Kalmück! Was thut's, wenn der Ruhm unsre Siege Auf seine thönernen Tafeln schreibt? Sie gelten dem Weib an der Wiege Und dem Schäfer, der seine Schafe treibt!
Doch weh, wenn die Kraft, die einst Kronen zerbrach, Nicht länger mehr unsre Schwerter umsprüht Und die alte Zeit der alten Schmach In unsre Stirnen ihr Schandmahl glüht! Wenn Franzosen, Russen und Czechen Ihre Fangarme um unser Land gekrallt - Doch schon zu denken daran, ist Verbrechen, Nach blitzt ja die Wacht auf dem Niederwald!
Drum, Du Tag, an dem in leuchtender Wehr Noch immer schwarzweissroth Die deutsche Flagge von Fels zu Meer Nord-, ost- und westwärts loht: In Einigkeit verbunden Durch die heilige Schaar, die an Dir verblich, O Tag voll Blut und Wunden, Wir grüssen Dich! Wir grüssen Dich!
Weltgeschichte
Sicherlich die bedeutsamste Errungenschaft jener neuen Anschauung der Dinge, die auch das Leben und seine Entwickelung unter der Herrschaft der allgemeinen Naturgesetze betrachtet, bildet die Reklamation des Menschen als unzertrennlichen Bestandtheil der Natur und als Gegenstand der Forschung in seinen Beziehungen zu derselben. Wie einst die Erde durch Copernikus aus dem geträumten Mittelpunkt der Welt hinausgeschleudert wurde, so fand sich nunmehr der Mensch selbst, der bisher ausserhalb und über der Natur zu stehen schien, mitten in dieselbe hineingezogen, als ein Glied der grossen Kette der Wesen anerkannt, und damit seiner Ausnahmsstellung mit einem Schlage enthoben. Aber wir dürfen behaupten, dass ihm mit dieser endlichen Anerkennung seiner Erdenbürgerschaft auch nicht ein Titelchen seiner Würden, nicht der kleinste Strahl seines Glorienscheins geraubt worden ist. Im Gegentheil, erst jetzt, nachdem er erkennen konnte, aus wie tiefen Anfängen sich sein Geschlecht emporringen musste, wird er seine Würde mit dem vollen Bewusstsein, wirklich das oberste Glied und die Krone der Schöpfung darzustellen, tragen. Carus Sterne
Heimlich durchwandert die Nacht den Tann, Duftend im Vollmond schwanken die Gräser; Alles schläft! Nur ein steinalter Mann Putzt sich geschäftig die Brillengläser. Nimmt sich ein Prieschen und sagt: Hätschi! Ich bin der achte der sieben Weisen! Ach, und er merkt es nicht einmal, wie Ueber ihm leuchtend die Sterne kreisen!
Sehnsüchtig harft durch die Zweige der Wind, Blüthen erschliessen sich, Knospen schwellen; Alles still! Nur der Nachtthau rinnt Und von den Bergen her rauschen die Quellen. Raune nur traumhaft, Du dunkle Natur, Raune das Räthsel der Elemente, Hat doch der alte Graukopf nur Sinn für Bücher und Pergamente!
Wenn er nur schnüffeln und büffeln kann, Mag dreist dies Sonnensystem erkalten; Ihm ist's schon recht, denn was geht es ihn an, Dass sich die Welten wie Blumen entfalten? Festgeleimt an den Stuhl das Gesäss, Fängt er sich Grillen und mästet sich Motten, Hüstelt und schreibt gelehrte Essays Ueber Assyrer und Hottentotten.
Tintenfässer bilden Spalier, Goldstreusand und Radiermesser blinken, Ganze Ballen von Schreibpapier Liegen bekritzelt ihm schon zur Linken. Säuberlich hat er drin aufnotirt Jede Schlacht und jedes Gemetzel, Neben Napoleon figurirt Kaiser Tiber und der Hunnenchah Etzel
Ekelerregend mit jedem Band Schwillt das Gemengsel von Blut, Fleisch und Knochen; Leute wie Sokrates, Shakesspeare und Kant Werden nur so nebenbei besprochen. Weltharmonie und Sphärenmusik Können ihm vollends gestohlen bleiben; Interessanter ist schon die Rubrik, Wie sich die Kaiser von China entleiben!
Also sitzt er und schmiert und schmiert Todte Zahlen und trockne Berichte, Bis er dann endlich "Schluss" drunter kliert Und auf das Titelblatt: "Weltgeschichte". Weltgeschichte! O blutiger Hohn! Uralter Hymnus auf die Bornirtheit! Wann, o wann kommt des Menschen Sohn, Der Dich erlöst aus Deiner Verthiertheit?
Immer noch brütet die alte Nacht Grauenvoll über den Völkern der Erde, Aber schon seh ich rothlodernd entfacht Flammen des Geistes auf ewigem Herde, Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit Jubelt die neugeborene Trias! Freu Dich, mein Herz, denn die goldene Zeit Dämmert und predigen wird der Messias:
Lebt in Frieden und baut euer Zelt, Viel, ach, müsst ihr noch lehren und lernen; Ein Herz schlägt durch die ganze Welt, Ein Geist fluthet von Sternen zu Sternen. Ruft drum als Loosung von Land zu Land: Eins sei die Menschheit von Zone zu Zone Erst wenn sie staunend sich selbst erkannt, Dann erst ist sie der Schöpfung Krone!
Von Ewigkeit zu Ewigkeit
Nimm hin mich, Leben, ich bin dein! Wie hoch die Fluth auch gehe, Ich zage nicht vor deinen Mühn und nicht vor deinem Wehe; Du führst die Menschheit an ihr Ziel durch alle Wandelungen, Und dem nur winkt der Siegespreis, der tapfer mitgerungen; Doch eine Stunde jedes Tags dem drängenden Gewühle, Das rastlos um uns tobt und braust, wie eine Riesenmühle, Ja, eine will ich ihm entfliehn, dass ich in stiller Weihe Der grossen Hymne der Natur das Ohr voll Andacht leihe! Adolf Friedrich Graf von Schack
Der Schöpfung nie begriffne Herrlichkeit Entfacht noch stündlich den Prometheusfunken Und doch ist ihre goldne Blüthezeit Schon längst ins Grab der Ewigkeit gesunken. Denn jene Welt der Sagenpoesie Ist nicht nur Traum, ist Wirklichkeit gewesen, Und wem das Schicksal Seherkraft verlieh, Kann das noch heute aus den Sternen lesen.
Wer zählt die Sprossen, die zertrümmert sind Aus jener gotterbauten Himmelsleiter? Die Sonne glüht und kühlend weht der Wind Und unaufhaltsam rollt das Rad sich weiter. Die leuchtend kreisen durch das dunkle All, Erhaben gross ist noch die Zahl der Welten; Und kommt allnächtlich eine auch zum Fall, Was kann dem Meere wohl ein Tropfen gelten?
Doch wem sich das Geheimniss der Natur Nicht unterm Sternenzelt mag offenbaren, Der wandle mit mir durch die Erdenflur, So wie sie war vor hunderttausend Jahren. Noch stritt kein Jason um das goldne Vliess, Die Menschheit knechtete kein Triumphator, Doch endlos dehnte sich ein Paradies Vom Nordpol bis hinunter zum Aequator.
Wo heute sich durch eisumstarrten Belt Die Walfischfahrer ihre Strasse bahnen, Erhub sich ehmals eine Inselwelt, Beblüht von üppig wuchernden Bananen. Und lächelnd kränzte sich die Meeresfee Mit bunten Perlenmuscheln und Korallen, Wo längst verweht vom Wüstenkörnerschnee Die Isistempel in sich selbst zerfallen.
Nicht trübte schon den funkelnden Azur Der Riesenschlote schmutzigfeuchter Brodem, Denn unentweiht noch träumte die Natur Und jeder Windhauch war ein Gottesodem. Kein Erdgeborner fühlte sich entbrannt Nach fremden Wundern einer fremden Zone Und brach mit seiner frevlen Menschenhand Sich Stein auf Stein aus Gottes Schöpfungskrone.
Doch jede Zeit singt sich ihr eignes Lied Und jenes Lied ist lange schon verklungen; Die Melodie, die heut die Welt durchzieht, Verhöhnt die alten Ueberlieferungen. Die Menschheit hat sich zum Titanenkampf Mit ihrer Mutter, der Natur, gerüstet Und denkt nur noch mit Eisen, Blut und Dampf, Weil sie's dem Schöpfer gleich zu thun gelüset.
Erloschen ist der kindlichfromme Zug Aus ihres Angesichts versteinten Mienen, Und unbekümmert um den alten Fluch, Zwingt sie die Elemente ihr zu dienen. Im Bergschooss gräbt nach Schätzen sie umher Und macht den Feuergeist sich zum Vertrauten, Die Weltumsegler schickt sie übers Meer Und in die Luft die kühnen Aeronauten.
Ja, bis gen Himmel, den der Herr sich schuf, Auf dass er würdig seine Schöpfung kröne, Erhebt sich schon der schicksalsschwangre Ruf Der staubentsprossenen Gigantensöhne. Denn hier auf diesem engen Erdenkreis Ist kaum ein Fels noch für sie zu verschieben, Der Steppensand nur und das Gletschereis Ist unentweiht vor ihrer Wuth geblieben.
Doch drückt sie auch das auferlegte Joch Und seufzt sie auch um Tage, die verwehten, Ein Prachtjuwel blieb unsre Erde doch Im Kronendiademe der Planeten! Denn unbekümmert um die Weltenuhr Lässt sie die tausendfältgen Kräfte sprühen Und nach dem heilgen Rathschluss der Natur Die Quellen springen und die Blumen blühen.
Wie herrlich steigt der erste Frühlingstag Doch immer noch vom Himmel zu ihr nieder! Und schreitet erst der Sommer durch den Haag, Dann fühlt sie ihre ganze Jugend wieder. Und stehst du dann, umwallt von all dem Duft, Dann lacht die Flur und ihre Ströme blitzen Und fernher schimmern durch die blaue Luft Die ewig eisgezackten Gletscherspitzen.
Da horch! Ein leiser Hauch im Blätterdach, Und durch die Wipfel geht ein seltsam Rauschen; Wie Stimmen flüstert's durch das Laubgemach, Und andachtsvoll musst du den Tönen lauschen. Das ist der Wind, der ruhlos durch die Welt Dahinrollt auf den nie erschauten Gleisen, Der nun im Bergwald seinen Einzug hält Und dir erzählt von seinen weiten Reisen.
Erst ist, vergleichbar einem wilden Schwan, Er majestätisch durch die Luff gezogen Und stieg dann nieder in den Ocean Und spielte mit den grüngewellten Wogen. Doch bald verlockte ihn der nahe Strand Und hinter sich liess er das Meergebrause Und ging mit Riesenschritten übers Land Und hielt dann Rast in einer Felsenklause.
Da lag denn nun tief unter ihm die Welt Idyllisch da im Sommersonnengolde Und athmete gen Himmel, duftgeschwellt, Wie eine farbenprächtge Blüthendolde. Und Meereswellenschaum und Gottesluft, Dazu die paradiesischen Gefilde, Verwoben lieblich sich im Sonnenduft Zu einem nie geschauten Wunderbilde.
Dir aber schwillt das Herz vor hoher Lust Bei solcher windgetragnen Himmelskunde, Und das Gefühl der übervollen Brust Gestaltet sich zum Wort in deinem Munde. Du preist Natur und ihre Herrlichkeit, Die Gott in seinen eignen Werken loben, Und lächelst über den Pygmäenstreit, Den wider ihn die Sterblichen erhoben.
Die eitle Selbstsucht menschlicher Kultur Vermag nur eben das, was ihr von Nöthen, Sie weiss die Herrlichkeit der Gottnatur Zu untergraben wohl, doch nie zu tödten. Und ist auch ihre goldne Blüthezeit Schon längst ins Grab der Ewigkeit gesunken, Der Schöpfung nie begriffne Herrlichkeit Entfacht noch stündlich den Prometheusfunken!
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