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Ballade des äußeren Lebens
Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, die von nichts wissen, wachsen auf und sterben, und alle Menschen gehen ihre Wege.
Und süße Früchte werden aus den herben und fallen nachts wie tote Vögel nieder und liegen wenig Tage und verderben.
Und immer weht der Wind, und immer wieder vernehmen wir und reden viele Worte und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.
Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen, und drohende, und totenhaft verdorrte...
Wozu sind diese aufgebaut? Und gleichen einander nie ? Und sind unzählig viele ? Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?
Was frommt das alles uns und diese Spiele, die wir doch groß und ewig einsam sind und wandernd nimmer suchen irgend Ziele ?
Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben? Und dennoch sagt der viel, der "Abend sagt, ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt
wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.
Ballade vom kranken Kind
Das Kind mit fiebernden Wangen lag, Rotgolden versank im Laub der Tag. Das Fenster hing voller wildem Wein, Da sah ein fremder Jüngling herein.
»Laß, Mutter, den schönen Knaben ein, Er beut mir die Schale mit leuchtendem Wein, Seine Lippen sind wie Blumen rot, Aus seinen Augen ein Feuer lobt.«
Der nächste Tag verglomm im Teich, Da stand am Fenster der Jüngling, bleich, Mit Lippen wie giftige Blumen rot Und einem Lächeln, das lockt und droht.
»Schick, Mutter, den fremden Knaben fort, Mich zehrt die Glut und mein Leib verdorrt, Mich ängstigt sein Lächeln, er hält mir her Die Schale mit Wein, der ist heiß und schwer!
Ach Mutter, was bist du nicht erwacht! Er kam geschlichen ans Bett bei Nacht: Und, weh, seinen Wein ich getrunken hab Und morgen könnt ihr mir graben das Grab!«
Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen ...
Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen. Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben. Wie stieg das auf! Daß ich mich einmal schon In frühern Nächten völlig hingegeben
Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal, Wo auf den leeren Hängen auseinander Die magern Bäume standen und dazwischen Die niedern kleinen Nebelwolken gingen
Und durch die Stille hin die immer frischen Und immer fremden silberweißen Wasser Der Fluß hinrauschen ließ - wie stieg das auf !
Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen Und ihrer Schönheit - die unfruchtbar war - Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz, Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz!
Die Beiden
Sie trug den Becher in der Hand - Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand -, So leicht und sicher war ihr Gang, Kein Tropfen aus dem Becher sprang.
So leicht und fest war seine Hand: Er ritt auf einem jungen Pferde, Und mit nachlässiger Gebärde Erzwang er, daß es zitternd stand.
Jedoch, wenn er aus ihrer Hand Den leichten Becher nehmen sollte, So war es beiden allzu schwer: Denn beide bebten sie so sehr, Daß keine Hand die andre fand Und dunkler Wein am Boden rollte.
Ein Knabe stand ich so im Frühlingsglänzen ...
Ein Knabe stand ich so im Frühlingsglänzen und meinte aufzuschweben in das All, unendlich Sehnen über alle Grenzen durchwehte mich in ahnungsvollem Schwall ! Und Wanderzeiten kamen, rauschumfangen ! Da leuchtete manchmal die ganze Welt, und Rosen glühten, und die Glocken klangen von fremdem Lichte jubelnd und erhellt: Wie waren da lebendig alle Dinge dem liebenden Erfassen nah gerückt, wie fühlt' ich mich beseelt und tief entzückt, ein lebend Glied im großen Lebensringe ! Da ahnte ich, durch mein Herz auch geleitet, den Liebesstrom, der alle Herzen nährt, und ein Genügen hielt mein Ich geweitet, das heute kaum mir noch den Traum verklärt
Harlekin
Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen, alle Lust und alle Qual, alles kann ein Herz ertragen einmal um das andere Mal.
Aber weder Lust noch Schmerzen, abgestorben auch der Pein, das ist tödlich deinem Herzen, und so darfst du mir nicht sein !
Mußt dich aus dem Dunkel heben, wär' es auch um neue Qual, leben mußt du, liebes Leben, leben noch dies eine Mal !
Im Grünen zu singen
War der Himmel trüb und schwer, Waren einsam wir so sehr, Voneinander abgeschnitten! Aber das ist nun nicht mehr: Lüfte fließen hin und her; Und die ganze Welt inmitten Glänzt, als ob sie gläsern wär.
Sterne kamen aufgegangen, Flimmern mein - und deinen Wangen, Und sie wissens auch: Stark und stärker wird ihr Prangen; Und wir atmen mit Verlangen, Liegen selig wie gefangen, Spüren eins des andern Hauch.
Im Grünen zu singen
Hörtest du denn nicht hinein, Daß Musik das Haus umschlich? Nacht war schwer und ohne Schein, Doch der sanft auf hartem Stein Lag und spielte, das war ich.
Was ich konnte, sprach ich aus: "Liebste du, mein Alles du!" Östlich brach ein Licht heraus, Schwerer Tag trieb mich nach Haus, Und mein Mund ist wieder zu.
Manche freilich müssen drunten sterben ...
Manche freilich müssen drunten sterben, Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen, Andre wohnen bei dem Steuer droben, Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.
Manche liegen immer mit schweren Gliedern Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens, Andern sind die Stühle gerichtet Bei den Sibyllen, den Königinnen, Und da sitzen sie wie zu Hause, Leichten Hauptes und leichter Hände.
Doch ein Schatten fällt von jenen Leben In die anderen Leben hinüber, Und die leichten sind an die schweren Wie an Luft und Erde gebunden:
Ganz vergessener Völker Müdigkeiten Kann ich nicht abtun von meinen Lidern, Noch weghalten von der erschrockenen Seele Stummes Niederfallen ferner Sterne.
Viele Geschicke weben neben dem meinen, Durcheinander spielt sie alle das Dasein, Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens Schlanke Flamme oder schmale Leier.
Mädchenlied
"Was rinnen dir die Tränen, die Tränen stumm und heiß durch deine feinen Finger, die Finger fein und weiß ?“
Mein Schleier ist zerrissen und wehet doch kein Wind und bin doch nirgends gangen niemals, wo Dornen sind...
Die Glocken haben heute so sonderbaren Klang, Gott weiß, warum ich weine, mir ist zum Sterben bang.
Reiselied
Wasser stürzt, uns zu verschlingen, Rollt der Fels, uns zu erschlagen, Kommen schon auf starken Schwingen Vögel her, uns fortzutragen.
Aber unten liegt ein Land, Früchte spiegelnd ohne Ende In den alterslosen Seen.
Marmorstirn und Brunnenrand Steigt aus blumigem Gelände, Und die leichten Winde wehn.
Terzinen über Vergänglichkeit - Erste Terzine
Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen: Wie kann das sein, dass diese nahen Tage Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?
Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, Und viel zu grauenvoll, als dass man klage: Dass alles gleitet und vorüberrinnt
Und dass mein eignes Ich, durch nichts gehemmt, Herüberglitt aus einem kleinen Kind Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.
Dann: dass ich auch vor hundert Jahren war Und meine Ahnen, die im Totenhemd, Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar,
So eins mit mir als wie mein eignes Haar.
Vorfrühling
Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn.
Er hat sich gewiegt, Wo Weinen war, Und hat sich geschmiegt In zerrüttetes Haar.
Er schüttelte nieder Akazienblüten Und kühlte die Glieder, Die atmend glühten.
Lippen im Lachen Hat er berührt, Die weichen und wachen Fluren durchspürt.
Er glitt durch die Flöte, Als schluchzender Schrei, An dämmernder Röte Flog er vorbei.
Er flog mit Schweigen Durch flüsternde Zimmer Und löschte im Neigen Der Ampel Schimmer.
Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn.
Durch die glatten Kahlen Alleen Treibt sein Wehn Blasse Schatten
Und den Duft, Den er gebracht, Von wo er gekommen Seit gestern Nacht.
An eine Frau
Die wahre Ernte aller Dinge bleibt Und blüht in hoher Luft wie lichte Zinken, Das andere war nur da um wegzusinken.
Und irgendwie geheimnisvoll erträgt Es unser Geist nur immer auszuruhen Auf Gleitendem, wie die Meervögel tuen.
Auf den Tod des Schauspielers Hermann Müller
Dies Haus und wir, wir dienen einer Kunst, Die jeden tiefen Schmerz erquicklich macht Und schmackhaft auch den Tod. Und er, den wir uns vor die Seele rufen, Er war so stark! Sein Leib war so begabt, Sich zu verwandeln, daß es schien, kein Netz Vermöchte ihn zu fangen! Welch ein Wesen!
Er machte sich durchsichtig, ließ das Weiße Von seinem Aug die tiefste Heimlichkeit, Die in ihm schlief, verraten, atmete Die Seele der erdichteten Geschöpfe Wie Rauch in sich und trieb sie durch die Poren Von seinem Leib ans Tageslicht zurück. Er schuf sich um und um, da quollen Wesen Hervor, kaum menschlich, aber so lebendig - Das Aug bejahte sie, ob nie zuvor Dergleichen es geschaut. ein einzig Blinzeln, Ein Atemholen zeugte, daß sie waren Und noch vom Mutterleib der Erde dampften! Und Menschen! Schließt die Augen, denkt zurück! Bald üppige Leiber, drin nur noch im Winkel Des Augs ein letztes Fünkchen Seele glost, Bald Seelen, die um sich, nur sich zum Dienst Ein durchsichtig Gehäus, den Leib, erbauen: Gemeine Menschen, finstre Menschen, Könige, Menschen zum Lachen, Menschen zum Erschaudern – Er schuf sich um und um: da standen sie.
Doch wenn das Spiel verlosch und sich der Vorhang Lautlos wie ein geschminktes Augenlid Vor die erstorbne Zauberhöhle legte Und er hinaustrat, da war eine Bühne So vor ihm aufgetan wie ein auf ewig Schlafloses aufgerißnes Aug, daran Kein Vorhang je mitleidig niedersinkt: Die fürchterliche Bühne Wirklichkeit. Da fielen der Verwandlung Künste alle Von ihm, und seine arme Seele ging Ganz hüllenlos und sah aus Kindesaugen. Da war er in ein unerbittlich Spiel Verstrickt, unwissend, wie ihm dies geschah; Ein jeder Schritt ein tiefrer als der frühere Und unerbittlich jedes stumme Zeichen: Das Angesicht der Nacht war mit im Bund, Der Wind im Bund, der sanfte Frühlingswind, Und alle gegen ihn! Nicht den gemeinen, Den zarten Seelen stellt das dunkle Schicksal Fallstricke dieser Art. Dann kam ein Tag, Da hob er sich, und sein gequältes Auge Erfüllte sich mit Ahnung und mit Traum, Und festen Griffs, wie einen schweren Mantel, Warf er das Leben ab und achtete Nicht mehr denn Staub an seines Mantels Saum Die nun in nichts zerfallenden Gestalten.
So denkt ihn. Laßt ehrwürdige Musik Ihn vor euch rufen, ahnet sein Geschick, Und mich laßt schweigen, denn hier ist die Grenze Wo Ehrfurcht mir das Wort im Mund zerbricht.
Besitz
Großer Garten liegt erschlossen, Weite schweigende Terrassen. Müßt mich alle Teile kennen, Jeden Teil genießen lassen!
Schauen auf vom Blumenboden, Auf zum Himmel durch Gezweige, Längs dem Bach ins Fremde schreiten! Niederwandeln sanfte Neige:
Dann, erst dann komm ich zum Weiher, Der in stiller Mitte spiegelt, Mir des Gartens ganze Freude Träumerisch vereint entriegelt.
Aber solchen Vollbesitzes Tiefe Blicke sind so selten! Zwischen Finden und Verlieren Müssen sie als göttlich gelten.
All in einem, Kern und Schale, Dieses Glück gehört dem Traum ... Tief begreifen und besitzen! Hat dies wo im Leben Raum? ...
Botschaft
Ich habe mich bedacht, daß schönste Tage Nur jene heißen dürfen, da wir redend Die Landschaft uns vor Augen in ein Reich Der Seele wandelten: da hügelan Dem Schatten zu wir stiegen in den Hain, Der uns umfing wie schon einmal Erlebtes, Da wir auf abgetrennten Wiesen still Den Traum vorn Leben niegeahnter Wesen, Ja ihres Gehns und Trinkens Spuren fanden Und überm Teich ein gleitendes Gespräch, Noch tiefere Wölbung spiegelnd als der Himmel: Ich habe mich bedacht auf solche Tage, Und daß nächst diesen drei: gesund zu sein. Am eignen Leib und Leben sich zu freuen. Und an Gedanken, Flügeln junger Adler, Nur eines frommt: gesellig sein mit Freunden. So will ich, daß du kommst und mit mir trinkst Aus jenen Krügen, die mein Erbe sind, Geschmückt mit Laubwerk und beschwingten Kindern, Und mit mir sitzest in dem Garten-Turm: Zwei Jünglinge bewachen seine Tür, In deren Köpfen mit gedämpftem Blick Halbabgewandt ein ungeheures Geschick dich steinern anschaut, daß du schweigst Und meine Landschaft hingebreitet siehst: Daß dann vielleicht ein Vers von dir sie mir Veredelt künftig in der Einsamkeit Und da und dort Erinnerung an dich Im Schatten nistet und zur Dämmerung Die Straße zwischen dunklen Wipfeln rollt Und schattenlose Wege in der Luft Dahinrolln wie ein feiner goldner Donner.
Der Jüngling in der Landschaft
Die Gärtner legten ihre Beete frei, Und viele Bettler waren überall Mit schwarzverbundnen Augen und mit Krücken Doch auch mit Harfen und den neuen Blumen, Dem starken Duft der schwachen Frühlingsblumen.
Die nackten Bäume ließen alles frei: Man sah den Fluß hinab und sah den Markt, Und viele Kinder spielen längs den Teichen. Durch diese Landschaft ging er langsam hin Und fühlte ihre Macht und wußte - daß Auf ihn die Weltgeschicke sich bezogen.
Auf jene fremden Kinder ging er zu Und war bereit, an unbekannter Schwelle Ein neues Leben dienend hinzubringen. Ihm fiel nicht ein, den Reichtum seiner Seele, Die frühern Wege und Erinnerung Verschlungner Finger und getauschter Seelen Für mehr als nichtigen Besitz zu achten.
Der Duft der Blumen redet ihm nur Von fremder Schönheit - und die neue Luft Nahm er stillatmend ein, doch ohne Sehnsucht: Nur daß er dienen durfte, freute ihn.
Der Jüngling und die Spinne
Der Jüngling vor sich mit wachsender Trunkenheit
Sie liebt mich! Wie ich nun die Welt besitze Ist über alle Worte, alle Träume: Mir gilt es, daß von jeder dunklen Spitze Die stillen Wolken tieferleucht'te Räume Hinziehn, von ungeheurem Traum erfaßt: So trägt es mich - daß ich mich nicht versäume! Dem schönen Leben, Meer und Land zu Gast. Nein! wie ein Morgentraum vom Schläfer fällt Und in die Wirklichkeit hineinverblaßt, Ist mir die Wahrheit jetzt erst aufgehellt: Nicht treib ich als ein Gast umher, mich haben Dämonisch zum Gebieter hergestellt Die Fügungen des Schicksals: Junge Knaben Sind da, die Ernst und Spiele von mir lernten, Ich seh, wie manche meine Mienen haben, Geheimnisvoll ergreift es mich, sie ernten Zu sehn; und an den Ufern, an den Hügeln Spür ich in einem wundervoll entfernten Traumbilde sich mein Innerstes entriegeln Beim Anblick, den mir ihre Taten geben. Ich schaue an den Himmel auf, da spiegeln Die Wolkenreiche, spiegeln mir im Schweben Ersehntes, Hergegebenes, mich, das Ganze! Ich bin von einem solchen großen Leben Umrahmt, ich habe mit dem großen Glanze Der schönen Sterne eine also nah Verwandte Trunkenheit – Nach welcher Zukunft greif ich Trunkner da? Doch schwebt sie her, ich darf sie schon berühren: Denn zu den Sternen steigt, was längst geschah, Empor, und andre, andre Ströme führen Das Ungeschehene herauf, die Erde Läßt es empor aus unsichtbaren Türen, Bezwungen von der bittenden Gebärde!
So tritt er ans offene Fenster, das mit hellem Mondlicht angefüllt und von den Schatten wilder Weinblätter eingerahmt ist. Indem tritt unter seinen Augen aus dem Dunkel eines Blattes eine große Spinne mit laufenden Schritten hervor und umklammert den Leib eines kleinen Tieres. Es gibt in der Stille der Nacht einen äußerst leisen, aber kläglichen Laut und man meint die Bewegungen der heftig umklammernden Glieder zu hören.
Der Jüngling muß zurücktreten
Welch eine Angst ist hier, welch eine Not. Mein Blut muß ebben, daß ich dich da sehe, Du häßliche Gewalt, du Tier, du Tod! Der großen Träume wundervolle Nähe Klingt ab, wie irgendwo das ferne Rollen Von einem Wasserfall, den ich schon ehe Gehört, da schien er kühn und angeschwollen, Jetzt sinkt das Rauschen, und die hohe Ferne Wird leer und öd aus einer ahnungsvollen: Die Welt besitzt sich selber, o ich lerne! Nicht hemme ich die widrige Gestalt, So wenig als den Lauf der schönen Sterne. Vor meinen Augen tut sich die Gewalt, Sie tut sich schmerzend mir im Herzen innen, Sie hat an jeder meiner Fibern Halt, Ich kann ihr - und ich will ihr nicht entrinnen: Als wärens Wege, die zur Heimat führen, Reißt es nach vorwärts mich mit allen Sinnen Ins Ungewisse, und ich kann schon spüren Ein unbegreiflich riesiges Genügen Im Vorgefühl: ich werde dies gewinnen: Schmerzen zu leiden, Schmerzen zuzufügen. Nun spür ich schaudernd etwas mich umgeben, Es türmt sich auf bis an die hohen Sterne, Und seinen Namen weiß ich nun: das Leben.
Der Kaiser von China spricht:
In der Mitte aller Dinge Wohne Ich, der Sohn des Himmels. Meine Frauen, meine Bäume, Meine Tiere, meine Teiche Schließt die erste Mauer ein. Drunten liegen meine Ahnen: Aufgebahrt mit ihren Waffen, Ihre Kronen auf den Häuptern, Wie es einem jeden ziemt, Wohnen sie in den Gewölben. Bis ins Herz der Welt hinunter Dröhnt das Schreiten meiner Hoheit. Stumm von meinen Rasenbänken, Grünen Schemeln meiner Füße, Gehen gleichgeteilte Ströme Osten-, west- und süd- und nordwärts, Meinen Garten zu bewässern, Der die weite Erde ist. Spiegeln hier die dunkeln Augen. Bunten Schwingen meiner Tiere, Spiegeln draußen bunte Städte, Dunkle Mauern, dichte Wälder Und Gesichter vieler Völker. Meine Edlen, wie die Sterne, Wohnen rings um mich, sie haben Namen, die ich ihnen gab, Namen nach der einen Stunde. Da mir einer näher kam, Frauen, die ich ihnen schenkte, Und den Scharen ihrer Kinder; Allen Edlen dieser Erde Schuf ich Augen, Wuchs und Lippen. Wie der Gärtner an den Blumen. Aber zwischen äußern Mauern Wohnen Völker meine Krieger, Völker meine Ackerbauer. Neue Mauern und dann wieder Jene unterworfnen Völker, Völker immer dumpfern Blutes, Bis ans Meer, die letzte Mauer, Die mein Reich und mich umgibt.
Der Prophet
In einer Halle hat er mich empfangen Die rätselhaft mich ängstet mit Gewalt Von süssen Düften widerlich durchwallt, Da hängen fremde Vögel, bunte Schlangen,
Das Tor fällt zu, des Lebens Laut verhallt Der Seele Athmen hemmt ein dumpfes Bangen Ein Zaubertrunk hält jeden Sinn befangen Und alles flüchtet, hilflos, ohne Halt. Er aber ist nicht wie er immer war.
Sein Auge bannt und fremd ist Stirn und Haar. Von seinen Worten, den unscheinbar leisen Geht eine Herrschaft aus und ein Verführen Er macht die leere Luft beengend kreisen Und er kann töten, ohne zu berühren.
Des alten Mannes Sehnsucht nach dem Sommer
Wenn endlich Juli würde anstatt März,
Nichts hielte mich, ich nähme einen Rand, Zu Pferd, zu Wagen oder mit der Bahn Käm ich hinaus ins schöne Hügelland.
Da stünden Gruppen großer Bäume nah, Platanen, Rüster, Ahorn oder Eiche: Wie lang ists, daß ich keine solchen sah!
Da stiege ich vorn Pferde oder riefe Dem Kutscher: Halt! und ginge ohne Ziel Nach vorwärts in des Sommerlandes Tiefe.
Und unter solchen Bäumen ruht ich aus; In deren Wipfel wäre Tag und Nacht Zugleich, und nicht so wie in diesem Haus,
Wo Tage manchmal öd sind wie die Nacht Und Nächte fahl und lauernd wie der Tag. Dort wäre Alles Leben, Glanz und Pracht.
Und aus dem Schatten in des Abendlichts Beglückung tret ich, und ein Hauch weht hin, Doch nirgend flüsterts: »Alles dies ist nichts.«
Das Tal wird dunkel. und wo Häuser sind, Sind Lichter, und das Dunkel weht mich an, Doch nicht vom Sterben spricht der nächtige Wind.
Ich gehe übern Friedhof hin und sehe Nur Blumen sich im letzten Scheine wiegen, Von gar nichts anderm fühl ich eine Nähe.
Und zwischen Haselsträuchern, die schon düstern, Fließt Wasser hin, und wie ein Kind, so lausch ich Und höre kein »Dies ist vergeblich« flüstern!
Da ziehe ich mich hurtig aus und springe Hinein, und wie ich dann den Kopf erhebe, Ist Mond, indes ich mit dem Bächlein ringe.
Halb heb ich mich aus der eiskalten Welle, Und einen glatten Kieselstein ins Land Weit schleudernd, steh ich in der Mondeshelle.
Und auf das mondbeglänzte Sommerland Fällt weit ein Schatten: dieser, der so traurig Hier nickt, hier hinterm Kissen an der Wand?
So trüb und traurig, der halb aufrecht kauert Vor Tag und böse in das Frühlicht starrt Und weiß, daß auf uns beide etwas lauert?
Er, den der böse Wind in diesem März So quält, daß er die Nächte nie sich legt, Gekrampft die schwarzen Hände auf sein Herz?
Ach, wo ist Juli und das Sommerland!
Dichter sprechen:
Nicht zu der Sonnen frühen Reise, Nicht wenn die Abendwolken landen, Euch Kindern, weder laut noch leise, Ja, kaum uns selber seis gestanden, Auf welch geheimnisvolle Weise Dem Leben wir den Traum entwanden Und ihn mit Weingewinden leise An unsres Gartens Brunnen banden.
Dichtkunst
Fürchterlich ist diese Kunst! Ich spinn aus dem Leib mir den Faden, Und dieser Faden zugleich ist auch mein Weg durch die Luft.
Die Dichter und die Zeit
Wir sind dein Flügel, o Zeit, doch wir nicht die tragende Klaue! Oder verlangst du so viel: Flügel und Klaue zugleich?
Die Geständnisse
ER:
Nur dieses kannt ich über mir: Gebot Der Sterne hehr und klar, und aus der Ferne Der Väter Stimmen, strenger als die Sterne, Drei: Dienen, Tragen, Stehn, die drei sind not.
Da spannte sichs in mir und hielt dem Stand: Jung setzt ich über mich ein strenges Tun Und war mein Herr und ließ mein Herz ausruhn Auf Gott, und auf dem Degen meine Hand.
Nun kam dies, das mich aus mir selber hetzt, Wild durch mich hinreißt, mich in Staub zu schmiegen, Mich jauchzend zu entmannen sich ergetzt.
Zergehen muß ich, denn ich kann nicht fliehen! Wär ich ein Mann, wenn ich im Unterliegen Nicht noch mich sträubte, ja noch auf den Knieen?
SIE:
Wär ich denn eine Frau, wenn ich dich bände Und nicht mit dir an gleicher Kette ginge Und nur, damit nicht klirren ihre Ringe, Den Fuß kaum regen darf und kaum die Hände?
Auch mich bezwingts und bringt mich bis ans Ende, Ich steh in Feur und spürs mit grausem Staunen, Doch alle Lüsternheit und niedre Launen Verbrennen diese reinigenden Brände.
Du siehst mich fahren, bangest ungeheuer Und willst mir nach und stürzest dich hinüber Weißt du denn nicht - du bist ja selbst mein Steuer!
Die Schwinge du, mit der mein Ich entschwebt, Die Klaue du, die mich in Lüfte hebt -: Ich lieb dich ja von Anbeginn, du Lieber!
Drei kleine Lieder
I Hörtest du denn nicht hinein, Daß Musik das Haus umschlich? Nacht war schwer und ohne Schein, Doch der sanft auf hartem Stein Lag und spielte, das war ich. Was ich konnte. sprach ich aus: »Liebste du, mein Alles du!« Östlich brach ein Licht heraus, Schwerer Tag trieb mich nach Haus, Und mein Mund ist wieder zu.
II IM GRÜNEN ZU SINGFN
War der Himmel trüb und schwer, Waren einsam wir so sehr, Voneinander abgeschnitten! Aber das ist nun nicht mehr: Lüfte fließen hin und her-, Und die ganze Welt inmitten Glänzt, als ob sie gläsern wär. Sterne kanten aufgegangen, Flimmern mein- und deinen Wangen, Und sie wissens auch: Stark und stärker wird ihr Prangen; Und wir atmen mit Verlangen, Liegen selig wie gefangen. Spüren eins des andern Hauch.
III Die Liebste sprach: »Ich halt dich nicht, Du hast mir nichts geschworn. Die Menschen soll man halten nicht, Sind nicht zur Treu geborn. Zieh deine Straßen hin, mein Freund, Beschau dir Land um Land, In vielen Betten ruh dich aus, Viel Frauen nimm bei der Hand. Wo dir der Wein zu sauer ist, Da trink du Malvasier, Und wenn mein Mund dir süßer ist, So komm nur wieder zu mir!«
Ein Traum von großer Magie
Viel königlicher als ein Perlenband Und kühn wie ein junges Meer im Morgenduft, So war ein großer Traum - wie ich ihn fand.
Durch offene Glastüren ging die Luft. Ich schlief im Pavillon zu ebner Erde, Und durch vier offne Türen ging die Luft -
Und früher liefen schon geschirrte Pferde Hindurch und Hunde eine ganze Schar An meinem Bett vorbei. Doch die Gebärde
Des Magiers . des Ersten, Großen - war Auf einmal zwischen mir und einer Wand: Sein stolzes Nicken, königliches Haar.
Und hinter ihm nicht Mauser: es entstand Ein weiter Prunk von Abgrund, dunklem Meer Und grünen Matten hinter seiner Hand.
Er bückte sich und zog das Tiefe her. Er bückte sich, und seine Finger gingen Im Boden so, als ob es Wasser wär.
Vom dünnen Quellenwasser aber fingen Sich riesige Opale in den Händen Und fielen tönend wieder ab in Ringen.
Dann warf er sich mit leichtem Schwung der Lenden - Wie nur aus Stolz - der nächsten Klippe zu; An ihm sah ich die Macht der Schwere enden.
In seinen Augen aber war die Ruh Von schlafend- doch lebendigen Edelsteinen. Er setzte sich und sprach ein solches Du
Zu Tagen, die uns ganz vergangen scheinen, Daß sie herkamen trauervoll und groß: Das freute ihn zu lachen und zu weinen.
Er fühlte traumhaft aller Menschen Los, So wie er seine eignen Glieder fühlte. Ihm war nichts nah und fern, nichts klein und groß.
Und wie tief unten sich die Erde kühlte, Das Dunkel aus den Tiefen aufwärts drang, Die Nacht das Laue aus den Wipfeln wühlte,
Genoß er allen Lebens großen Gang So sehr - daß er in großer Trunkenheit So wie ein Löwe über Klippen sprang.
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Cherub und hoher Herr ist unser Geist - Wohnt nicht in uns, und in die obern Sterne Setzt er den Stuhl und läßt uns viel verwaist:
Doch Er ist Feuer uns im tiefsten Kerne - So ahnte mit, da ich den Traum da fand - Und redet mit den Feuern jener Ferne
Und lebt in mir wie ich in meiner Hand.
Erkenntnis
Wüßt ich genau, wie dies Blatt aus seinem Zweige herauskam, Schwieg ich auf ewige Zeit still: denn ich wüßte genug.
Erlebnis
Mit silbergrauem Dufte war das Tal Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht. Mit silbergrauem Duft des dunklen Tales Verschwammen meine dämmernden Gedanken, Und still versank ich in dem wehenden, Durchsichtigen Meere und verließ das Leben. Wie wunderbare Blumen waren da, Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht, Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze War angefüllt mit einem tiefen Schwellen Schwermütiger Musik. Und dieses wußt ich, Obgleich ichs nicht begreife, doch ich wußt es: Das ist der Tod. Der ist Musik geworden, Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend, Verwandt der tiefsten Schwermut.
Aber seltsam!
Ein namenloses Heimweh weinte lautlos In meiner Seele nach dem Leben, weinte, Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff Mit gelben Riesensegeln gegen Abend Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt, Der Vaterstadt, vorüberfährt. Da sieht er Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber, Ein Kind, am Ufer stehn, mit Kindesaugen, Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht Durchs offene Fenster Licht in seinem Zimmer - Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter, Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.
Für mich ...
Das längst Gewohnte, das alltäglich Gleiche, Mein Auge adelt mirs zum Zauberreiche: Es singt der Sturm sein grollend Lied für mich, Für mich erglüht die Rose, rauscht die Eiche. Die Sonne spielt auf goldnem Frauenhaar Für mich - und Mondlicht auf dem stillen Teiche. Die Seele les ich aus dem stummen Blick, Und zu mir spricht die Stirn, die schweigend bleiche. Zum Traume sag ich. »Bleib bei mir, sei wahr!« Und zu der Wirklichkeit: »Sei Traum, entweiche!« Das Wort, das Andern Scheidemünze ist, Mir ists der Bilderquell, der flimmernd reiche. Was ich erkenne. ist mein Eigentum, Und lieblich locket, was ich nicht erreiche. Der Rausch ist süß, den Geistertrank entflammt, Und süß ist die Erschlaffung auch, die weiche. So tiefe Welten tun sich oft mir auf, Daß ich drein glanzgeblendet, zögernd schleiche, Und einen goldnen Reigen schlingt um mich Das längst Gewohnte, das alltäglich Gleiche.
Gesang der Ungeborenen
Vater, dir drohet nichts, Siehe, es schwindet schon, Mutter, das Ängstliche, Das dich beirrte! Wäre denn je ein Fest, Wären nicht insgeheim Wir die Geladenen, Wir auch die Wirte?
Gesellschaft
Sängerin Sind wir jung und sind nicht alt, Lieder haben viel Gewalt, Machen leicht und machen schwer, Ziehen deine Seele her.
Fremder Leben gibt es nah und fern, Was ich zeige, seht ihr gern - Nicht die Schwere vieler Erden, Nur die spielenden Gebärden.
Junger Herr Vieles, was mir Freude schafft, Fühl ich hier herangeflogen, Aber gar so geisterhaft: Glücklich - bin ich wie betrogen!
Dichter Einen hellen Widerschein Sehe ich im Kreise wandern-. Spürt auch jeder sich allein, Spürt sich doch in allen andern.
Maler Und wie zwischen leichten Lichtern Flattert zwischen den Gesichtern Schwaches Lachen hin und her.
Fremder Lieder machen leicht und schwer!
Dichter Lieder haben große Kraft - Leben gibt es nah und fern.
Junger Herr Was sie reden, hör ich gern, Sei es immer geisterhaft.
Gespräch
Der Jüngere Ihr gleicht nun völlig dem vertriebnen Herzog, Der zaubern kann und eine Tochter hat: Dem im Theaterstück, dem Prospero. Denn Ihr seid stark genug, in dieser Stadt Mit Eurem Kind so frei dahinzuleben, Als wäret Ihr auf einer wüsten Insel. Ihr habt den Zaubermantel und die Bücher, Mit Geistern zur Bedienung und zur Lust Euch und die Tochter zu umgeben, nicht? Sie kommen, wenn Ihr winkt, und sie verblassen, Wenn Ihr die Stirne runzelt. Dieses Kind Lernt früh, was wir erst spät begreifen lernten: Daß alles Lebende aus solchem Stoff Wie Träume und ganz ähnlich auch zergeht. Sie wächst so auf und fürchtet sich vor nichts: Mit Tieren und mit Toten redet sie Zutraulich wie mit ihresgleichen, blüht Schamhafter als die festverschloßne Knospe, Weil sie auch aus der leeren Luft so etwas Wie Augen stets auf sich gerichtet fühlt. Allmählich wird sie größer, und Ihr lehrt sie: >Hab du das Leben lieb, dich nicht zu lieb, Und nur um seiner selbst, doch immerfort Nur um des Guten willen, das darin ist.< In all dem ist für sie kein Widerspruch, Denn so wie bunte Muscheln oder Vögel Hat sie die Tugend lieb Bis eines Tages Ihr sie vermählt mit Einem, den Ihr völlig Durchschaut, den Ihr geprüft auf solche Art, Die kein unedler Mensch erträgt, als wäre er Schiffbrüchig ausgeworfen auf der Insel, Die Ihr beherrscht, und ganz Euch zugefallen Wie Strandgut.
Der Ältere Nun meine ich, ist mir ein Maß geschenkt, Ein unveränderlich und sichres Maß, Das mich für immer und untrüglich abhält, Ein leeres Ding für voll zu nehmen, mich Für Schales zu vergeuden, fremdem Fühlen Und angelerntem Denken irgend Platz In einer meiner Adern zu gestatten. Nun kann zwar Krankheit, Elend oder Tod Mich noch bedrohen, aber Lüge kaum. Dazu ist dies mein neues Amt zu voll Einfacher Hoheit. Und daran gemessen Vergeht erlogne Wichtigkeit zu Nichts. Ins Schloß gefallen sind die letzten Türen, Durch die ich hatte einen schlimmen Weg Antreten können. Durch und durch verstört, Im Kern beschmutzt und völlig irr an Güte Werd ich nun nicht mehr. Denn mich hat ein Glanz Vom wahren Sinn des Lebens angeglüht.
Ghasel
In der ärmsten kleinen Geige liegt die Harmonie des Alls verborgen, Liegt ekstatisch tiefstes Stöhnen, Jauchzen süßen Schalls verborgen; In dem Stein am Wege liegt der Funke, der die Welt entzündet, Liegt die Wucht des fürchterlichen, blitzesgleichen Pralls verborgen. In dem Wort, dem abgegriffnen, liegt was mancher sinnend suchet: Eine Wahrheit, mit der Klarheit leuchtenden Kristalls verborgen ... Lockt die Töne, sticht die Wahrheit, werft den Stein mit Riesenkräften! Unsern Blicken ist Vollkommnes seit dem Tag des Sündenfalls verborgen.
Glückliches Haus
Auf einem offenen Altane sang Ein Greise orgelspielend gegen Himmel, Indes auf einer Tenne, ihm zu Füßen, Der schlanke mit dem bärtigen Enkel focht, Daß durch den reinen Schaft des Oleanders Ein Zittern aufwärts lief; allein ein Vogel Still in der Krone blütevollem Schein Floh nicht und äugte klugen Blicks herab. Auf dem behauenen Rand des Brunnens aber Die junge Frau gab ihrem Kind die Brust.
Allein der Wandrer, dem die Straße sich Entlang der Tenne ums Gemäuer bog, Warf hinter sich den einen Blick des Fremden Und trug in sich - gleich jener Abendwolke Entschwebend über stillem Fluß und Wald Das wundervolle Bild des Friedens fort.
Grösse
Nennt ihr die Alpen so groß? Leicht könnt ich viel größer sie denken: Aber den Markusplatz nicht, niemals den Dom von Florenz.
Grossmutter und Enkel
Ferne ist dein Sinn, dein Fuß Nur in meiner Tür!« Woher weißt dus gleich beim Gruß? »Kind, weil ich es spür.«
Was? »Wie Sie aus süßer Ruh Süß durch dich erschrickt. « — Sonderbar, wie Sie hast du Vor dich hingenickt.
»Einst,... « Nein: jetzt im Augenblick! Mich beglückt der Schein – »Kind, was haucht dein Wort und Blick Jetzt in mich hinein?
Meine Mädchenzeit voll Glanz Mit verstohlnem Hauch Öffnet mir die Seele ganz!« Ja, ich spür es auch:
Und ich bin bei dir und bin Wie auf fremdem Stern: Ihr und dir mit wachem Sinn Schwankend nah und fern!
»Als ich dem Großvater dein Mich fürs Leben gab, Trat ich so verwirrt nicht ein Wie nun in mein Grab. «
Grab? Was redest du von dem? Das ist weit von dir! Sitzest plaudernd und bequem Mit dem Enkel hier,
Deine Augen frisch und reg Deine Wangen hell – »Flog nicht übern kleinen Weg Etwas schwarz und schnell?«
Etwas ist, das wie ein Traum Mich Verliebten hält. Wie der enge, schwüle Raum Seltsam mich umstellt!
»Fühlst du, was jetzt mich umblitzt Und mein stockend Herz? Wenn du bei dem Mädchen sitzt, Unter Kuß und Scherz,
Fühl es fort und denk an mich, Aber ohne Graun: Denk, wie ich im Sterben glich Jungen, jungen Fraun.«
Guten Stunde
Hier lieg ich, mich dünkt es der Gipfel der Welt, Hier hab ich kein Haus, und hier hab ich kein Zelt!
Die Wege der Menschen sind um mich her, Hinauf zu den Bergen und nieder zum Meer:
Sie tragen die Ware, die ihnen gefällt, Unwissend, daß jede mein Leben enthält.
Sie bringen in Schwingen aus Binsen und Gras Die Früchte, von denen ich lange nicht aß:
Die Feige erkenn ich, nun spür ich den Ort, Doch lebte der lange vergessene fort!
Und war mir das Leben, das schöne, entwandt, Es hielt sich im Meer, und es hielt sich im Land!
Ich ging hernieder weite Bergesstiegen ...
Ich ging hernieder weite Bergesstiegen Und fühlt im wundervollen Netz mich liegen, In Gottes Netz, im Lebenstraum gefangen. Die Winde liefen und die Vögel sangen.
Wie trug, wie trug das Tal den Wasserspiegel! Wie rauschend stand der Wald, wie schwoll der Hügel! Hoch flog ein Falk, still leuchtete der Raum: Im Leben lag mein Herz, in Tod und Traum.
Ich lösch das Licht ...
Ich lösch das Licht Mit purpurner Hand, Streif ab die Welt Wie ein buntes Gewand
Und tauch ins Dunkel Nackt und allein, Das tiefe Reich Wird mein, ich sein.
Groß' Wunder huschen Durch Dickicht hin, Quelladern springen Im tiefsten Sinn,
O spräng noch manche, Ich käm in' Kern, Ins Herz der Welt Allem nah, allem fern.
Kunst des Erzählers
Schildern willst du den Mord? So zeig mir den Hund auf dem Hofe: Zeig mir im Aug von dem Hund gleichfalls den Schatten der Tat.
Leben
Die Sonne sinkt den lebenleeren Tagen Und sinkt der Stadt vergoldend und gewaltig, So wie sie sank der Zeit, die viel zu sagen Und viel zu schenken hatte, vielgestaltig. Und Schatten scheint die goldne Luft zu tragen Versunkener Tage, blaß und zartgestaltig, Und alle Stunden, die vorübergleiten, Verhüllt ein Hauch verklärter Möglichkeiten.
Ein Morgen war in blassen weiten Gärten, Von kühlem Duft und Einsamkeit durchzogen, Die Sonne steigt, es finden sich Gefährten, Aus Lauben tretend, aus lebendigen Bogen, Und die Gedanken, die sich funkelnd mehrten Und aus der Einsamkeit die Schönheit sogen, Ergießen sich in losgebundenen Scharen Mit offenen Lippen, Efeu in den Haaren.
Und alle Dinge werden uns lebendig: Im Winde weht der Atem der Mänaden, Aus dunklen Teichen winkt es silberhändig, Und die verträumten flüstern, die Dryaden, In leisen Schauern sehnend und beständig Von nächtigen geheimnisvollen Gnaden Mit gelbem warmem Mond und stillem Prangen Und vieler Schönheit, die vorbeigegangen.
Doch aus dem Garten sind wir schon getreten: Auf goldenen Fluten harren die Galeeren Mit Flötenklang und Segeln, weißgeblähten ... Und weiter Treppen königliche Ehren Mit Purpurprunk und silbernen Trompeten ... Und von berühmten griechischen Hetären, In goldenes Braun und Pfirsichrot gehüllt, Ist der Balkone Gitterwerk erfüllt.
Es gleitet flink durch dunkelblaue Wogen Das goldene Schiff der Insel nun entgegen, Der Flötenschall ist singend vorgeflogen, Und auf den blumen-überquollnen Wegen
Aus des Theaters schwarzem Marmorbogen Sieht man den Chor sich feierlich bewegen, Um Bacchus und die Musen anzurufen, Die aus dem Rausche die Tragödie schufen.
Im Fackelschein, wo alle Schatten schwanken, Ist die Tragödie königlich beendet, Mit schweren reifen purpurnen Gedanken Sind wir zur Heimfahrt durch die Nacht gewendet. Und wie die Formen all in Dunkel sanken, So hat auch alles Irdische geendet, Und wie der Schlaf im leisen Takt der Wogen - Willkommen käme jetzt der Tod gezogen.
Lebenslied
Den Erben laß verschwenden An Adler, Lamm und Pfau Das Salböl aus den Händen Der toten alten Frau! Die Toten, die entgleiten, Die Wipfel in dem Weiten Ihm sind sie wie das Schreiten Der Tänzerinnen wert! Er geht wie den kein Walten Vom Rücken her bedroht. Er lächelt, wenn die Falten Des Lebens flüstern: Tod! Ihm bietet jede Stelle Geheimnisvoll die Schwelle; Es gibt sich jeder Welle Der Heimatlose hin.
Der Schwarm von wilden Bienen Nimmt seine Seele mit; Das Singen von Delphinen Beflügelt seinen Schritt: Ihn tragen alle Erden Mit mächtigen Gebärden. Der Flüsse Dunkelwerden Begrenzt den Hirtentag!
Das Salböl aus den Händen Der toten alten Frau Laß lächelnd ihn verschwenden An Adler, Lamm und Pfau: Er lächelt der Gefährten. – Die schwebend unbeschwerten Abgründe und die Gärten Des Lebens tragen ihn.
Lied der Welt
Flieg hin, Zeit, du bist meine Magd, Schmück mich, wenn es nächtet, schmück mich, wenn es tagt, Flicht mir mein Haar, spiel mir um den Schuh, Ich bin die Frau, die Magd bist du. Heia!
Doch einmal trittst du zornig herein, Die Sterne schießen schiefen Schein, Der Wind durchfährt den hohen Saal, Die Sonn geht aus, das Licht wird fahl, Der Boden gibt einen toten Schein, Da wirst du meine Herrin sein! O weh! Und ich deine Magd, schwach und verzagt, Gott seis geklagt!
Flieg hin, Zeit! die Zeit ist noch weit! Heia!
Nox Portentis Gravida
In hohen Bäumen ist ein Nebelspiel, Und drei der schönen Sterne funkeln nah: Die Hyazinthen an der dunkeln Erde Erinnern sich, daß daß hier geschehen werde, Was früher schon und öfter wohl geschah: Daß Hermes und die beiden Dioskuren, Funkelnd vor Übermut, die luftigen Spuren Der windgetragenen Grazien umstellen Und spielend, mit der Grausamkeit der Jagd, Sie aus den Wipfeln scheuchen, ja die Wellen Des Flusses nahe treiben, bis es tagt.
Der Dichter hat woanders seinen Weg, Und mit den Augen der Meduse schauend Sieht er das umgelegene fahle Feld Sogleich entrückt und weiß nicht, wie es ist, Und fügt es anders solchen Orten zu, Wo seine Seele wie ein Kind verstellt, Ein Dasein hat von keiner sichern Frist In Adlersluft und abgestorbner Ruh. Dort streut er ihr die Schatten und die Scheine Der Erdendinge hin und Edelsteine.
Den dritten Teil des Himmels aber nimmt Die Wolke ein von solcher Todesschwärze, Wie sie die Seele dessen anfällt, der Durch Nacht den Weg sich sucht mit einer Kerze: Die Wolke, die hinzog am nächsten Morgen, Mit Donnerschlag von tausenden Gewittern Und blauem Licht stark wie nahe Sonnen Und schauerlichem Sturz von heißen Steinen, Die Insel heimzusuchen, wo das Zittern Aufblühen ließ die wundervollen Wonnen; Vor ungeheurer Angst erstorbenes Weinen Der Kaufpreis war: daß in verstörten Gärten, Die nie sich sahen, sich fürs Leben fanden Und trunken sterbend, Rettung nicht begehrten; Daß Gott entsprang den Luft- und Erdenbanden, Verwaiste Kinder gleich Propheten glühten Und alle Seelen wie die Sterne blühten.
Südliche Mondnacht
Werden zu doppelter Lust nun doppelte Tage geboren? Ehe der eine versank, steigt schon der neue herauf! Herrlich in Salben und Glanz, gedächtnislos wie ein Halbgott, Deckt er mir Gärten und See zu mit erstarrendem Prunk. Und der vertrauliche Baum wird fremd, fremd funkelt der Springbrunn, Fremde und dunkle Gewalt drängt sich von außen in mich. Sind dies die Büsche, darin die bunten Gedanken genistet? Kaum mehr erkenn ich die Bank! Die ists? Die lauernde hier? Aber sie ists, denn im Netz der fleißigen, winzigen Spinne Hängt noch der schimmernde Punkt! Komm ich mir selber zurück? Als dein Brief heut kam - ich riß mit zu hastigen Fingern Ungeduldig ihn auf -, flogen die Teilchen hinweg Von dem zerrissenen Rand: sie sprühten wie Tropfen dem Trinker, Wenn er zum Springbrunn sich drängt, um den verdürsteten Mund! Ja, jetzt drängt sichs heran und kommt übers Wassers geschwommen, Hebt sich mit lieblichem Arm rings aus dem Dunkel zu mir: Wie ein Entzauberter atme ich nun, und erst recht nun verzaubert, Und in der starrenden Nacht halt ich den Schlüssel des Glücks!
Spaziergang
Ich ging durch nächtige Gassen Bis zum verstaubten Rand Der großen Stadt. Da kam ich An eine Bretterwand
Auf einem öden Wall von Lehm. Ich konnt nicht weiter gehen Noch auch im klaren vollen Licht Des Monds hinüber spähen.
Dahinter war die ganze Welt Verschwunden und versunken Und nur der Himmel aufgerollt Mit seinen vielen Funken.
Der Himmel war so dunkelblau, So glanz- und wunderschwer, Als rollte ruhig unter ihm Ein leuchtend feuchtes Meer.
Die Sterne glommen, als schauten sie In einen hohen Hain Mit rieselnden dunklen Wassern Und rauschenden Wipfeln hinein.
Ich weiß nicht, was dort drüben war, Doch wars wohl fort und fort Nur öde Gruben Sand und Lehm Und Disteln halbverdorrt.
Sag, meine Seele, gibt es wo Ein Glück, so groß und still, Als liegend hinterm Bretterzaun Zu träumen wie Gott will,
Wenn über Schutt und Staub und Qualm Sich solche Pracht enthüllt, Daß sie das Herz mit Orgelklang Und großem Schauer füllt?
Unendliche Zeit
Wirklich, bist du zu schwach, dich der seliger, Zeit zu erinnern? Über dem dunkelnden Tal zogen die Sterne herauf, Wir aber standen im Schatten und bebten. Die riesige Ulme Schüttelte sich wie im Traum, warf einen Schauer herab Lärmender Tropfen ins Gras: Es war keine Stunde vergangen Seit jenem Regen! Und mir schien es unendliche Zeit. Denn dem Erlebenden dehnt sich das Leben: es tuen sich lautlos Klüfte unendlichen Traums zwischen zwei Blicken ihm auf: In mich hätt ich gesogen dein zwanzigjähriges Dasein - War mir, indessen der Baum noch seine Tropfen behielt.
Verse auf ein kleines Kind
Dir wachsen die rosigen Füße, Die Sonnenländer zu suchen: Die Sonnenländer sind offen! An schweigenden Wipfeln blieb dort Die Luft der Jahrtausende hangen, Die unerschöpflichen Meere Sind immer noch, immer noch da. Am Rande des ewigen Waldes Willst du aus der hölzernen Schale Die Milch mit der Unke dann teilen? Das wird eine fröhliche Mahlzeit, Fast fallen die Sterne hinein! Am Rande des ewigen Meeres Schnell findest du einen Gespielen: Den freundlichen guten Delphin, Er springt dir ans Trockne entgegen, Und bleibt er auch manchmal aus, So stillen die ewigen Winde Dir bald die aufquellenden Tränen. Es sind in den Sonnenländern Die alten, erhabenen Zeiten Für immer noch, immer noch da! Die Sonne mit heimlicher Kraft, Sie formt dir die rosigen Füße, Ihr ewiges Land zu betreten.
Verse zum Gedächtnis des Schauspielers Josef Kainz
O hätt ich seine Stimme, hier um ihn Zu klagen! Seinen königlichen Anstand, Mit meiner Klage dazustehn vor euch! Dann wahrlich wäre diese Stunde groß Und Glanz und Königtum auf mir, und mehr Als Trauer: denn dem Tun der Könige Ist Herrlichkeit und Jubel beigemengt, Auch wo sie klagen und ein Totenfest begehn.
O seine Stimme daß sie unter uns Die Flügel schlüge! - Woher tönte sie? Woher drang dies an unser Ohr? Wer sprach Mit solcher Zunge? Welcher Fürst und Dämon Sprach da zu uns? Wer sprach von diesen Brettern Herab? Wer redete da aus dem Leib Des Jünglings Romeo, wer aus dein Leib Des unglückseligen Richard Plantagenet Oder des Tasso? Wer? Ein Unverwandelter in viel Verwandlungen, Ein niebezauberter Bezauberer, Ein Ungerührter, der uns rührte, einer, Der fern war, da wir meinten, er sei nah, Ein Fremdling über allen Fremdlingen, Einsamer über allen Einsamen, Der Bote aller Boten, namenlos Und Bote eines namenlosen Herrn. Er ist an uns vorüber. Seine Seele War eine allzu schnelle Seele, und Sein Aug glich allzusehr dem Aug des Vogels. Dies Haus hat ihn gehabt - doch hielt es ihn? Wir haben ihn gehabt - er fiel dahin, Wie unsre eigne Jugend uns entfällt, Grausam und prangend gleich dem Wassersturz.
O Unrast! O Geheimnis, offenkundiges Geheimnis menschlicher Natur! O Wesen, Wer warest du? O Schweifender! O Fremdling! O nächtlicher Gespräche Einsamkeit Mit deinen höchst zufälligen Genossen!
O starrend tiefe Herzenseinsamkeit! O ruheloser Geist! Geist ohne Schlaf! O Geist! O Stimme! Wundervolles Licht! Wie du hinliefest, weißes Licht, und rings Ins Dunkel aus den Worten dir Paläste Hinbautest, drin für eines Herzschlags Frist Wir mit dir wohnten - Stimme, die wir nie Vergessen werden - o Geschick - o Ende - Geheimnisvolles Leben! Dunkler Tod! O wie das Leben um ihn rang und niemals Ihn ganz verstricken konnte ins Geheimnis Wollüstiger Verwandlung ! Wie er blieb! Wie königlich er standhielt! Wie er schmal, Gleich einem Knaben, stand! O kleine Hand Voll Kraft, o kleines Haupt auf feinen Schultern, O vogelhaftes Auge, das verschmähte, Jung oder alt zu sein, schlafloses Aug, O Aug des Sperbers, der auch vor der Sonne Den Blick nicht niederschlägt, o kühnes Aug, Das beiderlei Abgrund gemessen hat, Des Lebens wie des Todes - Aug des Boten! O Bote aller Boten, Geist! Du Geist! Dein Bleiben unter uns war ein Verschmähen, Fortwollender! Enteilter! Aufgeflogener!
Ich klage nicht um dich. Ich weiß jetzt, wer du warst, Schauspieler ohne Maske du, Vergeistiger, Du bist empor, und wo mein Auge dich Nicht sieht, dort kreisest du, dem Sperber gleich, Dem Unzerstörbaren, und hältst in Fängen Den Spiegel, der ein weißes Licht herabwirft, Weißer als Licht der Sterne: dieses Lichtes Bote und Träger bist du immerdar, Und als des Schwebend-Unzerstörbaren Gedenken wir des Geistes, der du bist.
O Stimme! Seele! aufgeflogene!
Vor Tag
Nun liegt und zuckt am fahlen Himmelsrand In sich zusammgesunken das Gewitter. Nun denkt der Kranke: »Tag! jetzt werd ich schlafen! Und drückt die heißen Lider zu. Nun streckt Die junge Kuh im Stall die starken Nüstern Nach kühlem Frühduft. Nun im stummen Wald Hebt der Landstreicher ungewaschen sich Aus weichem Bett vorjährigen Laubes auf Und wirft mit frecher Hand den nächsten Stein Nach einer Taube, die schlaftrunken fliegt, Und graust sich selber, wie der Stein so dumpf Und schwer zur Erde fällt. Nun rennt das Wasser, Als wollte es der Nacht, der fortgeschlichnen, nach Ins Dunkel stürzen, unteilnehmend, wild Und kalten Hauches hin, indessen droben Der Heiland und die Mutter leise, leise Sich unterreden auf dem Brücklein: leise, Und doch ist ihre kleine Rede ewig Und unzerstörbar wie die Sterne droben. Er trägt sein Kreuz und sagt nur: »Meine Mutter! « Und sieht sie an, und: »Ach, mein lieber Sohn!« Sagt sie. - Nun hat der Himmel mit der Erde Ein stumm beklemmend Zwiegespräch. Dann geht Ein Schauer durch den schweren, alten Leib: Sie rüstet sich, den neuen Tag zu leben. Nun steigt das geisterhafte Frühlicht. Nun Schleicht einer ohne Schuh von einem Frauenbett, Läuft. wie ein Schatten, klettert wie ein Dieb Durchs Fenster in sein eigenes Zimmer, sieht Sich im Wandspiegel und hat plötzlich Angst Vor diesem blassen, übernächtigen Fremden, Als hätte dieser selbe heute nacht Den guten Knaben, der er war, ermordet Und käme jetzt, die Hände sich zu waschen Im Krüglein seines Opfers wie zum Hohn, Und darum sei der Himmel so beklommen Und alles in der Luft so sonderbar. Nun geht die Stalltür. Und nun ist auch Tag.
Welt und Ich
Geh hin, mein Lied, zum Riesen Atlas, der Den Bau der Welt mit Arm und Nacken stützt, Und sag: »Du magst ins Hesperidenland Jetzt gehn und Äpfel pflücken, wenn dirs nützt.
Mein Herr will untertreten deiner Last, Wie einer eine leichte Laute hält, Die murmelnde, wie eine Schüssel Obst, So trägt er auf den Armen diese Welt.
Das tiefe Meer mit Ungeheuern drin, Die alles Lebens dumpfe Larven sind, Die Bäume, deren Wurzel dunkel saugt Und deren Krone voller Duft und Wind;
Und Mondlicht, das durch Laub zur Erde trieft, Und Rasen, drauf der Schlaf die Menschen legt, Gleich stummen Krügen, jeder angefüllt Mit einer ganzen Welt: ... das alles trägt
Mein Herr auf seinen Armen dir zu Dienst Und zittert nicht und hält es gerne gut, So wie ein Silberbecken, angefüllt Mit leise redender, lebendger Flut.«
Tritt hin, mein Lied, zum Atlas, sag ihm dies, Und wenn der Riese Atlas dir nicht glaubt, Sprich: »Wie ertrüg er sie im Arme nicht, Mein Herr, da er sie lächelnd trägt im Haupt?«
Weltgeheimnis
Der tiefe Brunnen weiß es wohl, Eins waren alle tief und stumm, Und alle wußten drum.
Wie Zauberworte, nachgelallt Und nicht begriffen in den Grund, So geht es jetzt von Mund zu Mund.
Der tiefe Brunnen weiß es wohl; In den gebückt, begriffs ein Mann, Begriff es und verlor es dann.
Und redet' irr und sang ein Lied - Auf dessen dunklen Spiegel bückt Sich einst ein Kind und wird entrückt.
Und wächst und weiß nichts von sich selbst Und wird ein Weib, das einer liebt Und - wunderbar wie Liebe gibt!
Wie Liebe tiefe Kunde gibt! - Da wird an Dinge, dumpf geahnt, In ihren Küssen tief gemahnt...
In unsern Worten liegt es drin, So tritt des Bettlers Fuß den Kies, Der eines Edelsteins Verlies.
Der tiefe Brunnen weiß es wohl, Einst aber wußten alle drum, Nun zuckt im Kreis ein Traum herum.
Wir gingen eine Weg mit vielen Brücken ...
Wir gingen einen Weg mit vielen Brücken, Und vor uns gingen drei, die ruhig sangen. Ich sage dies, damit du dich entsinnst. Da sagtest du und zeigtest nach dem Berg, Der Schatten trug von Wolken und den Schatten Der steilen Wände mit unsicheren Pfaden, Du sagtest: »Wären dort wir zwei allein!« Und deine Worte hatten einen Ton So fremd wie Duft von Sandelholz und Myrrhen. Auch deine Wangen waren nicht wie sonst. Und mir geschah, daß eine trunkene Lust Mich faßte, so wie wenn die Erde bebt Und umgestürztes prunkvolles Gerät Rings rollt und Wasser aus dem Boden quillt Und einer taumelnd steht und doppelt sieht: Denn ich war da und zwar zugleich auch dort, Mit dir im Arm, und alle Lust davon War irgendwie vermengt mit aller Lust, Die dieser große Berg mit vielen Klüften Hingibt, wenn einer ruhig wie der Adler Mit ausgespannten Flügeln ihn umflöge. Ich war mit dir im Arm auf jenem Berg, Ich hatte alles Wissen seiner Höhe, Der Einsamkeit, des nie betretnen Pfades Und dich im Arm und alle Lust davon . . . Und als ich heut im Lusthaus beim Erwachen An einer kühlen Wand das Bild der Götter Und ihrer wunderbaren Freuden sah: Wie sie mit leichtern Fuße, kaum mehr lastend, Vom dünnen Dache weinumrankter Lauben Ins Blaue tretend aufzuschweben schienen, Wie Flammen ohne Schwere, mit dem Laut Von Liedern und dem Klang der hellen Leier Emporgeweht; da wurde es mir so, Als dürft ich jenen letzten, die noch nah Der Erde schienen, freundlich ihr Gewand Anrühren, wie ein Gastfreund tuen darf Von gleichem Rang und ähnlichem Geschick: Denn ich gedachte jenes Abenteuers.
Wo ich nahe, wo ich lande ...
Wo ich nahe, wo ich lande, Da im Schatten, dort im Sande Werden sie sich zu mir setzen, Und ich werde sie ergetzen, Binden mit dem Schattenbande!
Zerbinetta
Noch glaub ich dem einen ganz mich gehörend, Noch mein' ich mir selber so sicher zu sein, Da mischt sich im Herzen leise betörend Schon einer nie gekosteten Freiheit, Schon einer neuen verstohlenen Liebe Schweifendes freches Gefühle sich ein! Noch bin ich wahr, und doch ist es gelogen, Ich halte mich treu und bin schon schlecht, Mit falschen Gewichten wird alles gewogen - Und halb mich wissend und halb im Taumel Betrüg ich ihn endlich und lieb ihn noch recht! Ja, halb mich wissend und halb im Taumel Betrüge ich endlich und liebe noch recht! So war es mit Pagliazzo Und mit Mezzetin! Dann war es Cavicchio, Dann Buratin, Dann Pasquariello! Ach, und zuweilen, Will es mir scheinen, Waren es zwei! Doch niemals Launen, Immer ein Müssen! Immer ein neues Beklommenes Staunen. Daß ein Herz so gar sich selber, Gar sich selber nicht versteht! Als ein Gott kam jeder gegangen, Und sein Schritt schon machte mich stumm, Küßte er mir Stirn und Wangen, War ich von dem Gott gefangen Und gewandelt um und um!
Zu einer Totenfeier für Arnold Böcklin
In die letzten Takte der Symphonie tritt der Prolog auf, seine Fackelträger hinter ihm. Der Prolog ist ein Jüngling; er ist venezianisch gekleidet, ganz in Schwarz, als ein Trauernder.
Nun schweig, Musik! Nun ist die Szene mein, Und ich will klagen, denn mir steht es zu! Von dieser Zeiten Jugend fließt der Saft In mir; und er, des Standbild auf mich blickt, War meiner Seele so geliebter Freund! Und dieses Guten hab ich sehr bedurft, Denn Finsternis ist viel in dieser Zeit, Und wie der Schwan, ein selig schwimmend Tier, Aus der Najade triefend weißen Händen Sich seine Nahrung küßt, so bog ich mich In dunklen Stunden über seine Hände Um meiner Seele Nahrung: tiefen Traum. Schmück ich dein Bild mit Zweig und Blüten nur? Und du hast mir das Bild der Welt geschmückt Und aller Blütenzweige Lieblichkeit Mit einem solchen Glanze überhöht, Daß ich mich trunken an den Boden warf Und jauchzend fühlte, wie sie ihr Gewand Mir sinken ließ, die leuchtende Natur! Hör mich, mein Freund! Ich will nicht Herolde Aussenden, daß sie deinen Namen schrein In die vier Winde, wie wenn Könige sterben: Ein König läßt dem Erben seinen Reif Und einem Grabstein seines Namens Schall. Doch du warst solch ein großer Zauberer, Dein Sichtbares ging fort, doch weiß ich nicht, Was da und dort nicht alles von dir bleibt, Mit heimlicher fortlebender Gewalt Sich dunklen Auges ans der nächtigen Flut Zum Ufer hebt - oder sein haarig Ohr Hinter dem Efeu horchend reckt, drum will ich Nie glauben, daß ich irgendwo allein bin, Wo Bäume oder Blumen sind, ja selbst Nur schweigendes Gestein und kleine Wölkchen Unter dem Himmel sind: leicht daß ein Etwas, Durchsichtiger wie Ariel, mir im Rücken Hingaukelt, denn ich weiß: geheimnisvoll War zwischen dir und mancher Kreatur Ein Bund geknüpft, ja! und des Frühlings Au, Siehe, sie lachte dir so wie ein Weib Den anlacht, dem sie in der Nacht sich gab!
Ich meint um dich zu klagen, und mein Mund Schwillt an von trunkenem und freudi 'gern Wort: Drum ziemt mir nun nicht länger hier zu stehen. Ich will den Stab dreimal zu Boden stoßen Und dies Gezelt mit Traumgestalten füllen. Die will ich mit der Last der Traurigkeit So überbürden, daß sie schwankend gehn, Damit ein jeder weinen mag und fühlen: Wie große Schwermut allem unsern Tun Ist beigemengt. Es weise euch ein Spiel Das Spiegelbild der bangen, dunklen Stunde, Und großen Meisters trauervollen Preis Vernehmet nun aus schattenhaftem Munde!
Zum Gedächtnis des Schauspielers Mitterwurzer
Er losch auf einmal aus so wie ein Licht. Wir trugen alle wie von einem Blitz Den Widerschein als Blässe im Gesicht.
Er fiel: da fielen alle Puppen hin, In deren Adern er sein Lebensblut Gegossen hatte; lautlos starben sie, Und wo er lag, da lag ein Haufen Leichen, Wüst hingestreckt: das Knie von einem Säufer In eines Königs Aug gedrückt, Don Philipp Mit Caliban als Alp um seinen Hals, Und jeder tot. Da wußten wir, wer uns gestorben war: Der Zauberer, der große, große Gaukler! Und aus den Häusern traten wir heraus Und fingen an zu reden, wer er war. Wer aber war er, und wer War er nicht?
Er kroch von einer Larve in die andre, Sprang aus des Vaters in des Sohnes Leib Und tauschte wie Gewänder die Gestalten.
Mit Schwertern, die er kreisen ließ so schnell, Daß niemand ihre Klinge funkeln sah, Hieb er sich selbst in Stücke: Jago war Vielleicht das eine, und die andre Hälfte Gab einen süßen Narren oder Träumer. Sein ganzer Leib war wie der Zauberschleier, In dessen Falten alle Dinge wohnen: Er holte Tiere aus sich selbst hervor: Das Schaf, den Löwen, einen dummen Teufel Und einen schrecklichen, und den, und jenen, Und dich und mich. Sein ganzer Leib war glühend, Von innerlichem Schicksal durch und durch Wie Kohle glühend, und er lebte drin Und sah auf uns, die wir in Häusern wohnen, Mit jenem undurchdringlich fremden Blick Des Salamanders, der im Feuer wohnt. Er war ein wilder König. Um die Hüften Trug er wie bunte Muscheln aufgereiht Die Wahrheit und die Lüge von uns allen. In seinen Augen flogen unsre Träume Vorüber, wie von Scharen wilder Vögel Das Spiegelbild in einem tiefen Wasser.
Hier trat er her, auf ehendiesen Fleck, Wo ich jetzt steh, und wie im Tritonshorn Der Lärm des Meeres eingefangen ist, So war in ihm die Stimme alles Lebens: Er wurde groß. Er war der ganze Wald, Er war das Land, durch das die Straßen laufen. Mit Augen wie die Kinder saßen wir Und sahn an ihm hinauf wie an den Hängen Von einem großen Berg: in seinem Mund
War eine Bucht, drin brandete das Meer. Denn in ihm war etwas, das viele Türen Aufschloß und viele Räume überflog: Gewalt des Lebens, diese war in ihm. Und über ihn bekam der Tod Gewalt! Blies aus die Augen, deren innrer Kern Bedeckt war mit geheimnisvollen Zeichen, Erwürgte in der Kehle tausend Stimmen Und tötete den Leib, der Glied für Glied Beladen war mit ungebornem Leben.
Hier stand er. Wann kommt einer, der ihm gleicht? Ein Geist, der uns das Labyrinth der Brust Bevölkert mit verständlichen Gestalten, Erschließt aufs neu zu schauerlicher Lust? Die er uns gab, wir konnten sie nicht halten Und starren nun bei seines Namens Klang Hinab den Abgrund, der sie uns verschlang.
Der Beherrschte
Auf einem hohen Berge ging ich, als Mir Kunde ward, sie hätten dich gefunden Und mir zur Beute dich mit Laubgewind Am Turm in meinem Garten festgebunden.
Ich nahm den Heimweg mit gehaltnem Schritt, Wie eine Flamme mir zur Seite flog Das Spiegelbild von deinem offnen Haar Und deinem Mund, der sich im Zürnen bog.
Wie eine Flamme. Aber ich war stolz, Und ruhig schreitend spähte ich im Weiher Das Spiel des Fisches, der das Dunkel sucht, Und überm Wald den Horst von einem Geier.
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