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Vitzliputzli
Präludium
Dieses ist Amerika! Dieses ist die Neue Welt! Nicht die heutige, die schon Europäisieret abwelkt. -
Dieses ist die Neue Welt, Wie sie Christoval Kolumbus Aus dem Ozean hervorzog. Glänzet noch in Flutenfrische,
Träufelt noch von Wasserperlen, Die zerstieben, farbensprühend, Wenn sie küßt das Licht der Sonne. Wie gesund ist diese Welt!
Ist kein Kirchhof der Romantik, Ist kein alter Scherbenberg Von verschimmelten Und versteinerten Perucken.
Aus gesundem Boden sprossen Auch gesunde Bäume - keiner Ist blasiert und keiner hat In dem Rückgratmark die Schwindsucht.
Auf den Baumesästen schaukeln Große Vögel. Ihr Gefieder Farbenschillernd. Mit den ernsthaft Langen Schnäbeln und mit Augen,
Brillenartig schwarz umrändert, Schaun sie auf dich nieder, schweigsam - Bis sie plötzlich schrillend aufschrein Und wie Kaffeeschwestern schnattern.
Doch ich weiß nicht, was sie sagen, Ob ich gleich der Vögel Sprachen Kundig bin wie Salomo, Welcher tausend Weiber hatte
Und die Vögelsprachen kannte Die modernen nicht allein, Sondern auch die toten, alten, Ausgestopften Dialekte.
Neuer Boden, neue Blumen! Neue Blumen, neue Düfte! Unerhörte, wilde Düfte, Die mir in die Nase dringen,
Neckend, prickelnd, leidenschaftlich - Und mein grübelnder Geruchsinn Quält sich ab: Wo hab ich denn Je dergleichen schon gerochen?
War's vielleicht auf Regentstreet, In den sonnig gelben Armen Jener schlanken Javanesin, Die beständig Blumen kaute?
Oder war's zu Rotterdam, Neben des Erasmi Bildsäul', In der weißen Waffelbude Mit geheimnisvollem Vorhang?
Während ich die Neue Welt Solcher Art verdutzt betrachte, Schein ich selbst ihr einzuflößen Noch viel größre Scheu - Ein Affe,
Der erschreckt ins Buschwerk forthuscht, Schlägt ein Kreuz bei meinem Anblick, Angstvoll rufend: "Ein Gespenst! Ein Gespenst der Alten Welt!"
Affe! fürcht dich nicht, ich bin Kein Gespenst, ich bin kein Spuk; Leben kocht in meinen Adern, Bin des Lebens treuster Sohn.
Doch durch jahrelangen Umgang Mit den Toten nahm ich an Der Verstorbenen Manieren Und geheime Seltsamkeiten.
Meine schönsten Lebensjahre, Die verbracht ich im Kyffhäuser, Auch im Venusberg und andern Katakomben der Romantik.
Fürcht dich nicht vor mir, mein Affe! Bin dir hold, denn auf dem haarlos Ledern abgeschabten Hintern Trägst du Farben, die ich liebe.
Teure Farben! Schwarz-rot-goldgelb! Diese Affensteißcouleuren, Sie erinnern mich mit Wehmut An das Banner Barbarossas.
1
Auf dem Haupt trug er den Lorbeer, Und an seinen Stiefeln glänzten Goldne Sporen - dennoch war er Nicht ein Held und auch kein Ritter.
Nur ein Räuberhauptmann war er, Der ins Buch des Ruhmes einschrieb, Mit der eignen frechen Faust, Seinen frechen Namen: Cortez.
Unter des Kolumbus Namen Schrieb er ihn, ja dicht darunter, Und der Schulbub' auf der Schulbank Lernt auswendig beide Namen -
Nach dem Christoval Kolumbus, Nennt er jetzt Fernando Cortez Als den zweiten großen Mann In dem Pantheon der Neuwelt.
Heldenschicksals letzte Tücke: Unser Name wird verkoppelt Mit dem Namen eines Schächers In der Menschen Angedenken.
Wär's nicht besser, ganz verhallen Unbekannt, als mit sich schleppen Durch die langen Ewigkeiten Solche Namenskameradschaft?
Messer Christoval Kolumbus War ein Held, und sein Gemüte, Das so lauter wie die Sonne, War freigebig auch wie diese.
Mancher hat schon viel gegeben, Aber jener hat der Welt Eine ganze Welt geschenket, Und sie heißt Amerika.
Nicht befreien konnt er uns Aus dem öden Erdenkerker, Doch er wußt ihn zu erweitern Und die Kette zu verlängern.
Dankbar huldigt ihm die Menschheit, Die nicht bloß europamüde, Sondern Afrikas und Asiens Endlich gleichfalls müde worden --
Einer nur, ein einz'ger Held, Gab uns mehr und gab uns Beßres Als Kolumbus, das ist jener, Der uns einen Gott gegeben.
Sein Herr Vater, der hieß Amram, Seine Mutter hieß Jochebeth, Und er selber, Moses heißt er, Und er ist mein bester Heros.
Doch, mein Pegasus, du weilest Viel zu lang bei dem Kolumbus - Wisse, unser heut'ger Flugritt Gilt dem g'ringern Mann, dem Cortez.
Breite aus den bunten Fittich, Flügelroß! und trage mich Nach der Neuwelt schönem Lande, Welches Mexiko geheißen.
Trage mich nach jener Burg, Die der König Montezuma Gastlich seinen span'schen Gästen Angewiesen zur Behausung.
Doch nicht Obdach bloß und Atzung, In verschwenderischer Fülle, Gab der Fürst den fremden Strolchen - Auch Geschenke reich und prächtig,
Kostbarkeiten klug gedrechselt, Von massivem Gold, Juwelen, Zeugten glänzend von der Huld Und der Großmut des Monarchen.
Dieser unzivilisierte, Abergläubisch blinde Heide Glaubte noch an Treu' und Und an Heiligkeit des Gastrechts.
Er willfahrte dem Gesuche, Beizuwohnen einem Feste, Das in ihrer Burg die Spanier Ihm zu Ehren geben wollten -
Und mit seinem Hofgesinde, Arglos, huldreich, kam der König In das spanische Quartier, Wo Fanfaren ihn begrüßten.
Wie das Festspiel war betitelt, Weiß ich nicht. Es hieß vielleicht: "Span'sche Treue!", doch der Autor Nannt sich Don Fernando Cortez.
Dieser gab das Stichwort - plötzlich Ward der König überfallen, Und man band ihn und behielt ihn In der Burg als eine Geisel.
Aber Montezuma starb, Und da war der Damm gebrochen, Der die kecken Abenteurer Schützte vor dem Zorn des Volkes.
Schrecklich jetzt begann die Brandung - Wie ein wild empörtes Meer Tosten, rasten immer näher Die erzürnten Menschenwellen.
Tapfer schlugen zwar die Spanier Jeden Sturm zurück. Doch täglich Ward berennt die Burg aufs neue, Und ermüdend war das Kampfspiel.
Nach dem Tod des Königs stockte Auch der Lebensmittel Zufuhr; Kürzer wurden die Rationen, Die Gesichter wurden länger.
Und mit langen Angesichtern Sahn sich an Hispaniens Söhne, Und sie seufzten und sie dachten An die traute Christenheimat,
An das teure Vaterland, Wo die frommen Glocken läuten Und am Herde friedlich brodelt Eine Ollea Potrida,
Dick verschmoret mit Garbanzos, Unter welchen, schalkhaft duftend, Auch wohl kichernd, sich verbergen Die geliebten Knoblauchwürstchen.
Einen Kriegsrat hielt der Feldherr, Und der Rückzug ward beschlossen; In der nächsten Tagesfrühe Soll das Heer die Stadt verlassen.
Leicht gelang's hineinzukommen Einst durch List dem klugen Cortez, Doch die Rückkehr nach dem Festland Bot fatale Schwierigkeiten.
Mexiko, die Inselstadt, Liegt in einem großen See, In der Mitte, flutumrauscht: Eine stolze Wasserfestung,
Mit dem Uferland verkehrend Nur durch Schiffe, Flöße, Brücken, Die auf Riesenpfählen ruhen; Kleine Inseln bilden Furten.
Noch bevor die Sonne aufging, Setzten sich in Marsch die Spanier; Keine Trommel ward gerühret, Kein Trompeter blies Reveille.
Wollten ihre Wirte nicht Aus dem süßen Schlafe wecken - (Hunderttausend Indianer Lagerten in Mexiko).
Doch der Spanier machte diesmal Ohne seinen Wirt die Rechnung; Noch frühzeit'ger aufgestanden Waren heut die Mexikaner.
Auf den Brücken, auf den Flößen, Auf den Furten harrten sie, Um den Abschiedstrunk alldorten Ihren Gästen zu kredenzen.
Auf den Brücken, Flößen, Furten, Hei! da gab's ein toll Gelage! Rot in Strömen floß das Blut, Und die kecken Zecher rangen -
Rangen Leib an Leib gepreßt, Und wir sehn auf mancher nackten Indianerbrust den Abdruck Span'scher Rüstungsarabesken.
Ein Erdrosseln war's, ein Würgen, Ein Gemetzel, das sich langsam, Schaurig langsam, weiterwälzte, Über Brücken, Flöße, Furten.
Die Indianer sangen, brüllten, Doch die Spanier fochten schweigend; Mußten Schritt für Schritt erobern Einen Boden für die Flucht.
In gedrängten Engpaßkämpfen Boten g'ringen Vorteil heute Alteuropas strenge Kriegskunst, Feuerschlünde, Harnisch, Pferde.
Viele Spanier waren gleichfalls Schwer bepackt mit jenem Golde, Das sie jüngst erpreßt, erbeutet - Ach, die gelbe Sündenlast
Lähmte, hemmte sie im Kampfe, Und das teuflische Metall Ward nicht bloß der armen Seele Sondern auch dem Leib verderblich.
Mittlerweile ward der See Ganz bedeckt von Kähnen, Barken; Schützen saßen drin und schossen Nach den Brücken, Flößen, Furten.
Trafen freilich im Getümmel Viele ihrer eignen Brüder, Doch sie trafen auch gar manchen Hochvortrefflichen Hidalgo.
Auf der dritten Brücke fiel Junker Gaston, der an jenem Tag die Fahne trug, worauf Konterfeit die heil'ge Jungfrau.
Dieses Bildnis selber trafen Die Geschosse der Indianer; Sechs Geschosse blieben stecken Just im Herzen - blanke Pfeile,
Ähnlich jenen güldnen Schwertern, Die der Mater dolorosa Schmerzenreiche Brust durchbohren Bei Karfreitagsprozessionen.
Sterbend übergab Don Gaston Seine Fahne dem Gonzalvo, Der zu Tod getroffen gleichfalls Bald dahinsank. - Jetzt ergriff
Cortez selbst das teure Banner, Er, der Feldherr, und er trug es Hoch zu Roß bis gegen Abend, Wo die Schlacht ein Ende nahm.
Hundertsechzig Spanier fanden Ihren Tod an jenem Tage; Über achtzig fielen lebend In die Hände der Indianer.
Schwer verwundet wurden viele, Die erst später unterlagen. Schier ein Dutzend Pferde wurde Teils getötet, teils erbeutet.
Gegen Abend erst erreichten Cortez und sein Herr das sichre Uferland, ein Seegestade, Karg bepflanzt mit Trauerweiden.
2
Nach des Kampfes Schreckenstag, Kommt die Spuknacht des Triumphes; Hunderttausend Freudenlampen Lodern auf in Mexiko.
Hunderttausend Freudenlampen, Waldharzfackeln, Pechkranzfeuer, Werfen grell ihr Tageslicht Auf Paläste, Götterhallen,
Gildenhäuser und zumal Auf den Tempel Vitzliputzlis, Götzenburg von rotem Backstein, Seltsam mahnend an ägyptisch,
Babylonisch und assyrisch Kolossalen Bauwerkmonstren, Die wir schauen auf den Bildern Unsers Briten Henri Martin.
Ja, das sind dieselben breiten Rampentreppen, also breit, Daß dort auf und nieder wallen Viele tausend Mexikaner,
Während auf den Stufen lagern Rottenweis die wilden Krieger, Welche lustig bankettieren, Hochberauscht von Sieg und Palmwein.
Diese Rampentreppen leiten, Wie ein Zickzack, nach der Plattform, Einem balustradenart'gen Ungeheuern Tempeldach.
Dort auf seinem Thronaltar Sitzt der große Vitzliputzli, Mexikos blutdürst'ger Kriegsgott. Ist ein böses Ungetüm,
Doch sein Äußres ist so putzig, So verschnörkelt und so kindisch, Daß er trotz des innern Grausens Dennoch unsre Lachlust kitzelt -
Und bei seinem Anblick denken Wir zu gleicher Zeit etwa An den blassen Tod von Basel Und an Brüssels Mankepiß.
An des Gottes Seite stehen Rechts die Laien, links die Pfaffen; Im Ornat von bunten Federn Spreizt sich heut die Klerisei.
Auf des Altars Marmorstufen Hockt ein hundertjährig Männlein, Ohne Haar an Kinn und Schädel; Trägt ein scharlach Kamisölchen.
Dieses ist der Opferpriester, Und er wetzet seine Messer, Wetzt sie lächelnd, und er schielet Manchmal nach dem Gott hinauf.
Vitzliputzli scheint den Blick Seines Dieners zu verstehen, Zwinkert mit den Augenwimpern Und bewegt sogar die Lippen.
Auf des Altars Stufen kauern Auch die Tempelmusici, Paukenschläger, Kuhhornbläser - Ein Gerassel und Getute -
Ein Gerassel und Getute, Und es stimmet ein des Chores Mexikanisches Tedeum - Ein Miaulen wie von Katzen -
Ein Miaulen wie von Katzen, Doch von jener großen Sorte, Welche Tigerkatzen heißen Und statt Mäuse Menschen fressen!
Wenn der Nachtwind diese Töne Hinwirft nach dem Seegestade, Wird den Spaniern, die dort lagern, Katzenjämmerlich zumute.
Traurig unter Trauerweiden, Stehen diese dort noch immer, Und sie starren nach der Stadt, Die im dunkeln Seegewässer
Widerspiegelt, schier verhöhnend, Alle Flammen ihrer Freude - Stehen dort wie im Parterre Eines großen Schauspielhauses,
Und des Vitzliputzli-Tempels Helle Plattform ist die Bühne, Wo zur Siegesfeier jetzt Ein Mysterium tragiert wird.
"Menschenopfer" heißt das Stück. Uralt ist der Stoff, die Fabel; In der christlichen Behandlung Ist das Schauspiel nicht so gräßlich.
Denn dem Blute wurde Rotwein, Und dem Leichnam, welcher vorkam, Wurde eine harmlos dünne Mehlbreispeis' transsubstituieret -
Diesmal aber, bei den Wilden, War der Spaß sehr roh und ernsthaft Aufgefaßt: man speiste Fleisch, Und das Blut war Menschenblut.
Diesmal war es gar das Vollblut Von Altchristen, das sich nie, Nie vermischt hat mit dem Blute Der Moresken und der Juden.
Freu dich, Vitzliputzli, freu dich, Heute gibt es Spanierblut, Und am warmen Dufte wirst du Gierig laben deine Nase.
Heute werden dir geschlachtet Achtzig Spanier, stolze Braten Für die Tafel deiner Priester, Die sich an dem Fleisch erquicken.
Denn der Priester ist ein Mensch, Und der Mensch, der arme Fresser, Kann nicht bloß vom Riechen leben Und vom Dufte, wie die Götter.
Horch! die Todespauke dröhnt schon, Und es kreischt das böse Kuhhorn! Sie verkünden, daß heraufsteigt Jetzt der Zug der Sterbemänner.
Achtzig Spanier, schmählich nackend, Ihre Hände auf dem Rücken Festgebunden, schleppt und schleift man Hoch hinauf die Tempeltreppe.
Vor dem Vitzliputzli-Bilde Zwingt man sie, das Knie zu beugen Und zu tanzen Possentänze, Und man zwingt sie durch Torturen,
Die so grausam und entsetzlich, Daß der Angstschrei der Gequälten Überheulet das gesamte Kannibalencharivari. -
Armes Publikum am See! Cortez und die Kriegsgefährten, Sie vernahmen und erkannten Ihrer Freunde Angstrufstimmen -
Auf der Bühne, grellbeleuchtet, Sahen sie auch ganz genau Die Gestalten und die Mienen - Sahn das Messer, sahn das Blut -
Und sie nahmen ab die Helme Von den Häuptern, knieten nieder, Stimmten an den Psalm der Toten, Und sie sangen: "De profundis!"
Unter jenen, welche starben, War auch Raimond de Mendoza, Sohn der schönen Abbatissin, Cortez' erste Jugendliebe.
Als er auf der Brust des Jünglings Jenes Medaillon gewahrte, Das der Mutter Bildnis einschloß, Weinte Cortez helle Tränen -
Doch er wischt' sie ab vom Auge Mit dem harten Büffelhandschuh, Seufzte tief und sang im Chore Mit den andern: "Miserere!"
3
Blasser schimmern schon die Sterne, Und die Morgennebel steigen Aus der Seeflut, wie Gespenster, Mit hinschleppend weißen Laken.
Fest und Lichter sind erloschen Auf dem Dach des Götzentempels, Wo am blutgetränkten Estrich Schnarchend liegen Pfaff' und Laie.
Nur die rote Jacke wacht. Bei dem Schein der letzten Lampe, Süßlich grinsend, grimmig schäkernd, Spricht der Priester zu dem Gotte:
"Vitzliputzli, Putzlivitzli, Liebstes Göttchen Vitzliputzli! Hast dich heute amüsieret, Hast gerochen Wohlgerüche!
Heute gab es Spanierblut - Oh, das dampfte so app'titlich, Und dein feines Leckernäschen Sog den Duft ein, wollustglänzend.
Morgen opfern wir die Pferde, Wiehernd edle Ungetüme, Die des Windes Geister zeugten, Buhlschaft treibend mit der Seekuh.
Willst du artig sein, so schlacht ich Dir auch meine beiden Enkel, Hübsche Bübchen, süßes Blut, Meines Alters einz'ge Freude.
Aber artig mußt du sein, Mußt uns neue Siege schenken - Laß uns siegen, liebes Göttchen, Putzlivitzli, Vitzliputzli!
O verderbe unsre Feinde, Diese Fremden, die aus fernen Und noch unentdeckten Ländern Zu uns kamen übers Weltmeer -
Warum ließen sie die Heimat? Trieb sie Hunger oder Blutschuld? Bleib im Land und nähr dich redlich, Ist ein sinnig altes Sprüchwort.
Was ist ihr Begehr? Sie stecken Unser Gold in ihre Taschen, Und sie wollen, daß wir droben Einst im Himmel glücklich werden!
Anfangs glaubten wir, sie wären Wesen von der höchsten Gattung, Sonnensöhne, die unsterblich Und bewehrt mit Blitz und Donner.
Aber Menschen sind sie, tötbar Wie wir andre, und mein Messer Hat erprobet heute nacht Ihre Menschensterblichkeit.
Menschen sind sie und nicht schöner Als wir andre, manche drunter Sind so häßlich wie die Affen; Wie bei diesen sind behaart
Die Gesichter, und es heißt, Manche trügen in den Hosen Auch verborgne Affenschwänze - Wer kein Aff', braucht keine Hosen.
Auch moralisch häßlich sind sie, Wissen nichts von Pietät, Und es heißt, daß sie sogar Ihre eignen Götter fräßen!
O vertilge diese ruchlos Böse Brut, die Götterfresser - Vitzliputzli, Putzlivitzli, Laß uns siegen, Vitzliputzli!" -
Also sprach zum Gott der Priester, Und des Gottes Antwort tönt Seufzend, röchelnd, wie der Nachtwind, Welcher koset mit dem Seeschilf:
"Rotjack', Rotjack', blut'ger Schlächter, Hast geschlachtet viele Tausend, Bohre jetzt das Opfermesser In den eignen alten Leib.
Aus dem aufgeschlitzten Leib Schlüpft alsdann hervor die Seele; Über Kiesel, über Wurzel Trippelt sie zum Laubfroschteiche.
Dorten hocket meine Muhme Rattenkön'gin - sie wird sagen: ›Guten Morgen, nackte Seele, Wie ergeht es meinem Neffen?
Vitzliputzelt er vergnügt In dem honigsüßen Goldlicht? Wedelt ihm das Glück die Fliegen Und die Sorgen von der Stirne?
Oder kratzt ihn Katzlagara, Die verhaßte Unheilsgöttin Mit den schwarzen Eisenpfoten, Die in Otterngift getränket?‹
Nackte Seele, gib zur Antwort: ›Vitzliputzli läßt dich grüßen, Und er wünscht dir Pestilenz In den Bauch, Vermaledeite!
Denn du rietest ihm zum Kriege, Und dein Rat, es war ein Abgrund - In Erfüllung geht die böse, Uralt böse Prophezeiung.
Von des Reiches Untergang Durch die furchtbar bärt'gen Männer, Die auf hölzernem Gevögel Hergeflogen aus dem Osten.
Auch ein altes Sprüchwort gibt es: Weiberwille, Gotteswille - Doppelt ist der Gotteswille, Wenn das Weib die Muttergottes.
Diese ist es, die mir zürnet, Sie, die stolze Himmelsfürstin, Eine Jungfrau sonder Makel, Zauberkundig, wundertätig.
Sie beschützt das Spaniervolk, Und wir müssen untergehen, Ich, der ärmste aller Götter, Und mein armes Mexiko.‹
Nach vollbrachtem Auftrag, Rotjack', Krieche deine nackte Seele In ein Sandloch - Schlafe wohl! Daß du nicht mein Unglück schauest!
Dieser Tempel stürzt zusammen, Und ich selber, ich versinke In dem Qualm - nur Rauch und Trümmer - Keiner wird mich wiedersehen.
Doch ich sterbe nicht; wir Götter Werden alt wie Papageien, Und wir mausern nur und wechseln Auch wie diese das Gefieder.
Nach der Heimat meiner Feinde, Die Europa ist geheißen, Will ich flüchten, dort beginn ich Eine neue Karriere.
Ich verteufle mich, der Gott Wird jetzund ein Gottseibeiuns; Als der Feinde böser Feind, Kann ich dorten wirken, schaffen.
Quälen will ich dort die Feinde, Mit Phantomen sie erschrecken - Vorgeschmack der Hölle, Schwefel Sollen sie beständig riechen.
Ihre Weisen, ihre Narren Will ich ködern und verlocken; Ihre Tugend will ich kitzeln, Bis sie lacht wie ein Metze.
Ja, ein Teufel will ich werden, Und als Kameraden grüß ich Satanas und Belial, Astaroth und Beelzebub.
Dich zumal begrüß ich, Lilis, Sündenmutter, glatte Schlange! Lehr mich deine Grausamkeiten Und die schöne Kunst der Lüge!
Mein geliebtes Mexiko, Nimmermehr kann ich es retten, Aber rächen will ich furchtbar Mein geliebtes Mexiko."
Zweites Buch Lamentationen
Das Glück ist eine leichte Dirne, Und weilt nicht gern am selben Ort; Sie streicht das Haar dir von der Stirne Und küßt dich rasch und flattert fort.
Frau Unglück hat im Gegenteile Dich liebefest ans Herz gedrückt; Sie sagt, sie habe keine Eile, Setzt sich zu dir ans Bett und strickt.
Waldeinsamkeit
Ich hab in meinen Jugendtagen Wohl auf dem Haupt einen Kranz getragen; Die Blumen glänzten wunderbar, Ein Zauber in dem Kranze war.
Der schöne Kranz gefiel wohl allen, Doch der ihn trug, hat manchem mißfallen; Ich floh den gelben Menschenneid Ich floh in die grüne Waldeinsamkeit.
Im Wald, im Wald! da konnt ich führen Ein freies Leben mit Geistern und Tieren; Feen und Hochwild von stolzem Geweih, Sie nahten sich mir ganz ohne Scheu.
Sie nahten sich mir ganz ohne Zagnis, Sie wußten, das sei kein schreckliches Wagnis; Daß ich kein Jäger, wußte das Reh, Daß ich kein Vernunftmensch, wußte die Fee.
Von Feenbegünstigung plaudern nur Toren - Doch wie die übrigen Honoratioren Des Waldes mir huldreich gewesen, fürwahr, Ich darf es bekennen offenbar.
Wie haben mich lieblich die Elfen umflattert! Ein luftiges Völkchen! das plaudert und schnattert! Ein bißchen stechend ist der Blick, Verheißend ein süßes, doch tödliches Glück.
Ergötzten mich mit Maitanz und Maispiel, Erzählten mir Hofgeschichten zum Beispiel: Die skandalose Chronika Der Königin Titania.
Saß ich am Bache, so tauchten und sprangen Hervor aus der Flut, mit ihrem langen Silberschleier und flatterndem Haar, Die Wasserbacchanten, die Nixenschar.
Sie schlugen die Zither, sie spielten auf Geigen, Das war der famose Nixenreigen; Die Posituren, die Melodei, War klingende, springende Raserei.
Jedoch zuzeiten waren sie minder Tobsüchtig gelaunt, die schönen Kinder; Zu meinen Füßen lagerten sie, Das Köpfchen gestützt auf meinem Knie.
Tällerten, trillerten welsche Romanzen, Zum Beispiel das Lied von den drei Pomeranzen, Sangen auch wohl ein Lobgedicht Auf mich und mein nobeles Menschengesicht.
Sie unterbrachen manchmal das Gesinge Lautlachend, und frugen bedenkliche Dinge, Zum Beispiel: "Sag uns, zu welchem Behuf Der liebe Gott den Menschen schuf?
Hat eine unsterbliche Seele ein jeder Von euch? Ist diese Seele von Leder Oder von steifer Leinwand? Warum Sind eure Leute meistens so dumm?"
Was ich zur Antwort gab, verhehle Ich hier, doch meine unsterbliche Seele, Glaubt mir's, ward nie davon verletzt, Was eine kleine Nixe geschwätzt.
Anmutig und schalkhaft sind Nixen und Elfen; Nicht so die Erdgeister, sie dienen und helfen Treuherzig den Menschen. Ich liebte zumeist Die, welche man Wichtelmännchen heißt.
Sie tragen Rotmäntelchen, lang und bauschig, Die Miene ist ehrlich, doch bang und lauschig; Ich ließ nicht merken, daß ich entdeckt, Warum sie so ängstlich die Füße versteckt.
Sie haben nämlich Entenfüße Und bilden sich ein, daß niemand es wisse. Das ist eine tiefgeheime Wund', Worüber ich nimmermehr spötteln kunnt.
Ach Himmel! wir alle, gleich jenen Zwergen, Wir haben ja alle etwas zu verbergen Kein Christenmensch, wähnen wir, hätte entdeckt, Wo unser Entenfüßchen steckt.
Niemals verkehrt ich mit Salamandern, Und über ihr Treiben erfuhr ich von andern Waldgeistern sehr wenig. Sie huschten mir scheu Des Nachts wie leuchtende Schatten vorbei.
Sind spindeldürre, von Kindeslänge, Höschen und Wämschen anliegend enge, Von Scharlachfarbe, goldgestickt; Das Antlitz kränklich, vergilbt und bedrückt.
Ein güldnes Krönlein, gespickt mit Rubinen, Trägt auf dem Köpfchen ein jeder von ihnen; Ein jeder von ihnen bildet sich ein, Ein absoluter König zu sein.
Daß sie im Feuer nicht verbrennen, Ist freilich ein Kunststück, ich will es bekennen; Jedoch der unentzündbare Wicht, Ein wahrer Feuergeist ist er nicht.
Die klügsten Waldgeister sind die Alräunchen, Langbärtige Männlein mit kurzen Beinchen, Ein fingerlanges Greisengeschlecht; Woher sie stammen, man weiß es nicht recht.
Wenn sie im Mondschein kopfüber purzeln, Das mahnt bedenklich an Pissewurzeln; Doch da sie mir nur Gutes getan, So geht mich nichts ihr Ursprung an.
Sie lehrten mir kleine Hexereien, Feuer besprechen, Vögel beschreien, Auch pflücken in der Johannisnacht Das Kräutlein, das unsichtbar macht.
Sie lehrten mich Sterne und Zeichen deuten, Sattellos auf dem Winde reiten, Auch Runensprüche, womit man ruft Die Toten hervor aus ihrer Gruft.
Sie haben mir auch den Pfiff gelehrt, Wie man den Vogel Specht betört Und ihm die Springwurz abgewinnt, Die anzeigt, wo Schätze verborgen sind.
Die Worte, die man beim Schätzegraben Hinmurmelt, lehrten sie mich, sie haben Mir alles expliziert - umsunst! Hab nie begriffen die Schatzgräberkunst.
Wohl hatt ich derselben nicht nötig dermalen, Ich brauchte wenig, und konnt es bezahlen, Besaß auch in Spanien manch luftiges Schloß, Wovon ich die Revenuen genoß.
Oh, schöne Zeit! wo voller Geigen Der Himmel hing, wo Elfenreigen Und Nixentanz und Koboldscherz Umgaukelt mein märchentrunkenes Herz!
Oh, schöne Zeit! wo sich zu grünen Triumphespforten zu wölben schienen Die Bäume des Waldes - ich ging einher, Bekränzt, als ob ich der Sieger wär!
Die schöne Zeit, sie ist verschlendert, Und alles hat sich seitdem verändert, Und ach! mir ist der Kranz geraubt, Den ich getragen auf meinem Haupt.
Der Kranz ist mir vom Haupt genommen, Ich weiß es nicht, wie es gekommen; Doch seit der schöne Kranz mir fehlt, Ist meine Seele wie entseelt.
Es glotzen mich an unheimlich blöde Die Larven der Welt! Der Himmel ist öde, Ein blauer Kirchhof, entgöttert und stumm. Ich gehe gebückt im Wald herum.
Im Walde sind die Elfen verschwunden, Jagdhörner hör ich, Gekläffe von Hunden; Im Dickicht ist das Reh versteckt, Das tränend seine Wunden leckt.
Wo sind die Alräunchen? Ich glaube, sie halten Sich ängstlich verborgen in Felsenspalten. Ihr kleinen Freunde, ich komme zurück, Doch ohne Kranz und ohne Glück.
Wo ist die Fee mit dem langen Goldhaar, Die erste Schönheit, die mir hold war? Der Eichenbaum, worin sie gehaust, Steht traurig entlaubt, vom Winde zerzaust.
Der Bach rauscht trostlos gleich dem Styxe; Am einsamen Ufer sitzt eine Nixe, Todblaß und stumm, wie 'n Bild von Stein, Scheint tief in Kummer versunken zu sein.
Mitleidig tret ich zu ihr heran - Da fährt sie auf und schaut mich an, Und sie entflieht mit entsetzten Mienen, Als sei ihr ein Gespenst erschienen.
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