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Sonette
Liebe will ich liebend loben, Jede Form, sie kommt von oben.
I
Mächtiges Überraschen
Ein Strom entrauscht umwölktem Felsensaale, Dem Ozean sich eilig zu verbinden; Was auch sich spiegeln mag von Grund zu Gründen, Er wandelt unaufhaltsam fort zu Tale.
Dämonisch aber stürzt mit einem Ihr folgen Berg und Wald in Wirbelwinden Sich Oreas, Behagen dort zu finden, Und hemmt den Lauf, begrenzt die weite Schale
Die Welle sprüht, und staunt zurück und weichet, Und schwillt bergan, sich immer selbst zu trinken; Gehemmt ist nun zum Vater hin das Streben
Sie schwankt und ruht, zum See zurückgedeichet; Gestirne, spiegelnd sich, beschaun das Blinken Des Wellenschlags am Fels, ein neues Leben.
II
Freundliches Begegnen
Im weiten Mantel bis ans Kinn verhüllet, Ging ich den Felsenweg, den schroffen, grauen, Hernieder dann zu winterhaften Auen, Unruh'gen Sinns, zur nahen Flucht gewillet.
Auf einmal schien der neue Tag enthüllet: Ein Mädchen kam, ein Himmel anzuschauen, So musterhaft wie jene lieben Frauen Der Dichterwelt. Mein Sehnen war gestillet.
Doch wandt ich mich hinweg und ließ sie gehen Und wickelte mich enger in die Falten, Als wollt ich trutzend in mir selbst erwarmen;
Und folgt ihr doch. Sie stand. Da war's geschehen In meiner Hülle konnt ich mich nicht halten, Die warf ich weg, sie lag in meinen Armen.
III
Kurz und gut
Sollt ich mich denn so ganz an sie gewöhnen? Das wäre mir zuletzt doch reine Plage. Darum versuch ich's gleich am heut'gen Tage Und nahe nicht dem vielgewohnten Schönen.
Wie aber mag ich dich, mein Herz, versöhnen, Daß ich im wicht'gen Fall dich nicht befrage? Wohlan! Komm her! Wir äußern unsre Klage In liebevollen, traurig heitern Tönen.
Siehst du, es geht! Des Dichters Wink gewärtig, Melodisch klingt die durchgespielte Leier, Ein Liebesopfer traulich darzubringen.
Du denkst es kaum, und sieh! das Lied ist fertig; Allein was nun? - Ich dächt, im ersten Feuer Wir eilten hin, es vor ihr selbst zu singen.
IV
Das Mädchen spricht
Du siehst so ernst, Geliebter! Deinem Bilde Von Marmor hier möcht ich dich wohl vergleichen; Wie dieses gibst du mir kein Lebenszeichen Mit dir verglichen, zeigt der Stein sich milde.
Der Feind verbirgt sich hinter seinem Schilde, Der Freund soll offen seine Stirn uns reichen. Ich suche dich, du suchst mir zu entweichen; Doch halte stand, wie dieses Kunstgebilde.
An wen von beiden soll ich nun mich wenden? Sollt ich von beiden Kälte leiden müssen, Da dieser tot und du lebendig heißest?
Kurz, um der Worte mehr nicht zu verschwenden, So will ich diesen Stein so lange küssen, Bis eifersüchtig du mich ihm entreißest.
V
Wachstum
Als kleines art'ges Kind nach Feld und Auen Sprangst du mit mir, so manchen Frühlingsmorgen. "Für solch ein Töchterchen mit holden Sorgen Möcht ich als Vater segnend Häuser bauen!"
Und als du anfingst, in die Welt zu schauen, War deine Freude häusliches Besorgen. "Solch eine Schwester! und ich wär geborgen: Wie könnt ich ihr, ach! wie sie mir vertrauen!"
Nun kann den schönen Wachstum nichts beschränken; Ich fühl im Herzen heißes Liebetoben. Umfaß ich sie, die Schmerzen zu beschwicht'gen?
Doch ach! nun muß ich dich als Fürstin denken: Du stehst so schroff vor mir emporgehoben; Ich beuge mich vor deinem Blick, dem flücht'gen.
VI
Reisezehrung
Entwöhnen sollt ich mich vom Glanz der Blicke, Mein Leben sollten sie nicht mehr verschönen. Was man Geschick nennt, läßt sich nicht versöhnen, Ich weiß es wohl und trat bestürzt zurücke.
Nun wußt ich auch von keinem weitern Glücke Gleich fing ich an, von diesen und von jenen Notwend'gen Dingen sonst mich zu entwöhnen: Notwendig schien mir nichts als ihre Blicke.
Des Weines Glut, den Vielgenuß der Speisen, Bequemlichkeit und Schlaf und sonst'ge Gaben, Gesellschaft wies ich weg, daß wenig bliebe.
So kann ich ruhig durch die Welt nun reisen: Was ich bedarf, ist überall zu haben, Und Unentbehrlichs bring ich mit - die Liebe.
VII
Abschied
War unersättlich nach viel tausend Küssen, Und mußt mit einem Kuß am Ende scheiden. Nach herber Trennung tiefempfundnem Leiden War mir das Ufer, dem ich mich entrissen,
Mit Wohnungen, mit Bergen, Hügeln, Flüssen, Solang ich's deutlich sah, ein Schatz der Freuden; Zuletzt im Blauen blieb ein Augenweiden An fernentwichnen lichten Finsternissen.
Und endlich, als das Meer den Blick umgrenzte, Fiel mir zurück ins Herz mein heiß Verlangen; Ich suchte mein Verlornes gar verdrossen.
Da war es gleich, als ob der Himmel glänzte; Mir schien, als wäre nichts mir, nichts entgangen, Als hätt ich alles, was ich je genossen.
VIII
Die Liebende schreibt
Ein Blick von deinen Augen in die meinen, Ein Kuß von deinem Mund auf meinem Munde, Wer davon hat, wie ich, gewisse Kunde, Mag dem was anders wohl erfreulich scheinen?
Entfernt von dir, entfremdet von den Meinen, Führ ich stets die Gedanken in die Runde, Und immer treffen sie auf jene Stunde, Die einzige; da fang ich an zu weinen.
Die Träne trocknet wieder unversehens: Er liebt ja, denk ich, her in diese Stille, Und solltest du nicht in die Ferne reichen?
Vernimm das Lispeln dieses Liebewehens; Mein einzig Glück auf Erden ist dein Wille, Dein freundlicher zu mir; gib mir ein Zeichen!
IX
Die Liebende abermals
Warum ich wieder zum Papier mich wende? Das mußt du, Liebster, so bestimmt nicht fragen: Denn eigentlich hab ich dir nichts zu sagen Doch kommt's zuletzt in deine lieben Hände.
Weil ich nicht kommen kann, soll, was ich sende, Dein ungeteiltes Herz hinübertragen Mit Wonnen, Hoffnungen, Entzücken, Plagen: Das alles hat nicht Anfang, hat nicht Ende.
Ich mag vom heut'gen Tag dir nichts vertrauen, Wie sich im Sinnen, Wünschen, Wähnen, Wollen Mein treues Herz zu dir hinüberwendet:
So stand ich einst vor dir, dich anzuschauen, Und sagte nichts. Was hätt ich sagen sollen? Mein ganzes Wesen war in sich vollendet.
X
Sie kann nicht enden
Wenn ich nun gleich das weiße Blatt dir schickte, Anstatt daß ich's mit Lettern erst beschreibe, Ausfülltest du's vielleicht zum Zeitvertreibe Und sendetest's an mich, die Hochbeglückte.
Wenn ich den blauen Umschlag dann erblickte, Neugierig schnell, wie es geziemt dem Weibe, Riss' ich ihn auf, daß nichts verborgen bleibe; Da läs ich, was mich mündlich sonst entzückte:
Lieb Kind! Mein artig Herz! Mein einzig Wesen! Wie du so freundlich meine Sehnsucht Mit süßem Wort und mich so ganz verwöhntest.
Sogar dein Lispeln glaubt ich auch zu lesen, Womit du liebend meine Seele fülltest Und mich auf ewig vor mir selbst verschöntest.
XI
Nemesis
Wenn durch das Volk die grimme Seuche wütet, Soll man vorsichtig die Gesellschaft lassen. Auch hab ich oft mit Zaudern und Verpassen Vor manchen Influenzen mich gehütet.
Und ob gleich Amor öfters mich begütet, Mocht ich zuletzt mich nicht mit ihm befassen. So ging mir's auch mit jenen Lacrimassen, Als vier - und dreifach reimend sie gebrütet.
Nun aber folgt die Strafe dem Verächter, Als wenn die Schlangenfackel der Erinnen Von Berg zu Tal, von Land zu Meer ihn triebe.
Ich höre wohl der Genien Gelächter; Doch trennet mich von jeglichem Besinnen Sonettenwut und Raserei der Liebe.
XII
Christgeschenk
Mein süßes Liebchen! Hier in Schachtelwänden Gar mannigfalt geformte Süßigkeiten. Die Früchte sind es heil'ger Weihnachtszeiten, Gebackne nur, den Kindern auszuspenden!
Dir möcht ich dann mit süßem Redewenden Poetisch Zuckerbrot zum Fest bereiten; Allein was soll's mit solchen Eitelkeiten? Weg den Versuch, mit Schmeichelei zu blenden!
Doch gibt es noch ein Süßes, das vom Innern Zum Innern spricht, genießbar in der Ferne, Das kann nur bis zu dir hinüberwehen.
Und fühlst du dann ein freundliches Erinnern Als blinkten froh dir wohlbekannte Sterne, Wirst du die kleinste Gabe nicht verschmähen.
XIII
Warnung
Am Jüngsten Tag, wenn die Posaunen schallen Und alles aus ist mit dem Erdeleben, Sind wir verpflichtet, Rechenschaft zu geben Von jedem Wort, das unnütz uns entfallen.
Wie wird's nun werden mit den Worten allen, In welchen ich so liebevoll mein Streben Um deine Gunst dir an den Tag gegeben, Wenn diese bloß an deinem Ohr verhallen?
Darum bedenk, o Liebchen! dein Gewissen, Bedenk im Ernst-, wie lange du gezaudert, Daß nicht der Welt solch Leiden widerfahre.
Werd ich berechnen und entschuld'gen müssen, Was alles unnütz ich vor dir geplaudert, So wird der Jüngste Tag zum vollen Jahre.
XIV
Die Zweifelnden Ihr liebt, und schreibt Sonette! Weh der Grille! Die Kraft des Herzens, sich zu offenbaren, Soll Reime suchen, sie zusammenpaaren; Ihr Kinder, glaubt, ohnmächtig bleibt der Wille.
Ganz ungebunden spricht des Herzens Fülle Sich kaum noch aus: sie mag sich gern bewahren; Dann Stürmen gleich durch alle Saiten fahren Dann wieder senken sich zu Nacht und Stille
Was quält ihr euch und uns, auf jähem Stege Nur Schritt vor Schritt den läst'gen Stein zu wälzen, Der rückwärts lastet, immer neu zu mühen?
Die Liebenden Im Gegenteil, wir sind auf rechtem Weg! Das Allerstarrste freudig aufzuschmelzen Muß Liebesfeuer allgewaltig glühen.
XV
Mädchen Ich zweifle doch am Ernst verschränkter Zeilen! Zwar lausch ich gern bei deinen Silbespielen; Allein mir scheint, was Herzen redlich fühlen, Mein süßer Freund, das soll man nicht befeilen.
Der Dichter pflegt, um nicht zu langeweilen, Sein Innerstes von Grund aus umzuwühlen; Doch seine Wunden weiß er auszukühlen, Mit Zauberwort die tiefsten auszuheilen.
Dichter Schau, Liebchen, hin! Wie geht's dem Feuerwerker? Drauf ausgelernt, wie man nach Maßen wettert, Irrgänglich-klug miniert er seine Grüfte;
Allein die Macht des Elements ist stärker, Und eh er sich's versieht, geht er zerschmettert Mit allen seinen Künsten in die Lüfte.
XVI
Epoche
Mit Flammenschrift war innigst eingeschrieben Petrarcas Brust vor allen andern Tagen Karfreitag. Eben so, ich darf's wohl sagen, Ist mir Advent von Achtzehnhundertsieben.
Ich fing nicht an, ich fuhr nur fort zu lieben Sie, die ich früh im Herzen schon getragen, Dann wieder weislich aus dem Sinn geschlagen, Der ich nun wieder bin ans Herz getrieben.
Petrarcas Liebe, die unendlich hohe, War leider unbelohnt und gar zu traurig, Ein Herzensweh, ein ewiger Karfreitag;
Doch stets erscheine, fort und fort, die frohe, Süß, unter Palmenjubel, wonneschaurig, Der Herrin Ankunft mir, ein ew'ger Maitag.
XVII
Scharade
Zwei Worte sind es, kurz, bequem zu sagen, Die wir so oft mit holder Freude nennen, Doch keineswegs die Dinge deutlich kennen, Wovon sie eigentlich den Stempel tragen
Es tut gar wohl in jung und alten Tagen, Eins an dem andern kecklich zu verbrennen; Und kann man sie vereint zusammen nennen, So drückt man aus ein seliges Behagen.
Nun aber such ich ihnen zu gefallen Und bitte, mit sich selbst mich zu beglücken; Ich hoffe still, doch hoff ich's zu erlangen:
Als Namen der Geliebten sie zu lallen, In einem Bild sie beide zu erblicken, In einem Wesen beide zu umfangen.
Kantaten
Möge dies der Sänger loben! Ihm zu Ehren war's gewoben.
Deutscher Parnaß
Unter diesen Lorbeerbüschen, Auf den Wiesen, An den frischen Wasserfällen Meines Lebens zu genießen, Gab Apoll dem heitern Knaben; Und so haben Mich, im stillen, Nach des Gottes hohem Willen Hehre Musen auferzogen, Aus den hellen Silberquellen Des Parnassus mich erquicket Und das keusche, reine Siegel Auf die Lippen mir gedrücket.
Und die Nachtigall umkreiset Mich mit dem bescheidnen Flügel. Hier in Büschen, dort auf Bäumen Ruft sie die verwandte Menge, Und die himmlischen Gesänge Lehren mich von Liebe träumen.
Und im Herzen wächst die Fülle Der gesellig edlen Triebe, Nährt sich Freundschaft, keimet Liebe, Und Apoll belebt die Stille Seiner Täler, seiner Höhen. Süße, laue Lüfte wehen. Alle, denen er gewogen, Werden mächtig angezogen, Und ein Edler folgt dem andern.
Dieser kommt mit munterm Wesen Und mit offnem, heitrem Blicke; Diesen seh ich ernster wandeln; Und ein andrer, kaum genesen, Ruft die alte Kraft zurücke; Denn ihm drang durch Mark und Leben Die verderblich holde Flamme, Und was Amor ihm entwendet, Kann Apoll nur wiedergeben, Ruh und Lust und Harmonien Und ein kräftig rein Bestreben.
Auf, ihr Brüder, Ehrt die Lieder! Sie sind gleich den guten Taten. Wer kann besser als der Sänger Dem verirrten Freunde raten? Wirke gut, so wirkst du länger, Als es Menschen sonst vermögen.
Ja! ich höre sie von weiten: Ja! sie greifen in die Saiten, Mit gewalt'gen Götterschlägen Rufen sie zu Recht und Pflichten Und bewegen, Wie sie singen, wie sie dichten, Zum erhabensten Geschäfte, Zu der Bildung aller Kräfte.
Auch die holden Phantasien Blühen Ringsumher auf allen Zweigen, Die sich balde, Wie im holden Zauberwalde, Voller goldnen Früchte beugen.
Was wir fühlen, was wir schauen In dem Land der höchsten Wonne, Dieser Boden, diese Sonne Locket auch die besten Frauen. Und der Hauch der lieben Musen Weckt des Mädchens zarten Busen, Stimmt die Kehle zum Gesange, Und mit schön gefärbter Wange Singet sie schon würd'ge Lieder, Setzt sich zu den Schwestern nieder, Und es singt die schöne Kette Zart und zärter, um die Wette.
Doch die eine Geht alleine Bei den Buchen, Unter Linden, Dort zu suchen, Dort zu finden, Was im stillen Myrtenhaine Amor schalkisch ihr entwendet, Ihres Herzens holde Stille, Ihres Busens erste Fülle. Und sie träget in die grünen Schattenwälder, Was die Männer nicht verdienen, Ihre lieblichen Gefühle; Scheuet nicht des Tages Schwüle, Achtet nicht des Abends Kühle Und verliert sich in die Felder. Stört sie nicht auf ihren Wegen! Muse, geh ihr still entgegen!
Doch was hör ich? Welch ein Schall Überbraust den Wasserfall? Sauset heftig durch den Hain? Welch ein Lärmen, welch ein Schrein? Ist es möglich, seh ich recht? Ein verwegenes Geschlecht Dringt ins Heiligtum herein.
Hier hervor Strömt ein Chor! Liebeswut, Weinesglut Rast im Blick, Sträubt das Haar! Und die Schar, Mann und Weib - Tigerfell Schlägt umher - Ohne Scheu Zeigt den Leib. Und Metall, Rauher Schall, Grellt ins Ohr. Wer sie hört, Wird gestört. Hier hervor Drängt das Chor; Alles flieht, Wer sie sieht.
Ach, die Büsche sind geknickt! Ach, die Blumen sind erstickt Von den Sohlen dieser Brut. Wer begegnet ihrer Wut?
Brüder, laßt uns alles wagen! Eure reine Wange glüht. Phöbus hilft sie uns verjagen, Wenn er unsre Schmerzen sieht; Und uns Waffen Zu verschaffen, Schüttert er des Berges Wipfel, Und vom Gipfel Prasseln Steine Durch die Haine. Brüder, faßt sie mächtig auf! Schloßenregen Ströme dieser Brut entgegen Und vertreib aus unsern milden, Himmelreinen Lustgefilden Diese Fremden, diese Wilden!
Doch was seh ich? Ist es möglich? Unerträglich Fährt es mir durch alle Glieder, Und die Hand Sinket von dem Schwunge nieder. Ist es möglich?
Keine Fremden! Unsre Brüder Zeigen ihnen selbst die Wege! O die Frechen! Wie sie mit den Klapperblechen Selbst voraus im Takte ziehn! Gute Brüder, laßt uns fliehn!
Doch ein Wort zu den Verwegnen! Ja, ein Wort soll euch begegnen, Kräftig wie ein Donnerschlag. Worte sind des Dichters Waffen; Will der Gott sich Recht verschaffen, Folgen seine Pfeile nach.
War es möglich, eure hohe Götterwürde Zu vergessen! Ist der rohe, Schwere Thyrsus keine Bürde Für die Hand, auf zarten Saiten Nur gewöhnet hinzugleiten? Aus den klaren Wasserfällen, Aus den zarten Rieselwellen Tränket ihr Gar Silens abscheulich Tier? Dort entweiht es Aganippen Mit den rohen, breiten Lippen, Stampft mit ungeschickten Füßen, Bis die Wellen trübe fließen.
O wie möcht ich gern mich täuschen; Aber Schmerzen fühlt das Ohr; Aus den keuschen, Heil'gen Schatten Dringt verhaßter Ton hervor. Wild Gelächter Statt der Liebe süßem Wahn Weiberhasser und - verächter Stimmen ein Triumphlied an. Nachtigall und Turtel fliehen Das so keusch erwärmte Nest, Und in wütendem Erglühen Hält der Faun die Nymphe fest. Hier wird ein Gewand zerrissen, Dem Genusse folgt der Spott, Und zu ihren frechen Küssen Leuchtet mit Verdruß der Gott.
Ja, ich sehe schon von weiten Wolkenzug und Dunst und Rauch. Nicht die Leier nur hat Saiten, Saiten hat der Bogen auch. Selbst den Busen des Verehrers Schüttert das gewalt'ge Nahn, Denn die Flamme des Verheerers Kündet ihn von weiten an. O vernehmt noch meine Stimme, Meiner Liebe Bruderwort! Fliehet vor des Gottes Grimme, Eilt aus unsern Grenzen fort! Daß sie wieder heilig werde, Lenkt hinweg den wilden Zug! Vielen Boden hat die Erde Und unheiligen genug. Uns umleuchten reine Sterne, Hier nur hat das Edle Wert.
Doch wenn ihr aus rauher Ferne Wieder einst zu uns begehrt, Wenn euch nichts so sehr beglücket, Als was ihr bei uns erprobt, Euch nicht mehr ein Spiel entzücket, Das die Schranken übertobt: Kommt als gute Pilger wieder, Steiget froh den Berg heran, Tiefgefühlte Reuelieder Künden uns die Brüder an, Und ein neuer Kranz umwindet Eure Schläfe feierlich.
Wenn sich der Verirrte findet, Freuen alle Götter sich. Schneller noch als Letzes Fluten Um der Toten stilles Haus, Löscht der Liebe Kelch den Guten Jedes Fehls Erinnrung aus. Alles eilet euch entgegen, Und ihr kommt verklärt heran, Und man fleht um euern Segen; Ihr gehört uns doppelt an!
Idylle
(Er wird angenommen, ein ländliches Chor habe sich versammelt und stehe im Begriff, seinen Festzug anzutreten.)
Chor Dem festlichen Tage Begegnet mit Kränzen, Verschlungenen Tänzen, Geselligen Freuden Und Reihengesang.
Damon, Wie sehn ich mich aus dem Gedränge fort! Wie frommte mir ein wohlverborgner Ort! In dem Gewühl, in dieser Menge Wird mir die Flur, wird mir die Luft zu enge.
Chor Nun ordnet die Züge, Daß jeder sich füge Und einer mit allen, Zu wandeln, zu wallen Die Fluren entlang.
(Es wird angenommen, das Chor entferne sich; der Gesang wird immer leiser, bis er zuletzt ganz, wie aus der Ferne, verhallt.)
Damon Vergebens ruft, vergebens zieht ihr mich; Es spricht mein Herz; allein es spricht mit sich.
Und soll ich beschauen Gesegnetes Land, Den Himmel, den blauen, Die grünenden Gauen, So will ich allein Im stillen mich freun.
Da will ich verehren Die Würde der Frauen, Im Geiste sie schauen, Im Geiste verehren; Und Echo allein Vertraute soll sein.
Chor (aufs leiseste, wie aus der Ferne mischt absatzweise in Damons Gesang die Worte:)
Und Echo - allein - Vertraute - soll sein.
Menalkas Wie find ich dich, mein Trauter, hier! Du eilest nicht zu jenen Festgesellen? Nun zaudre nicht und komm mit mir, In Reih und Glied auch uns zu stellen.
Damon Willkommen, Freund! doch laß die Festlichkeit Mich hier begehn im Schatten alter Buchen: Die Liebe sucht die Einsamkeit; Auch die Verehrung darf sie suchen.
Menalkas Du suchest einen falschen Ruhm Und willst mir heute nicht gefallen. Die Liebe sei dein Eigentum; Doch die Verehrung teilest du mit allen!
Wenn sich Tausende vereinen Und des holden Tags Erscheinen Mit Gesängen, Freudeklängen Herrlich, feiern, Dann erquickt sich Herz und Ohr;
Und wenn Tausende beteuern, Die Gefühle sich erschließen Und die Wünsche sich ergießen, Reißt es kraftvoll dich empor.
(Es wird angenommen, das Chor kehre nach und nach aus der Ferne zurück)
Damon Lieblich hör ich schon von weiten, Und es reizet mich die Menge; Ja, sie wallen, ja, sie schreiten Von dem Hügel in das Tal.
Menalkas Laß uns eilen, fröhlich schreiten Zu dem Rhythmus der Gesänge! Ja, sie kommen, sie bereiten Sich des Waldes grünen Saal.
Chor (allmählich wachsend) Ja wir kommen, wir begleiten Mit dem Wohlklang der Gesänge Fröhlich im Verlauf der Zeiten, Diesen einzig schönen Tag.
Alle Worauf wir zielen, Was alle fühlen, Verschweigt, verschweiget! Nur Freude zeiget! Denn die vermag's; Ihr wird es glücken, Und ihr Entzücken Enthält die Würde, Enthält den Segen Des Wonnetags!
Johanna Sebus
Zum Andenken der siebzehnjährigen Schönen Guten aus dem Dorfe Brienen, die am 13. Januar 1809 bei dem Eisgange des Rheins und dem großen Bruche des Dammes von Cleverham Hülfe reichend unterging.
Der Damm zerreißt, das Feld erbraust, Die Fluten spülen, die Fläche saust. "Ich trage dich, Mutter, durch die Flut, Noch reicht sie nicht hoch, ich wate gut." - "Auch uns bedenke, bedrängt wie wir sind, Die Hausgenossin, drei arme Kind'! Die schwache Frau!... Du gehst davon!" - Sie trägt die Mutter durchs Wasser schon. "Zum Bühle da rettet euch! harret derweil; Gleich kehr ich zurück, uns allen ist Heil. Zum Bühl ist's noch trocken und wenige Schritt'; Doch nehmt auch mir meine Ziege mit!"
Der Damm zerschmilzt, das Feld erbraust, Die Fluten wühlen, die Fläche saust. Sie setzt die Mutter auf sichres Land, Schön Suschen, gleich wieder zur Flut gewandt.
"Wohin? Wohin? Die Breite schwoll, Des Wassers ist hüben und drüben voll. Verwegen ins Tiefe willst du hinein !" - "Sie sollen und müssen gerettet sein!"
Der Damm verschwindet, die Welle braust, Eine Meereswoge, sie schwankt und saust. Schön Suschen schreitet gewohnten Steg, Umströmt auch gleitet sie nicht vom Weg, Erreicht den Bühl und die Nachbarin; Doch der und den Kindern kein Gewinn!
Der Damm verschwand, ein Meer erbraust's, Den kleinen Hügel im Kreis umsaust's. Da gähnet und wirbelt der schäumende Schlund Und ziehet die Frau mit den Kindern zu Grund; Das Horn der Ziege faßt das ein', So sollten sie alle verloren sein! Schön Suschen steht noch strack und gut: Wer rettet das junge, das edelste Blut! Schön Suschen steht noch wie ein Stern; Doch alle Werber sind alle fern. Rings um sie her ist Wasserbahn, Kein Schifflein schwimmet zu ihr heran. Noch einmal blickt sie zum Himmel hinauf, Da nehmen die schmeichelnden Fluten sie auf.
Kein Damm, kein Feld! Nur hier und dort Bezeichnet ein Baum, ein Turn den Ort. Bedeckt ist alles mit Wasserschwall; Doch Suschens Bild schwebt überall. - Das Wasser sinkt, das Land erscheint, Und überall wird schön Suschen beweint. - Und dem sei, wer's nicht singt und sagt, Im Leben und Tod nicht nachgefragt!
Rinaldo
Chor Zu dem Strande! zu der Barke! Ist euch schon der Wind nicht günstig, Zu den Rudern greifet brünstig! Hier bewähre sich der Starke: So das Meer durchlaufen wir.
Rinaldo O laßt mich einen Augenblick noch hier! Der Himmel will es nicht, ich soll nicht scheiden. Der wüste Fels, die waldumwachsne Bucht Befangen mich, sie hindern meine Flucht. Ihr wart so schön, nun seid ihr umgeboren, Der Erde Reiz, des Himmels Reiz ist fort. Was hält mich noch am Schreckensort? Mein einzig Glück, hier hab ich es verloren.
Stelle her der goldnen Tage Paradiese noch einmal, Liebes Herz! ja, schlage, schlage! Treuer Geist, erschaff sie wieder! Freier Atem, deine Lieder Mischen sich mit Lust und Qual.
Bunte, reich geschmückte Beete, Sie umzingelt ein Palast; Alles webt in Duft und Röte, Wie du nie geträumet hast.
Rings umgeben Galerien Dieses Gartens weite Räume; Rosen an der Erde blühen, In den Lüften blühn die Bäume.
Wasserstrahlen! Wasserflocken! Lieblich rauscht ein Silberschwall; Mit der Turteltaube Locken Lockt zugleich die Nachtigall.
Chor Sachte kommt! und kommt verbunden Zu dem edelsten Beruf: Alle Reize sind verschwunden, Die sich Zauberei erschuf. Ach, nun heilet seine Wunden, Ach, nun tröstet seine Stunden Gutes Wort und Freundesruf.
Rinaldo Mit der Turteltaube Locken Lockt zugleich die Nachtigall; Wasserstrahlen, Wasserflocken Wirbeln sich nach ihrem Schall.
Aber alles verkündet: Nur sie ist gemeinet; Aber alles verschwindet, Sobald sie erscheinet In lieblicher Jugend, In glänzender Pracht.
Da schlingen zu Kränzen Sich Lilien und Rosen; Da eilen und kosen In lustigen Tänzen Die laulichen Lüfte, Sie führen Gedüfte, Sich fliehend und suchend, Vom Schlummer erwacht.
Chor Nein! nicht länger ist zu säumen, Wecket ihn aus seinen Träumen, Zeigt den diamantnen Schild!
Rinaldo Weh! was seh ich, welch ein Bild!
Chor Ja, es soll den Trug entsiegeln.
Rinaldo Soll ich also mich bespiegeln, Mich so tief erniedrigt sehn?
Chor Fasse dich, so ist's geschehn.
Rinaldo Ja, so sei's! Ich will mich fassen, Will den lieben Ort verlassen Und zum zweitenmal Armiden. - Nun, so sei's! so sei's geschieden!
Chor Wohl, es sei! es sei geschieden!
Teil des Chors Zurück nur! zurücke Durch günstige Meere! Dem geistigen Blicke Erscheinen die Fahnen, Erscheinen die Heere, Das stäubende Feld.
Chor Zur Tugend der Ahnen Ermannt sich der Held.
Rinaldo Zum zweiten Male Seh ich erscheinen Und jammern, weinen In diesem Tale Die Frau der Frauen. Das soll ich schauen Zum zweiten Male? Das soll ich hören Und soll nicht wehren Und soll nicht retten?
Chor Unwürdige Ketten!
Rinaldo Und umgewandelt Seh ich die Holde; Sie blickt und handelt Gleichwie Dämonen, Und kein Verschonen Ist mehr zu hoffen. Vom Blitz getroffen Schon die Paläste! Die Götterfeste, Die Lustgeschäfte Der Geisterkräfte, Mit allem Lieben, Ach, sie zerstieben!
Chor Ja, sie zerstieben!
Teil des Chors Schon sind sie erhöret, Gebete der Frommen. Noch säumst du zu kommen? Schon fördert die Reise Der günstigste Wind.
Chor Geschwinde, geschwind!
Rinaldo Im Tiefsten zerstöret, Ich hab euch vernommen; Ihr drängt mich zu kommen. Unglückliche Reise! Unseliger Wind!
Chor Geschwinde, geschwind!
Chor Segel schwellen. Grüne Wellen, Weiße Schäume, Seht die grünen Weiten Räume, Von Delphinen Rasch durchschwommen.
Einer nach dem andern Wie sie kommen! Wie sie schweben! Wie sie eilen! Wie sie streben! Und verweilen So beweglich, So verträglich!
Zu Zweien Das erfrischet, Und verwischet Das Vergangne. Dir begegnet Das gesegnet Angefangne.
Rinaldo Das erfrischet, Und verwischet Das Vergangne. Mir begegnet Das gesegnet Angefangne.
(Wiederholt zu dreien)
Alle Wunderbar sind wir gekommen, Wunderbar zurückgeschwommen, Unser großes Ziel ist da! Schalle zu dem heiligen Strande Losung dem Gelobten Lande: Godofred und Solyma!
Vermischte Gedichte
Wie so bunt der Kram gewesen, Musterkarte, gib's zu lesen!
Klaggesang von der edlen Frauen des Asan Aga
Aus dem Morlackischen
Was ist Weißes dort am grünen Walde? Ist es Schnee wohl, oder sind es Schwäne? Wär es Schnee, er wäre weggeschmolzen; Wären's Schwäne, wären weggeflogen. Ist kein Schnee nicht, es sind keine Schwäne, 's ist der Glanz der Zelten Asan Aga. Nieder liegt er drin an seiner Wunde. Ihn besucht die Mutter und die Schwester; Schamhaft säumt sein Weib, zu ihm zu kommen.
Als nun seine Wunde linder wurde, Ließ er seinem treuen Weibe sagen: "Harre mein nicht mehr an meinem Hofe, Nicht am Hofe und nicht bei den Meinen."
Als die Frau dies harte Wort vernommen, Stand die Treue starr und voller Schmerzen, Hört der Pferde Stampfen vor der Türe, Und es deucht ihr, Asan käm, ihr Gatte, Springt zum Turme, sich herabzustürzen.
Ängstlich folgen ihr zwei liebe Töchter, Rufen nach ihr, weinend bittre Tränen: "Sind nicht unsers Vaters Asan Rosse, Ist dein Bruder Pintorowich kommen!"
Und es kehret die Gemahlin Asans, Schlingt die Arme jammernd um den Bruder: "Sieh die Schmach, o Bruder, deiner Schwester! Mich verstoßen, Mutter dieser fünfe!"
Schweigt der Bruder, ziehet aus der Tasche, Eingehüllet in hochrote Seide, Ausgefertiget den Brief der Scheidung, Daß sie kehre zu der Mutter Wohnung, Frei, sich einem andern zu ergeben.
Als die Frau den Trauerscheidbrief sahe, Küßte sie der beiden Knaben Stirne, Küßt' die Wangen ihrer beiden Mädchen. Aber acht vom Säugling in der Wiege Kann sie sich im bittern Schmerz nicht reißen!
Reißt sie los der ungestüme Bruder, Hebt sie auf das muntre Roß behende, Und so eilt er mit der bangen Frauen Grad nach seines Vaters hoher Wohnung.
Kurze Zeit war's, noch nicht sieben Tage; Kurze Zeit gnug; von viel großen Herren Unsre Frau in ihrer Witwentrauer, Unsre Frau zum Weib begehret wurde.
Und der größte war Imoskis Kadi; Und die Frau bat weinend ihren Bruder: "Ich beschwöre dich bei deinem Leben, Gib mich keinem andern mehr zur Frauen, Daß das Wiedersehen meiner lieben Armen Kinder mir das Herz nicht breche!"
Ihre Reden achtet nicht der Bruder, Fest, Imoskis Kadi sie zu trauen. Doch die Gute bittet ihn unendlich: "Schicke wenigstens ein Blatt, o Bruder, Mit den Worten zu Imoskis Kadi: Dich begrüßt die junge Wittib freundlich Und läßt durch dies Blatt dich höchlich bitten, Daß, wenn dich die Suaten herbegleiten, Du mir einen langen Schleier bringest, Daß ich mich vor Asans Haus verhülle, Meine lieben Waisen nicht erblicke."
Kaum ersah der Kadi dieses Schreiben, Als er seine Suaten alle sammelt Und zum Wege nach der Braut sich rüstet, Mit den Schleier, den sie heischte, tragend.
Glücklich kamen sie zur Fürstin Hause, Glücklich sie mit ihr vom Hause wieder. Aber als sie Asans Wohnung nahten, Sahn die Kinder obenab die Mutter, Riefen: "Komm zu deiner Halle wieder! Iß das Abendbrot mit deinen Kindern!" Traurig hört' es die Gemahlin Asans, Kehrete sich zu der Suaten Fürsten: "Laß doch, laß die Suaten und die Pferde Halten wenig vor der Lieben Türe, Daß ich meine Kleinen noch beschenke."
Und sie hielten vor der Lieben Türe, Und den armen Kindern gab sie Gaben; Gab den Knaben goldgestickte Stiefel, Gab den Mädchen lange, reiche Kleider, Und dem Säugling, hülflos in der Wiege, Gab sie für die Zukunft auch ein Röckchen.
Das beiseit sah Vater Asan Aga, Rief gar traurig seinen lieben Kindern: "Kehrt zu mir, ihr lieben armen Kleinen; Eurer Mutter Brust ist Eisen worden, Fest verschlossen, kann nicht Mitleid fühlen."
Wie das hörte die Gemahlin Asans, Stürzt' sie bleich, den Boden schütternd, nieder, Und die Seel entfloh dem bangen Busen, Als sie ihre Kinder vor sich fliehn sah.
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