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Das Schreien
Nach dem Italienischen
Jüngst schlich ich meinem Mädchen nach, Und ohne Hindernis Umfaßt ich sie im Hain; sie sprach: "Laß mich, ich schrei gewiß."
Da droht ich trotzig: "Ha, ich will Den töten, der uns stört." "Still", winkt sie lispelnd, "Liebster, still, Damit dich niemand hört."
Madrigal
Aus dem Französischen
Climene lebt in tausend Sorgen, Daß heut den Schatz ihr Hymen mächtig raubt, Den sie der Liebe lang verborgen. O hätte sie längst meinem Rat geglaubt; Sie hätte jetzt nichts mehr zu sorgen.
Madrigal
Aus dem Französischen des Herrn von Voltaire
Auch in die allergröbste Lügen Mischt oft ein Schein von Wahrheit sich. Ich war im Traum zum Königsrang gestiegen Und liebte dich, Erklärt es kühn zu deinen Füßen. Doch mit dem Traum verließ nicht alles mich; Nichts als mein Reich ward mir entrissen.
An meine Lieder
Seid, geliebte kleine Lieder, Zeugen meiner Fröhlichkeit; Ach sie kömmt gewiß nicht wieder, Dieser Tage Frühlingszeit.
Bald entflieht der Freund der Scherze, Er, dem ich euch sang, mein Freund. Ach, daß auch vielleicht dies Herze Bald um meine Liebste weint!
Doch wenn nach der Trennung Leiden Einst auf euch ihr Auge blickt, Dann erinnert sie der Freuden, Die uns sonst vereint erquickt.
Neue Lieder
In Melodien gesetzt von Bernhard Theodor Breitkopf
Neujahrslied
Wer kömmt! Wer kauft von meiner War'! Devisen auf das neue Jahr, Für alle Stände. Und fehlt auch einer hie und da, Ein einz'ger Handschuh paßt sich ja An zwanzig Hände.
Du Jugend, die du tändelnd liebst, Ein Küßchen um ein Küßchen gibst, Unschuldig heiter. Jetzt lebst du noch ein wenig dumm; Geh nur erst dieses Jahr herum, So bist du weiter.
Die ihr schon Amors Wege kennt Und schon ein bißchen lichter brennt, Ihr macht mir bange. Zum Ernst, ihr Kinder, von dem Spaß! Das Jahr! zur höchsten Not noch das, Sonst währt's zu lange.
Du junger Mann, du junge Frau, Lebt nicht zu treu, nicht zu genau In enger Ehe. Die Eifersucht quält manches Haus Und trägt am Ende doch nichts aus Als doppelt Wehe.
Der Witwer wünscht in seiner Not, Zur sel'gen Frau durch schnellen Tod Geführt zu werden. Du guter Mann, nicht so verzagt! Das, was dir fehlt, das, was dich plagt, Findst du auf Erden.
Ihr, die ihr Misogyne heißt, Der Wein heb euern großen Geist Beständig höher. Zwar Wein beschwöret oft den Kopf, Doch der tut manchem Ehetropf Wohl zehnmal weher.
Der Himmel geb zur Frühlingszeit Mir manches Lied voll Munterkeit, Und euch gefall es. Ihr lieben Mädchen, singt sie mit, Dann ist mein Wunsch am letzten Schritt, Dann hab ich alles.
Der wahre Genuß
Umsonst, daß du, ein Herz zu lenken, Des Mädchens Schoß mit Golde füllst. O Fürst, laß dir die Wollust schenken, Wenn du sie wahr empfinden willst. Gold kauft die Zunge ganzer Haufen, Kein einzig Herz erwirbt es dir; Doch willst du eine Tugend kaufen, So geh und gib dein Herz dafür.
Was ist die Lust, die in den Armen Der Buhlerin die Wollust schafft? Du wärst ein Vorwurf zum Erbarmen, Ein Tor, wärst du nicht lasterhaft.
Sie küsset dich aus feilem Triebe, Und Glut nach Gold füllt ihr Gesicht. Unglücklicher! Du fühlst nicht Liebe, Sogar die Wollust fühlst du nicht.
Sei ohne Tugend, doch verliere Den Vorzug eines Menschen nie! Denn Wollust fühlen alle Tiere, Der Mensch allein verfeinert sie. Laß dich die Lehren nicht verdrießen, Sie hindern dich nicht am Genuß, Sie lehren dich, wie man genießen Und Wollust würdig fühlen muß.
Soll dich kein heilig Band umgeben, O Jüngling, schränke selbst dich ein. Man kann in wahrer Freiheit leben Und doch nicht ungebunden sein. Laß nur für eine dich entzünden, Und ist ihr Herz von Liebe voll, So laß die Zärtlichkeit dich binden, Wenn dich die Pflicht nicht binden soll.
Empfinde, Jüngling, und dann wähle Ein Mädchen dir, sie wähle dich, Von Körper schön und schön von Seele, Und dann bist du beglückt wie ich! Ich, der ich diese Kunst verstehe, Ich habe mir ein Kind gewählt, Daß uns zum Glück der schönsten Ehe Allein des Priesters Segen fehlt.
Für nichts besorgt als meine Freude, Für mich nur schön zu sein bemüht, Wollüstig nur an meiner Seite Und sittsam, wenn die Welt sie sieht. Daß unsrer Glut die Zeit nicht schade, Räumt sie kein Recht aus Schwachheit ein, Und ihre Gunst bleibt immer Gnade, Und ich muß immer dankbar sein.
Ich bin genügsam und genieße Schon da, wenn sie mir zärtlich lacht, Wenn sie beim Tisch des Liebsten Füße Zum Schemel ihrer Füße macht, Den Apfel, den sie angebissen, Das Glas, woraus sie trank, mir reicht Und mir bei halb geraubten Küssen Den sonst verdeckten Busen zeigt.
Wenn in gesellschaftlicher Stunde Sie einst mit mir von Liebe spricht, Wünsch ich nur Worte von dem Munde, Nur Worte, Küsse wünsch ich nicht. Welch ein Verstand, der sie beseelet, Mit immer neuem Reiz umgibt! Sie ist vollkommen, und sie fehlet Darin allein, daß sie mich liebt.
Die Ehrfurcht wirft mich ihr zu Füßen, Die Wollust mich an ihre Brust. Sieh, Jüngling, dieses heißt genießen. Sei klug und suche diese Lust! Der Tod führt einst von ihrer Seite Dich auf zum englischen Gesang, Dich zu des Paradieses Freude, Und du fühlst keinen Übergang.
Die Nacht
Gern verlaß ich diese Hütte, Meiner Liebsten Aufenthalt, Wandle mit verhülltem Tritte Durch den ausgestorbnen Wald. Luna bricht die Nacht der Eichen, Zephyrs melden ihren Lauf, Und die Birken streun mit Neigen Ihr den süß'ten Weihrauch auf.
Schauer, der das Herze fühlen, Der die Seele schmelzen macht, Flüstert durchs Gebüsch im Kühlen. Welche schöne, süße Nacht! Freude! Wollust! kaum zu fassen! Und doch wollt ich, Himmel, dir Tausend solcher Nächte lassen, Gäb mein Mädchen eine mir.
Das Schreien
Nach dem Italienischen
Einst ging ich meinem Mädchen nach Tief in den Wald hinein Und fiel ihr um den Hals und - "Ach!" Droht sie, "ich werde schrein."
Da rief ich trotzig: "Ha! ich will Den töten, der uns stört!"- "Still", lispelt sie, "Geliebter, still! Daß ja dich niemand hört."
Der Schmetterling
In des Papillons Gestalt Flattr' ich, nach den letzten Zügen, Zu den vielgeliebten Stellen, Zeugen himmlischer Vergnügen, Über Wiesen, an die Quellen, Um den Hügel, durch den Wald.
Ich belausch ein zärtlich Paar; Von des schönen Mädchens Haupte Aus den Kränzen schau ich nieder; Alles, was der Tod mir raubte, Seh ich hier im Bilde wieder, Bin so glücklich, wie ich war.
Sie umarmt ihn lächelnd stumm, Und sein Mund genießt der Stunde, Die ihm güt'ge Götter senden, Hüpft vom Busen zu dem Munde, Von dem Munde zu den Händen, Und ich hüpf um ihn herum.
Und sie sieht mich Schmetterling. Zitternd vor des Freunds Verlangen Springt sie auf, da flieg ich ferne. "Liebster, komm, ihn einzufangen! Komm! ich hätt es gar zu gerne, Gern das kleine bunte Ding."
Das Glück
An mein Mädchen
Du hast uns oft im Traum gesehen Zusammen zum Altare gehen, Und dich als Frau und mich als Mann. Oft nahm ich wachend deinem Munde In einer unbewachten Stunde, Soviel man Küsse nehmen kann.
Das reinste Glück, das wir empfunden, Die Wollust mancher reichen Stunden Floh wie die Zeit mit dem Genuß. Was hilft es mir, daß ich genieße? Wie Träume fliehn die wärmsten Küsse, Und alle Freude wie ein Kuß.
Wunsch eines jungen Mädchens
O fände für mich Ein Bräutigam sich! Wie schön ist's nicht da, Man nennt uns Mama. Da braucht man zum Nähen, Zur Schul nicht zu gehen; Da kann man befehlen, Hat Mägde, darf schmälen, Man wählt sich die Kleider, Nach Gusto den Schneider. Da läßt man spazieren Auf Bälle sich führen, Und fragt nicht erst lange Papa und Mama.
Hochzeitlied
An meinen Freund
Im Schlafgemach, entfernt vom Feste, Sitzt Amor, dir getreu, und bebt, Daß nicht die List mutwill'ger Gäste Des Brautbetts Frieden untergräbt. Es blinkt mit mystisch heil'gem Schimmer Vor ihm der Flammen blasses Gold; Ein Weihrauchwirbel füllt das Zimmer, Damit ihr recht genießen sollt.
Wie schlägt dein Herz beim Schlag der Stunde, Der deiner Gäste Lärm verjagt; Wie glühst du nach dem schönen Munde, Der bald verstummt und nichts versagt. Du eilst, um alles zu vollenden, Mit ihr ins Heiligtum hinein; Das Feuer in des Wächters Händen Wird wie ein Nachtlicht still und klein.
Wie bebt von deiner Küsse Menge Ihr Busen und ihr voll Gesicht; Zum Zittern wird nun ihre Strenge, Denn deine Kühnheit wird zur Pflicht. Schnell hilft dir Amor sie entkleiden Und ist nicht halb so schnell als du; Dann hält er schalkhaft und bescheiden Sich fest die beiden Augen zu.
Kinderverstand
In großen Städten lernen früh Die jüngsten Knaben was; Denn manche Bücher lesen sie Und hören dies und das Vom Lieben und vom Küssen, Sie brauchten's nicht zu wissen. Und mancher ist im zwölften Jahr Fast klüger, als sein Vater war, Da er die Mutter nahm.
Das Mädchen wünscht von Jugend auf Sich hochgeehrt zu sehn, Sie ziert sich klein und wächst herauf In Pracht und Assembleen. Der Stolz verjagt die Triebe Der Wollust und der Liebe, Sie sinnt nur drauf, wie sie sich ziert, Ein Aug entzückt, ein Herze rührt, Und denkt ans andre nicht.
Auf Dörfern sieht's ganz anders aus, Da treibt die liebe Not Die Jungen auf das Feld hinaus Nach Arbeit und nach Brot. Wer von der Arbeit müde, Läßt gern den Mädchen Friede. Und wer noch obendrein nichts weiß, Der denkt an nichts, den macht nichts heiß; So geht's den Bauern meist.
Die Bauernmädchen aber sind In Ruhe mehr genährt, Und darum wünschen sie geschwind, Was jede Mutter wehrt. Oft stoßen schöckernd Bräute Den Bräut'gam in die Seite, Denn von der Arbeit, die sie tun, Sich zu erholen, auszuruhn, Das können sie dabei.
Die Freuden
Da flattert um die Quelle Die wechselnde Libelle, Der Wasserpapillon, Bald dunkel und bald helle,
Wie ein Chamäleon; Bald rot und blau, bald blau und grün. O daß ich in der Nähe Doch seine Farben sähe!
Da fliegt der Kleine vor mir hin Und setzt sich auf die stillen Weiden. Da hab ich ihn! Und nun betracht ich ihn genau, Und seh ein traurig dunkles Blau. So geht es dir, Zergliedrer deiner Freuden!
Amors Grab
Nach dem Französischen
Weint, Mädchen, hier bei Amors Grabe; hier Sank er von nichts, von ohngefähr darnieder. Doch ist er würklich tot? Ich schwöre nicht dafür: Ein Nichts, ein Ohngefähr erweckt ihn öfters wieder.
Liebe und Tugend
Wenn einem Mädchen, das uns liebt, Die Mutter strenge Lehren gibt Von Tugend, Keuschheit und von Pflicht, Und unser Mädchen folgt ihr nicht Und fliegt mit neuverstärktem Triebe Zu unsern heißen Küssen hin, Da hat daran der Eigensinn So vielen Anteil als die Liebe.
Doch wenn die Mutter es erreicht, Daß sie das gute Herz erweicht, Voll Stolz auf ihre Lehren sieht, Daß uns das Mädchen spröde flieht, So kennt sie nicht das Herz der Jugend; Denn wenn das je ein Mädchen tut, So hat daran der Wankelmut Gewiß mehr Anteil als die Tugend.
Unbeständigkeit
Im spielenden Bache da lieg ich, wie helle! Verbreite die Arme der kommenden Welle, Und buhlerisch drückt sie die sehnende Brust. Dann trägt sie ihr Leichtsinn im Strome darnieder; Schon naht sich die zweite und streichelt mich wieder, Da fühl ich die Freuden der wechselnden Lust.
O Jüngling, sei weise, verwein nicht vergebens Die fröhlichsten Stunden des traurigen Lebens, Wenn flatterhaft je dich ein Mädchen vergißt. Geh, ruf sie zurücke, die vorigen Zeiten! Es küßt sich so süße der Busen der zweiten, Als kaum sich der Busen der ersten geküßt.
An die Unschuld
Schönste Tugend einer Seele, Reinster Quell der Zärtlichkeit! Mehr als Biron, als Pamele Ideal und Seltenheit! Wenn ein andres Feuer brennet, Flieht dein zärtlich schwaches Licht; Dich fühlt nur, wer dich nicht kennet, Wer dich kennt, der fühlt dich nicht.
Göttin, in dem Paradiese Lebtest du mit uns vereint; Noch erscheinst du mancher Wiese Morgens, eh die Sonne scheint. Nur der sanfte Dichter siehet Dich im Nebelkleide ziehn; Phöbus kömmt, der Nebel fliehet, Und im Nebel bist du hin.
Der Misanthrop
A Erst sitzt er eine Weile, Die Stirn von Wolken frei; Auf einmal kömmt in Eile Sein ganz Gesicht der Eule Verzerrtem Ernste bei.
B Sie fragen, was das sei: Lieb oder Langeweile?
C Ach, sie sind's alle zwei.
Die Reliquie
Ich kenn, o Jüngling, deine Freude, Erwischest du einmal zur Beute Ein Band, ein Stückchen von dem Kleide, Das dein geliebtes Mädchen trug. Ein Schleier, Halstuch, Strumpfband, Ringe Sind wirklich keine kleinen Dinge, Allein mir sind sie nicht genug.
Mein zweites Glücke nach dem Leben, Mein Mädchen hat mir was gegeben; Setzt eure Schätze mir darneben, Und ihre Herrlichkeit wird nichts. Wie lach ich all der Trödelware! Sie schenkte mir die schönsten Haare, Den Schmuck des schönen Angesichts.
Soll ich dich gleich, Geliebte, missen, Wirst du mir doch nicht ganz entrissen: Zu sehn, zu tändeln und zu küssen Bleibt mir der schönste Teil von dir. Gleich ist des Haars und mein Geschicke: Sonst buhlten wir mit einem Glücke Um sie, jetzt sind wir fern von ihr.
Fest waren wir an sie gehangen; Wir streichelten die runden Wangen Und gleiteten oft mit Verlangen Von da herab zur rundern Brust. O Nebenbuhler, frei vom Neide, Reliquie, du schöne Beute, Erinnre mich der alten Lust.
Die Liebe wider Willen
Ich weiß es wohl und spotte viel: Ihr Mädchen seid voll Wankelmut! Ihr liebet, wie im Kartenspiel, Den David und den Alexander; Sie sind ja Forcen miteinander, Und die sind miteinander gut.
Doch bin ich elend wie zuvor, Mit misanthropischem Gesicht, Der Liebe Sklav, ein armer Tor! Wie gern wär ich sie los, die Schmerzen! Allein es sitzt zu tief im Herzen, Und Spott vertreibt die Liebe nicht.
Das Glück der Liebe
Trink, o Jüngling! heil'ges Glücke Taglang aus der Liebsten Blicke; Abends gaukl' ihr Bild dich ein. Kein Verliebter hab es besser; Doch das Glück bleibt immer größer, Fern von der Geliebten sein.
Ew'ge Kräfte, Zeit und Ferne, Heimlich wie die Kraft der Sterne, Wiegen dieses Blut zur Ruh. Mein Gefühl wird stets erweichter; Doch mein Herz wird täglich leichter, Und mein Glück nimmt immer zu.
Nirgends kann ich sie vergessen; Und doch kann ich ruhig essen, Heiter ist mein Geist und frei; Und unmerkliche Betörung Macht die Liebe zur Verehrung, Die Begier zur Schwärmerei.
Aufgezogen durch die Sonne, Schwimmt im Hauch äther'scher Wonne So das leichtste Wölkchen nie Wie mein Herz in Ruh und Freude. Frei von Furcht, zu groß zum Neide, Lieb ich, ewig lieb ich sie!
An den Mond
Schwester von dem ersten Licht, Bild der Zärtlichkeit in Trauer! Nebel schwimmt mit Silberschauer Um dein reizendes Gesicht; Deines leisen Fußes Lauf Weckt aus tagverschloßnen Höhlen Traurig abgeschiedne Seelen, Mich und nächt'ge Vögel auf.
Forschend übersieht dein Blick Eine großgemeßne Weite. Hebe mich an deine Seite! Gib der Schwärmerei dies Glück; Und in wollustvoller Ruh Säh der weitverschlagne Ritter Durch das gläserne Gegitter Seines Mädchens Nächten zu.
Dämmrung, wo die Wollust thront, Schwimmt um ihre runden Glieder. Trunken sinkt mein Blick hernieder. Was verhüllt man wohl dem Mond? Doch was das für Wünsche sind! Voll Begierde zu genießen, So da droben hängen müssen; Ei, da schieltest du dich blind.
Zueignung
Da sind sie nun! Da habt ihr sie, Die Lieder, ohne Kunst und Müh Am Rand des Bachs entsprungen! Verliebt und jung und voll Gefühl Trieb ich der Jugend altes Spiel Und hab sie so gesungen.
Sie singe, wer sie singen mag! An einem hübschen Frühlingstag Kann sie der Jüngling brauchen. Der Dichter blinzt von ferne zu, Jetzt drückt ihm diätet'sche Ruh Den Daumen auf die Augen.
Halb scheel, halb weise sieht sein Blick Ein bißchen naß auf euer Glück Und jammert in Sentenzen. Hört seine letzten Lehren an, Er hat's so gut wie ihr getan Und kennt des Glückes Grenzen.
Ihr seufzt und singt und schmelzt und küßt Und jauchzet, ohne daß ihr's wißt, Dem Abgrund in der Nähe. Flieht Wiese, Bach und Sonnenschein, Schleicht, soll's euch wohl im Winter sein, Bald zu dem Herd der Ehe.
Ihr lacht mich aus und ruft: "Der Tor! Der Fuchs, der seinen Schwanz verlor, Verschnitt' jetzt gern uns alle." Doch hier paßt nicht die Fabel ganz, Das treue Füchslein ohne Schwanz, Das warnt euch für der Falle.
Oden an meinen Freund
Erste Ode
Verpflanze den schönen Baum, Gärtner, er jammert mich. Glücklicheres Erdreich Verdiente der Stamm.
Noch hat seiner Natur Kraft Der Erde aussaugendem Geize, Der Luft verderbender Fäulnis, Ein Gegengift, widerstanden.
Sieh, wie er im Frühling Lichtgrüne Blätter schlägt! Ihr Orangenduft Ist dem Geschmeiße Gift.
Der Raupen tückischer Zahn Wird stumpf an ihnen, Es blinkt ihr Silberglanz Im Sonnenscheine.
Von seinen Zweigen Wünscht das Mädchen Im Brautkranze, Früchte hoffen Jünglinge.
Aber sieh, der Herbst kömmt, Da geht die Raupe, Klagt der listigen Spinne Des Baums Unverwelklichkeit.
Schwebend zieht sich Von ihrer Taxuswohnung Die Prachtfeindin herüber Zum wohltätigen Baum.
Und kann nicht schaden. Aber die Vielkünstliche Überzieht mit grauem Ekel Die Silberblätter,
Sieht triumphierend, Wie das Mädchen schaurend, Der Jüngling jammernd Vorübergeht.
Verpflanze den schönen Baum, Gärtner, er jammert mich. Baum, danke dem Gärtner, Der dich verpflanzt!
Zwote Ode
Du gehst! Ich murre. Geh! Laß mich murren. Ehrlicher Mann, Fliehe dieses Land.
Tote Sümpfe, Dampfende Oktobernebel Verweben ihre Ausflüsse Hier unzertrennlich.
Gebärort Schädlicher Insekten, Mörderhülle Ihrer Bosheit.
Am schilfichten Ufer Liegt die wollüstige, Flammengezüngte Schlange, Gestreichelt vom Sonnenstrahl.
Fliehe sanfte Nächtgänge In der Mondendämmerung, Dort halten zuckende Kröten Zusammenkünfte auf Kreuzwegen.
Schaden sie nicht, Werden sie schrecken. Ehrlich Mann, Fliehe dieses Land!
Dritte Ode
Sei gefühllos! Ein leichtbewegtes Herz Ist ein elend Gut Auf der wankenden Erde.
Behrisch, des Frühlings Lächeln Erheitre deine Stirne nie; Nie trübt sie dann mit Verdruß Des Winters stürmischer Ernst.
Lehne dich nie an des Mädchens Sorgenverwiegende Brust, Nie auf des Freundes Elendtragenden Arm.
Schon versammelt Von seiner Klippenwarte Der Neid auf dich Den ganzen, luchsgleichen Blick, Dehnt die Klauen, Stürzt und schlägt Hinterlistig sie Dir in die Schultern.
Stark sind die magern Arme Wie Pantherarme, Er schüttelt dich Und reißt dich los.
Tod ist Trennung, Dreifacher Tod Trennung ohne Hoffnung Wiederzusehn.
Gerne verließest du Dieses gehaßte Land, Hielte dich nicht Freundschaft Mit Blumenfesseln an mir.
Zerreiß sie! Ich klage nicht. Kein edler Freund Hält den Mitgefangnen, Der fliehn kann, zurück.
Der Gedanke Von des Freundes Freiheit Ist ihm Freiheit Im Kerker.
Du gehst, ich bleibe. Aber schon drehen Des letzten Jahrs Flügelspeichel Sich um die rauchende Achse.
Ich zähle die Schläge Des donnernden Rads, Segne den letzten, Da springen die Riegel, frei bin ich wie du.
An Friederike Brion
Ein grauer, trüber Morgen Bedeckt mein liebes Feld, Im Nebel tief verborgen Liegt um mich her die Welt. O liebliche Friedrike, Dürft ich nach dir zurück, In einem deiner Blicke Liegt Sonnenschein und Glück.
Der Baum, in dessen Rinde Mein Nam bei deinem steht, Wird bleich vom rauhen Winde, Der jede Lust verweht. Der Wiesen grüner Schimmer Wird trüb wie mein Gesicht, Sie sehen die Sonne nimmer, Und ich Friedriken nicht.
Bald geh ich in die Reben Und herbste Trauben ein; Umher ist alles Leben, Es strudelt neuer Wein. Doch in der öden Laube, Ach, denk ich, wär sie hier; Ich brächt ihr diese Traube, Und sie - was gäb sie mir?
Erwache, Friederike, Vertreib die Nacht, Die einer deiner Blicke Zum Tage macht. Der Vögel sanft Geflüster Ruft liebevoll, Daß mein geliebt Geschwister Erwachen soll.
Es zittert Morgenschimmer Mit blödem Licht Errötend durch dein Zimmer Und weckt dich nicht. Am Busen deiner Schwester, Der für dich schlagt, Entschläfst du immer fester, Je mehr es tagt.
Die Nachtigall im Schlafe Hast du versäumt; So höre nun zur Strafe, Was ich gereimt. Schwer lag auf meinem Busen Des Reimes Joch; Die schönste meiner Musen, Du - schliefst ja noch.
Ein zärtlich jugendlicher Kummer ...
Ein zärtlich jugendlicher Kummer Führt mich ins öde Feld; es liegt In einem stillen Morgenschlummer Die Mutter Erde. Rauschend wiegt Ein kalter Wind die starren Äste. Schauernd Tönt er die Melodie zu meinem Lied voll Schmerz, Und die Natur ist ängstlich still und trauernd, Doch hoffnungsvoller als mein Herz.
Denn sieh, bald gaukelt dir, mit Rosenkränzen In runder Hand, du Sonnengott, das Zwillingspaar Mit offnem blauen Aug, mit krausem goldnen Haar In deiner Laufbahn dir entgegen. Und zu Tänzen Auf neuen Wiesen schickt Der Jüngling sich und schmückt Den Hut mit Bändern, und das Mädchen pflückt Die Veilchen aus dem jungen Gras, und bückend sieht Sie heimlich nach dem Busen, sieht mit Seelenfreude Entfalteter und reizender ihn heute, Als er vorm Jahr am Maienfest geblüht, Und fühlt und hofft. Gott segne mir den Mann In seinem Garten dort! Wie zeitig fängt er an, Ein lockres Bett dem Samen zu bereiten! Kaum riß der März das Schneegewand Dem Winter von den hagern Seiten, Der stürmend floh und hinter sich aufs Land Den Nebelschleier warf, der Fluß und Au Und Berg in kaltes Grau Versteckt, da geht er ohne Säumen, Die Seele voll von Ernteträumen, Und sät und hofft.
Felsweihegesang
An Psyche
Veilchen bring ich getragen, Junge Blüten zu dir, Daß ich dein moosig Haupt Ringsum bekränze, Ringsum dich weihe, Felsen des Tals.
Sei du mir heilig! Sei den Geliebten Lieber als andre Felsen des Tals!
Ich sah von dir Der Freunde Seligkeit, Verbunden Edle Mit ew'gem Band.
Ich irrer Wandrer Fühlt erst auf dir Besitztumsfreuden Und Heimatsglück.
Da, wo wir lieben, Ist Vaterland; Wo wir genießen, Ist Hof und Haus.
Schrieb meinen Namen An deine Stirn; Du bist mir eigen, Mir Ruhesitz.
Und aus dem fernen Unlieben Land Mein Geist wird wandern Und ruhn auf dir.
Sei du mir heilig, Sei den Geliebten Lieber als andre Felsen des Tals!
Ich sehe sie versammelt Dort unten um den Teich; Sie tanzen einen Reihen Im Sommerabendrot; Und warme Jugendfreude Webt in dem Abendrot.
Sie drücken sich die Hände Und glühn einander an. Und aus den Reihn verlieret Sich Psyche zwischen Felsen Und Sträuchen weg, und traurend Um den Abwesenden, Lehnt sie sich über den Fels. Wo meine Brust hier ruht, An das Moos mit innigem Liebesgefühl sich Atmend drängt, Ruhst du vielleicht dann, Psyche. Trübe blickt dein Aug In den Bach hinab, Und eine Träne quillt Vorbeigequollnen Freuden nach; Hebst dann zum Himmel Dein bittend Aug, Erblickest über dir Da meinen Namen. - Auch der- Nimm des verlebten Tages Zier, Die bald welke Rose, von deinem Busen, Streu die freundlichen Blätter Übers düstre Moos, Ein Opfer der Zukunft!
Elysium
An Uranien
Uns gaben die Götter Auf Erden Elysium. Wie du das erste Mal Liebahndend dem Fremdling Entgegentratst Und deine Hand ihm reichtest, Fühlt' er alles voraus, Was ihm für Seligkeit Entgegenkeimte.
Uns gaben die Götter Auf Erden Elysium. Wie du den liebenden Arm Um den Freund schlangst, Wie ihm Lilas Brust Entgegenbebte, Wie ihr, euch rings umfassend, In heil'ger Wonne schwebtet Und ich, im Anschaun selig, Ohne sterblichen Neid Darneben stand.
Uns gaben die Götter Auf Erden Elysium. Wie durch heilige Täler wir Händ in Hände wandelten Und des Fremdlings Treu Sich euch versiegelte, Daß du dem liebenden, Stille sehnenden Die Wange reichtest Zum himmlischen Kuß.
Uns gaben die Götter Auf Erden Elysium. Wenn du fern wandelst Am Hügelgebüsch, Wandeln Liebesgestalten Mit dir den Bach hinab; Wenn mir auf dem Felsen Die Sonne niedergeht, Seh ich Freundegestalten Mir winken durch Wehende Zweige Des dämmernden Hains.
Uns gaben die Götter Auf Erden Elysium. Seh ich, verschlagen Unter schauernden Himmels Ode Gestade, In der Vergangenheit Goldener Myrtenhainsdämmerung Lilan an deiner Hand, Seh mich Schüchternen Eure Hände fassen, Bittend blicken, Eure Hände küssen - Eure Augen sich begegnen, Auf mich blicken seh ich, Werfe den hoffenden Blick Auf Lila; sie nähert sich mir, Himmlische Lippe! Und ich wanke, nahe mich, Blicke, seufze, wanke - Seligkeit! Seligkeit! Eines Kusses Gefühl!
Mir gaben die Götter Auf Erden Elysium! Ach, warum nur Elysium!
Pilgers Morgenlied
An Lila
Morgennebel, Lila, Hüllen deinen Turn um. Soll ich ihn zum Letzten Mal nicht sehn! Doch mir schweben Tausend Bilder Seliger Erinnerung Heilig warm ums Herz. Wie er so stand, Zeuge meiner Wonne, Als zum ersten Mal Du den Fremdling Ängstlich liebevoll Begegnetest Und mit einem Mal Ew'ge Flammen In die Seel ihm warfst! - Zische, Nord, Tausend-schlangenzüngig Mir ums Haupt! Beugen sollst du's nicht! Beugen magst du Kind'scher Zweige Haupt, Von der Sonne Muttergegenwart geschieden.
Allgegenwärt'ge Liebe! Durchglühst mich, Beutst dem Wetter die Stirn, Gefahren die Brust, Hast mir gegossen Ins früh welkende Herz Doppeltes Leben, Freude, zu leben, Und Mut!
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